Ahlfeld, Friedrich – 1. – Siehe, dein König kommt zu dir sanftmüthig

(1. Advent 1847.)

Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Text: Matth. 21, 1-9. Da sie nun nahe bei Jerusalem kamen gen Bethphage an den Oelberg, sandte Jesus seiner Jünger zween, und sprach zu ihnen: Gehet hin in den Flecken, der vor euch liegt, und bald werdet ihr eine Eselin finden angebunden, und ein Füllen bei ihr; löset sie aus und führet sie zu mir. Und so euch jemand etwas wird sagen, so sprechet: Der Herr bedarf ihrer; so bald wird er sie euch lassen. Das geschah aber alles, auf daß erfüllet würde, das gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmüthig, und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen der lastbaren Eselin. Die Jünger gingen hin und thaten, wie ihnen Jesus befohlen hatte; und brachten die Eselin und das Füllen, und legten ihre Kleider darauf und setzten ihn darauf. Aber viel Volks breitete die Kleider auf den Weg; die andern hieben Zweig von den Bäumen, und streueten sie auf den Weg. Das Volk aber, das vor ging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohne Davids! Gelobet sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Wir beginnen heute, in dem Herrn geliebte Gemeinde, das neue Kirchenjahr. Der Herr segne unsern Eingang in dasselbe und unsern Ausgang aus demselben. Was will es aber bedeuten: ein neues Kirchenjahr? Ach, Geliebte, seine Bedeutung ist der Kirche so aus dem Bewußtsein gekommen, daß sie kaum weiß, was ihr eigen Jahr ist. Man fragt wohl: Was hat das Jahr mit der Kirche, was hat die Kirche mit dem Jahre gemein? Siehe, das äußere Jahr bestimmt sich nach der Sonne. Ein Umlauf der Erde um sie macht ein Jahr aus. In solchem Jahre giebt es den lieblichen Frühling, den heißen Sommer, den fruchtreichen Herbst, und den schweren, stillen Winter. Jeder dieser Theile hat seinen bestimmten Character. – An dem Himmel der Kirche steht nun auch eine Sonne, sie heißt Jesus Christus, sie leuchtet Tag und Nacht immer und ewiglich. Und wie die Erde um die äußere Sonne läuft, so läuft die Kirche alljährlich um die Gnadensonne, so macht sie ihren Gang durch die heilige Geschichte des Heilandes. Ihr Frühling ist die liebe Weihnachts- und Epiphanienzeit, wo Christus als Mensch geboren, wo er in seiner Herrlichkeit als Sohn Gottes kräftiglich erwiesen wird. Ihr Gluthsommer ist die Fastenzeit und die Leidenszeit Jesu Christi, wo die Erwartung seines Todes wie schwere, schwüle Tage auf ihr liegt, und wo endlich das Wetter des Todes, das lange schon heranzog, hereinbricht, und der Blitz aus der schwarzen Sündenwolke herniederfährt und den Gerechten tödtet. Ihr Herbst, ihre Erntezeit, das sind die Tage, wo der heilige Geist über die Jünger ausgegossen wird, und wo in den lieben langen Trinitatissonntagen aus den Gnadengaben des dreieinigen Gottes eine Frucht nach der andern in die Scheuer des Herzens gebracht wird. Es fallen in diese reiche Zeit die verschiedensten Stücke aus dem Leben des Herrn. Und wo er steht, und was er thut, und was er bittet, da ist allemal ein Feld, von dem der Gläubige schneiden und einführen kann. Endlich kommt auch der schwere und stille Winter. Vom 20. Sonntag nach Trinitatis ab beginnen die Evangelien, die da handeln von den letzten Dingen. An der Todtenbahre des Jünglings zu Nain, an dem Todtenbette von Jairi Töchterlein umwehet uns der Wintersturm des Lebens. Bei dem Könige, der seinem Sohne Hochzeit machte, der aber unter den Gästen einen fand, der kein hochzeitlich Kleid an hatte; bei dem Könige, der mit seinen Knechten rechnen wollte und einen schweren Schuldner ohne Buße, ohne neues Leben unter ihnen traf, durchschauen es uns wie scharfer Winterfrost. Es wird zum Leben eingeschrieben, es wird aus dem Leben ausgestrichen. Die Pflanzen, die der Vater gepflanzt hat, werden gesammelt in das Haus, das für sie gebauet ist vor der Welt Grundlegung: „Ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.“ Die er nicht gepflanzet hat, werden ausgereutet – „Ich habe euch noch nie erkannt, weichet von mir ihr Uebelthäter.“ Am letzten, am 27. Sonntage nach Trinitatis handeln alle die verschiedenen Evangelien, die in Gebrauch sind, vom Eingange in das Reich der Herrlichkeit, in das ewige Leben. Also am ersten Tage des Kirchenjahres wird der verkündigt, in dem wir Leben und die volle Genüge haben sollen. Am letzten Tage ist das von den Gläubigen erreicht, was das Ziel seiner ganzen Arbeit war. –

Dies Kirchenjahr ist ein rechtes Jahr, ist geordneter denn das bürgerliche Jahr. Es fängt an mit seinen Frühlingsboten und mit seinem Frühlinge, es schließt mit seinem Winter, mit dem Tode und Gerichte, aber auch mit dem Siege über Tod und Gericht. Das bürgerliche Jahr fängt an mit dem Winter, und an seinem Schlusse ist es wieder Winter. Es ist kein naturgemäßer Gang darin. – Liebe Christen, auch ihr wollt um die Gnadensonne laufen, auch ihr wollt euch von ihr erwärmen und erleuchten lassen. O so achtet heute auf den ersten Strahl, der auf das arme finstere und kalte Herz fällt. Ausgehen soll euch die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter dessen Flügeln. Der erste Frühlingsblick der Gnadensonne schließt sich um das Wort:

Siehe, dein König kommt zu dir sanftmüthig.
Dein Herr zieht in die Welt herein
Sanftmüthig, niedrig, arm und klein,
Stoß dich nicht an die Niedrigkeit,
Mach zum Empfang dein Herz bereit.

I.

Dein Herr zieht in die Welt herein
Sanftmüthig, niedrig, arm und klein.

Es ist ein eigener Königseinzug, der uns in unserm Evangelio vorgestellt wird. Der Herr, der rechte König Israels, ziehet von Jericho her nach Jerusalem. Es ist aber keine Gestalt noch Schöne, die uns gefallen hätte. Das Thier, auf dem er einzieht, ist ein geborgtes. Er sendet zween seiner Jünger gen Bethphage am Oelberge, die sollen dort eine Eselin finden angebunden, und ein Füllen bei ihm; sie sollen sie ablösen und zu ihm führen. Und so zieht er ein, nicht auf prächtigem Königsroß, sondern wie Sacharia geweissagt hatte: „Sage der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmüthig und reitet auf einem Esel und auf dem Füllen der lastbaren Eselin.“ – Wenn sonst die Könige in ihre Stadt oder in ihre Burg zogen, wurden die Wege belegt mit köstlichem Tuch und Decken, daß sie darüber hinritten. Hier breitet das arme Volk seine Kleider, die wenig gemein hatten mit Königsteppichen, auf den Weg. – Wenn sonst ein König einzog in seine Stadt, dann gingen oder ritten ihm seine Herolde voran. Diese trugen seine Farben, riefen seinen Namen aus und verkündigten seinen Ruhm und sein Königthum. Hier ziehen arme Kinder voran, sie ziehen mit ihm zur Stadt und zum Tempel hinein, und verkündigen seine Ehre. – Wer diesen Zug ansiehet mit dem Auge eines irdischen Königs, oder wer ihn vergleichet mit einem Königszuge, wie er hier oder dort gewesen ist, der mag wohl lächeln und sagen: „O du armer König, deine Herrlichkeit ist geborgtes Gut und deine Königswürde ist nicht weit her!“ Und doch, wer zwischen den Zeilen lesen kann, wer die stillen und verborgenen Züge aus diesem Bilde herausfinden kann, muß sagen: „Es war ein wunderbarer Zug!“ Was war es denn, das diese Haufen an ihn zog? Was war es denn, was die Kinder um ihn schaarte? Es war die in ihm verborgene Fülle der Gotteskraft. Es siehet es dem Magnet auch Niemand an, welche Kraft in ihm wohnet. Er sieht aus wie ein armes gewöhnliches Stück Eisen. Dennoch zieht er alles Eisen, das in seine Nähe kommt, an sich an. Und der Herr aus Gott geboren, auch ohne Gestalt und Schöne, zieht Alles an sich, was Gottes ist. Was war es doch, was jenen Mann bewog, auf das bloße Wort: „der Herr bedarf ihrer,“ sein Thier zu lassen? Es war das Gefühl, daß der Herr auch sein Herr, und Herr alles seines Eigenthumes sei.

Ohne Land ohne Thron,
Ohne Scepter ohne Kron,
Ohne Purpur ohne Pracht,
Doch ein König aller Macht.

Und in dem Rufe: „Hosianna dem Sohne Davids! Gelobet sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ – ist es doch, als ob sich der Himmel aufthäte, und als ob die alte ewige Herrlichkeit auf ihn niederstiege, als ob er glänzte in der ewigen Krone. – Verschließe deine Augen nicht, daß du nicht gehörest zu denen, von denen geschrieben steht: „Sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht.“

Aber sage an, lieber Christ, warum kam er denn in dieser Niedrigkeit? Warum hatte er denn seine Herrlichkeit, seine ewigen Heerscharen daheim gelassen? Um deinetwillen. Er wollte deine Sünde tilgen in seinem Leiden, er wollte deine Schuld tragen. Wer aber Schuld trägt, sei es die eigene, sei es die fremde, der geht nicht im Königsmantel. Wem eine Dornenkrone aufgehoben ist, der trägt keine Ehrenkrone. – Er ist in dieser Niedrigkeit gekommen um deinetwillen. Du sollst an ihn glauben. Wenn er aber gekommen wäre in seiner Macht und Herrlichkeit, wenn er gekommen wäre mit seinen himmlischen Heerscharen, wenn er gekommen wäre in der Majestät, die Welt und Herzen zerscheitert wie der Blitz einen dürren Baum, wo wäre dann der Glaube geblieben? Die Welt wäre ihm zu Füßen gesunken. Es wären ihm nicht Kinder geboren wie Thautropfen aus der Morgenröthe, die sich still anhängen an die Gräser, in deren jedem aber, wenn die Sonne darüber scheint, ihr Bild stehet. Diener und Knechte in ungezählten Schaaren wären ihm gewonnen. Es wäre ein neues Gesetz, es wäre kein Evangelium geworden. Die aber dem dienen, der sich selbst entäußerte, der Knechtsgestalt annahm, die sind wahrhaftig sein, die sind sein von innen heraus, und nicht von außen hinein. Daß du aber wissest, er sei dein Herr, er sei Gottes eingeborner Sohn, er sei der König aller Welten, dazu hat er dir doch Zeichen genug gegeben, auch in diesem Einzuge. Du wollest Dir dies deutlich machen an einem Gleichniß. Es war einst ein König, der hatte zwei Reiche, In dem einen wohnte er, und das andere regierte er von dort aus. Da ward diesem Könige Botschaft gebracht: „Deine Unterthanen in dem andern Reiche denken gering von dir, sie spotten deines Namens, und deine Gebote achten sie als Nichts. Sie sagen: Wir haben keinen König!“ Und der König sprach zu seinem Sohne: „Auf mein Sohn, gehe hin, bringe das abgefallene Volk wieder unter meine Hand. Aber siehe fein zu, wer mir von ihm noch in Treue zugethan ist, und wer sein Herz verhärtet hat in Ungehorsam und eignem Willen.“ Da legte der Sohn ein armes Kleid an und nahm einen Stab in die Hand und zog hin in das andre Reich, er ganz allein. Wer nun auf das arme Kleid sah und daraus, daß er allein kam und ohne Heer und Gefolge, der verachtete ihn, und wollte ihn nicht ehren als des Königs Sohn. Wer ihm aber in das Angesicht schaute, der sahe dies Angesicht als eines Königs Angesicht, der sahe in diesem Angesicht die Züge seines Vaters. Und wer diese Züge erkannte und seine Knie vor ihm beugte, dem gab er sich weiter zu erkennen, ja er gab ihm Brief und Urkunde über die Gnade seines Vaters. Er drückte seines Vaters Siegel daraus, denn er war sein Sohn. Als er dies vollendet hatte, ging er heim. Seinen Getreuen aber trug er auf: „ Sammlet aus dem Volke alle treue Unterthanen. Denn es wird eine Zeit kommen, da ich wiederkomme mit meines Vaters Heer, und die Rebellischen schlage mit seinem Schwert. Da soll aber Keiner umkommen, der mit Treue an ihm hängt, oder indeß sich an ihn gehängt hat.“ – So hat der Vater im Himmel dem Sohne das Reich übergeben. Der ist auch arm und niedrig hereingekommen. Er hat auch den Königsmantel göttlicher Herrlichkeit von sich gelegt. Wer ihm aber ins Angesicht schaute, der erkannte den eingebornen Sohn Gottes. Wer sich gläubig an ihn hängte, dem gab er Gnaden und Güter seines Vaters. So viele ihn aber aufnehmen, denen giebt er Macht Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben. Er drückt seines Vaters Siegel auf ihr Herz. Einst wird er wiederkommen, dann soll Gott Alles in Allem werden. Die sich nicht gegeben haben in seine Barmherzigkeit, müssen sich beugen unter sein Gericht. Wer ihn im Glauben nicht ergreifet, den ergreifet er mit Gewalt. – Dein König ist zu dir gekommen sanftmüthig, damit er dir anzeige, welcher Art sein Reich sei. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Die weltlichen Könige herrschen, und die Gewaltigen nennt man gnädige Herren. Umgekehrt ist es in seinem Reiche. Was sich selbst erniedriget, soll erhöhet werden. Hoch und groß ist in diesem Reiche was um des Herrn willen klein geworden ist. Die Sanftmüthigen sollen das Erdreich besitzen, die Nichts inne haben sollen Alles haben. Der seinen Jüngern die Füße wusch, der die Dornenkrone trug, der selbst sein Kreuz zur Schädelstätte trug, der ist der König der Ehren, der ist erhöhet worden über aller Himmel Himmel. Und suchen wir neben diesem Könige der Ehren die Fürsten in seinem Reiche, wo sind sie? Es sind die, die um seines Namens willen unter Verfolgung durch die Welt ziehen, die den Klugen dieser Welt zum Spott werden, die Tag für Tag gekrönet werden mit der Dornenkrone des Hohns. Aber sie dürfen es sich selbst nicht sagen, daß sie darum groß sind. In der Stunde wo sie es sich sagen, geben sie ihr Fürstenthum daran. Der Herr muß es ihnen sagen, er wird es ihnen sagen.

II.

Stoß dich nicht an die Niedrigkeit,
Mach zum Empfang dein Herz bereit.

Liebe Christen, was ist doch der häufigste Anstoß, daß wir nicht glauben wollen an den eingebornen Sohn Gottes? Seine Niedrigkeit hat uns wie ein Stein im Wege gelegen, über diesen sind wir gestrauchelt. Wir sagen: „Er ist vom Weibe geboren worden, wie ich selber; und der soll der Sohn des allmächtigen Gottes sein! Er ist so arm gewesen, daß er nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegte. Er zieht in die Stadt Jerusalem ein, wie ein Bettelkönig, und der soll Herr und König aller Dinge sein! Er stirbt am Kreuze wie ein Missethäter, und der soll das Leben haben in ihm selber, der soll der Born alles Lebens sein!“ – Der gekreuzigte Heiland war den Juden ein Aergerniß, den Griechen eine Thorheit. Es ist wohl keine Seele unter uns, die daran nicht einmal ihr Bedenken gehabt habe. Worin aber ruhet dieses Straucheln? Es ruht in unserm eignen Hochmuthe, es ruht in unserer verkehrten Meinung von dem, was vor Gott groß sei. Wir sagen uns vor, daß Gott mit Menschenmaße messen muß. Vor uns aber ist groß, was leuchtet und was scheinet, was prunket und was schallt. Vor Gott aber ist groß, was aus ihm geboren ist. Welche Größe die rechte sei, zeigt sich im Fortgange. Was menschlich groß und herrlich ist, zerfrißt der Wurm der Zeit, es wird so klein und elend, daß wir es nicht wieder erkennen. Was göttlich groß ist, das wächst aus dem Staub heraus, und wenn es groß ist, fragen wir: „Stammt denn das wirklich von dem geringen Anfange her?“ Gott fängt klein an und endet groß; der Mensch fängt groß an und endet klein oder auch in Nichts. – Darum, wenn du deinen Herrn würdiglich empfangen willst, mußt du ihn damit empfangen, daß du dich durch seinen Geist demüthigen lässest. Jene, die ihm vorgingen, hieben die Palmenzweige von den Bäumen und streueten sie auf den Weg. Kannst du das auch? Nein, das Abendland trägt keine Palmen. Und wollten wir ländlich sittlich andere Zweige nehmen, so hat der Herr jetzt unsere Bäume kahl gemacht, damit wir uns nicht mit falschem Opfer betrügen. Aber du weißt doch wohl, wo eine falsche Palme steht. Geh in den Garten deines Herzens, geh jetzt hinein. Siehe da steht ein Palmenbaum mit hohem schwankem Schaft, er reicht bis in den Himmel hinaus. Dieser Palmbaum ist dein Hochmuth, deine Meinung von dir selbst, dein Stolz auf deine Tugend, auf deine Kunst, auf deine Güter. Da steig hinaus und brich die Zweige von dem Baume, und brich ihm die Krone aus, daß er nicht mehr wachsen kann. Und alles streue dem Herrn auf den Weg. Darüber wird er lieber einziehen in dein Jerusalem, in deine Herzensstadt, als er einzog in jene alte Stadt. Alles was hoch ist, soll erniedrigt werden. Er allein soll an diesem Tage groß und hoch sein. – Jene breiteten ihre Kleider auf den Weg. Dein Herr zieht nicht sichtlich mehr ein. Still und ungesehen will er in die Herzen gehen. Zieh du aus das alte Staats-Kleid deiner eigenen Gerechtigkeit. Du kennst diese falsche Hülle, in der wir so gern einhergehen. Vor Gott und Menschen wollen wir unsere Sünde bedecken. Das Kleid der eigenen Gerechtigkeit ist doch nur von außen ganz; inwendig, drinnen, tief drinnen, da ist es zerrissen, und es zerreißt immer mehr, je älter wir werden. Es scheint nur von außen warm, aber inwendig, drinnen, tief drinnen, da friert uns, daß uns das Gebein darunter erbeben möchte. Wirf hin das alte Kleid. Sage deinem Herrn: „Ich bin arm und nackt und bloß.“ Und er wird über dies alte Kleid hinweg lieber in dein Herz einziehen, als über die Kleider, die das arme Volk ihm auf den Weg breitete. Das Alte soll vergehen, es soll an dem Tage alles neu werden. – Und wenn du dich nun selbst erniedrigt hast, wenn du das Prachtkleid, dieses arme Flitterkleid eigener Gerechtigkeit von dir geworfen und die Zweige deines Hochmuths heruntergebrochen hast, ja dann lernst du mit dem Volke, das vorging und nachfolgte, ein Hosianna dem Sohne Davids rufen. Dies Hosianna bedeutet nichts Anderes, als: Hilf doch. Hilf doch, denn ich kann mir selber nicht helfen; errette mich, denn ich kann mich nicht erretten. Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele nach dir. – Christ, hast du deine Armuth schon recht gefühlt, dann hast du auch schon ein Hosianna dem Helfer zugerufen: hast du es aber nicht, dann mag die Stunde bald kommen! Denn du mußt erst arm werden, ehe du reich werden kannst: du mußt erst Hosianna rufen lernen, ehe du Hallelujah singen kannst. Horch! es steht noch ein zweites Hosianna in unserm Texte: Hosianna in der Höhe. Das Hosianna in der Höhe ist der Ruf der Engel, die für dich den Herrn um Hülfe bitten. Und wenn sie für dich bitten, magst du auch wohl selbst für dich bitten. Auf das Hosianna aber folgt ein Loblied: Gelobet sei der da kommt in dem Namen des Herrn! – Nur wer Hülfe braucht, kann einen Advent feiern; nur wer seine Hülfsbedürftigkeit fühlt, kann seinem Heiland ein Loblied singen. So singe denn heute mit aus Herzensgrund, so singe denn heute mit fröhlichem Mund: „Gelobet seist du der da kommt in dem Namen des Herrn!“ Kein Menschenname kann mir helfen, denn an allen Menschennamen klebt die Sünde und Schuld. Keiner kann mir helfen, der in seinem eigenen Namen kommt. Er muß kommen in Gottes Namen. An ihm, an ihm allein hab‘ ich gesündigt. Von ihm, von ihm allein kommt auch die Gnade. Und du, Gottessohn, hast einen Namen der über alle Namen ist. Du kommst im Namen dessen, der die Handschrift zerreißen kann, der das Wehe des Gesetzes wegnehmen kann. Hab Dank für dein so heißes Lieben, das dich zu mir herabgetrieben. – So rüste du dich Christenheit. Wirf weg die Maske, hinter der du deine Schuld versteckest, das Kleid, mit dem du deine Sünde deckest. Brich weg des Hochmuths stolze Zweige, Daß sich dein Herz in Demuth neige, Ruf deinen Heiland brünstig an, Er ist’s allein der helfen kann, Und lobe freudig Jesum Christ, Der dir zum Heil gekommen ist. Bist du demüthig, arm und klein, So zieht er in dein Herz hinein. Amen.

September 1, 2019

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