Arnd, Johann – Passionspredigten – Achtundzwanzigste Predigt.

Gleichwie Gott der Herr sein Volk im alten Testament, nachdem er dasselbe mit starker Hand aus Egypten geführet, hernach täglich mit Manna speiset, und gleichsam seine Wohlthat ihnen einpflanzet, also lässet uns Gott, nachdem er uns durch den Tod Christi und seine Auferstehung aus dem höllischen Egypten erlöset, nun täglich die Frucht des Todes und der Auferstehung Christi predigen, auf daß es unser tägliches und rechtes Manna sei, dadurch er uns seine Wohlthaten einpflanzet und wir theilhaftig werden seines Todes und Auferstehung, ja seinen Tod verkündigen, bis daß er kommt, Christi Tod muß in dir den alten Adam tödten, und seine Auferstehung muß in dir den neuen Menschen lebendig machen.

Es ist aber die Historie der Passion die allerschrecklichste, kläglichste und erbärmlichste Historie, also daß vom Anfang der Welt bis an’s Ende der Welt dergleichen nie gehöret und erfahren ist, sonderlich wenn wir die hohe Person bedenken, so gelitten hat; 2., was sie gelitten; 3., wie sie gelitten hat mit so großer Geduld, Sanftmuth und in so heiliger Unschuld. 4., warum sie gelitten, nämlich um unsrer Sünde willen. Und das ist schrecklich, daß unsre Sünde den Sohn Gottes gekreuziget, ihn in einen so schmählichen Tod und Fluch, ja in die Hölle hineingestürzet hat. Aber es ist doch viel schrecklicher, daß der größte Theil der Menschen durch ihren Unglauben und durch ihre Unbußfertigkeit des heiligen Leidens Christi nicht theilhaftig werden, und selbst schuldig daran sind, daß ein so heiliger Tod einer so hohen Person, solch ein werthes, theures, hohes Opfer, ein solch theurer Verdienst an ihnen ewiglich verloren sei. Was könnte doch von einem Menschen Schrecklicheres gesagt werden? Der Tod Christi ist schrecklich, schmählich und erbärmlich, aber schrecklicher ist’s, eine so große Gnade und theure Erlösung muthwillig von sich stoßen, und das Blut Christi mit Füßen treten. Das ist so schrecklich und viel erschrecklicher, denn daß Christus gekreuzigt worden ist. Darum ist’s nicht genug die Historie hören, lesen, wissen; sondern du mußt also hören, daß du dadurch bekehret wirst, wie denn auch viele Leute durch’s Leiden Christi bekehret worden sind und an ihre Brust schlugen und wieder umwandten. Gleichwie durch Kraft des Leidens Christi Todte lebendig worden und aus den Todtengräbern gegangen sind, also kannst du, wenn du nicht lebendig wirst und aus dem Todtengrabe deiner Unbußfertigkeit aufstehest, und dich von Herzen bekehrest, der edlen Frucht des Leidens Christi nicht theilhaftig werden. Darum ist nun die Frucht des Leidens Christi Buße und Vergebung der Sünden. Davon prediget uns der heilige Prophet Jesaias weiter in diesem dritten Theil, welcher ist eine Weissagung vom Tode, Begräbniß und Auferstehung des Herrn, und auch von beiderlei Früchten; welche der Prophet zusammensetzet, dieweil das eine ohne das andre nicht wohl betrachtet werden kann. Und nach dieser Ordnung wollen wir reden und predigen:

Von den Früchten des Todes Jesu Christi.

I. Die erste Frucht.

Die erste Frucht des Todes Christi ist, die Erfüllung der gestrengen Gerechtigkeit Gottes und die Erlösung vom gestrengen Gericht Gottes. Denn also weissaget der Prophet hiervon ferner: Er ist aber aus der Angst und Gericht genommen. Wer will seines Lebens Länge ausreden? Das ist eine schöne prophetische Art zu reden und ist soviel gesaget: Nachdem er das gestrenge Urtheil der Gerechtigkeit Gottes, nämlich den Tod, ausgestanden, hat ihn Gott von den Todten erwecket, und er lebet nun von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Das zeiget uns aber eine herrliche Frucht des Todes Christi und einen mächtigen Trost, daß Christus unser Herr durch seinen Tod der gestrengen Gerechtigkeit Gottes genug gethan, und beides, Angst und Gericht, für uns ausgestanden hat, und daß an ihm das Urtheil Gottes erfüllet ist, auf daß wir davon frei und ledig sein sollen, und gleichwie ihm die Gerechtigkeit Gottes dies Urtheil des Todes und Gerichts auferleget, also hat ihn auch Gott, nachdem er dasselbe gehorsamlich erlitten, wiederum aus der Angst und Gericht erlöset durch seine Auferstehung; durch sie hat uns Christus verdienet, daß wir nicht in die Angst und in’s Gericht kommen, sondern vom Tode zum Leben hindurchdringen sollen, Joh. 5. Also hat uns Christus durch seine erlittene Angst und Gericht von dem gestrengen Gericht Gottes erlöset.

Gleichwie aber sein Tod nicht ein schlechter Tod ist, wie andrer Menschen, sondern ein fruchtbarer Tod, dadurch aller Welt Sünde bezahlet ist, also ist seine Auferstehung nicht eine schlechte Auferstehung, sondern eine fruchtbare Auferstehung, die allen Gläubigen das Leben und die Gerechtigkeit wiederbringet. Darum spricht der Prophet: Wer will seines Lebens Länge ausreden? Das ist, die Frucht und Kraft seines Lebens kann Niemand ausrechnen, welches St. Paulus Röm. 5 sein ausleget, wenn er spricht: Ist der Tod des Herrn so kräftig, daß uns Gott dadurch versöhnet hat, vielmehr werden wir durch sein Leben selig werden! Gleichwie er eine ewige Geburt hatte vom Vater, also wirket er durch dieselbe und durch seine Auferstehung das ewige Leben in allen Gläubigen.

II. Die zweite Frucht.

Die andre Frucht des Todes Christi ist Hinwegnehmung der ewigen Todesangst. Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er um die Missethat meines Volks geplaget ward. Das ist, er ist wahrhaftig gestorben und unter die. Zahl der Verstorbenen und der ‚Todten kommen, die von den Lebendigen hinweggenommen werden. Ja, sagt der Prophet, er ist nicht gestorben eines gemeinen Todes, sondern eines solchen Todes, welchen die Missethat des Volks verursachet hat, welche Missethat so groß ist, daß sie den ewigen Tod verdienet hatte; da nun ist er auch aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, das ist, der Tod riß ihn so grimmig dahin mit aller Macht, und überfiel ihn so grimmig, grausam und schrecklich als einen, der den ewigen Tod verdienet hatte und nimmermehr unter die Zahl der Lebendigen kommen sollte.

Hier lernet bedenken, was der Tod Christi für ein Tod gewesen sein muß; welche unausdenkliche, unaussprechliche Todesangst, welch Schrecken und Qual des Todes der Herr wegen der ganzen Missethat der Welt erlitten haben muß. Denket doch, „St. Petrus nennet’s Schmerzen des Todes. Der 18. Psalm nennet’s Bäche Belial, der Höllen Bande und des Todes Stricke. Der 116. Psalm nennet’s Angst der Hölle. Wie sollte ein Mensch so hart sein, daß er nicht davor erschrecken und seinem Erlöser für solche große Liebe danken sollte, daß er ihn von des ewigen Todes Singst und Qual erlöset hat! Denn dadurch, daß der Tod alle Macht, Schrecken und Grimm an ihm bewiesen, hat er dich von der ewigen Todesangst erlöset, daß nimmermehr solche grausame Todesangst und Qual dich anrühren soll, die dich aus dem Lande der Lebendigen wegreißen sollen. Weish. 3: Aber der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand, und keine Qual des Todes rühret sie an.

III. Die dritte Frucht.

Die dritte Frucht des Todes Christi ist, daß er durch seinen Tod und durch sein Begräbniß die Sünde und den Fluch hinweggenommen hat. Darum spricht der Prophet: Er ist begraben wie die Gottlosen, und gestorben wie ein Reicher. Das ist, wie man einen andern Uebelthäter, der am Holz stirbt, erst von der Obrigkeit losbitten muß, daß er in die Erde kommen möge, also ist auch der heilige Leichnam Christi erst losgebeten von Pilato, und gleichwie die, so am Holz sterben, nicht am heiligen Sabbath am Holz bleiben mußten, als ein Fluch, auf daß der Sabbath nicht verunheiliget würde, dieweil solche Leute für einen Fluch geachtet wurden, und also begraben als ein Gottloser. Ach, ist das nicht kläglich? Und ist gestorben als ein Reicher, das ist, wie ein solcher Reicher, der sein Herz an’s Zeitliche hänget und nicht wohl stirbet, also ist Christi Tod auch angesehen worden für einen verdammten und verfluchten Tod. Dafür hat’s Jedermann gehalten, als wenn er keinen Theil am ewigen Leben hätte.

Wiewohl er nun einen solchen Tod und Begräbniß hat haben müssen, so hat er’s doch nicht verdienet. Denn er hat niemand Unrecht gethan, und ist kein Betrug in seinem Munde erfunden, er hat nicht gesündiget, weder in einem Werke, noch in einem Worte. Aber der Herr wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit, das ist, er war dazu verordnet und versehen aus Gottes Rath, daß er als ein Knecht Gottes solche Schläge der Gerechtigkeit leiden sollte, als man pfleget einen ungehorsamen Knecht zu schlagen. Lerne nun hier die drei Früchte seines Todes und Begräbnisses: Weil er ist begraben als ein Gottloser und als ein Fluch; so hat er auch deine Sünde, ja den Fluch mit in’s Grab genommen, von der Erde hinweg, auf daß dadurch dein Tod und Begräbniß geheiliget werden soll und du nicht sterben sollst als ein Verfluchter, sondern als ein Gesegneter, und nicht begraben werden sollst als ein Gottloser, sondern, als ein Heiliger und Gerechter; der auch durch seine Unschuld alle deine Schuld als durch ein Feuer verzehret hat. Ja, daß du durch Kraft seiner Unschuld in ihm auch also sterben und begraben werden solltest, als wenn du niemand Unrecht gethan, und auch kein Betrug in deinem Munde erfunden wäre, weil er dir seine Unschuld schenket. Ps. 116.

IV. Die vierte Frucht.

Die vierte Frucht seines Todes ist die Wegnehmung aller Schuld und Pein durch das Schuldopfer, auf daß du dessen gewiß seiest, daß du nicht sterben und begraben werden sollst als ein Verfluchter und Gottloser, sondern als ein Gesegneter und Gerechter, und daß Christi Unschuld deine Unschuld sein solle; so weissaget der Prophet hier: Daß der Herr sein Leben zum Schuldopfer geben werde. Nun war aber ein Schuldopfer ein solches Opfer, auf welches der Hohepriester alle Schuld und Missethat des Volkes legen, und dasselbe opfern und schlachten mußte, auf daß die Schuld hinweggenommen würde. 3. Mose. 4 ist die Ceremonie des Sündenopfers eine herrliche Figur des Opfers Christi. Und 3. Mose. 7 stehet, daß ein Schuldopfer das allerheiligste gewesen sei, dessen Blut man auf den Altar hin und her sprengen mußte, dadurch der Priester das Volk versöhnen sollte. Weil nun der Herr Christus ein solch Schuldopfer aller Welt worden, und also geopfert, gestorben und begraben ist für uns, so hat er auch alle unsere Schuld mit sich in den Tod und in’s Grab als ein Fluch hinweggetragen und genommen. Darum folget ja daraus, daß unser Tod und Begräbniß nicht verflucht und gottlos, sondern selig und gesegnet sein solle, sonst wäre ja der Tod und das Begräbniß Christi kraftlos und hätte keine Wirkung. Weil aber dies wegen seiner heiligen Unschuld seiner menschlichen Natur und wegen der Hoheit der Person, so für uns gelitten, die Gott und Mensch ist, nicht sein kann, so muß auch solche Frucht und Kraft des Todes und Begräbnisses Christi in unserm Tode und Begräbniß erfüllet werden, daß wir als Geheiligte und Gesegnete des Herrn sterben, und begraben werden.

Da haben wir nun die allerstärkste und kräftigste Arznei wider die Sünde, wider den Tod und wider unser trauriges Begräbniß, nämlich das Schuldopfer, den Tod Christi und sein Begräbniß. Denn weil das rechte Schuldopfer, Christus, auf welchen Gott unsere Schuld geleget hat, unsere Sünde hinweggenommen und wir dadurch versöhnet sind, ach, so können wir ja mit Freuden und Frieden, wenn unser Stündlein kommt, einschlafen und sicher ruhen in der Hoffnung der fröhlichen Auferstehung, Denn ist die Sünde durch das Schuldopfer hinweggenommen, so kann uns der Tod nicht behalten.

2. Weil dies Schuldopfer geschlachtet ist am Kreuz, und durch seinen Tod dem Tode die Macht genommen hat, ach, so wird uns ja Christus unser Herr die Bitterkeit des Todes in unserm Sterbestündlein nicht schmecken, und unsere Seele keine Qual des Todes anrühren lassen, sondern wird uns vielmehr durch den zeitlichen Tod von allem Jammer erlösen und zur Ruhe bringen. Ja, die Frucht und Kraft des Todes Christi wird in uns den Tod überwinden; denn die Ueberwindung des Todes muß in uns geschehen durch die Kraft des Todes Christi, Weish. 3.: Die Gerechten sind in gewisser Hoffnung, daß sie nimmermehr sterben, das ist, keinen Tod schmecken. Darum saget Offenb. 14: Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an; denn der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit. Im Herrn sterben heißt, wenn sich unsere Seele einwickelt durch den Glauben in das Verdienst Christi und in die Kraft und Frucht seines Todes, darin der Seelen Ruhe ist.

3. Wenn nun unser Leib gleich in’s Grab geleget wird, in die Erde, und zu Erde wird, so kann doch die Erde unsern Leib nicht behalten, denn er ist durch Christum erlöset zum ewigen Leben, und Christi Begräbniß hat unser Begräbniß gesegnet und geheiliget und wir werden mit Christo gepflanzet zu gleichem Tode, auf daß wir auch seiner Auferstehung gleich werden. Und das Begräbniß Christi macht, daß unser Begräbniß nicht schmählich, sondern vor Gott und allen Heiligen ehrlich sei. Denn er hat die Schmach seines Volkes aufgehoben durch sein Begräbniß, und wird die Hülle, damit alle Völker verhüllet werden, hinwegnehmen, denn er hat den Tod verschlungen ewiglich, und wird alle Thränen von unsern Augen abwischen, wie Jesaias am 25. von ihm geweissaget hat. –

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August 31, 2019

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