Arnd, Johann – Passionspredigten – Dreißigste Predigt.

Jesaia 53: Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben und in die Länge leben, und des Herrn Vornehmen wird durch seine Hand fortgehen. Darum, daß seine Seele gearbeitet hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben. Und durch sein Erkenntniß wird er, mein Knecht, der Gerechte, viel gerecht machen; denn er traget ihre Sünde. Darum will ich ihm große Menge zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben; darum daß er sein Leben in den Tod gegeben hat, und den Uebelthätern gleich gerechnet ist, und er vieler Sünde getragen hat, und für die Uebelthäter gebeten.

Diese heilige Weissagung hat ihre Auslegung vornehmlich in diesem 17. Cap. Johannis. Denn 1., so ist der Herr willig und bereit, sein Leben zum Schuldopfer zu geben, das ist, die Schuld der ganzen Welt durch das Opfer seines Leibes und Blutes zu bezahlen, wie 3. Mose am 6. Capitel durch’s Schuldopfer alle Sünde eines jeden Menschen weggenommen ward. Zu diesem Opfer bereitet sich nun der Herr durch’s Gebet, Joh. 17.

2. So ist auch das erfüllet, daß er einen gläubigen Samen wird haben. Denn das Evangelium und dieses Gebet Christi ist unsers Glaubens Erhaltung: Ich habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre. Und das Blut Christi ist des Glaubens und der Kirche Same.

3. So sehen wir auch in diesem 17. Cap. wie seine Seele gearbeitet hat, wie heftig sie gebetet hat für uns; welches Gebet die Arbeit seiner Seele gewesen.

4. Ist’s tröstlich, daß wir hören, wie Jesaias und der Herr Christus übereinkommen. Der Prophet spricht: Durch sein Erkenntniß wird er, mein Knecht, der Gerechte, viel gerecht machen. Der Herr Jesus spricht: Das ist das ewige Leben, daß sie dich, daß du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen.

5. Saget der Prophet: Ich will ihm große Menge zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben.

Eben für diese großen mächtigen Völker der Heiden, die zu Christo sollten bekehret werden, für die bittet der Herr allhier, für Alle, die durch der Apostel Wort an ihn glauben würden, und das ist der Raub, welchen er dem Fürsten dieser Welt genommen, die Völker der Heiden, die er errettet hat von der Obrigkeit der Finsterniß. Also sehen wir nun, wie in Christo erfüllet ist, was die Propheten von ihm geweissaget haben, dadurch unser Glaube mächtig gestärket und gekräftiget wird.

Dieweil aber das herzliche Gebet des Herrn, Joh. 17, ein Stück des heiligen Hohenpriesteramtes unsers Herrn Jesu Christi ist, und auch zu unsrer Versöhnung und Erlösung gehöret, so ist’s billig, daß es in der heiligen Passion erkläret werde um sechs Ursachen willen. Denn ein solch herzlich Gebet einer so hohen Person ist nirgends in der Schrift zu finden. Es hat wohl David auch gewaltig beten können, aber er ist nicht Christus gewesen. Diese Person gehet über Alle.

2. So saget man, Noth lehret beten. Es ist aber kein Mensch jemals in so großer Noth gewesen, als unser Erlöser. Darum ist auch nie ein solch Gebet geschehen.

3. So ist dies Gebet für uns geschehen. Warum wollten wir’s denn nicht zu Herzen nehmen?

4. So ist’s ein großer Trost. Denn durch dies kräftige Gebet werden wir im Leben erhalten werden, denn es kann und vermag dies Gebet nicht ohne Kraft sein, es kann nicht trostlos sein, es kann nicht ohne Leben sein.

5. So hat ja der Herr für uns gebeten, ehe wir noch geboren und gläubig worden sind. Hat’s nun daselbst für uns gegolten, da wir noch nichts gewesen sind, so wird’s ja nun vielmehr für uns und in uns kräftig sein, nun wir gläubige Menschen worden sind. Hat Christus für uns gebeten, da wir noch gläubig werden sollten, vielmehr wird er für uns bitten, und sein Gebet wird für uns kräftig sein, weil wir nun gläubig worden sind.

6. So hat der Prophet Jesaias von diesem Gebet geweissagt 700 Jahre zuvor, und ist dies Gebet ein Stück des Hohenpriesteramts, und gehöret zu unsrer Erlösung, wie der Prophet Jesaias ausdrücklich am 53. bezeuget hat.

Es hat dies Gebet des Herrn aber und dies ganze Capitel zwei Hauptstücke:

Im Ersten bittet der Herr für sich selbst; im Andern für uns. Und wenn man’s recht verstehet, so hat der Herr vielmehr für uns gebeten, denn für sich selbst. Das ist, er hat uns mehr geliebet, denn sich selbst. Er hat mehr für uns gesorget, denn für sich selbst. Wie ein frommer Vater, wenn er sterben soll, sich mehr um seine Kinder bekümmert, als um sich selbst.

Den ersten Theil wollen wir in dieser Predigt handeln. Gott sei bei uns mit seinem Geiste!

Von dem Gebet des Herrn, in welchem er für sich selbst bittet.

I. Wie bittet der Herr?

Solches redete Jesus und hob seine Augen auf gen Himmel. Es gehören drei Stücke zu dem Amte eines Hohenpriesters. Das erste ist lehren, das andre beten, das dritte opfern. Deswegen, als der Herr im vorgehenden 16. Cap. eine schöne Trostpredigt seinen Jüngern gethan, so greift er nun zum andern Stück seines Priesteramts, und betet, auf daß er auch darauf das Opfer seines heiligen Todes verrichten möge.

Erstlich ist nun die Geberde des Herrn zu merken in seinem Gebet. Erhob seine Augen auf gen Himmel, das ist die rechte innerliche Andacht und der himmlische Geist, der unser Herz und Augen über sich hebt gen Himmel. Die Seufzer steigen über sich und durchdringen die Wolken und heben auch unsern Leib über sich. Der himmlische Geist ist’s, der die Hände und Augen aushebt gen Himmel. Darum wird auch die gläubige Seele, die ihre Wohnung und Wandel im Himmel hat, unsern Leib mit aufführen gen Himmel an jenem Tage, und ist nicht möglich, daß der Leib unten bleiben könne. Denn wenn die Seele voll Gottes und voll Geistes ist, so zieht sie den Leib mit zu Gott und erleuchtet den Leib, und daher wird die Verklärung unsrer Leiber kommen. Denn die Seele, die voll Lichtes und Klarheit Gottes ist, die wird den gereinigten Leib erleuchten, als die Sonne durch ein Glas scheinet. Und deß haben wir allbereit eine Anzeigung in diesem Leben. Wenn sich die Seele zu Gott erhebt, so erhebt sie das Herz, die Hände und die Augen mit gen Himmel. Denn die Seele merket’s wohl, daß die Stätte ihrer seligen Ruhe nicht in der elenden Welt sei. Derhalben, wenn sie in der Welt betrübt ist, so seufzet sie und stehet gen Himmel.

II. Was bittet der Herr?

Was bittet der Herr, als er seine Augen aufhebet gen Himmel? Zweierlei, 1. Bittet er um seine Verklärung, 2. Danket er seinem himmlischen Vater, daß er ihm das menschliche Geschlecht gegeben hat zu erlösen, danket ihm für sein hohes Amt.

Der Herr Christus danket noch seinem himmlischen Vater, daß er ihm auferlegt hatte für uns zu sterben, das ist, er danket ihm für sein Kreuz, für einen so schmählichen Tod. Das ist der rechte Gehorsam, sein Kreuz geduldig auf sich nehmen, und Gott dafür danken.

Lernet von mir, spricht der Herr, das ist die höchste Demuth und Sanftmuth. Der Herr hat aber einen gar kurzen Eingang seines Gebets Vater, spricht er. Mit dem Wort tröstet er sich, daß Gott gleichwohl in seiner großen Roth noch sein Vater sei. Er erinnert auch Gott seines Vateramtes, daß er ihn nicht verlassen werde. Wie nun der Herr selbst gebeten hat, so hat er auch uns beten gelehrt. Wer Gott von Grund seines Herzens Vater nennen kann, der rührt ihm so oft sein Herz, so oft er den Namen nennet, und dies Wort ist die Kraft und das Leben unsers Gebets; denn wir können außer Christo Gott unsern Vater nicht kennen.

Darum spricht denn Gott: Mein lieber Sohn. Denn Vater und Sohn hangen an einander. So oft du nun von Herzen Vater sprichst, so oft spricht Gott zu dir: Mein liebes Kind, was willst du?

Der Herr antwortet: Die Stunde ist hier, ja die Stunde meines Leidens und Todes; ich bin in großer Noth. Zu dieser Stunde hast du mich versehen. O, wenn diese Stunde möchte vorübergehen! So betrübt nun dies Wort ist, so ein großer Trost ist darinnen. 1. So hat’s Gott versehen; dies Stündlein kommt von Gott. 2. So ist’s ja auch nur eine Stunde. Was ist doch eine betrübte Stunde gegen die ewige Herrlichkeit!

Was soll denn zu dieser Stunde des Leidens geschehen? Daß du deinen Sohn verklärest, auf daß dich dein Sohn auch verkläre. Ei, so höre ich wohl, die Stunde meiner Trübsal soll die Stunde meiner Verklärung, das ist, meiner Erlösung sein, daß Gott seine Wunder, Allmacht und Barmherzigkeit an mir beweise? Und ich soll Gott wieder verklären durch mein Kreuz, gleichwie Christi Tod zur Ehre und Herrlichkeit Gottes gedienet hat? Wie St. Paulus spricht, daß Christus ist auferwecket von den Todten durch die Herrlichkeit des Vaters. Merket hier, wie Christus verkläret wird. In seinem Tode und seiner Auferweckung hat Gott bewiesen, daß Christus sein Sohn und ein wahrer Gott ist. Das ist Christi Verklärung und Herrlichkeit, daß er durch seinen Tod bewiesen hat, daß er der rechte Erlöser und Heiland der Welt sei. Und durch seine Auferstehung, daß er allmächtiger Gott sei. Dadurch ist Vater und Sohn verkläret. Darum sind das herrliche Worte: Vater, verkläre deinen Sohn, auf daß dich dein Sohn auch verkläre. So ist nun das erste Stück der Verklärung Christi, daß sein Kreuz seine Ehre und Herrlichkeit sein soll. Das ist närrisch für die Vernunft. Bedenket’s aber, ob das nicht dem Herrn eine ewige Ehre und Ruhm sein wird, daß er für uns gestorben ist. Das Lamm Gottes ist würdig zu nehmen alle Ehre im Himmel und aus Erden, denn es hat uns erkauft mit seinem Blut; so singen die Auserwählten Offenb. 5. Diese Ehre gebühret keinem Engel und Menschen.

Das andre Stück seiner Verklärung ist: Gleichwie du mir, deinem Sohne, Macht gegeben hast über alles Fleisch. Das lasset ein herrlich Stück der Verklärung Christi sein: Macht haben über alles Fleisch. Das verstehe also: Da der ewige Sohn Gottes gesehen hat, daß das ganze menschliche Geschlecht ewig verloren sein sollte, wegen der Sünde, hat er das arme menschliche Geschlecht losgebeten und seinen himmlischen Vater gebeten, er wolle ihm doch das menschliche Geschlecht schenken, er wolle für sie genugthun. Da hat ihm Gott das ganze menschliche Geschlecht auf einmal geschenket, wie hier stehet: Ihm Macht gegeben über alles Fleisch, keinen Menschen ausgenommen, Gott hat sie ihm Alle gegeben. Mit den Menschen macht der Sohn Gottes einen solchen Bund und Testament, welche an ihn glauben würden, die wollte er dann ferner zu Gottes Kindern machen, und demnach auch zu Gottes Erben. Die aber nicht an ihn glauben würden, die wollte er als ein gerechter Richter zum ewigen Tode verurtheilen. Denn Gott hat ihm Macht gegeben über alles Fleisch auf diese Weise mit den Menschen zu handeln. Solche Macht ist des Herrn Christi Verklärung und seine Herrlichkeit.

Zum Dritten gehört dies zu seiner Verklärung, daß allein das ewige Leben bei ihm und bei keiner andern Creatur stehet, er sei Engel oder Mensch. Er soll der einige Heiland sein, der einige Mittler, und soll in keinem Andern Heil sein, und kein andrer Name, darinnen die Menschen sollen selig werden. Lasset das eine große Verklärung und Herrlichkeit sein. In Christo ist das ewige Leben und in keines Menschen Werk. Wer aber das ewige Leben geben soll, muß wahrer Gott sein.

III. Worin bestehet die Erkenntniß Gottes und Jesu Christi?

Nun, lieber Herr Christe, weil du denn von Gott die Macht hast über alles Fleisch und auch das ewige Leben zu geben, so lehre mich nun ferner, lieber Herr, was muß ich doch thun, daß ich das ewige Leben ererbe, welches allein bei dir stehet? Darauf antwortet der Herr: Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, daß du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen. So höre ich nun und lerne, daß das ewige Leben stehet in der Erkenntniß Gottes, nach seinem Wesen und nach seinem Willen, und in der Erkenntniß Jesu Christi, nach seiner Person und nach seinem Amt. Nun möchte Jemand sprechen: Soll dieselbe Erkenntniß das ewige Leben sein? Wissen und bekennen doch auch die Gottlosen, daß Gott ewig und allmächtig ist nach seinem Wesen, barmherzig nach seinem Willen, denn das sagen auch die Gottlosen: Gott ist barmherzig, und sündigen daraus. Sie wissen und bekennen auch, daß Christus Gottes Sohn ist nach seiner Person, und der Heiland der Welt nach seinem Amt, ja die Teufel wissen’s und bekennen’s auch und sprechen: Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesu, du Sohn Gottes? Wie kann denn in dieser Erkenntniß das ewige Leben sein? So müssen auch Alle selig werden, die dasselbe wissen und bekennen, auch die Teufel? Darum lehre mich doch, was das für eine Erkenntniß sein muß. Denn der Prophet Jesaias spricht auch: Durch seine Erkenntniß wird er, mein Knecht, der Gerechte, Viele gerecht machen. Jerem. 9: Wer sich rühmen will, der rühme sich, daß er mich wisse und kenne. Antwort: Diese Erkenntniß stehet nicht in bloßem Wissen, oder in bloßen Gedanken oder Worten, sondern in der lebendigen Kraft, und in der Vereinigung mit Gott durch den Glauben. Also, daß die gläubige Seele mit Gott ein Geist, ein Herz wird, und mit Christo ein Leib, also daß keines von dem andern geschieden werden kann; Gott nicht von unsrer Seele, und Christus nicht von unserm Glauben, ja auch nicht von unserm Leibe. Denn so die Erkenntniß soll das Leben sein, so muß es eine lebendige Kraft sein; denn Leben ist kein Schatten oder bloße Gedanken, sondern eine Kraft. Gleich als wenn sich eine edle Blume oder ein Gewürz durch ihre Erkenntniß mit mir vereiniget; denn wenn ich dieselbe gründlich erkennen will, so muß ich’s schmecken, riechen und ihre Kraft empfinden, und dieselbe Kraft vereiniget sich dann mit mir, also daß dieselbe in mir ist und nicht außer mir, und wird also mit mir ein Geist und ein Leib, und ihre Kraft ist mein Leben; und auf diese Weise erkenne ich dieselbe Blume recht, denn ich habe ihre Kraft geschmecket und empfunden, und fühle, daß ihre Kraft mir gut thut, und mein Leben und meine Stärke ist. Wie auch das natürliche Leben und Lebenskraft aus dem Brote kommt, und ich es empfinde, und die Kraft in mir habe; also, will ich Gott recht erkennen, so muß ich seine Kraft in mir haben, und Christus muß mein Leben sein, daß ich’s in meiner Seele empfinde und schmecke. Jetzo erkenne ich Christum recht, was er ist. Und also ist seine Erkenntniß mein Leben und meine Seligkeit, und darum wird Gottes Wort dem Brote verglichen, weil man gleich als im Brote die Kraft Gottes und des Lebens im Wort schmecket.

Also merke ich, daß diese Erkenntniß nicht in Worten oder Gedanken stehet, sondern in der Kraft Gottes. Und das ist also der Anfang des ewigen Lebens; nur der Anfang, warum? Weil in diesem Leben die Erkenntniß Gottes und Christi nicht vollkommen ist, sondern Stückwerk. Darum muß ich mich an den Brosamen genügen lassen als ein Hündlein; dort aber wird die vollkommene Erkenntniß Gottes und Christi sein, darum wird auch dort das ewige Leben vollkommen sein, welches hier angefangen wird. Es ist aber ein großer Trost, daß uns Gott hier einen Vorschmack des ewigen Lebens durch seine Erkenntniß giebt, und uns ein Weintränklein aus dem gelobten Lande sendet, bis wir gar hineinkommen. Wie aber, wenn ich solche Lebenskraft nicht empfinde, und eitel Schrecken da ist? Antwort: Darum ist Gott nicht von dir gewichen, denn es bleibet doch immer in solchen Anfechtungen ein Hunger und Durst nach Gottes Gnade und Trost. Siehe, das ist Gott in dir und ist Gotteserkenntniß, in der das Leben stehet. Siehe deinen Herrn Christum an, in seinem Zittern und Zagen, Gott war darum nicht von ihm gewichen; Gottes Trost erhielt ihn.

IV. Wer lehret die Gotteserkenntniß?

Das ist nun unsers Erlösers Amt, Freude und Ruhe, daß er die Menschen, so ihm der Vater gegeben hat, zu Gottes und seiner Erkenntniß bracht hat und dadurch ferner zum ewigen Leben. Das ist das Ende des Amtes Christi, darum spricht er: Ich habe dich verkläret auf Erden, und vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, daß ich’s thun sollte. Hier haben wir die Lehre, wie es doch Gott so weislich angeordnet hat, die Menschen zu seiner Erkenntniß zu bringen, daß Gott selbst unser Lehrer wird. Denn wer kann uns die Erkenntniß Gottes besser lehren als Gott selbst? Wir können Gott ohne Gott nicht recht erkennen. Das ist aber die Art eines guten Lehrers, daß er nicht allein mit Worten lehre, sondern auch mit Werken. Darum, auf daß die Menschen nicht allein hörten, was Gott wäre, sondern auch sehen mit ihren Augen, so ist Gott Mensch worden, und Gott hat sich uns in Christo gar zu erkennen gegeben, auf daß wir Gott hören und sehen sollen. Darum, als Philippus sprach: Herr, zeige uns den Vater, so genüget uns, antwortet der Herr: Philippe, wer mich siehet, der stehet auch den Vater. Also hat sich der unsichtbare Gott in Christo sichtbarlich abgebildet und geoffenbaret, daß die Menschen sehen und hören sollen, wie freundlich, lieblich, gütig, gnädig, tröstlich, holdselig und leutselig Gott sei. Ach, das ist eine hohe heilige Lehre, und ein seliger Trost! Daß sich der leutselige Gott so nahe zu den Menschen thut um ihres Heils willen, daß sie ja des ewigen Lebens nicht fehlen sollten, sondern Gott in Christo sehen, und das ewige Leben ergreifen sollten. Was hat Gott mehr um unsers Heils willen thun können oder sollen?

V. Wie hat der Vater den Sohn verkläret?

Nachdem aber der Sohn Gottes solches Alles im Stande seiner Erniedrigung verrichtet, und seinen himmlischen Vater verkläret hatte, bittet er nun ferner, daß ihn Gott wieder verklären wolle, und spricht: Nun, verkläre mich Vater bei dir selbst mit der Klarheit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. Dies ist der vornehmsten Sprüche einer im neuen Testament von der ewigen Gottheit des Herrn Jesu Christi und von der Herrlichkeit und Majestät seiner menschlichen Natur. Hat er bei Gott eine Klarheit gehabt, ehe die Welt gewesen ist, so muß er allmächtiger Gott sein. Und darum nennet ihn die Epistel an die Hebräer den Glanz der Herrlichkeit Gottes. Als wenn ein Glanz von der Sonne ausgehet und ist doch mit der Sonne vereiniget; und das Ebenbild seines Wesens, ob er wohl Gottes Ebenbild ist, so ist er doch nicht also Gottes Ebenbild wie der Mensch, sondern ein Ebenbild seines Wesens, daß er zugleich Gott ist. Weil er aber nun bittet, daß ihn der Vater verklären wolle, so bittet er solches nach seiner menschlichen Natur, nach welcher er leiden und sterben wollte. Denn die Gottheit kann nicht also in sich selber verkläret werden. Also ist seine Menschheit mit göttlicher Klarheit und Herrlichkeit verkläret im Stande seiner Erhöhung. Daß nun die göttliche Klarheit in und durch seinen heiligen Leib leuchtet heller als die Sonne, wie solches zum Zeugniß auf dem Berge Tabor geschehen ist; darum leuchtet nun die ewige Gottheit vollkömmlich in Christi heiligem Leibe, als in ihrem ewigen Tempel, welchen Gottes Herrlichkeit erfüllet; welche Klarheit durch die Knechtsgestalt und allertiefste Erniedrigung zugedecket gewesen, ohne was bisweilen in den Wunderwerken des Herrn hervorgeblicket hat, wie die Sonne unter einer trüben Wolke. Das dienet uns zum mächtigen Trost, daß unsere Leiber auch ähnlich werden sollen dem verklärten Leibe unsers Herrn Jesu Christi. Denn, ob wir wohl auf die hohe sonderliche Weise nicht können verkläret werden, wie der heilige Leib Christi, so wird’s doch derselben Verklärung ähnlich sein. Denn wie wir getragen haben das Bild des Irdischen, so müssen wir auch tragen das Bild des Himmlischen, 1. Corinth. 15.

VI. Wie hat der Sohn den Vater verkläret?

Ferner erinnert der Sohn Gottes in seinem Gebet, wie er denn seinen Vater auf Erden verkläret habe, und spricht: Ich habe deinen Namen geoffenbaret den Menschen, die du mir von der Welt gegeben hast. Das ist, daß du allein wahrer Gott bist; denn aller Heiden Götter sind nichts, du aber allein bist allmächtig, barmherzig, wahrhaftig, gerecht, heilig. Hierbei haben wir ein Exempel der herzlichen Demuth Christi. Er hat Gottes Namen geoffenbaret, das ist, seines himmlischen Vaters Ehre gesucht, und nicht seine eigene Ehre. Gottes Name ist Gottes Ehre. Das demüthige Herz hat alles Lob von sich selbst abgelehnet, und seinem himmlischen Vater gegeben, also daß er das Lob nicht annehmen wollte, das ihm das Weiblein gab, Luc. 11: Selig ist der Leib u. s. w. Ja, sagt er, selig ist, der Gottes Wort höret, und bewahret’s. Damit hat er uns gelehret dem eignen Willen, und eigner Liebe, eigner Ehre und eignem Ruhm absterben, uns Alles nehmen und Gott Alles geben; denn Gott ist’s Alles, wir sind nichts. Eigne Liebe und Lob suchen ist der Fall des Lucifer, Hölle und Tod. Wer eigner Liebe und Ehre abstirbet, und Gott Alles giebet, dem giebt Gott wieder Alles.

Das hat Christus gethan im höchsten Grad, darum hat ihm auch Gott Alles gegeben im höchsten Grad, und ihn über Alles erhöhet. Hinwieder, wer durch eigne Liebe und Ehre Alles sein will, dem nimmt Gott Alles. Lucifer hat durch eigne Ehre Alles sein wollen, das ist Gott. Darum hat ihm Gott Alles genommen im höchsten Grad, und ist nichts sein, denn die höchste Armut!) und ewige Verdammniß. Es ist auch in diesen Worten: Ich habe deinen Namen offenbaret denen, die du mir gegeben hast von der Welt, ein gewaltiger Trost wider die Anfechtung von der Versöhnung. Denn denen hat Christus sein Wort offenbaret, die ihm gegeben sind von der Welt. Dir hat er’s geoffenbaret, du glaubest’s; du kennest Gottes Herz. Darum bist du eben unter denen, die der Vater Christo gegeben hat von der Welt her. Das folget unwidersprechlich; darum laß dich nichts irre machen, und halt dich an dies Wort, das wird nicht lügen. Christus wird sich die Seinen nicht nehmen lassen, Joh. 10.

VII. Von der Liebe des Vaters und Sohnes zu uns.

Es folget auch ein herrlicher Trost zu merken, daß der Herr spricht: Die Menschen waren dein, und du hast sie mir gegeben von der Welt, und sie haben dein Wort behalten. Dein waren sie durch die Wahl, mein sind sie nun durch die Erlösung. Es sind deine Kinder und meine Kinder und Erlöseten. Sehet, wie Gott der Vater und der Sohn sich gleich um die Menschen bemühen, einer will sie haben, der andre auch. Gleichwie ein lieblich Kind von einem zum andern auf den Armen getragen wird. Ach, was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, und des Menschen Kind, daß du dich sein annimmst? Ach, wie hat Gott die Menschen so lieb! Hat doch Gott im Himmel nichts reden können mit seinem lieben Sohne, denn von Menschen von der Welt her, und der Sohn Gottes hat auf Erden nichts reden können in seinem ganzen Gebet, denn von Menschen. Merket doch auf die Worte des Herrn, was er von uns sagt: Ich habe ihnen dein Wort gegeben, sie haben’s angenommen, behalten, erkannt, sie wissen’s, sie glauben’s nun. Sehet, das ist des Herrn Freude, daß er nicht vergeblich gearbeitet hat. Wollen wir nun des Herrn Christi Freude und Ehre sein, so sollen wir sein Wort annehmen und behalten, so werden wir durch ihn ewiglich behalten werden. So sind wir unter der Zahl derer, die Christo von seinem Vater von der Welt gegeben sind. –

August 31, 2019

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