Arnd, Johann – Passionspredigten – Dreiunddreißigste Predigt.

Johann Arnd - Portrait

Am zweiten Sonntage in der Fasten, Reminiscere, Matth. 15, 21-28.

Wir lesen beim Propheten Jesaias am 64.: So schaue nun vom Himmel, und siehe herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung. Wo ist nun dein Eifer, deine Macht? Deine große herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater. Denn Abraham weiß von uns nicht, und Israel kennet uns nicht. Du aber, Herr, bist unser Vater und unser Erlöser; von Alters her ist das dein Name. Herr, zürne nicht zu sehr, und denke nicht ewig der Sünden! Dies ist ein Gebet des Propheten, in welchem er unsern lieben Gott sehnlich bittet und anruft, daß er vom Himmel herabsehen wolle in die Noth, damit wir auf Erden bedränget werden, und wolle doch seinen Eifer und seine Macht sehen lassen wider die Feinde wie zuvor, und wolle sich doch nicht so hart gegen uns stellen, denn bei ihm sei ja große, herzliche Barmherzigkeit, er sei ja unser Vater, unser Erlöser, diesen Namen habe er sich ja selbst gegeben. Und stehet der Prophet mit diesen Worten auf die Historie Josephs, 1. Mos. 42, da seine Brüder zu ihm kamen in der großen Theurung, und vor ihm zur Erde auf ihr Antlitz niederfielen. Und Joseph sahe sie an, und kannte sie, und stellet sich fremd gegen sie, und redet hart mit ihnen, und sie sprachen unter einander: Das haben wir an unserm Bruder verschuldet, da wir die Angst seiner Seele sahen und ihn nicht erhören wollten. Sie wußten aber nicht, daß es Joseph verstand und sich von ihnen wandte und weinete. Endlich aber nach langer und schwerer Versuchung konnte sich Joseph nicht länger enthalten, und sprach: Ich bin Joseph, euer Bruder, tretet doch her zu mir, und denket nicht, daß ich mit euch zürne; und fiel seinen Brüdern um den Hals, und weinete und küssete sie. Also gehet’s nun im heutigen Evangelio dem Cananäischen Weiblein auch. Der Herr stellet sich fremd gegen sie, will sie nicht kennen, da er doch darum in die Grenze Tyrus und Sidon kommen war, daselbst den Menschen zu helfen, hält sich hart gegen sie, da er doch kein hart Herz, sondern ein freundliches, mitleidendes Herz hat. Da sie aber anhält mit dem Gebet, kann er sich auch nicht länger enthalten, und beweiset’s mit der That, daß er nicht mit ihr zürne, wie Joseph sagt, ob er sich gleich hart stellet. Das ist ein schöner Trostspiegel im langwierigen Kreuz, wenn Gott die Hülfe lange verzieht, daß wir nicht verzagen, noch laß und müde werden im Gebet, sondern beständig anhalten, und auf Gottes wahrhaftige Verheißung uns verlassen, wie Habakuk am 2. Cap. spricht: Ob die Verheißung verzieht, so harre ihrer; sie wird gewißlich kommen und nicht verziehen. Siehe, wer halsstarrig ist, der wird keine Ruhe in seinem Herzen haben; denn der Gerechte lebet seines Glaubens. Weil aber der Verzug göttlicher Hülfe viel und mancherlei Anfechtung mit sich bringt, wie wir im heutigen Evangelio, als in einem Spiegel sehen, so ist vonnöthen, daß sich christliche Herzen darauf gefaßt machen, wie man denselben begegnen solle. Derer werden hier vornämlich drei beschrieben:

  1. Daß der Herr kein Wort antwortet. –
  2. Daß er spricht, er sei ihr nicht zu gut gesandt.
  3. Sie sei seiner Wohlthaten nicht werth.

I. Die erste Anfechtung, daß der Herr ihr kein Wort antwortet.

Bei der ersten Anfechtung müssen wir das Gebet dieses Weibleins besehen. Dasselbe begreift drei Stücke in sich: 1. Die wahre Erkenntniß unsers Herrn Jesu Christi, denn sie spricht: Ach Herr, ras ist, du ewiger allmächtiger Gottessohn, du Sohn Davids, der du bist der wahre Messias und Heiland der Welt. Das ist die Erkenntniß der Person und des Amtes Christi. 2. Begreift ihr Gebet das rechte Fundament der Erhörung, nämlich Gottes Gnade; denn sie spricht: Erbarm dich mein. 3. Erkennt sie auch ihr Elend, und hälts dem Herrn vor; denn sie spricht: Meine Tochter wird vom Teufel übel geplaget. Dies ist nun die rechte Betekunst, wenn ich beten will, daß ich im Glauben den Herrn Jesum ansehe, seine Person und sein Amt, und gedenke: Siehe, mein Herr Jesus ist gleichwohl ein wahrer Gott, der meine Noth stehet und weiß, der auch mein Gebet erhört. Er ist auch ein wahrer Mensch, der Mitleiden mit mir hat, weil er in allen Dingen versuchet ist; es ist gleichwohl sein Amt, daß er mir helfe.

Zum Andern weiß ich auch, daß ich im Gebet allein auf seine Barmherzigkeit sehen muß, und nicht auf meine Würdigkeit. Nicht um meiner Person willen, nicht um meines Betens willen erhöret er mich, sondern um seiner Barmherzigkeit willen. Denn er ist reich von Barmherzigkeit über Alle, die seinen Namen anrufen. Bin ich gleich ein unwürdiger Sünder, so ist doch unser Gott gnädig, und ist viel Erbarmung bei ihm.

Zum Dritten mußt du auch dein Elend recht erkennen und bekennen, wenn du recht beten willst. An diesem dritten Stück mangelt’s vielen Betern, die da oft dem Teufel tiefer im Rachen stecken, als sie wohl meinen. Bitten oft um Abwendung leiblichen Elendes; aber die geistliche Noth, darin sie stecken, daß der Satan ihr Herz mit Hoffart, eigener Ehre, Geiz, Zorn, Haß und Neid, und mit mancherlei Greueln erfüllet hat, erkennt der tausendste Mensch an sich selbst nicht; will vom zeitlichen Uebel und Elend erlöst sein, und erkennt das größte Elend seiner Seele nicht, bringt nicht vor Gott das rechte Opfer, ein zerbrochen und zerschlagen Herz. Siehe, das lerne erst: Sich selbst und sein Elend recht erkennen; das ist die schwerste Kunst. Darum hat ein weiser Mann, als er gefragt ward, was das schwerste Ding wäre, geantwortet: Sich selbst erkennen. Was denn das Leichteste wäre? Einen Andern urtheilen. Siehe, so kannst du nun nicht recht beten, du mußt diese drei Stücke haben: 1. Christum recht erkennen. 2. Allein auf Gottes Gnade bauen. 3. Dein Elend recht erkennen. Wenn du nun also recht beten gelernt hast, wie das cananäische Weib, und der Herr antwortet dir kein Wort, wie diesem Weiblein auch geschieht, das ist, wenn dir der Herr auf dein Gebet keinen Trost, noch Hülfe widerfahren läßt, was sollst du dann thun? Sollst du bald müde und lässig werden und allen Glauben, Hoffnung und Gebet fahren lassen? Nein, nein! Ja, wofür soll ich denn ein solch Stillschweigen meines lieben Gottes halten? Soll ich’s dafür halten, daß er meiner nicht achte, oder vergessen habe? Ach nein, er hat deiner nicht vergessen! Wobei soll ich aber das merken, weil er mir nicht antworten und helfen will? Drei Dinge mußt du wider diese Anfechtung gebrauchen: 1. Die Wahrheit des Wortes Gottes und seiner Verheißung. 2. Die Exempel der Heiligen. 3. Die Ursachen, warum Gott mit seiner Hülfe und seinem Trost verzieht.

1. Denn erstlich, obgleich Gott dir nicht bald hilft, und dich tröstet, daß du es empfindest, so ist und bleibt dir doch seine Wahrheit, sein Wort und Verheißung gewiß, fest und ewig. Es ist ein großer Unterschied zwischen den Verheißungen der Gnade Gottes, die allezeit fest, gewiß und ewig allen Gläubigen ist, und zwischen der Empfindlichkeit des Trostes und Freude des Herzens. Die verheißene Gnade ist allen Christen gemein, darauf ruhet ihr Glaube; aber der empfindliche freudenreiche Trost ist eine sonderliche Gabe, die Gott bisweilen in Anfechtungen entzieht. Aber die Verheißung der Gnade, so allen Gläubigen gemein ist, die bleibet ewig und daran mußt du dich halten, wenn dir Gott die Gabe des empfindlichen Trostes entzieht. Davon sagt David Ps. 73: Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, verstehe vor Traurigkeit, daß ich keinen empfindlichen Trost suhle, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Theil. Das ist, ich hange mit meinem Herzen an deiner Verheißung und Gnade, die ewig ist. Darum tröstet Gott der Herr die Betrübten in ihrer höchsten Traurigkeit und Angst, Jes. 54: Du Elende, über die alle Wetter gehen, und du Trostlose! Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer. Jes. 49: Zion spricht, der Herr hat mich verlassen. Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen? Meine Gnade soll dir doch bleiben, ob du gleich in deinem Herzen dieselbe nicht allezeit schmeckest.

2. Siehe an die Exempel der Heiligen. Wir zweifeln gar nicht daran, daß Hiob, David, Jonas und andere Heilige bei Gott in Gnaden gewesen sind; dennoch hat er oft eine geraume Zeit zu ihrem Gebet still geschwiegen, Ps. 22: Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht; und des Nachts schweige ich auch nicht. Und im 13. Ps.: Wie lange willst du meiner so gar vergessen? Wie lange verbirgest du dein Antlitz vor mir? Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele, und mich ängsten in meinem Herzen täglich? Ps. 77: Wird denn der Herr ewiglich verstoßen, und keine Gnade mehr erzeigen? Ist’s denn ganz und gar aus mit seiner Güte? Und hat die Verheißung ein Ende? Hat denn Gott vergessen gnädig zu sein? Wie betet Jonas im Bauch des Walisisches: Ich rief zu dem Herrn in meiner Angst, und er antwortete mir; ich schrie aus dem Bauch der Hölle, und du hörtest meine Stimme. Da meine Seele bei mir verzagte, gedachte ich an den Herrn.

3. Mußt du hier bedenken die Ursachen des Verzugs göttlicher Hülfe. 1. Ist’s eine Prüfung des Glaubens. Wie wollte doch unser Glaube geprüft werden, wenn uns Gott bald aufhülfe; und wie wollten doch des Glaubens Früchte hervorblühen und an’s Licht kommen? Darum daß Gott den verborgenen Schatz des Glaubens und der Geduld an’s Licht bringe, darum verzieht er die Hülfe, und darum hat er auch dem cananäischen Weiblein nicht bald geholfen. Was wüßten wir von ihrem Glauben, von ihrer Demuth, Beständigkeit und Geduld zu sagen, wenn der Herr durch die Anfechtung diesen verborgenen Schatz nicht hervorgebracht hätte? Was wüßten wir von Abrahams Glauben, wenn ihn Gott nicht in der Opferung Isaacs versucht hätte? Was wüßten wir von der Geduld Hiobs? Es wäre ja Schade, daß solcher Schatz verborgen bleiben sollte. 2. So thut’s Gott darum, daß das Gebet desto besser geübt werde. Jes. 26: Herr, wenn Trübsal da ist, so suchet man dich; wenn du sie züchtigest, so rufen sie ängstlich.‘ Wenn David keine Anfechtung gehabt, so wären wir seines schönen Gebetbuchs, des Psalters, beraubet, und der schönen Gebete der Heiligen, so in der Schrift stehen. 3. So verzieht er auch darum seine Hülfe, daß er uns dieser Welt müde und des ewigen Lebens begierig mache. Kann uns doch sonst der liebe Gott dieser Welt nicht müde machen.

Darum sollst du sprechen: Lieber Gott, ich bin wohl mit dir zufrieden, willst du mich hier nicht erfreuen, so erfreue mich im ewigen Leben, es ist doch hier eine kleine Zeit. Es ist viel besser, daß du mich dort ewig erfreuest, denn daß du mich hier eine kleine Zeit erfreuest. Ich will diese kurze Zeit gern dir zu Gefallen in Traurigkeit leben, auf daß ich dort mit dir in ewiger Freude leben mag.

II. Die andere Anfechtung, daß er spricht, er sei ihr nicht zu gute gesandt.

Ich bin nicht gesandt, denn nur zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel. Der Herr redet hier von seinem äußerlichen Amt, daß er seinen Amtsberuf nur im jüdischen Lande verrichten sollte, sonst erstreckt sich auch sein Amt und Reich über die Heiden. Denn er ist aller Heiden Trost, welches nach seiner Auferstehung recht angegangen ist, als die Heiden durch die Apostel berufen sind. Also entstehet oft im Menschen die hohe Anfechtung von der ewigen Gnadenwahl, und rühret vom leidigen Teufel her, welcher mit den feurigen Pfeilen die Herzen plagt und quält, und sie gern von Christo abreißen will; er führet sie von Gottes Wort auf ihre blinde Vernunft, welche außer Gottes Wort lauter Finsterniß ist, und endlich Verzweiflung mit sich bringt. Dagegen mußt du diese gewissen und beständigen Trostgründe merken.

Erstlich und vor allen Dingen mußt du auf Gottes Wort sehen, und nicht auf deine Vernunft, auch nicht auf das Gesetz, sondern auf das Evangelium. Denn das Gesetz erschrecket alle Menschen, das Evangelium aber tröstet. Der erste Trostgrund sind die allgemeinen Verheißungen Gottes, und der allgemeine Wille Gottes gegen alle Menschen, welchen auch Gott der Herr mit einem theuren Eide bestätigt hat: So wahr ich lebe, will ich nicht den Tod des Sünders. Siehe, in diesem gnädigen Willen Gottes bist du ja auch begriffen und in diesem theuren Eide Gottes; denn Gott redet hier insgemein von allen Sündern. Diesen allgemeinen gnädigen Willen Gottes hat St. Paulus im neuen Testament wiederholt, Apostelgesch. 17: Nun aber gebietet Gott allen Menschen an allen Enden Buße zu thun, darum, daß er einen Tag gesetzt hat, aufweichen er richten will den Kreis des Erdbodens. Dies ist eine tröstliche Schlußrede: Gott wird den ganzen Erdkreis richten; darum gebeut er, daß alle Menschen Buße thun sollen, damit sie dem schrecklichen Urtheil der Verdammniß entfliehen. Diesen gnädigen Willen Gottes wiederholt auch St. Petrus in seiner andern Epistel am 3. Cap.: Gott will nicht, daß Jemand verloren werde, sondern daß sich Jedermann zur Buße bekehre.

Dessen tröstet sich der große Sünder Manasse und spricht: Du hast nach deiner großen Güte Buße verheißen zur Vergebung der Sünden, und hast die Buße nicht gesetzt den Gerechten, sondern den Sündern. Siehe, was dieser thut, das thue du auch, und disputire nicht lange.

Der andere Grund ist das allgemeine Verdienst Christi, so für alle Menschen geschehen, wovon Joh. im 1. Brief am 2. sagt: Er ist die Versöhnung für unsere und der ganzen Welt Sünde. Darum, daß St. Paulus beweise, daß Christi Verdienst allgemein sei und alle Menschen angehe, setzet er eine tröstliche Schlußrede 1. Tim. 2: ES ist ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für Alle zur Erlösung. Denn Gott will, daß allen Menschen geholfen werde, und zur Erkenntniß der Wahrheit kommen. Ursach, er hat sich für Alle gegeben zur Erlösung. Deshalb spricht er auch Ephes. 1, u. Col. 1, daß durch Christum Alles versöhnet ist im Himmel und auf Erden. Dahin gehört der schöne Spruch Röm. am 5.: Wie durch Eines Sünde die Verdammniß über alle Menschen gekommen ist, also ist auch durch Eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen.

Der dritte Grund ist der allgemeine Beruf, welcher da fließt aus dem allgemeinen Verdienst Christi, darum hat Gott das Evangelium predigen lassen aller Creatur, Marc. 16, Col. 1. Warum? Den Glauben anzurichten, Röm. 10, und hat auch denen, die berufen sind, und Christum durch den Glauben annehmen, Vergebung der Sünden zugesagt und das ewige Leben, und die tröstliche Verheißung an den Glauben gebunden, daß Alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben sollen. Ja, er hat auch die Verheißung daran gehängt, daß er uns bis an’s Ende erhalten wolle, bis wir des Glaubens Ende, die Seligkeit davon bringen, wie Phil, l steht: Gott wird das gute Werk, das wir in euch angefangen, vollführen, bis an den Tag Jesu Christi, 1. Petr. 5: Gott wird euch vollbereiten, stärken, kräftigen, gründen.

Der vierte Trostgrund ist die heilige Taufe. Da hat Gott seinen ewigen Gnadenbund, welcher in Vergebung der Sünden stehet, Jerem. 31, mit dir insonderheit in der heiligen Taufe erneuet; ja Christus unser Herr ist mit dir in den Bund getreten, und hat sich taufen lassen, daß er dir die verheißene Kindschaft Gottes bestätige und du aller seiner Güter theilhaftig werdest. Darum St. Petrus die Taufe einen Bund eines guten Gewissens mit Gott nennet, 1. Petr. 3. Siehe, wenn du nun in solche Anfechtung geräthst, so folge diesem treuen Rath: Steig nicht hinauf in Gottes Rathskammer, und erforsche den Rath Gottes, das ist dir nicht befohlen, sondern bleibe unten. Fange unten an von deiner Taufe und sprich: Siehe, du bist getauft und in den Gnadenbund Gottes aufgenommen, Gott hat dich durch sein göttliches Wort berufen lassen, und will, daß du demselben glauben sollst. Denn er will durch sein Wort und seinen Geist in dir den Glauben wirken und erhalten bis an’s Ende. Christus ist auch für deine Sünde gestorben, denn er ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. So hat auch Gott seinen allgemeinen gnädigen Willen geoffenbaret. Er will ja nicht, daß Jemand verloren werde; darum will er auch nicht, daß ich verloren werden soll, so bin ich ja auch sein auserwähltes Kind. Siehe, das heißet von hinten anfangen, aus den Früchten den Baum suchen, von dem Strömlein zum Brunnen kommen. Das ist dadurch bedeutet, als Moses Gottes Angesicht zu sehn begehrte, und Gott sprach, das könne nicht geschehen, er wolle aber alle seine Güte an ihm vorübergehen lassen, so würde er ihm hintennachsehen und an seinen Gnadenwerken würde er ihn ernennen und sein Angesicht sehen. Darum rief Moses: Herr, Herr Gott, barmherzig und gnädig! Siehe nun ein Gleichniß, wenn du ein schönes Bächlein oder Strömlein findest, das schön, frisch und gesund und wohlschmeckend Wasser hätte, so sprichst du, das muß ein schöner gesunder Brunnen sein, daraus dieser Strom und dies frische Bächlein geflossen ist, und gingest demselben so lange nach, bis du den Brunnen findest, so kämest du dann zum rechten Ursprung des Bächleins. Also, wenn du den Brunnen deiner ewigen Seligkeit in der Gnadenwahl sehen willst, so fange von dem schönen Bächlein deiner Taufe an, und sprich: Ach, was ist deine heilige Taufe für ein schönes gnadenreiches Wasser, darinnen du so viel himmlische Güter gefunden hast! Wo mag es hergekommen sein? Siehe, so führet dich die Taufe zu Christo, deinem Erlöser, der hat sie gestiftet; Christus aber führet dich zu deinem himmlischen Vater, zu seiner ewigen Gnade und Erbarmung. Siehe, so hast du den Brunnen deiner Seligkeit gefunden!

III. Die dritte Anfechtung, sie sei seiner Wohlthaten nicht Werth.

Die dritte Anfechtung ist wegen ihrer Unwürdigkeit. Diese Anfechtung überwindet sie mit Demuth. Dies ist nun ein rechtes Kunststücklein, den allmächtigen Gott durch einen solchen demüthigen Glauben zu überwinden. Sie fängt den Herrn in seiner Rede. Der Herr spricht: Es ist nicht sein, daß man den Kindern das Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Darauf spricht sie: Ja, Herr, es ist freilich nicht sein, du sagst gar recht, den Kindern gebühret das Brot, ich achte mich aber für kein Kind, sondern wie du sagest, so bin ich auch ein Hund. Darum begehre ich auch solch Brot nicht, wie die Kinder essen, sondern nur Brosamlein, so die Kinder unter den Tisch fallen lassen, die doch sonst Hündlein auflesen. Laß mich nur jetzt ein solch Hündlein sein unter deinem Tische. Darauf antwortete der Herr: O Weib, dein Glaube ist groß! St. Marcus schreibt, der Herr habe auch gesagt: Nun, um des Wortes willen gehe hin, der Teufel ist von deiner Tochter ausgefahren. Siehe, also lerne nun auch durch den demüthigen Glauben die Anfechtung deiner Unwürdigkeit überwinden. Ach, wer sich doch recht gründlich vor Gott demüthigen könnte, wieviel Gnade würde derselbe empfangen! Dahin gehet die ganze heilige Schrift, daß die stolze Natur des Menschen niedergeschlagen, gedemüthigt und gar zu nichte gemacht werde, auf daß Gottes Gnade Raum und Statt im Menschen finde, welches nicht in einem stolzen, übermüthigen Geist geschehen kann, denn da wohnet Gott nicht, sondern in den zerbrochenen, zerschlagenen, gedemüthigten Herzen, als der Prophet Jesaias im 57. Cap. spricht; und abermal im 66.: Ich sehe aber an den Elenden, und der zerbrochenen Geistes ist, und der sich fürchtet vor meinem Wort. Wer nun die sind, die kennet Gott am besten, und ist nichts an dem bösen verkehrten Urtheilen, Richten und Vernichten der Menschen gelegen. Das muß ein jeder Christ lernen, daß er sich von Jedermann urtheilen und richten lasse, und muß viel Streiche der Welt erdulden lernen, und sich damit trösten, daß Gott der Herr, aller Herzen Kundiger, sein Herz kenne, und an jenem Tage den Rath der Herzen offenbaren wird.

Summa: Wer Gottes Gnade haben will, der lerne sich demüthigen, erniedrigen, sein Elend erkennen, sich für lauter nichts achten; er nehme sich selbst Alles und gebe Gott Alles, so wird er in dieser seiner Niedrigkeit groß vor Gott sein, ob er gleich vor der Welt verachtet und verlästert wird. Ach, was hat’s doch für Mühe und Arbeit, daß man den Menschen zur Demuth und Niedrigkeit bringe, daß er sein eigen Elend erkenne, auf daß er der Gnade Gottes fähig werde! Ein Mensch muß in sich selbst ganz und gar zu nichte werden, soll Gottes Gnade in ihm Raum und Statt finden. Dazu gebraucht Gott der Herr das liebe Kreuz, beides, das leibliche und das geistliche. Durch’s Kreuz nimmt Gott einem Menschen oft allen leiblichen Trost, daran das Herz hanget. Durch hohe geistliche Anfechtungen entzieht auch Gott dem Menschen den innerlichen geistlichen Trost, auf daß der Mensch inwendig und auswendig gar zu nichte werde, zu dem Ende, daß der Mensch recht gründlich gedemüthigt werde, und sein eigen Elend leiblicher und geistlicher Weise erkennen lerne, auf daß ihn Gott zu vielen Gnaden bereite.

Sehet den lieben Hiob an, der muß beiderlei Kreuz tragen, das leibliche und das geistliche, innerliches und äußerliches, aber welche große Gnade folget darauf! Gleichwie es nun dem heiligen Hiob ging, daß er nichts mehr hatte und behielt, dann daß er mit dem bloßen lautern Glauben an Gott hing, und an seinem Erlöser, also muß es auch mit einem jeden wahren Christen gehen; geschieht’s nicht im Leben, so geschieht’s auf dem Todtenbette. Das cananäische Weiblein hatte diese Demuth gelernet, und ihre eigne Nichtigkeit erkannt. Denn der Herr schalt sie für einen Hund, sie aber achtet sich noch geringer, und spricht, sie sei ein Hündlein, und hing also mit ihrem Glauben bloß, lauter und allein an Christo. Das kann kein ungebrochner stolzer Geist thun, der noch an seinen Kräften und an seinem Vermögen hanget. Darum beschließt der Herr: Dir geschehe, wie du geglaubet hast, oder wie du willst. Amen. –

August 31, 2019

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