Arnd, Johann – Passionspredigten – Elfte Predigt.

Portrait Arnd

2. Mose am 28. lesen wir, daß der Herr befohlen, dem Hohenpriester einen seidenen Rock zu machen von gelber Seide und rings herum güldene Schellen oder Cymbeln, und der Hohepriester habe ihn müssen anhaben, wenn er dienete, damit man seinen Klang hörete, wenn er aus und einging in das Heilige vor dem Herrn, daß er nicht sterbe.

Dieser äußerliche Schmuck des Hohenpriesters ist eine Bedeutung des geistlichen Schmuckes unsers ewigen Hohenpriesters Jesu Christi, ob er wohl über seinen ganzen heiligen Leib blutrünstig, voller Wunden und Striemen, und demnach vor menschlichen Augen abscheulich und kläglich ist, so ist er doch vor Gott und allen gläubigen Augen mit dem allerschönsten Schmuck seines heiligen Blutes bekleidet, welches weit besser ist als alle güldenen Stück und Kleinod; und in demselben muß er vor Gott erscheinen zu versöhnen das Volk. Die güldenen Cymbeln aber oder Schellen an des Hohenpriesters Kleide, und derselben Klang, bedeuten unsers ewigen Hohenpriesters Gebet, und die Worte, so er am Kreuz geredet, die geben einen lieblichen Klang vor Gottes Ohren, dadurch uns Gott gnädig wird, und sollen auch diese güldenen Cymbeln des Herrn immer in unsern Herzen klingen, denn unser ewiger Hoherpriester schmücket uns auch mit diesem Schmuck, mit seinem heiligen Blute und mit seiner Fürbitte, und mit seinem Namen Jesu als mit einem lieblichen Klang, wenn wir in seinem Namen beten.

Und gleichwie der Hohepriester des alten Testaments sterben mußte, wenn er dies Kleid mit den Cymbeln nicht anhatte, wenn er vor Gott kam, also müssen wir sterben, wenn wir diesen Schmuck nicht vor Gott bringen, denn er hat uns auch zu geistlichen Priestern gemacht und geheiliget durch Christum.

Wir wollen auf diesmal von dem dritten und vierten Wort des Herrn handeln, so er am Kreuz geredet.

  1. Von der Eröffnung des Paradieses.
  2. Von Christi Verlassensein.

I. Das dritte Wort: Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.

1. Aus dem Paradiese waren wir verstoßen, Gott hatte unsere ersten Eltern daraus getrieben, und einen Cherub mit einem hauenden Schwerte davor gelagert, zu bewahren den Weg zum Baume des Lebens.

Durch Christi Genugthuung und Versöhnung aber wird nun den Sündern, auch den größten Sündern, wenn sie sich bekehren, der Weg zum Paradies wieder eröffnet, und der Cherub mit seinem hauenden Schwert, der den Garten belagert, abgeschafft. Der Cherub aber mit seinem hauenden Schwert ist das Gesetz und die gestrenge Gerechtigkeit Gottes, welche ohne Genugthuung und vollkommene Zahlung Niemanden in’s Paradies hineinlässet.

Weil nun dem Gesetz und der Gerechtigkeit Gottes genuggethan ist, so muß der Cherub mit seinem hauenden Schwert hinweg, und muß die armen Sünder wieder hineinlassen in’s Paradies, nicht zwar als Sünder, sondern als Gerechte, die durch Christi Blut gerecht gemacht sind.

Der Erzvater Jacob hat eine Himmelsleiter gesehen, 1 Mose am 28., darauf die Engel Gottes auf- und absteigen. Siehe, komm hierher, schaue Christum am Kreuz an, da stehest du die Himmelsleiter, sein Kreuz, auf der Erden stehen, und sein Verdienst reichet in den Himmel und eröffnet das Paradies, daß unsre Seelen an ihm hinaufsteigen können. Seine Menschwerdung, sein Evangelium, sein Leiden, seine Unschuld, sein Gehorsam, seine Geduld, seine Fürbitte, sein Kreuz, sein Tod, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt, das sind die Staffeln an dieser Himmelsleiter, auf denselben mußt du hinaufsteigen.

2. Der Herr betheuert’s mit einem Eide. Wahrlich, spricht er, ich sage dir. Ach, wie herzlich gerne wollte der Herr Christus, daß wir ihm dies Wort von Eröffnung des Paradieses glaubten, damit er Alle die, so an ihn glauben, mit in’s Paradies nehmen könne! Ach, wie ist das ein großer Trost, daß wir wissen, wo unsere Seelen hinkommen, wenn wir abscheiden! Unsere Seele ist unsterblich, und der edelste, beste Theil des Menschen, und behält den Verstand, den Willen, die Liebe, die Freude; und weil ein Paradies nichts anders ist denn eitel Freude und Wonne und lieblich Wesen, so könnet ihr leicht denken, wie unsere Seele in ihren wesentlichen Kräften erfreuet und erquicket werden muß, in ihrem Verstand und Willen, in ihrer Liebe u. s. w.

Der Leib empfindet wohl nichts, denn da ist der Verstand und alle Sinne hinweg gewichen, darum fühlet er nichts, er ruhet und schläft bis an den jüngsten Tag, aber die Seele ist im Paradies in ewiger Freude und Wonne.

Darum laßt uns oft gedenken an das Wort des Herrn: Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Das ist das güldene Cymbelchen, das in unsern Herzen wohl klinget.

Ja, sprichst du, wenn dies nicht ein sonderlich Exempel etwa wäre. Wer weiß ob ich mich auch dessen zu trösten habe, vielleicht hat der Herr Christus in seinem Leiden, weil er eben da am Kreuz sterben mußte, etwas Sonderliches thun und eine Seele mit sich in’s Paradies nehmen wollen? Antwort: Daß der Herr Christus diese Seele mit sich nahm und ihr das Paradies eröffnete, das ist eine Frucht seines Leidens. Nun gehet ja dieselbe über alle Menschen und werden derselben alle Gläubigen theilhaftig. Darum Offenbarung am 14. stehet: Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Ebenso Jesaiä 5, daß die gläubigen Seelen alsobald vom Tode zum Leben hindurch dringen.

Darum, was der Herr am Kreuz für einen Trost diesem bußfertigen und bekehrten Sünder zuspricht, dessen haben sich alle Bußfertigen und Gläubigen zu trösten.

3. Wir haben hier zu bedenken die Bekehrung und den großen Glauben des Schächers. Er höret und stehet, wie sich alles Volk nicht allein an dem Herrn Christo ärgert, sondern daß ihn Jedermann lästert und schmähet.

Er stehet auch, daß er da in großer Schmach und großem Elend am Kreuz hänget und sterben muß, von allen Menschen verlassen; noch verlässet er sich auf ihn.

Er stehet auch, daß sich der Herr diesmal selbst nicht helfen kann, menschlich also zu reden, und eben sowohl sterben muß als er. Noch glaubet er an ihn und begehret Hülfe von ihm und nennet ihn Herr. Dies Wort ist wider alle Vernunft, einen solchen elenden Wurm Herr zu nennen.

Ferner spricht er: Gedenke an mich. Damit bekennet er seine Unsterblichkeit; denn daß er doch seiner gedenken könne, wenn er gleich stürbe, ist auch wider alle Vernunft.

Drittens: Wenn du in dein Reich kommst. Damit bekennet er ihn für einen König, und glaubt, daß er ein Reich habe.

Da sehet ihr 1. Daß der Glaube wider alle Vernunft ist. 2. Daß sich der Glaube am Kreuz Christi nicht ärgert. 3, Daß er nicht stehet auf’s Gegenwärtige und Sichtbare, sondern auf’s Zukünftige und Unsichtbare.

Diesen Glauben hat Gott der Herr in diesem, armen Sünder gewirkt, durch’s Gebet des Herrn, da er sprach: Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun.

Sehet, die Predigt von Vergebung der Sünden erwecket den Glauben an das gnädige Vaterherz Gottes, so uns im Evangelio geoffenbaret wird! Es wirket die kindliche Zuversicht zu Gott. Denn wir sehen hier, daß der Schacher das zu Herzen nimmt, daß der Herr, Gott, seinen Vater, bittet, er wolle ihnen diese Sünde vergeben. Daraus schließt er: Siehe, ich bin auch ein Sünder; ach, er wird für mich auch bitten, und meiner bei seinem Vater gedenken. Als wollte er sprechen: Herr, bittest du für die Sünder, so gedenke auch an mich, wenn du zu deinem Vater in dein Reich kommst. Darauf spricht der Herr, ich will deiner nicht allein gedenken, sondern dich alsobald mitnehmen: Heute sollst du mit mir im Paradiese sein.

Sehet, der Herr antwortet auf keine Scheltworte, auf keine Schmach, auf keine Injurien. Sobald aber der arme Sünder ruft, sobald antwortet er, und giebt ihm mehr denn er bittet.

Ferner erwecket und wirket des Herrn Gebet in dem Schacher die Furcht Gottes. Denn er spricht zu dem andern: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott? Daraus ist abzunehmen, daß er sich vor Gott gefürchtet habe wegen seiner Sünden. Weil er hört, daß der Herr Christus für die Sünde bittet, denket er: O wehe, es muß große Strafe auf die Sünde folgen, wo sie nicht vergeben wird!

Sehet, das ist die wahre Reue im Herzen, die auch eine Furcht vor Gott in sich begreift; darauf wendet er sich bald zum Herrn und spricht: Herr gedenke auch an mich, daß ich Gnade bei deinem Vater haben möge. Das ist der Glaube.

Drittens wirket des Herrn Gebet in diesem armen Sünder auch die wahre Erkenntnis; Christi, seiner Person und seines Amts, indem er ihn nicht allein für einen Herrn und König bekennet, sondern für einen solchen Herrn, der an die armen Sünder gedenke. Ach, das ist eine schöne Erkenntniß Christi, daß er an die armen Sünder gedenke in seinem Reiche.

Viertens erkennet auch dieser arme Sünder des Herrn Unschuld aus den Worten, die der Herr spricht: Denn sie wissen nicht, was sie thun. Daraus schließet er: wissen sie nicht, was sie thun, so muß dieser unschuldig sein. Darum spricht er: Dieser hat nichts Ungeschicktes gehandelt, er leidet unschuldig.

Fünftens, aus diesem seinem Glauben folget nun die Liebe. Denn er wollte seinen Mitgesellen auch gerne bekehren, darum straft er ihn und will soviel sagen: ach, fürchtest du dich denn nicht vor Gott? Du weißt ja wohl, was für greuliche Sünde wir begangen haben, willst du noch diesen unschuldigen Herrn lästern? Du möchtest ihn wohl bitten, daß er für dich bete bei seinem Vater, daß er dir deine Sünde vergebe, wie er jetzo für das Volk gebeten hat.

Da sehet ihr nun, wie die Bekehrung der armen Sünder zugebet, und wie sie Gott allein durch’s Wort wirket, deswegen wir fleißig auf die Stimme des heiligen Evangelii Acht geben sollen, denn dadurch erleuchtet und bekehret uns Gott.

II. Das vierte Wort: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

In diesen Worten ist beschrieben das allergrößeste, schwerste, innerliche Leiden des Herrn, da er recht den vollkommenen Zorn Gottes gefühlet, den Fluch, die Vermaledeiung des Gesetzes und Verstoßung. Da er in seinem Herzen keine Gnade, sondern eitel Zorn, keinen Trost, sondern Schrecken und Höllenangst gefühlet. Denn das ist die rechte Hölle, Zorn, Schrecken, Furcht, keine Gnade und keinen Trost empfinden. Ach, die heilige und gerechte Seele des Herrn, die voll Gottes gewesen ist, was leidet sie jetzo! Ach, wo ist das Freudenöl, damit du gesalbet bist, du Himmelskönig! Wie hat sich deine ewige, göttliche Natur, damit du vereiniget bist, so tief verborgen in deiner Erniedrigung! Es hätte diese Höllen- und Seelenangst kein pur lauter Mensch ausstehen können, darum auch kein pur lauter Mensch für uns gelitten hat, sondern die Person, die Gott und Mensch ist. Wir können’s aber nicht begreifen, weil Christi Leib und Seele mit der ewigen Gottheit vereinigt war, wie er gleichwohl solche Seelenangst hat leiden können, daß er klagt: Gott habe ihn verlassen, wie auch der 8. Psalm sagt: Du wirst ihn lassen eine kleine Zeit von Gott verlassen sein. Darum ist’s über unsern Verstand, wir müssen auch davor erschrecken, weil wir diese äußerste Noth hören.

Ob nun wohl die äußerste Seelennoth vorhanden, und Gott ihm allen Trost wirklich entzogen, so bleibet doch in dem Herzen Christi der allerstärkste und vollkommenste Glaube und Hoffnung und Liebe. Denn er ruft: Mein Gott, mein Gott, und wiederholet die Worte nicht umsonst, anzuzeigen seinen vollkommenen und starken Glauben, und erinnert seinen himmlischen Vater dadurch, daß er doch wolle daran gedenken, daß er sein Gott sei; er werde ja nicht aufhören sein Gott zu sein, weil er sich allein auf ihn verlasse und an ihm hange, und allein auf ihn hoffe. Das ist nun der allergrößeste, herrlichste und vollkommenste Glaube, dadurch Christus unsern Unglauben gebüßet hat, und uns damit erworben, daß Gott unsern schwachen Glauben nicht werde verwerfen und das glimmende Docht nicht auslöschen, und das zerbrochene Rohr nicht vollends zerbrechen. Und wenn uns in großen Nöthen diese Anfechtung plagt, Gott habe uns verlassen, so sollen wir an dies Jammergeschrei des Herrn gedenken, welches darum geschehen ist, auf daß uns Gott nimmermehr verlasse. Jesaia am 49. Capitel: Zion, spricht der Herr, hat mich verlassen u. s. w.

Wie kann Christus dein vergessen, der dich am Kreuz in seine Hände gezeichnet? Darum sollst du nach dem Exempel Christi wissen und glauben, daß Gott mitten im Kreuz dein Gott und Vater sei. Er wird dich gewißlich nicht verlassen, wenn du nur im Glauben und Gebet beständig anhältst, du bist doch sein Kind im Kreuz, gleichwie Christus unser Herr Gottes Sohn blieb mitten in seinem größesten Leiden.

2. Lernen wir hier, welch eine unerträgliche Last die Sünde sei, wie sie das Gewissen ängstet, und die Seele peiniget. Das ist der rechte Stachel des Todes, ja des ewigen Todes, damit der Tod die Seele quälet; und die Kraft der Sünde ist das Gesetz. Das ist der Fluch und die Vermaledeiung, und das Schrecken, Zittern und Zagen, und der Zorn Gottes, und die Verstoßung. Denn der Zorn Gottes, das verzehrende Feuer, ist eine endlose Strafe für endlose Sünde. Das hätte Christus nicht können ausstehen, wenn er ein bloßer Mensch gewesen. Sehet, das ist das Gesetz mit seiner Kraft, das hat Christus vollkömmlich für uns ausgestanden! Denket doch, von welcher ewigen Angst und Noth er unsere Seelen erlöset hat, und danket ihm dafür!

3. Christus als unser Bruder hat darum diese Angst gelitten, aus daß er mit allen Verlassenen Mitleiden haben könne. Er klaget, er sei verlassen von Gott, und wenn wir diese Anfechtung und Elend auch fühlen, und ihm dasselbe klagen, so wird er unsere Noth, die er selbst gelitten und ausgestanden, zu Herzen nehmen und uns zu Hülfe kommen, weil er in allen Dingen versucht ist, gleich wie wir, wie Hebräer am 5. stehet: Wir haben nicht einen solchen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unserer Schwachheit; und darum können wir mit aller Freudigkeit zu ihm treten als zu dem Gnadenstuhl, sintemal darinnen er gelitten hat und versuchet ist, kann er denen helfen, die versucht werden. Und im 31. Psalm spricht David: Du erkennest meine Seele in der Noth.

4. Ist hoch zu verwundern, daß Gott der Herr durch den Mund Davids diese kläglichen Worte des Herrn: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?, soviel hundert Jahre zuvor durch den heiligen Geist hat verkündigen und weissagen lassen, wie auch seine Schläge, Striemen, Verachtung, Schmerzen, Hohn und Schmach, auf daß wir nicht allein die ewige Wahrheit, Weisheit und Gerechtigkeit Gottes, und seinen unerforschlichen Rath daraus zur Stärkung unsers Glaubens erkennen sollen, und daß Gott diesen seinen lieben Sohn zu unserm Versöhnungsopfer und Sündenträger und Erlöser verordnet habe, sondern daß wir auch lernen sollen, wie Gott Alles, was Christus hat leiden sollen um unsertwillen, versehen, verordnet, beschlossen und verkündigen lassen. Also hat er allen Gläubigen, so in Christo Jesu sind, ihr Kreuz und Leiden, ihre Verfolgung, ihren ganzen Lauf ihres Lebens, durch seine ewige Weisheit und Versöhnung verordnet, und dieselben Leiden und Kreuz, so Gott einem jeden in seinem Rath verordnet hat, die muß er, er soll sie auch, geduldig leiden und aufnehmen, als ein großes Heiligthum Gottes, weil es Gott in seinem Rath also beschlossen hat. Dadurch wird der Mensch Gott dem Herrn ein angenehmes Opfer, und erfüllet Gottes Rath, Weisheit und Wohlgefallen durch seinen Gehorsam. –

August 31, 2019

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