Arnd, Johann – Passionspredigten – Sechszehnte Predigt.

Wir lesen, daß unser lieber Gott den Kindern Israel geboten 2. Mose 12, daß sie von dem Monden, in welchem ihnen Gott befohlen das Osterlämmlein zu schlachten und zu opfern und dabei das Fest der süßen Brote zu feiern, das Jahr haben müssen ansahen, und mit dem geschlachteten Osterlämmlein das neue Jahr haben feiern müssen. Gott hat damit andeuten und lehren wollen, daß, wenn nun das rechte Osterlämmlein, Christus Jesus unser Herr, käme, und sich für die Sünde der Welt aufopfern und schlachten lasse, daß dann das neue, rechte, evangelische Gnadenjahr angehen sollte, das neue Testament, und das Fest der rechten süßen Brote des heiligen Evangelii der Lauterkeit und Wahrheit; und es sollte das neue Testament, durch’s Blut des wahren Osterlämmleins bestätiget werden, und dadurch das alte Testament mit den figürlichen Opfern und Ceremonien ein Ende nehmen. Darum stellet sich nun das wahre Osterlämmlein ein, welches ist Christus, und will mit seinen Jüngern die letzte alte Ostern essen, und eine neue stiften, und also das neue evangelische Jahr, das neue Testament ansahen; darum nennet er auch in der Stiftung des Abendmahles sein Blut, das Blut des neuen Testaments.

Wir wollen jetzo zwei Stück handeln:

  1. Von der Zeit des Leidens Christi, daß es auf Ostern hat geschehen müssen, und wie er mit seinen Jüngern das letzte Osterlämmlein gegessen und dabei das Nachtmahl gestiftet.
  2. Wie unser lieber Herr auf dem Wege nach dem Oelberge seinen Jüngern eine Trauerpredigt gethan, und sie vor ihrem Fall gewarnet.

1. Von der Zeit des Leidens Christi.

Bei dem Osterlämmlein ist erst die Erfüllung der Schrift zu betrachten. Denn daß unser lieber Herr aus Gottes Vorsehung auf’s Osterfest gelitten hat, ist nicht ohne sonderlich großes Geheimniß geschehen, denn hiermit wird uns die Frucht seines Leidens und Todes abgebildet. Denn gleichwie zu der Zeit die Kinder Israel leibeigene und gefangene Knechte des Pharao waren, und mit alltäglicher Arbeit belästiget, daß sie darüber nach der Erlösung seufzeten, also waren wir Alle des Satans Leibeigene, in ewiger Dienstbarkeit, und Alle dem ewigen Tode unterworfen. Wie aber die Kinder Israel ohn all ihr Verdienst, aus lauter Gnade Gottes, durch das Blut des Osterlämmleins beschützet sind, daß der Würgeengel vor ihren Häusern nicht allein vorüberging, sondern sie auch dadurch erlöset wurden, also sind wir Alle durch’s Blut Christi, des rechten Osterlämmleins, aus unsrer Leibeigenschaft und Gefängniß der Sünde, des Todes und des Teufels erlöset.

Und wie die Kinder Israel das Osterlämmlein also essen mußten als Wegefertige und Stäbe in ihren Händen haben, auch mit bitterem Salz und süßem, ungesäuerten Brot, also sollen wir, die wir durch Christum zu einem viel andern und bessern Leben erkaufet und erlöset sind, uns selbst für Pilger und für Wegefertige halten, und stetig, ohn Unterlaß nach dem himmlischen Vaterland reisen, mit dem bittern Salz des Kreuzes, vorlieb nehmen, in Reue und Leid unsre Reise, das ist, unser Leben, zubringen, und die süßen Brote des neuen Lebens täglich essen.

2. So ist zu besehen der Ort; da der Herr das Osterlämmlein hat bereiten lassen. Der Herr zeiget den Jüngern den Ort, und das Zeichen, dabei sie erkennen sollen, daß sie eben in dem Hause das Osterlämmlein zurichten sollen. Daraus erkennen wir die ewige Gottheit, Allmacht und Allwissenheit unsers lieben Herrn Jesu Christi, daß er Alles gewußt.

Denn nachdem er den schmählichen Tod des Kreuzes hat leiden wollen, wollte er seinen Jüngern seine Gottheit zu erkennen geben, dem Aergerniß des Kreuzes zu begegnen. Denn dies ist ja ein gewaltig Zeugniß seiner Allwissenheit, daß er abwesend weiß, was in der Stadt geschieht, ja, daß es eben um die Zeit geschehen würde, wenn seine Jünger in die Stadt kommen werden. Ja, dieser unser Herr weiß es nicht allein, daß es also geschehen werde, sondern er ordnet’s also nach seiner Allmacht, daß es so geschehen muß, ehe es geschieht. Denn er lenket dieser Menschen Herz und machet dieselben willig ihn aufzunehmen und ihm zu dienen. Das ist ein Bild des Reiches Christi in uns; wenn er ein Herz beweget ihn lieb zu haben, und es zu allem Guten treibet, so merket das Reich Christi in euch.

Dies giebt uns einen schönen Trost, daß er alle unsre Trübsal und Anliegen weiß; und weil er’s weiß, so erbarmet er sich darüber aus Mitleiden, und lindert’s. Es ist ihm auch gar leicht eine Herberge zu bestellen, ob er gleich so viel nicht hat, da er sein Haupt hinlegen kann. Also will er uns in unsrer Armuth, Elend und Verfolgung ein Oertlein verschaffen, da wir bleiben mögen. Und weil jetzo viel Länder und Völker dem Herrn Christo ihre Häuser nicht leihen wollen, daß er bei ihnen daß Osterlämmlein essen und halten möge, sondern verstoßen und vertreiben den Herrn mit seinem Nachtmahl, so wird der Herr wohl noch ein Oertlein finden, da er mit seinen Jüngern das rechte Osterlämmlein halten möge.

3. Ist wohl in Acht zu nehmen die Abschaffung des alten Osterlämmleins, und die Einsetzung des neuen Osterlämmleins. Denn 1. hat der Herr hiermit bezeugen wollen, daß er das rechte Osterlämmlein sei, so für uns geopfert und geschlachtet werden sollte. Demnach sollte nun hinfort das alte Osterlämmlein seine Endschaft gewinnen, denn solcher Figur und Zeichen werde man nicht mehr bedürfen, weil nun das rechte Osterlämmlein vorhanden, und geopfert werden sollte.

2. Darum stiftet der Herr gar ein Neues und Sonderliches, nimmt das Brot, danket, das ist, er betet und segnet dasselbe von Neuem, und sondert es hier mit dieser neuen Handlung von dem gemeinen Brot, das sie sonst über der Mahlzeit haben, und spricht: Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Er bezeuget damit ausdrücklich, daß er hier gar ein Neues stifte, das zuvor nie gestiftet noch verordnet gewesen ist, und den Jüngern nicht schlecht Brot zu essen gebe, sondern seinen Leib. Das ist ja zuvor nie geschehen, nie gestiftet, noch verordnet gewesen, nämlich des Herrn Leib zu essen. Darum aber hat der Herr durch diese neue Stiftung seinen Leib zu essen verordnet und befohlen, damit zu bezeugen, daß er das rechte Osterlämmlein sei, das wir nun essen sollten, nämlich seinen Leib. Jenes sollte seine Endschaft haben, dieses sollte nun bleiben bis an’s Ende der Welt.

Gleichwie er nun eine ganz neue Speise giebt und verordnet, nämlich seinen Leib, also verordnet und stiftet er auch einen neuen Trank, der zuvor nicht verordnet und eingesetzet gewesen ist. Darum nimmt er den Kelch mit dem Wein, danket, das ist, er betet auf’s Neue und segnet den Wein und spricht: Trinket Alle daraus, das ist mein Blut. Er bezeuget damit, daß er den Jüngern nicht schlechten Wein zu trinken gebe, sondern sein Blut. Er bezeuget damit, er wolle nun des alten Osterlämmleins Blut, damit sie ihre Thüren bestrichen, hiermit aufgehoben und nun sein eigen Blut als des rechten Osterlämmleins dagegen zu genießen und zu trinken verordnet haben. Dasselbe bekräftiget der Herr, daß es nämlich sein eigen Blut sei als des rechten Osterlämmleins mit dreien Gründen. Denn er spricht:

  1. Das ist mein Blut des neuen Testaments, das ist, ihr sollet nicht mehr das Blut des alten Testaments, nämlich das Blut des alten Osterlämmleins gebrauchen, denn das ist eine Figur und Bedeutung meines Blutes gewesen, sondern ihr sollet hinfort nun des Bluts des neuen Testaments genießen, welches nicht mehr eine Figur, Zeichen und Bedeutung sein soll, sondern mein eigen Blut des neuen Testaments, oder des neuen Bundes ist, welchen ich mit euch stifte, daß ihr nämlich durch mein Blut von dem höllischen Würgeengel, dem Teufel und Tode befreit sein solle,
  2. Bekräftiget’s der Herr mit den Worten: Das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Das ist, das Blut des alten Osterlämmleins ist nicht darum vergossen, daß ihr dadurch Vergebung der Sünden und ewige Erlösung haben solltet, sondern es ist nur eine Figur und Bild der ewigen Erlösung gewesen. Dieweil ihr aber durch mein Blut Vergebung der Sünden, und die ewige Erlösung haben sollet, darum gebe ich’s euch nun zu genießen und zu trinken, als das Lösegeld und die Bezahlung eurer Sünde, dadurch ihr erkauft seid.
  3. Bekräftiget’s der Herr mit den Worten: Solches thut zu meinem Gedächtniß. Das ist, des alten Osterlämmleins Blut habt ihr an eure Häuser gestrichen zum Gedächtniß einer leiblichen Erlösung, mein Blut aber, als des wahren Osterlämmleins, sollet ihr genießen und trinken zu meinem Gedächtniß, das ist, zum Gedächtniß meiner Wohlthaten und sonderlich der ewigen Erlösung und Bezahlung eurer Sünden. Dies Gedächtniß meines Todes stifte ich nicht mit bloßem schlechten Wein, sondern mit meinem Leib und Blut, und nicht mit figürlichem Blute des alten Testaments, sondern mit meinem eigenen Blute des neuen Testaments. Diesen Verstand der wahren Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Sacrament geben die Worte der Einsetzung.
  4. So bezeuget auch die Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Abendmahl die Endursach und den Nutz, wozu es eingesetzet, nämlich, daß er uns habe ein Pfand lassen wollen seiner ganz brünstigen und herzlichen reinen Liebe, das kann ja nicht Brot und Wein sein. 2. Das allerkräftigste Gedächtniß seines Leidens und Todes und aller seiner Wohlthaten, das kann ja nicht mit Brot und Wein gestiftet werden. 3. Ein gewisses und allerköstliches Pfand unsrer künftigen Herrlichkeit und ewiger Beiwohnung bei ihm, das kann ja nicht schlecht Brot und Wein sein.
  5. Müssen wir hier bedenken die traurige Klage, so der Herr über Tisch führet, und spricht: Einer unter euch wird mich verrathen. Da hat er uns ein sonderlich herrlich Exempel der Freundlichkeit und Langmuth vorgestellet. Denn obschon unser lieber Herr den Judas kennet, und alle seine Untreue wohl weiß, so lässet er ihn doch bei sich am Tische sitzen, brauchet wider ihn keine Bitterkeit, noch Unfreundlichkeit, sondern warnet ihn mit großer Treue, ob er zur Erkenntniß seiner Sünden, und zu seinem ewigen Heil kommen möchte. Er führet dazu seine Warnung so bescheidentlich, daß er auch seiner Ehre schonet, und ihn nicht gerne verkleinern will, und .spricht: Wahrlich, ich sage euch, einer aus euch wird mich verrathen. Damit giebt er zu verstehen, daß ihm dieses nicht verborgen sei, und Judas gerne in eine Furcht bringen wollte, daß er doch bedenken solle, was er für eine schreckliche That im Sinne habe. Darum spricht er: Des Menschen Sohn gehet zwar dahin, wie von ihm geschrieben stehet; doch wehe dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn verrathen wird. Es wäre besser, daß derselbe Mensch noch nie geboren wäre. Als wollte er sagen, ob dies gleich geschehen muß, so bist du darum nicht entschuldiget, denn du liebest den Geiz und das Geld, und ladest dadurch ewige Strafe auf dich. Was werden dir doch die dreißig Silberlinge helfen, wenn du in der ewigen Verdammniß sitzest? Ja, würde dir das Geld helfen, wenn du gleich dreißig tausend Silberlinge bekämest, und verkaufest hiermit deine Seele dem Satan? Wirst du auch die Seele hernach wieder lösen können? Darum wäre es viel besser, du wärest noch nie geboren, wo du dich nicht bekehren willst.

Diese treuherzige Warnung bewegt den verstockten Judas nicht, sondern er wird noch trotzig und fragt: Bin ich’s, Rabbi? Und der Herr spricht: Ja, du bist’s. Darum, weil Alles an dir nichts hilft, sondern alle Warnung verloren ist, so thue bald, was du thun willst. Damit lehret uns der Herr, wie wir aller Menschen, auch unsrer Feinde Bestes und Seligkeit suchen und befördern und sie warnen sollen, ihre Sünde ihnen zu erkennen geben und das gerechte Urtheil Gottes ihnen vorhalten. Denn es gilt hier nicht ein Geringes, sondern die ewige Seligkeit.

II. Von Christi Gange nach dem Oelberge.

Der Herr Jesus gehet mit ihnen hinaus an den Oelberg. Diesen Ort hatte sich der Herr auserwählet, daß er sich daselbst zu seinem Leiden durch’s Gebet bereiten wollte, ja daß er sein Leiden an demselben Orte ansangen wollte. Oelberg bedeutet Friede. Der Friedefürst hat an diesem Orte des Friedens gefangen werden wollen. Daraus sehen wir, wie ganz willig der Herr Christus in seinen Tod gegangen; er hätte wohl an einen sichern Ort entfliehen können, da ihn Niemand gesucht und gefunden hätte, aber nein, er gehet an einen bekannten Ort, welchen der Verräther Judas wohl wußte. O, des freiwilligen, vollkommenen Gehorsams! O, des getreuen Herzens! O, der großen Liebe! Der Gehorsam mußte freiwillig sein, sonst wäre es nicht eine getreue Liebe, und eine vollkommene Liebe. Lasset uns unserm Erlöser von Herzen dafür danken, und ihm wieder ein getreues Herz und reine Liebe opfern.

2. Die traurige Warnung des Herrn an die Jünger ist wohl in Acht zu nehmen: Ihr werdet euch in dieser Nacht Alle ärgern an mir. Denn es stehet geschrieben: Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Heerde werden sich zerstreuen. Aber, nachdem ich auferstanden, will ich vor euch hingehen in Galiläa.

Zwei Dinge thut der Herr. 1. Sagt er ihnen ihre künftige Aergerniß zuvor. 2. Beweiset er’s auch aus der Schrift, aus dem Propheten Sacharja am 13. Cap.; und tröstet sie, er wolle sie wieder sammeln.

Erstlich will er so viel sagen: Ach, lieben Kinder, ich weiß, was für einen schweren Fall ihr thun werdet, wie ihr mich Alle verlassen und von mir fliehen, und mich allein lassen werdet, welches ich beklage und betrauere, und euch zuvor sage, auf daß ihr mit mir wachet und betet.

Daraus, Geliebte im Herrn, lernet, daß euer Erlöser und Seligmacher eure Schwachheit weiß, stehet und auf’s Beste kennet, also daß er uns auch davor warnet. Dadurch sollen wir zur Demuth bewogen werden. Denn daher kommt die Demuth, wenn man seine Schwachheit und Nichtigkeit erkennet, und daß man ohne und außer Gottes Gnade nichts ist, nichts kann, nichts vermag. Wer nun dasselbe erkennet und sich demüthiget, denselben erhält die Gnade Gottes und lässet ihn nicht fallen, oder richtet ihn ja wieder auf. Darum sei ja nicht stolz, sondern fürchte dich. Du hast viel größere Ursach demüthig zu sein, denn zu stolzieren. Denn darauf du stolzierest, kann dir in einem Augenblick genommen werden, und wenn’s auch ein Königreich wäre, wie dem Nebucadnezar geschehen ist. Demselben waren in einer Stunde die Güter der Seele und des Leibes und des Glückes genommen, und durch Hoffart verlieret er Gottes Gnade dazu. Bist du aber demüthig, so bleibet Gottes Gnade bei dir, und wird dich allezeit erhalten.

2. Daß aber der heilige Prophet Sacharja dies zuvor gesehen, was die Jünger des Herrn im Leiden Christi thun, wie sie ihn verlassen und fliehen werden, ist nicht also zu verstehen, als wenn dies Vorwissen Gottes und die Weissagung des heiligen Geistes eine wirkliche Ursach dieses Aergernisses wäre. Nein, mit nichten, sondern der heilige Geist hat die Schwachheit und Furchtsamkeit der heiligen Apostel zuvor gesehen, daß es geschehen werde, und darum zuvor verkündiget, auf daß man lernen solle, wie Gott alle Dinge zuvor weiß, ehe sie geschehen; und wie aller Menschen Sünden, Fälle, Gebrechlichkeit und Schwachheit dem lieben Gott nicht verborgen sei. Gleichwie die Schrift nicht darum von Judas geweissaget, daß er die Verrätherei thun müßte, sondern, weil er’s thun werde, darum hat sie es zuvor verkündiget. Solche Weissagungen sind keine Ursach der Sünde, sondern der heilige Geist hat’s zuvor gesehen, daß es geschehen werde.

3. Darnach, daß man aus denselben Weissagungen, weil sie so gewiß und gerade zutreffen, erkennen soll, daß unser Herr Christus der wahre verheißene Messias, und daß alle Schrift in ihm erfüllet sei, damit unser Glaube einen gewissen Grund habe und nicht wanke, und alle Welt mit der Schrift überzeuget werde; und daß wir uns darüber verwundern sollen, wie alle Dinge so gewiß zuvor verkündiget sind, und daß es der allmächtige Gott Alles weiß, wie es gehen werde. Darum sollen wir uns seiner Gnade, göttlichen Regierung und Schutz in allen unsern Wegen befehlen.

4. Es ist aber gleichwohl in dieser Weissagung des heiligen Propheten ein großer Trost; denn es wird der Herr Christus auch ein Hirte der zerstreuten Schafe genannt. Ach, der liebe Herr bleibet unser Hirte, wenn uns gleich menschliche Schwachheiten übereilen.

Ach, lieber Herr, verlaß die zerstreuten Schafe nicht, die aus Schwachheiten übereilet werden; bleibe nur Hirte und suche und sammle uns wieder; und laß uns Schafe bleiben, ob wir gleich aus Furcht zerstreuet werden, es werden ja die zerstreueten Schafe der Heerde auch Schafe genannt.

Darum tröstet der Herr die zerstreueten Schafe: Wenn ich auferstehe, so will ich euch wieder sammeln, so will ich vor euch hingehen in Galiläa.

Sehet, Geliebte im Herrn, wie ist das so herrlich erfüllet nach der Auferstehung des Herrn! Bisweilen kommt’s, daß im Kreuz und Verfolgung die Schafe gar zerstreuet werden, und ist dann, als wenn Christus begraben worden. So ist’s auch in großen Anfechtungen. Aber es kommt die Zeit, daß er in den Gläubigen wieder lebendig wird; so sammelt er seine Schafe wieder.

5. Ist die Antwort Petri wohl zu bedenken, darin der fleischliche Mensch abgebildet ist, der auf sein Vermögen allzuviel trauet. Denn so spricht St. Petrus: Und wenn sie sich gleich Alle an dir ärgerten, so will ich mich doch nimmermehr ärgern. Ach Petrus, wenn du doch hinzugethan hättest: Mit Gottes Hülfe, durch Gottes Gnade! Unser lieber Herr warnet ihn, denn er weiß sein Vermögen viel besser, denn Petrus selbst: Petrus, sagt der Herr, der Hahn wird heute nicht zweimal krähen, du habest mich denn dreimal verleugnet.

Sehet, Geliebte im Herrn, das ist auch geschehen, denn die Historie sagt, da der Hahn zum andernmal krähet, da hatte Petrus schon den Herrn dreimal verleugnet.

Sehet doch, wie Gott unsre Gebrechen kennet und zuvorsiehet, und wie gar nichts wir ohne ihn vermögen und können. Ach, wie sollte Gott unser Vermögen nicht wissen, er giebt uns ja Vermögen. Das Vermögen ist ja nicht unser, sondern Gottes. Wie sollte es doch Gott nicht besser kennen und wissen, denn wir? Darum ist’s gar närrisch, leichtfertig und vermessentlich, daß wir etwas zu thun uns erbieten, da doch das Vermögen nicht unser, sondern Gottes ist, und da es bei Gott stehet, wieviel wir thun sollen und können.

Darum lerne hier, daß du Alles nicht aus eigener, sondern aus Gottes Kraft thun sollst. Und wenn du gleich einen guten Vorsatz hast, so gedenke, daß du denselben nicht durch eigene Kraft, sondern durch Gottes Kraft vollbringest; und bitte, daß Gottes Kraft in deiner Schwachheit mächtig sei.

Ach, es ist eitel Gnade mit allem unsern Thun, wie St. Paulus sagt: Nicht ich, sondern Gottes Gnade, die in mir ist. –

August 31, 2019

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