Arnd, Johann – Passionspredigten – Siebenunddreißigste Predigt.

Am sechsten Sonntag in der Fasten, Palmarum. Matth. 21, 1-9.

Wie heilig und andächtig die lieben Alten und die erste Kirche diese Zeit, und sonderlich die stille Woche gehalten, ist unter andern auch daher abzunehmen, daß sie dem Herrn Christo sonderliche holdselige und trostreiche Namen gegeben, nach den Geschichten, so sich auf jeden Tag in dieser Woche begeben haben. Gestern, Sonnabends, ist er ein lieblicher Gast gewesen. Denn sechs Tage vor Ostern, schreibt St. Joh. am 12. kam Jesus gen Bethanien, da Lazarus war, der Verstorbene, den Jesus von den Todten auferwecket hatte. Daselbst machten sie ihm ein Abendmahl und Martha dienere, Lazarus aber war deren einer, die mit ihm zu Tische saßen. Da nahm Maria ein Pfund Salbe von ungefälschter köstlicher Narde und salbete Jesu die Füße und trocknete sie mit ihren Haaren; das Haus aber ward voll vom Geruch der Salben. Da denke nun eure Liebe den Sachen in Gottes Furcht nach, welch ein herrlich Mahl das gewesen sein muß, da zugleich Gäste sind, einer der von den Todten auferwecket ist, und, der ihn auferwecket und lebendig gemacht hat. Haben beide mit einander gegessen, was müssen da für herrliche Gespräche und Tischreden gefallen sein? Da mag wohl der Herr ein lieber Gast gewesen sein.

2. Heute, Sonntag, wird der Herr ein demüthiger König genannt, wegen seines Einzugs in die Stadt Jerusalem, nach Sacharja 9: Dein König kommt zu dir sanftmüthig.

3. Morgen, des Montags, wird er ein gnädiger Richter genannt, wegen der Historie, so sich am Montag im Tempel zugetragen hat, da die Pharisäer die Ehebrecherin vor dem Herrn verklagten, welcher der Herr, ein gnädig Urtheil spricht, und sagt: Weib, wo sind deine Verkläger? Hat dich Niemand verdammet, so verdamme ich dich auch nicht. Gehe hin, und sündige hinfort nicht mehr, Johannis 8.

4. Auf den Dienstag wird er ein weiser Prophet genannt, darum, daß er von der Zerstörung Jerusalems weissagte Marc. 13, und Matth. 24. Denn als sich der Herr dem Tempel gegenübersetzte und seine Jünger zu ihm traten, sprechen sie: Meister, siehe, welche Steine? Welch ein Gebäude? antwortet der Herr: Wahrlich, es wird hier kein Stein auf dem andern bleiben.

5. Am Mittwoch wird er ein verkaufter Schatz genannt; denn am Mittwoch hat ihn Judas um dreißig Silberlinge verkauft, wie Sacharja 11 geweissagt ist: Ei, eine schöne Summe, der ich werth geachtet bin.

6. Am Donnerstag wird er das lebendige Brot genannt; denn da hat Christus sein heiliges Abendmahl eingesetzet und uns sich selbst zur lebendigen Speise gegeben.

7. Am Freitag wird er ein erwürgtes Lämmlein, genannt, weil er denselben Tag als das rechte Osterlämmlein geopfert und geschlachtet ist.

8. Am Sonnabend wird er ein Waizenkörnlein genannt, darum, daß er im Grabe geruhet und seinen Sabbath gehalten und als ein fruchtbares Sämlein in die Erde gepflanzet ist, Johannis 12.

9. Am Sonntage oder am fröhlichen Ostertage wird er ein starker Löwe genannt, darum, daß er den Tod überwunden und vom Tode auferstanden, wie Offenb. Joh. am 5. stehet: Es hat überwunden der Löwe vom Stamme Juda. Wer nun diese stille Woche wohl anlegen will, der sei im Herzen stille, und bewahre diese Gnadenwerke de? Herrn, so auf jeden Tag gehören: Den lieben und werthen Gast zu Bethanien, heute aber den demüthigen König, morgen den gnädigen Richter, auf den Dienstag den weisen Propheten, welcher auch von dem verfluchten Feigenbaum weissagte, auf die Mittwoch den verkauften Schatz, auf den Donnerstag das Brot des Lebens, auf den Freitag das erwürgte Lämmlein, auf den Sonnabend das Waizenkörnlein, auf den Ostertag den starken Löwen, der überwunden hat.

Wollen demnach auf diesmal aus dem heutigen Evangelio unsern demüthigen König betrachten und hören:

Warum er so demüthig und armselig zu Jerusalem eingezogen ist!

Und wollen für diesmal in dieser Predigt allein dies einige Stück vor uns nehmen und abhandeln. Gott verleihe uns seinen heiligen Geist. Amen.

Warum ist unser demüthiger König so armselig zu Jerusalem eingezogen? Darum, auf daß er uns lehre l. Sein Reich sei nicht von dieser Welt, das ist, es stehe nicht in äußerlicher Herrschaft und Gewalt, sondern in verborgener, geistlicher, unsichtbarer, göttlicher Gewalt, Herrschaft und Kraft. 2. Auch nicht im zeitlichen, vergänglichen, unbeständigen Reichthum, in Herrlichkeit und Ehre, sondern im ewigen Reichthum, in unvergänglicher Herrlichkeit und himmlischer Ehre. 3. Auch nicht in Sachen, die dies irdische Leben betreffen, als Fleischeslust, hoffärtiges Leben, sondern im geistlichen himmlischen Wesen, das nicht in die Zeit, sondern m die Ewigkeit gehöret. Denn gleichwie zweierlei Wesen und Leben sind. das zeitliche und das ewige, also sind auch zweierlei Reiche, das Reich dieser Welt, welches mit allem seinen Wesen, mit seiner Gewalt, seinem Reichthum, seiner Ehre und Lust vergehet, mit welchem vergänglichen Wesen der Herr Christus nichts zu thun hat; und darnach das Reich der zukünftigen Welt, welches hier im Geist angefangen wird und Gottes und Christi Reich heißet; dazu gehöret kein Reichthum dieser Welt, keine weltliche Ehre oder Herrschaft, weder Geld noch Gut, sondern es gehören zum Reiche Christi solche geistliche Schätze, die uns der Prophet Sacharja im 9, Capitel beschreibet:

1. Die Kundschaft Gottes, daß wir Gottes Kinder sein mögen, darum spricht er: Du Tochter Jerusalem. 2. Geistliche Freude und Trost; darum spricht er: Freue dich und jauchze. 3. Gottes Erkenntniß; darum spricht er: Dein König. 4. Gottes Liebe und Huld; darum spricht er: Er kommt zu dir. 5. Der Glaube; darum spricht er: Er kommt arm; du mußt ihn nicht mit fleischlichen Augen, sondern mit Glaubensaugen ansehen. 6, Demuth und Geduld; darum spricht er: Er kommt sanftmüthig. 7 Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt; darum spricht er: Er kommt, ein Gerechter. 8. Vergebung der Sünde; darum spricht er: Er kommt ein Helfer, ein Seligmacher 9. Gehört zum Reich Christi kein äußerlicher Zwang mit dem Schwert, kein leiblicher, äußerlicher Krieg; darum spricht er: Ich will die Wagen und Rosse abthun und der Streitbogen soll zerbrochen werden. Sondern es gehöret zum Reiche Christi das Evangelium, dadurch die Herzen bekehret werden; darum spricht er: Er wird Frieden lehren unter den Heiden. 10. Die Versöhnung mit Gott; darum spricht er: Du lässest uns durch’s Blut des Bundes deine Gefangenen aus der Grube, darinnen kein Wasser ist. 11. Gehöret zum Reich Christi geistliche Gewalt, daß es unter alle Völker ausgebreitet werde; darum spricht er: Er wird herrschen von einem Meer bis zum andern, und vom Wasser bis an der Welt Ende. 12. Die wahre Buße; darum spricht er: So bekehret euch nun zur Festung, ihr, die ihr auf Hoffnung gefangen liegt, zu der Festung des Namens Jesu; denn ich will dir zwiefältiges vergelten: Sünde wegnehmen und Barmherzigkeit wiedergeben. Sehet, das ist das Reich Christi, und die zwölf Thore des himmlischen Jerusalems. Was sollte die Welt mit aller ihrer Herrlichkeit hierbei machen, die doch ein vergänglicher Schatten ist? Darum ist der Herr nicht als ein weltlicher König zu Jerusalem eingezogen, sondern als ein himmlischer König.

Das erste Gut dieses Reiches ist die Kindschaft Gottes.

1. Wer nun in das ewige Reich hineingehen will, der muß erstlich eine Tochter Zion sein; denn es müssen Alle Gottes Kinder sein, die im Reich Christi sein wollen, kein Fremder wird eingelassen. Meine Augen werden ihn schauen, sagt Hiob, und kein Fremder. Er muß das Siegel der Kindschaft Gottes haben, da muß der Geist der Kindschaft sein, der da Zeugniß giebt unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind. Dieser Geist Gottes ist’s, der uns täglich nach dem Ebenbild Gottes erneuert. Gottes Kind sein, ist die höchste Liebe, die höchste Ehre, der größte Trost, und die größte Freude. Siehe, welch eine große Liebe hat uns Gott erzeiget, sagt St. Johannes. Was ist’s nun, daß uns zu Gottes Kindern machet? Der heilige Geist, die neue Geburt und der Glaube, Joh. 1: Er hat Macht gegeben Gottes Kinder zu werden denen, die an seinen Namen glauben. Dazu hilft kein Geld oder Gut, diesen Adel kann man mit keinem Gelde kaufen, wird auch nicht angeboren, Gott hat uns denselben aus Gnaden geschenkt; wenn er den heiligen Geist giebt, dann giebt er auch die Kindschaft Gottes mit. Das ist die erste Eigenschaft des Reiches Christi, die Kindschaft Gottes, Tochter Jerusalems. Ach, es ist ein trostreich Wort des Herrn, das wir Joh. 20 lesen: Sage meinen Brüdern: Ich fahre auf zu meinem Vater, und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.

Der andere Trost ist geistliche Freude.

2. Freue dich und jauchze. Wo der heilige Geist ist, da ist auch wahrer innerlicher Trost und Freude im heiligen Geist. Das ist das Reich Gottes in uns. Um diesen freudigen Geist bittet der heilige David im 51. Psalm; und wo dies Freudenöl den betrübten Herzen nicht mitgetheilet würde, so müßten sie in ihrem Elend verzagen und verzweifeln. Darum spricht David: Der freudige Geist erhalte mich. Das ist die Salbung, die bei uns bleibet, wie St. Johannes sagt. In der Welt Freude ist der bittre Tod, in Gottes Freude das ewige Leben. Wer dies verborgene Manna und dies süße Himmelsbrot recht schmecket, dem wird die ganze Welt bitter. Es wird aber unter dem Kreuz am ersten und am allerbesten geschmecket; nämlich, wo die irdische Freude aufhöret, da gehet die himmlische Freude an. Denn wo das Herz voll weltlicher Freude ist, da haftet keine himmlische Freude, Jes. 12 und Ps. 84.

Das dritte Gut des Reichs Christi ist Christi Erkenntniß.

3. Warum sollen sich die Kinder Gottes freuen? Dein König kommt zu dir. Hierin stehet die Erkenntniß Christi, daß er unser König sei. Eines Königs Amt ist weise sein als ein Engel Gottes, wie die Schrift redet, weislich regieren und seine Unterthanen schützen. Der Prophet Jesaias schreibet am 11. Cap. von der königlichen Krone unsers Gnadenkönigs, daß auf ihm ruhet der Geist der Weisheit, des Verstandes, des Raths, der Erkenntniß, der Stärke, der Furcht Gottes, und der Kraft. Ach, wie sanft regieret dieser König in unsern Herzen! Wie gelinde und weislich regieret er die zarten und blöden Gewissen! Wie hat ihm der Herr eine so gelehrte Zunge gegeben, daß er mit den müden Seelen zu rechter Zeit zu reden wisse! Wie regiert dieser König so wohl mit Rath, Stärke, Kraft und Trost! Darum nennet ihn Jeremias einen König, der wohl regieren wird. Und dies ist das tröstlichste, daß dieser unser König seinen königlichen Stuhl und Thron in unsern Herzen hat, wie wir 2 Cor. 6. lesen: Ich will in ihnen wohnen und in ihnen wandeln, und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.

Der vierte Trost ist Christi Gegenwart, seine Liebe und Huld.

4. Darum spricht der Prophet: Er kommt zu dir. Das ist Gottes Liebe, Huld und Gnade; so lieb hat er dich, daß er zu dir in dein Herz kommt. Welche Unterthanen sind in der Welt, die ihren König stets bei sich haben? Er kommt in Gnaden zu dir und bringt den Vater und heiligen Geist mit sich. Es ist diese Gnade Gottes, so er uns in der steten Beiwohnung erzeiget, nicht genugsam auszudenken, Jes. 41: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch/ Ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit. Psalm 23, Jes. 46: Die ihr von mir im Leibe getragen werdet. Jes. 54: Ich wohne in den zerbrochenen Herzen.

Die fünfte Wohlthat ist der Glaube.

5. Wie kommt er denn zu uns? Er kommt arm. Das ist der Glaube, der sich an das Unsichtbare hält; weil nun der Herr in einem geistlichen Reich König ist, das nichts mit der Welt zu thun hat, so bedarf er auch keines irdischen vergänglichen Reichthums, auch keiner weltlichen Herrschaft und Gewalt, auch keiner weltlichen Pracht und Herrlichkeit. Ein geistlicher König bedarf keiner weltlichen Pracht, ein ewiger König bedarf keines Zeitlichen, denn weil er ein ewiger König ist, so muß er auch sein Reich im Ewigen haben, und in keinen vergänglichen Dingen. Er war dazu gekommen, daß er uns Gott versöhnen, und Sünde, Hölle, Tod und Teufel überwinden sollte. Dazu hat er keines weltlichen und vergänglichen Reichthums vonnöthen; denn man kann ja mit aller Welt Reichthum nicht eine einige Sünde tilgen und wegnehmen, ja, mit der ganzen Welt nicht eine einige Seele aus der Hölle erlösen und vom Tode erretten. Der Teufel und Tod lassen sich mit keiner irdischen Gewalt zwingen, Jes. 21: Der Herr wird den Tod verschlingen ewiglich. Darum, wenngleich der Herr aller Welt Reichthum und Herrlichkeit mit sich gebracht, was hülfe das unserer armen Seele? Was fragt der Teufel, die Hölle und der Tod nach dem Reichthum dieser Welt? Kein Gold oder Silber dienet zu unserer Erlösung. Der Gott versöhnen soll, bedarf keines Goldes, sondern seinen Gehorsam. Darum, weil der Prophet sagt: Er kommt arm, will er so viel sagen: O lieber Mensch, bedenke das, du mußt durch etwas Besseres erlöst werden, denn durch aller Welt Reichthum, welcher viel zu gering ist und zu wenig, dich zu erlösen. Denn Gott lässet sich nicht mit Geld oder aller Welt Reichthum versöhnen, sondern mit einem vollkommenen Gehorsam, und mit dem unschuldigen Tode und Blute seines Sohnes. Deswegen spricht der Prophet: Du Tochter Zion freue dich, und du Tochter Jerusalem jauchze; denn dein König kommt zu dir arm. Denn er will dich nicht mit Gold oder Silber erlösen, sondern mit einer viel theurern Erlösung, denn aller Welt Reichthum vermag. Sonsten wäre es eine gar närrische Rede und Folge: Freue dich, du Tochter Jerusalem, und jauchze, denn dein König kommt arm zu dir. Nach der Vernunft hätte der Prophet wohl sagen mögen: Du Tochter Zion heule und weine, denn du bekommst einen armen König. Aber nun sagt er: Freue dich, denn dein König kommt zu dir arm; das ist, er will sich selbst für dich geben, und die Bezahlung selbst sein. Da sehen wir, daß der Prophet von keiner irdischen Freude redet, sondern von einer geistlichen Freude, welche er in unsern Herzen erwecket, nicht durch irdische, vergängliche Güter, sondern durch seine höchste Liebe, daß er bereit ist uns mit seinem Tode zu erlösen, dazu er keiner irdischen Güter bedarf.

Der sechste Trost ist das Wort: Sanftmüthig.

6. Das Wörtlein arm hat der Evangelist Matthäus sanftmüthig ausgelegt. Dies gehöret auch zum geistlichen Reich Christi. Er ist ein sanftmüthiger, freundlicher, gütiger König und dasselbe von Herzen, daß ihm auch sein Herz von Erbarmen bricht, auf daß alle armen betrübten Leute in der Welt einen wahren herrlichen Trost an ihm hätten. Wenn sie von der Welt geschmähet und verachtet werden, so wissen sie gewiß, das sanftmüthige Herz wird sie nicht verschmähen. Darum hat er alle betrübten Herzen zu sich gerufen. Ach, das Reich Christi ist ein tröstlich Reich, es soll uns erfreuen, so oft wir daran gedenken. Freue dich du Tochter Jerusalem.

Der siebente Trost ist Gerechtigkeit.

7. Das Reich Christi ist auch Gerechtigkeit. Er kommt auch ein Gerechter, Das ist nun der geistliche Reichthum, den uns dieser König mitbringt. Gleichwie Salomo nicht allein für sich reich war, sondern auch sein ganzes Land reich machte. Denn er machte des Silbers so viel als Steine auf den Gassen, und das ganze Land von so herrlicher Früchte als der wilden Feigenbäume. Also ist Christi Reich voller Gerechtigkeit, und dieselbe entspringt und fließt von ihm her. Er ist ein Brunnquell aller Gerechtigkeit, gleichwie Adam ein Brunnquell der Sünde ist, Röm. 5: Wie durch Eines Menschen Ungehorsam viele Sünder geworden sind, also auch durch Eines Gehorsam werden viele Gerechte. Wie durch Eines Sünde die Verdammniß über alle Menschen gekommen ist, also ist auch durch Eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen. Jes. 53: Durch sein Erkenntniß wird er, mein Knecht, der Gerechte, viele gerecht machen, denn er trägt ihre Sünde. Darum nennet ihn der Prophet Jeremias am 33: Den Gott, der unsere Gerechtigkeit ist.

Die achte Wohlthat ist Vergebung der Sünden.

8. Er kommt als ein Helfer. Soll er uns helfen, so muß er erst die Sünde wegnehmen und tilgen, die den Tod in die Welt gebracht hat. Soll er nun ein rechter Helfer sein, so muß er stärker sein, denn die Sünde und Tod. Darum muß er mehr sein denn ein Mensch, nämlich ein allmächtiger Gott, wie der 68. Psalm spricht: Wir haben einen Gott, der da hilft, und den Herrn, Herrn, der vom Tode errettet. Hosea 13: Ich will sie erlösen aus der Hölle und vom Tode erretten. Das mag wohl ein rechter Helfer sein, der aus der Hölle hilft und vom Tode errettet. Freue dich, du Tochter Jerusalem.

Die neunte Wohlthat ist Friede.

9. Wodurch thut denn unser demüthiger und sanftmüthiger König so große Hülfe? Durch Rosse, Wagen und Streitbogen? O nein. Er will die Wagen und Rosse abschaffen, dadurch die Könige Israels und Judas Krieg geführt haben. Er will keinen weltlichen Krieg führen, sondern er will Frieden lehren unter den Heiden. Es ist nicht auszureden, was das für eine große Wohlthat Gottes ist, wenn ein Mensch Frieden und Ruhe im Herzen hat. Keine größre Pein und Marter ist, denn ein unruhig und unfriedsames Herz, ist ein Stück der Hölle, wie Psalm 16 sagt: Jene, die einem andern nacheilen, werden großes Herzeleid haben. Gleichwie ein Fünklein des ewigen Lebens ist Frieden und Ruhe in Gott, das ist das Reich Christi in uns, und das kommt durch’s Evangelium zu uns; darum wird es das Evangelium des Friedens genannt. Der Friede Gottes regiere in unsern Herzen, wünschet uns St. Paulus. Psalm 85: Ach, daß ich hören sollte, daß Gott der Herr redete, daß er Frieden zusagte seinem Volk, und seinen Heiligen, auf daß sie nicht auf eine Thorheit gerathen. Phil. 4: Der Friede Gottes, welcher höher ist, denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu, Amen. Jes. 57: Ich will Frucht der Lippen schaffen, die da predigen: Friede, Friede, beides denen in der Ferne und denen in der Nähe, spricht der Herr, und will sie heilen. Aber die Gottlosen sind wie ein ungestümes Meer, das nicht still sein kann, und seine Wellen Koth und Unflath auswerfen. Die Gottlosen haben nicht Frieden, spricht mein Gott.

Die zehnte Wohlthat im Reiche Christi ist Versöhnung.

10. Es gehört auch zum Reich Christi die Versöhnung mit Gott. Davon saget der Prophet: Du lassest aus durch’s Blut des Bundes deine Gefangenen aus der Grube, darin kein Wasser ist. Siehet auf die gefangenen Israeliten in Egypten, welche Gott durch das Mittel des Blutes des Osterlämmleins erlösete. Im neuen Testament aber haben wir das rechte Blut des Bundes Gottes, dadurch wir aus der Hölle erlöset sind, aus der Grube, darin kein Wasser ist, das ist. darin kein Trost ist. Das Blut Christi, das ist das Blut des neuen Bundes oder Testaments, welches in gnädiger Vergebung der Sünden stehet, Jerem. 31. Dieser Bund oder Testament ist durch’s Blut Christi bestätigt; darum ist’s eine ewige Erlösung und Versöhnung, ewige Gnade, ewiger Trost, ewiger Friede, ewige Gerechtigkeit, ewiges Leben und Seligkeit. Dies ist das rechte Lösegeld, damit Gott bezahlet und versöhnet ist. Das Blut schreiet im Himmel und hört nicht auf zu schreien bis ans Ende der Welt: Vergieb, Vater, vergieb den armen Sündern ihre Missethaten, welche durch mich bezahlet sind.

Die elfte Wohlthat ist allgemeine Bezahlung.

11. Weil aber dies eine allgemeine Bezahlung für die Sünde der ganzen Welt ist, so will auch unser König sein Reich in der ganzen Welt haben. Wie der Prophet sagt: Er wird herrschen von einem Meer bis an’s andere, und von den Wassern bis an der Welt Ende. Und das muß also sein, denn weil sich das Sündenreich, ja des Satans Reich über die ganze Welt strecket, so muß sich auch das Gnadenreich Christi, seine Gerechtigkeit und Hülfe über die ganze Welt erstrecken, wie Psalm 57 sagt: Deine Güte ist, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Erhebe dich, Gott, über den Himmel, und deine Ehre über alle Welt.

Die zwölfte Wohlthat des Reiches Christi ist Buße.

12. Wie kommen wir aber in dies Gnadenreich? Durch wahre Buße. So kehret euch nun zur Festung. Nennet das Reich Christi eine Festung, ja es ist wohl eine Festung, welche die Pforten der Hölle nicht überwältigen werden, in der alle gläubigen Seelen sicher vor Sünde, Tod, Teufel und Hölle sein werden. Christi Reich ist unüberwindlich. Er ist der Herr Zebaoth, groß und mächtig im Streit

In der Offenbarung Johannis am 22. wird der Herr Christus einem Baume verglichen, und zwar dem Baume des Lebens, welcher zwölferlei Früchte bringet. Hier haben wir zwölferlei Früchte und die sind also beschaffen, daß, wer eine hat, der hat die andern alle. Denn wer Gottes Kindschaft hat, der hat auch Gnade, Versöhnung, Gerechtigkeit; also auch wer Gerechtigkeit hat, der hat die andern alle; wer eins hat, der hat die andern alle. Hast du aber eins nicht, so hast du keins; denn in einem jeden ist Christus und das ganze Reich Gottes. Und hier heißt es: Wer da hat, dem wird gegeben, wer aber nicht hat, dem wird Alles genommen.

Da habt ihr nun das geistliche Reich Christi, voll himmlischer ewiger Güter, dagegen aller Welt Herrlichkeit und Reichthum nichts ist. Das ist nun die andre Ursache des armseligen Einzugs des Herrn. Denn unter dieser Armuth ist der ewige Reichthum verborgen, denselben muß man im Glauben anschauen; ja, siehe deinen Gnadenkönig im Glauben an. Erstlich in seiner Demuth und Sanftmuth, wie er in dieser Welt gewandelt hat. Bewahre sein rosinfarbenes Blut, welches er aus Sanftmuth vergossen hat. Darnach siehe ihn auch in seiner Herrlichkeit an, was er für einen königlichen Stuhl und was er nun für ein schönes Haus hat, wie ihn nun auf seinem Thron alle Engel anbeten. Wer nicht im Glauben das ewige Reich Gottes und Christi also anschauet, und nicht solche himmlische Gedanken hat, und diesen König anspricht, der ist ein armer, elender Erdenwurm, bleibet am Irdischen kleben, wie ein Vogel am Kloben, hat eitel unselige Gedanken, Sorgen und Angst, da eitel Tod und kein Leben ist, hat Qual und Pein in seinem Herzen. Denn die Welt und der Unglaube hat viel Pein. Der Gottlose hat keinen Frieden in seinem Herzen, spricht mein Gott, sondern ist wie ein ungestümes Meer; wer aber glaubet, der stehet allbereit im Glauben Gottes Herrlichkeit. Bewahret nun diese himmlischen und ewigen Güter eures Himmelskönigs und seines ewigen Reichs in euren Herzen, so seid ihr im Reiche Gottes, und das Reich Gottes ist in euch. Laßt uns ihn mit Freuden annehmen, uns vor ihm demüthigen und unsere Kleider unterlegen, Psalm 29: Bringet dem Herrn Ehre seines Namens, betet an den Herrn im heiligen Schmuck. Psalm 45: Ziehe einher der Wahrheit zu gut, und die Elenden bei Recht zu behalten, so wird deine rechte Hand Wunder beweisen. Deine Kleider sind eitel Myrrhen, Aloes und Kezia. Das sind die Kleider, die wir unterlegen sollen; die Palmenzweige sind Siegeslieder, sind im 24. Psalm beschrieben: Machet die Thore weit und die Thüren in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe. Wer ist derselbe König der Ehren? Es ist der Herr stark und mächtig, der Herr mächtig im Streit. Es ist der Herr Zebaoth, er ist der König der Ehren. Das Hosianna ist im 95. Psalm beschrieben: Kommt herzu, laßt uns dem Herrn frohlocken, und jauchzen dem Hort unsers Heils. Laßt uns mit Danken vor sein Angesicht kommen, denn der Herr ist ein großer Gott, und ein großer König über alle Götter. Kommt, laßt uns anbeten, und knieen, und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat. Denn er ist unser Gott und wir das Volk seiner Weide, und Schafe seiner Hand. Siehe, das sind die geistlichen Palmzweiglein, die auch wir unserm König entgegen tragen sollen, auf daß auch wir dort in Ewigkeit mit allen Auserwählten ihm ein fröhlich Hosianna singen mögen und sagen: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, Hosianna in der Höhe! Amen. –

August 31, 2019

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