Arnd, Johann – Passionspredigten – Zehnte Predigt.

4. Mose am 16, lesen wir, wie Gottes Zorn ergrimmet sei über den Ungehorsam des Volks, daß auch unser lieber Gott zu Mose und Aaron gesaget: Hebt euch aus dieser Gemeine, ich will sie plötzlich vertilgen. Mose aber und Aaron fielen auf ihre Angesichter, und Mose sprach zu Aaron: nimm die Pfanne und thue Feuer darein vom Altar, und lege Räuchwerk darauf, und gehe eilend zu der Gemeine und versöhne sie. Denn das Wüthen ist vom Herrn ausgegangen, und die Plage ist angegangen. Und Aaron nahm, wie ihm Mose gesaget hatte und lief mitten unter die Gemeine, und räucherte, und versöhnete das Volk, und stand zwischen den Todten und Lebendigen. Da ward der Plage gewehret.

Dies Vorbild des Hohenpriesters Aaron, mit seinem Gebet, mit dem heiligen Feuer vom Altar, mit dem Rauchwerk, mit der Versöhnung des Volks, und daß er gestanden ist zwischen den Lebendigen und Todten, und daß der Plage gewehret worden, ist reichlich erfüllet in unserm ewigen Hohenpriester Jesu Christo, dem Sohne Gottes, welcher sein Hohepriestersamt am Kreuz erfüllet hat, indem daß er am Kreuz für uns gebeten: Vater vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun. Indem er auch das heilige Feuer seiner Liebe hat gegen uns scheinen und leuchten lassen, und durch dasselbe das Räuchwerk seines kräftigen Gebets angezündet, und sich selbst Gott zu einem süßen Geruch geopfert hat. Der süße Geruch aber ist der heilige Gehorsam Christi, welcher Gott dem himmlischen Vater so wohl gefällt, daß dadurch das menschliche Geschlecht versöhnet wird mit einer ewigen Versöhnung.

Und gleichwie Aaron stand zwischen Todten und Lebendigen, da er räucherte, also stand Christus unser Herr, der wahre Hohepriester, am Kreuz mit seinem Opfer und Räuchwerk zwischen einem bekehrten, gläubigen Schacher, und zwischen einem Verdammten, der des ewigen Todes starb. Ja viele, die unter dem Kreuz standen, wurden bekehret, und geistlich lebendig zum ewigen Leben durch sein Opfer und Räuchwerk. Die andern blieben verstorben und im ewigen Tode.

Wir wollen auf diesmal von den zwei ersten Worten des Herrn handeln, so er am Kreuz geredet hat, welche das allerköstlichste Räuchwerk unsers ewigen Hohenpriesters sind.

l. Das erste Wort: Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun.

Dies sind wenige Worte, aber begreifen viel in sich, nämlich das ganze Amt des Mittlers und Versöhners, welcher handeln, reden, entschuldigen muß, auf daß die Parteien versöhnet werden. Und brauchet nun der Herr in diesem Mittler- und Versöhnungsamte drei starke Gründe:

Erstlich spricht er: Vater. Damit erinnert er Gott, den Allmächtigen, seiner Liebe, seiner Erbarmung und des Vaterherzens, als wollte er sagen: Ach, gedenke doch daran, daß du Vater bist! Du wirst ja das Vaterherz nicht so gar abgelegt, oder zugeschlossen haben du wirst ja das erbarmende Vaterherz noch haben; welches sich über seine Kinder erbarmet, darum wirst du mich ja erhören, und um meinetwillen den Sündern gnädig sein. Er lehret uns damit, daß wir gewiß glauben sollen, Gott sei auch mitten im Kreuz unser Vater, auch mitten im Tode, und lege das Vaterherz nicht ab.

Zum Andern erinnert er Gott den Allmächtigen mit dem Wort Vater seines Gehorsams. Ach Vater, ich bin dir ja nun gehorsam gewesen und habe deinen Willen gerne gethan bis zum Tode am Kreuz. Ach, um meines Gehorsams willen, sei den Sündern gnädig, siehe nicht ihre Sünden an, sondern meinen Gehorsam! Dieses heiligen Gehorsams Christi sollen mir uns trösten, und Gott unserm himmlischen Vater denselben vorhalten. Also begreift dieser erste Grund in sich Gottes Barmherzigkeit und den Gehorsam Christi.

Der andere Grund, den der Herr Christus in diesem Versöhnungsamte braucht, ist: Daß er um Vergebung bittet für die, so ihn beleidiget haben. Indem er aber abbittet, bekennet der Herr Christus erstlich unsere Missethat. Wie die Hohenpriester im alten Testament, wenn sie opferten, die Sünde des Volkes bekennen, und ihre Missethat auf’s Opfer legen mußten, wie auch Daniel am 9. also betet, so thut unser ewiger Hoherpriester auch. Ach Vater, das ganze Volk hat schrecklich gesündiget, deinen gerechten Zorn und ewige Verdammnis; wohl verdienet, aber vergieb ihnen aus Gnaden um meines Gehorsams willen, welchen ich dir für sie leiste!

Hier lernen wir, was die Frucht des heiligen Leidens Christi sei, nämlich Vergebung unsrer Sünde. Denn weil Gott durch Christum versöhnet ist, und der Herr für unsre Sünde bezahlet hat, so übet Gott seine Gerechtigkeit nicht weiter an uns, sondern läßt uns Gnade widerfahren. Darum gehören nun diese drei Stücke zur Vergebung der Sünde: Gottes Gnade, Bekenntniß der Sünde und Abbitte, und Christi Verdienst und Gehorsam durch den Glauben ergriffen. Wenn wir bekennen und abbitten, so bittet Christus für uns, und durch sein Verdienst absolviret er uns als unser ewiger Hoherpriester.

Der dritte Grund dieses Mittleramtes ist die Entschuldigung vor Gott: Denn sie wissen nicht, was sie thun. Ein Mittler und Versöhner muß zum Besten reden und helfen zudecken, und dem, welchen er versöhnen will, das Wort reden, wie St. Johannes 1 am 2. sagt: Wir haben einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist; und derselbe ist die Versöhnung für unsere Sünden; nicht allein aber für die unsere, sondern auch für der ganzen Welt.

Ach sehet, welche zwei starke Gründe unser Versöhner und Fürsprecher in diesem Trostspruch hat!

Erstlich haben wir einen Fürsprecher, der gerecht ist, sonst könnte ihn Gott abweisen und sagen: Was willst du für die Ungerechten bitten, bist du doch selbst ein Ungerechter? Aber nun haben wir einen Fürsprecher, der gerecht ist.

Zweitens, welcher uns mit seinem Opfer und Tode versöhnet hat, darum kann ihn Gott nicht abweisen.

So wisse nun: 1. daß der Herr mit diesen Worten für uns Alle gebeten, denn wir haben ihn Alle helfen kreuzigen. Ja, wenn wir oft in Sünden hingehen, und nicht bedenken, was wir thun, und was für eine erschreckliche Strafe auf die Sünde folgen werde, Gottes Zorn und Drohung gar gering achten, und oft nicht wissen, wie oft wir sündigen, Psalm 19, so bittet der Herr Christus für uns, daß uns Gott der Herr in seinem Zorn nicht vertilge, sondern daß wir zuvor unsere Sünde erkennen, Buße thun und durch Christum Gnade erlangen.

2. Bedenket auch die große Sanftmuth und Langmuth des Herrn, wie er für seine ärgsten und bittersten Feinde bittet. Ach, mein Herr Christ, Dank sei dir, daß du für mich auch und für uns Alle gebeten, und nicht aufhörst im Himmel für uns zu bitten. Verleihe mir auch solche Sanftmuth, und laß deine Sanftmuth in mir wirken, daß ich allen meinen Beleidigern gern vergebe, und aus erbarmender Liebe sage: Vater vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun. Das ist, sie wissen nicht, daß sie sich so hoch versündigen, solche schwere Strafe auf sich laden, sich selbst mehr Schaden thun denn denen, so sie beleidigen. Solches gieb ihnen, lieber Vater, zu erkennen, und bekehre sie. Das heißet: Lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig.

3. Bedenke auch allhier die große Geduld des Herrn. Er leidet an seinem Leibe, er leidet an seiner Seele, er leidet an seinen Ehren; noch klaget er nicht, leidet Alles geduldig.

Am Leibe leidet er die größesten Schmerzen. Sein Leib ist voller Wunden und Striemen, dazu auseinandergedehnt; noch klaget er über keine Schmerzen.

Seine Seele ist trostlos, fühlet Zorn und Schrecken. Es ist Niemand der ihn tröstet; oder der ihm ein gut Wort gebe. Er schweigt und frißt sein Leiden in sich.

An seinen Ehren leidet er die größeste Schmach und Lästerung. Er verantwortet’s nicht, er drohet nicht, sondern stellet’s dem heim, der da reckt richtet. O heilige Geduld! O edle Sanftmuth! Dadurch sind wir geheiliget und Gott versöhnet ewiglich. Ach, daß Christi Geduld in uns lebte, und wir die Sanftmuth und Geduld Christi hätten, welche so hoch, so tief, so groß ist, daß sie nicht auszugründen! Wollte Gott, sie reizete und rührete uns, daß wir nicht allein für unsere Feinde beteten, sondern sie auch bekehreten, und, wenn’s möglich wäre, selig machten, wie Christus.

II. Das andere Wort: Weib, siehe, das ist dein Sohn u. s. w. Siehe, das ist deine Mutter.

Maria und Johannes stehen unter dem Kreuz, und der Herr kennet sie nicht allein unter dem Kreuz, sondern redet mit ihnen vom Kreuz herab, und tröstet sie. Sehet, welch ein sein Bild ist dies aller Kreuzträger, und aller derer, die in Trübsalen find! Und welch ein schöner Trost, daß sie nicht gedenken sollen, Gott der Herr und der Herr Jesus kenne sie nicht im Kreuz, hab‘ ihrer vergessen und sie verlassen. Nein, mit nichten. Der Herr kennet sie und weiß alle ihre Trübsal. Also weiß der Herr der armen Maria Noth und Elend. Denn sie war verlassen, hatte Niemanden, der sich ihrer annahm, hatte keinen leiblichen Schutz. Diese Trübsal stehet und weiß der Herr und ordnet ihr Pfleger.

Also sollen arme Wittwen und Waisen im Kreuz nicht verzagen, sondern wissen, Gott sorge für sie, und werde sie erhalten, wie im 63. und 146. Psalm geschrieben ist, da Gott einen sonderlichen Ruhm davon haben will, daß er die Wittwen erhalte.

Die trostlosen, betrübten und angefochtenen Herzen können keinen bessern Trost erlangen, denn wenn sie im Glauben geistlich unter das Kreuz Christi treten, und den gekreuzigten Christum ansehen; so wird er gewißlich mit ihnen reden und sie trösten.

O, wie redet der Herr Christus mit mancher betrübten Seele wunderlich und innerlich und spricht: Sei zufrieden, so daß sie sich in Geduld Gott ergiebt und spricht: Herr, wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde! Wie sein antwortet der Herr auf die Klage der Kirche Jesaiä am 49. Capitel: Der Herr hat mich verlassen? antwortet der Herr: Kann auch eine Mutter ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie desselbigen vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet.

Alle Trostsprüche in der ganzen heiligen Schrift sind ein Gespräch Christi mit den Betrübten. Niemand kennet einander besser, denn die Kreuzträger und Kreuzbrüder, die kennen einander am besten. Darum ist Christus unser Kreuzbruder worden, auf daß er uns in der Noth erkenne, Psalm 142: Schaue doch zur Rechten und siehe, da will mich Niemand kennen, Niemand nimmt sich meiner Seele an. Da kommt nun Christus und tröstet uns im Kreuz.

Ja, sprichst du, das ist des Herrn Christi liebe Mutter gewesen, und Johannes sein liebster Jünger, mit welchem er vom Kreuz herab so freundlich geredet hat; wer bin ich aber? Höre doch, auf daß der Herr dieser Anfechtung begegne, darum nennet er sie nicht, liebe Mutter, sondern Weib. Anzudeuten, daß sie nicht darum einen Vorzug bei ihm habe, daß sie seine leibliche Mutter ist, sondern ihres Glaubens halber. Denn, wenn sie nicht geglaubt Hätte, hätte es ihr nichts geholfen, daß sie seine Mutter gewesen wäre.

Darum sagt die alte Elisabeth zu ihr: O selig bist du, die du geglaubet hast. Sie spricht nicht: Darum bist du selig, daß du des Messias Mutter bist, sondern darum, daß du geglaubet hast. Denn, hätte sie nicht geglaubet den Worten des Engels, so zu ihr aus Gottes Befehl gesandt war, so wäre sie nicht des Messias Mutter geworden.

Darum als Luc. am 11. Kap. ein Weib im Volk ihre Stimme erhob und sprach: Selig ist der Leib, der dich geboren hat, das ist: Der Leib ist darum selig, der solch einen heiligen Sohn geboren hat, widersprach’s der Herr, und saget: Ja, selig ist, der Gottes Wort höret und bewahret.

Und als dem Herrn einstmals angesaget ward: Siehe, deine Mutter und Brüder sind draußen und wollen dich sprechen, antwortet der Herr: Wer ist meine Mutter und Brüder? und recket seine Hand über seine Jünger und spricht: Siehe, wer Gottes Wort höret und thut meinen Willen, das ist, an mich glaubet, ist mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und Schwester, Matth. 12. und Luc. 8.

2. Maria ist auch ein Bild der heiligen christlichen Kirche, die muß immer, in dieser Welt mit ihren Dienern unter dem Kreuz stehen. Und das muß also sein, auf daß sie auch der Herrlichkeit Christi theilhaftig werden.

Es giebt aber der Herr Christus, unser Hoherpriester, seiner betrübten Kirche noch immer einen Johannes, der sie tröstet und im Kreuz wieder aufrichtet. Das Kreuz Christi ist die rechte Stätte und Ort der Kirche; wo sie anderswo stehet, das ist nicht gut.

Ja, wir sehen hier, daß Christus seine Kirche im Kreuz sammelt und die Seinen zu sich zieht. Da werden die wahren Christen erkannt, die unter dem Kreuz stehen bleiben und nicht fliehen. Das Kreuz Christi ist wohl abscheulich anzusehen und schmählich auswendig, aber geistlich anzusehen ist’s ganz schön und lieblich um deß willen, der am Kreuz gestorben; darum lieben’s die gläubigen Seelen. Und wie die Kriegsleute, die zu einer Fahne geschworen, sich zu derselben halten und versammeln, also ziehet Christi Kreuz alle gläubigen Seelen nach sich. Wie der Herr spricht: Wenn ich erhöhet werde, will ich euch Alle nach mir ziehen.

Wie ein Magnet das Eisen nach sich zieht, also will Christi Kreuz und Liebe, der himmlische Magnet, unsere eisernen Herzen nach sich ziehen.

Zeuch uns nach dir, so laufen wir, sagt das Hohelied Salomonis. Christus zieht uns durch seine Liebe, durch seinen kräftigen Trost, durch seinen Geist; wenn wir diese Kraft im Herzen empfinden, so umfangen wir das Kreuz Christi und herzen’s aus Liebe und Freude.

3. Eva sahe die schöne Frucht am verbotenen Baum, und dieselbe zog ihr Herz und Lust an sich, und aß davon den Tod. Ach, siehe diese edle Frucht an, an diesem Holze, die ist Niemand verboten, sondern Jedermann erlaubt zu genießen! Dies ist der Baum des Lebens, der mitten im Paradiese stehet, im Paradies der Kirche Gottes. Zu dem halten sich Maria und Johannes. Gleichwie Adam und Eva unter dem verbotenen Baum standen, also stehen hier Maria und Johannes, das ist die heilige Kirche, unter dem Kreuz als unter dem Baum des Lebens, und essen die edle süße Frucht des Mundes und der holdseligen Lippen des Herrn.

Ach kommet, laßt uns auch hingehen und hören, was der Herr saget vom Kreuz, daß wir auch die edle Frucht seines Wortes essen! Im Paradies hatte sich die alte Schlange um den verbotenen Baum herumgeschlungen, und redet mit Adam und Eva, und log und betrog sie, daß sie Lügenfrüchte aßen und starben. Ach, komm her zu diesem Baum des Lebens, hier redet Christus von dem Baum seines Kreuzes solche holdselige, tröstliche Worte, davon wir leben in Ewigkeit!

Jener Baum machte unsere ersten Eltern nackend und bloß, beraubet sie ihrer Unschuld und Gerechtigkeit, und des schönen Bildes Gottes. Diese Frucht von diesem Baum kleidet und krönet dich mit Gottes Gnade und Barmherzigkeit, mit Gerechtigkeit und Vergebung der Sünden.

4. Ach, schäme dich nicht unter dem Kreuz Christi zu stehen, so wird sich Christus an jenem Tage deiner nicht schämen in seiner Herrlichkeit, wenn er sitzen wird auf dem Stuhl in seiner Herrlichkeit!

Jener Gnadenstuhl war mit Gold überzogen. Christi Kreuz ist der Gnadenstuhl, den hat dir Gott vorgestellet durch den Glauben in seinem Blute.

Dort ward der Gnadenstuhl in Gold vorgestellet, hier aber in Christi Blut. Willst du nun bestehen und kommen vor den Stuhl seiner Herrlichkeit, so komm erst hierher vor den Stuhl seines Kreuzes und seiner Niedrigkeit.

Der Gnadenstuhl war mit Gold überzogen, und lag Gesetz und Manna in der Lade des Bundes. Hier stehest du das rechte Gold, das Blut Christi, damit sein heiliger Leib und sein Kreuz überzogen war.

Da stehest du das Gesetz, und den Fluch und die Erfüllung des Gesetzes und das Manna des Evangeliums. Hier siehest du die rechten güldenen lebendigen Cherubim bei dem Gnadenstuhl stehen, den Johannes und die Maria, welche ein Bild aller Gläubigen sind, die auf diesen Gnadenstuhl sehen. –

August 31, 2019

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