Arnd, Johann – Passionspredigten – Zweite Predigt.

1. Mose 37 lesen wir, daß das fromme Kind, der Joseph, seine Brüder besucht hat, als sie der Schafe gehütet in der Wüsten, und als sie ihn von ferne gesehen, haben sie einen Anschlag gemacht, daß sie ihn tödteten, und sprachen unter einander: Sehet, der Träumer kommt daher, so kommt nun und laßt uns ihn erwürgen, und in eine Grube werfen und sagen, ein böses Thier habe ihn gefressen, so wird man sehen, was seine Träume sind. Weil aber der älteste Bruder, der Ruben, ungern daran wollte, daß Joseph getödtet würde, gab er Rath, sie sollten ihn lebendig in die Grube werfen, wie denn auch geschah, und setzten sich nieder zu essen, indem hoben sie ihre Augen auf und sahen einen Haufen Midianitische Kaufleute daher kommen mit Kameelen, die trugen Würze, Balsam und Myrrhen und zogen hinab in Egypten, und da die Kaufleute vorüber reiseten, werden sie Raths ihren Bruder zu verkaufen, und zogen ihn aus der Grube und verkauften ihn um zwanzig Silberlinge den Ismaeliten, die brachten ihn hinab in Egypten.

Dies ist ein schönes Vorbild des himmlischen Joseph, unsers Herrn Jesu Christi. Denn gleichwie Joseph von seinen Brüdern verrathen und verkauft wird, also ist’s Christo unserm Herrn auch ergangen. Und gleich wie Joseph aus Neid und Haß von seinen Brüdern darum verkauft wurde, auf daß sein Traum nicht sollte wahr und erfüllet werden, da ihm geträumt wie Sonne und Mond und zwölf Sterne sich vor ihm neigeten, und ihn also seine Brüder nicht möchten zum Herrn bekommen, daß sie ihm dienen müßten. Eben also ist’s dem Herrn Christo auch gegangen, wie der Herr selbst spricht, daß die Juden gesagt haben: wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche; kommt, laßt uns ihn erwürgen. Aber, wie Gottes Rath bestanden mit dem Joseph, er hat ihn doch zum Herrn seiner Brüder gemacht, und sie haben ihn durch das Verkaufen zu seiner Herrlichkeit befördert: also können des Herrn Christi Feinde Gottes Rath nicht hindern, ob sie ihn gleich verrathen, verkaufen und erwürgen; dadurch fördern sie Christum zu seiner Herrlichkeit.

Wir wollen in dieser Predigt folgende vier Stücke handeln:

  1. Wie Christus von Judas verrathen.
  2. Wie er nicht wollte mit dem Schwert vertheidigt werden.
  3. Von der Schutzrede des Herrn Christus gegen die Obersten.
  4. Wie ihn seine Jünger verlassen.

I. Wie Christus von Judas verrathen.

Hier fängt nun das äußerliche Leiden des Herrn an. Von seinem innerlichen Seelenleiden und Herzeleid haben wir zuvor gehöret, von der hohen Traurigkeit des Herrn, von seinem Zittern und Zagen, von seinem heftigen und kräftigen Gebet, von seinem Todeskampf und blutigem Schweiß, daß er hat an seiner heiligen Seele leiden müssen unsere verlorene Seele zu erlösen. Nun fängt an sein leibliches Leiden. Und erstlich ist dies dem Herrn ein groß äußerlich und innerlich Kreuz, daß er von feinem eigenen Jünger verrathen wird. Ist das nicht eine große teuflische Falschheit? Es meldet aber der Evangelist Johannes am 13.: Der Teufel hab’s Juda in’s Herz gegeben, daß er seinen Herrn verrathen sollte, und dazu ist Judas betrogen worden durch den Geiz, und daß er Gunst und Ehre bei den Hohenpriestern haben möchte. Also hat ihn die Geldliebe, die Ehrsucht, um Leib und Seele betrogen, ja die Geschichte meldet, der Satan sei gar in ihn gefahren. Ist das nicht schrecklich, daß durch den Geiz und zeitliche Ehre der böse Feind den Menschen besitzt? Darum wohl St. Paulus sagt 1. Tim. 6: der Geiz ist eine Wurzel alles Uebels. O du Gottesmensch, fleuch denselben, denn er versenkt des Menschen Herz in Verdammniß und in’s Verderben. Darum lasset uns ja fleißig beten mit David aus dem 119. Psalm: Neige mein Herz zu deinen Zeugnissen und nicht zum Geiz.

Wir haben hier am Herrn Christo einen Trost, wenn wir mit solchen falschen Freunden begabt und beladen werden, daß wir geduldig seien und es Gott befehlen. Der Herr klagt darüber Psalm 41: Auch mein Freund, dem ich mich vertrauete, der mein Brot aß, tritt mich unter die Füße. Psalm 55: Wenn mich doch mein Feind schändet, wollt ich’s leiden, und wenn auch mein Hasser pochet, wollt ich mich vor ihm verbergen, du aber bist mein Geselle, mein Pfleger und mein Verwandter, die wir freundlich wandelten miteinander im Hause des Herrn.

2. Wie verräth aber Judas den Herrn? Mit einem Kuß. Ueber welche große teuflische Falschheit sich der Herr verwundert und spricht: Juda, verräthst du des Menschen Sohn mit einem Kuß? Als wollte er sagen: ist das auch eine teuflische, verrätherische und mörderische Falschheit? Sehet Geliebte, das ist des Satans Kunst, der giebt’s den armen Menschen so gut, so honigsüß vor, mit so vielen Liebkosungen und Schmeicheleien, und sucht doch dadurch nichts Anderes denn die ewige Verdammniß des Menschen. Wie ein Crocodil, derselbe kann weinen wie ein Mensch und wenn man zuläuft ihm zu helfen, so frißt er denselben. Solchen Kuß gab die alte Schlange unsern ersten Eltern im Paradies auch und machte den verbotenen Baum so gut und lieblich, als meinte er’s so gut mit den Menschen, und unter dem Schein betrügt er sie. Wie nun der Teufel unsere ersten Eltern durch einen solchen Heuchelkuß und Liebkosen betrogen, also hat sich der andere Adam, Christus unser Herr, von dem teuflischen Judas, in welchen der Satan gefahren war, küssen lassen, auf daß er uns von dem Betrug des Teufels erlösete. Solcher falschen Brüder hat Judas viel hinter sich gelassen, wie David Psalm 55 klagt: Ihr Mund ist glätter denn Butter, und haben doch Krieg im Sinn, ihre Worte sind gelinder denn Oel, und sind doch bloße Schwerter. Das müssen wir in der Welt gewahren; darfst nicht denken, daß du es besser haben wirst, denn der Herr Christus.

3. Wie verhält sich aber der Herr gegen seinen Verräther? Mein Freund, spricht er, warum bist du kommen, Juda u. s. w. Sehet die große Freundlichkeit des Herrn, mit welcher großen Geduld, Langmuth und Sanftmuth hat er seinen Feind getragen und erduldet! Da sehet ihr mit welcher großen Güte Christus überwunden hat die Bosheit Judä. Judä Falschheit ist groß, sie könnte nicht größer sein, Christi Treuherzigkeit und Freundlichkeit ist noch größer, sie könnte nicht größer sein. Das heißt, wie Christus sagt: Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen. Und wie St. Paulus sagt: Laß dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Da hat der Herr Christus feurige Kohlen auf Judä Haupt gesammelt. Ich meine ja das ewige Feuer, davor ihn doch der Herr warnet. O Juda, will der Herr sagen, thue Buße, es ist Zeit!

II. Wie Christus nicht wollte mit dem Schwerte vertheidigt werden.

Der Herr verbietet Petro das Schwert zu führen. Der liebe, Herr Christus, weil er kein weltlicher König ist, und sein Reich nicht von dieser Welt, so will er sich auch des weltlichen Schwerts nicht anmaßen, sondern verbietet’s Petro, er solle nicht mit dem Schwert fechten. Es hatte aber der Herr dem Petrus ein ander Schwert befohlen, das heißet: Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet.

Der Prophet Jesaias beschreibet dies Schwert am 30. Cap.: durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein. Damit wird Christus vertheidiget, dadurch wird der Sieg erhalten. Gott sieget im Kreuz durch unsere Schwachheit. Die Waffen unsrer Ritterschaft, sagt St. Paulus 2. Cor. 10: sind nicht leiblich, sondern geistlich und mächtig zu steuern allem was sich wider Christum auflehnet. Und Hebr. 4: das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer denn kein zweischneidig Schwert. Christus bedarf zu seinem Schutz kein äußerlich Schwert, er führet seine Gewalt in seinem Wort, darum er auch die ganze Schaar mit ihren Schwertern und Stangen zu Boden schlug mit einem Worte. Denn als er sagte: Wen suchet ihr, wichen sie zurück und fielen zu Boden. Da hat Christus ein Bild sehen lassen, worin seine Macht stehe. Und wenn er ja eine rettende Schaar hätte haben wollen, so hätte er, wie er zu Petro sagt, von seinem Vater mehr denn zwölf Legionen Engel erbitten können, da er abermal den Schutz seiner Kirche beschreibet, durch’s Gebet und durch die Engel. Ja, er spricht darin stehe sein Sieg, daß er den Kelch trinke, welchen ihm sein Vater gegeben habe. Das heißet durch’s Kreuz siegen und überwinden. In Geduld und Kreuz steht des Christen Sieg.

Daraus ist nun offenbar, daß der Herr gern und freiwillig gelitten habe, aus großer Liebe Gottes und des Nächsten. Denn das ist die rechte Liebe, Gottes Willen gerne thun. Psalm 40. Und das ist die allergrößte Liebe gegen die Menschen, für dieselbigen sterben und sie durch so einen schmählichen Tod vom ewigen Tode erlösen. Das ist der größeste und vollkommene Gehorsam, ein Fluch werden am Holz und daran sterben und darum ist auch durch diesen vollkommenen Gehorsam Gott vollkömmlich versöhnet, der Zorn Gottes von uns abgewandt, die Sünde getilget und aller Menschen Ungehorsam gebüßet, und die ewige Strafe hinweggenommen. Ach der großen Liebe und Barmherzigkeit Christi! Wie können wir ihm in Ewigkeit genug dafür danken? Wie kann ein Mensch so grob und undankbar sein, daß er seinen Herrn Christum nicht wieder dafür sollte herzlich lieb haben und in seiner Liebe ruhen und sich darin ergötzen?

III. Die Schutzrede des Herrn.

Ihr seid als zu einem Mörder ausgegangen. Drei Dinge giebt der Herr mit dieser seiner Schutzrede zu erkennen. 1. Seine Unschuld. 2. Ihre Gewalt. 3. Ihre Blindheit. Er will sagen: wenn ich etwa einer Uebelthat schuldig wäre, und ein Mörder wäre, so wäre es genug, daß ihr mich also mit bewaffneter Hand überfielet. Daß ich aber aller Uebelthat ganz unschuldig bin, ist daher offenbar, daß ich täglich bei euch gewandelt habe, nicht heimlich, sondern öffentlich, in den Schulen und im Tempel, da alle Juden zusammenkommen, und man hat ja keine Hand an mich gelegt im Beisein des Volks. Daraus sollet ihr ja merken, daß ich’s nicht verdienet habe, daß ihr mich so überfallet.

Weil ich nun vor dem Volk und aller Welt unschuldig bin, warum brauchet ihr denn solche Gewalt wider mich? Ihr sollet als Obersten und Hauptleute des Tempels und des Volks mich billig beschützen, so überfallet ihr mich und übet Gewalt an mir. Lieber bedenket doch, welch eine große Blindheit das ist, und welch eine Macht der Finsterniß euch überfallen hat! Wenn man Recht zu mir hätte, so hättet ihr mich ja in den Schulen und im Tempel bei Tage finden können, hattet nicht dürfen in der Nacht und im Finstern mich überfallen.

Dies sind nun, Geliebte im Herrn, klägliche und betrübte Worte, mit welchen der Herr seine Unschuld zu erkennen giebt, uns damit zu erinnern, was er für eine Wohlthat und Liebe für großen Undank hat einnehmen müssen, und wie er versucht habe die Hauptleute und Obersten zu bewegen, seine Unschuld zu erkennen, auf daß sie hernach, wenn sie es ja erkenneten, Buße thun möchten.

Der Herr lehret uns damit, ob wir wohl von der Welt große Gewalt leiden müssen, und auch geduldig leiden sollen, daß darum nicht verboten sei, seine Unschuld darzuthun und sich derselben öffentlich zu trösten.

Er lehrt uns auch, welches die rechte Finsterniß und des Teufels Verblendung sei, nämlich, wenn man Christum verfolget mit so großer Macht und Gewalt, der nicht allein ganz unschuldig ist, sondern auch recht lehret in Schulen und in der Kirche, uns den Weg der Seligkeit zeiget, uns das ewige Heil bringt, uns mit dem heiligen Evangelio tröstet, unsre Seele, die er mit seinem Blut erkauft hat, in die ewige Freude nimmt; unser Mittler, Fürsprecher, Hoherpriester und Seligmacher ist. Ist das nicht eine große Macht der Finsterniß, wenn man denselben verfolget und nirgends leiden will? O Gott, behüte uns vor solcher Blindheit und Finsterniß! Ach, lieben Kindlein, wandelt im Licht, weil ihr’s habt, auf daß euch die Finsterniß nicht überfalle, Joh. 12. Alle Verfolger sind Kinder der Finsterniß, und fahren in die ewige Finsterniß.

IV. Da verließen ihn alle Jünger und flohen.

Es ist nicht ein geringes Kreuz, von seinen Freunden, ja von allen Menschen verlassen zu werden. Dasselbe Kreuz hat der Herr auch erfahren müssen, auf daß er alles menschliche Elend versuchte. Seine Jünger verrathen ihn, verlassen ihn, verleugnen ihn. Ach, wir hatten Gott verlassen, waren von ihm abtrünnig geworden, das muß Christus büßen, indem er von allen Menschen, von Engeln und Gott eine kleine Zeit verlassen ist, wie er im 22. Psalm klagt. Wie klagt er darüber im 31. Psalm! Es gehet mir so übel, daß ich bin eine große Schmach worden meinen Nachbarn und eine Scheu meinen Verwandten. Die mich auf der Gasse sehen, fliehen vor mir; mein ist vergessen im Herzen wie eines Todten, ich bin worden ein zerbrochen Gefäß.

Womit tröstet sich aber der Herr in dieser Verlassenheit? Er spricht Joh. 16: Es kommt die Zeit, daß ihr werdet zerstreuet werden und mich allein lassen, doch bin ich nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Das muß auch aller Verlassenen Trost sein, wenn uns Menschen verlassen und treulos werden, so bleibet doch der beste Freund bei uns, welcher ist Gott der Vater und unser Herr Jesus Christus und der heilige Geist und die heiligen Engel. St. Paulus sagt auch 2. Timoth. 4: In meiner letzten Verantwortung stand Niemand bei mir, sondern sie verließen mich alle, der Herr aber stand bei mir und stärkete mich, der wird mich erretten und mir aushelfen zu seinem ewigen Reich. Darauf vertröstet uns Gott der Herr Jesaia 41: Fürchte dich nicht, ich bin bei dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott, ich stärke dich, ich helfe dir, ich errette dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit. Der Herr Christus spricht Matth. 58: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Von Gott dem heiligen Geist verheißet uns Christus Joh. 14: Ich will euch einen andern Tröster geben, der soll bei euch bleiben ewiglich. Von den heiligen Engeln steht Psalm 34: Der Engel des Herrn lagert sich um die her, so ihn fürchten und hilft ihnen aus.

Sehet, also sind wir im Kreuz nicht alleine, wenn uns gleich alle Menschen verlassen. Ach, wie gut ist es, sich auf den Herrn verlassen und sich nicht verlassen auf Menschen, Psalm 118. Gott ist getreu, der Glauben hält ewiglich, denn er spricht: Ich will dich nicht verlassen, noch versäumen, Psalm 146.

August 31, 2019

Schlagwörter: ,