Arndt, Friedrich – Das christliche Leben – Fünfte Predigt.

Die Tage der ersten Liebe.

Text: Luc. X, V. 23. 24.

Selig sind die Augen, die da sehen, das ihr sehet: denn viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und haben nicht gesehen, und hören, was ihr höret, und haben’s nicht gehöret.

So sprach der Herr zu seinen Jüngern insonderheit, nachdem er sich im Geist gefreut hatte, daß Gott das Evangelium den Weisen und Klugen verborgen und den Unmündigen geoffenbart hatte. So können wir noch allewege denen zurufen, welchen die Gnadenstunde ihres Lebens geschlagen hat, und die nun in den Vorhof des evangelischen Heiligthums eingetreten sind und aus der Fülle des Herrn nehmen Gnade um Gnade. Fürwahr, .es sind die seligsten Tage im ganzen Leben, wo der Mensch zum erstenmal der Vergebung seiner Sünden und seines Heils in Christo gewiß wird, wo die neue Welt des Glaubens ihm aufgeht und er nun weiß, an wen er glaubt, weiß, daß seine ewige Seligkeit bewahrt wird bis an jenen Tag; zu allen Zeiten hat man diese Tage für die seligsten gehalten und sie gern die Tage der ersten Liebe genannt. Laßt uns diesen überaus bezeichnenden Ausdruck festhalten und in dieser Stunde uns daran erlaben, diese Tage der ersten Liebe gemeinsam näher zu betrachten 1) in ihrer Herrlichkeit und 2) in ihren Gefahren.

Viele unter uns werden sie kennen aus eigener, seliger Erfahrung: ihnen diene unsere Betrachtung zum Dank gegen den Herrn, der sie berufen hat von der Finsterniß zu seinem wunderbaren Lichte und der zu ihnen spricht: „Selig sind die Augen, die da sehen, was ihr sehet; denn viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und haben’s nicht gesehen, und hören, was ihr höret, und haben’s nicht gehöret.“ Viele unter uns werden sie noch nicht kennen und verstehen: möge der Geist Gottes unsere Betrachtung an ihnen segnen, daß sie Lust und Trieb bekommen, um ihren Genuß und Besitz zu seufzen und zu beten, und daß sie nicht scheiden können von dieser Stätte und Stunde ohne den Herzenspsalm: Mir ist Barmherzigkeit widerfahren!

I.

Selig sind die Augen, die da sehen, was ihr sehet; denn viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und haben’s nicht gesehn, und hören, was ihr höret, und haben’s nicht gehört. In der That, sie waren selig zu preisen, die Junger, diese Auserwählten, daß der Herr sie würdigte seiner nähern Gemeinschaft und sie tagtäglich Augenzeugen seiner Thaten und Ohrenzeugen seiner Reden sein durften. Wie mußte ihnen das Herz schlagen und brennen, so oft er seinen Mund öffnete zu Worten des ewigen Lebens und von seinen holdseligen Lippen die Rede strömte, ihren Geist zu erleuchten und ihr Gemüth zu erwärmen und zu entscheiden für das Eine, was Noth thut! Wie mußte es beben durch ihr ganzes Innere, wenn er zu ihnen sprach: „selig seid ihr!“ und um sie herum die Lahmen gingen und die Blinden sahen, und die Tauben hörten, und die Aussätzigen rein wurden und die Todten auferstanden zum Leben und von allen Lippen der Tausende von Geretteten das Loblied des Heilandes erschallte! Gewiß, das waren große Tage, die größten Tage der Menschheit, und die Jahrhunderte und Jahrtausende der Vorzeit und Nachwelt drehen sich sehnsuchtsvoll um jene Mittelpunkte des Erdendaseins. Nicht minder groß und herrlich indeß sind die Tage, in denen die Macht der Gnade den Menschen ergreift und beseligt, und es ist kein Wunder, wenn jederzeit die Gläubigen voll gewesen sind von jenen Erlebnissen, und in spätern Jahren sich oft nach den Geburtsstunden ihres innern Lebens zurücksehnten, über ihre Flüchtigkeit und ihr Ende trauerten und mit Hiob (29, 2-4) klagten: „O daß ich wäre wie in den vorigen Monden, in den Tagen, da Gottes Leuchte über meinem Haupte schien und ich bei seinem Licht in Finsterniß ging, wie ich war zur Zeit meiner Jugend, da Gottes Geheimniß über meiner Hütte war!“

Sie sind schon darum so herrlich, weil der begnadigte Mensch in ihnen endlich gefunden hat, wonach er Wochen, Monate, Jahre sich gesehnt und bald hier, bald dort gesucht hatte, ohne zu finden. Denn das ist eben die große Verblendung des menschlichen Herzens, daß es das Allernächste immer in weiter Ferne sucht und die Um- und Abwege liebt, anstatt den Einen und geraden Weg zum Ziele einzuschlagen, und daß es erst bei der rechten Thür anklopft, wenn es überall getäuscht und betrogen, arm und leer geworden und geblieben ist. O ihr verlornen Tage, wo wir Christo den Rücken kehrten und mit den elendesten Trabern der Welt unsere schmachtende Seele sättigen wollten, und durch alle Genüsse und Erdenfreuden uns nur dem ewigen Hungertode in die Arme stürzten, durch alles Wissen und kernen nur auf die Sandbänke des Irrthums geschleudert wurden, durch alle Tugend und eigne Gerechtigkeit wohl gewannen an Stolz und Kälte, aber nicht an Frieden und Seligkeit, ihr verlornen Tage, wie seid ihr so lang und so viele? Wie viel besser und kürzer hätten wir’s haben können, wenn wir gleich dem bittenden Rufe der ewigen Liebe gefolgt wären und, anstatt uns zu verstocken und zu verhärten, gefragt und wieder gefragt hätten: was muß ich thun, daß ich selig werde? Wir fragten wohl, aber die Frage lautete: was muß ich thun, daß ich reich werde, daß ich ein vornehmer Mann werde, daß ich im Beifall und in der Gunst meiner Vorgesetzten steige, daß ich herrlich lebe und in Freuden? aber die Frage aller Fragen: „was muß ich thun, daß ich selig werde?“ kam nie über unsere Lippen. Gottlob, daß es jetzt anders geworden ist und die ewige Treue und Gnade unseres Gottes uns nachging und nicht abließ, sich unserer anzunehmen, und er mit unseren Sünden und Missethaten Geduld hatte für und für, bis es ihm gelang, in einer uns unvergeßlichen Zeit unseres Lebens unsere arme, ohne ihn verlorne Seele herumzuholen aus dem Verderben und zu erleuchten mit dem Licht der Lebendigen, und wir nun in Christo Alles fanden, was wir bedurften, Wahrheit, Gerechtigkeit und Seligkeit, und jauchzen konnten: Ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält; wo anders als in Jesu Wunden? Da lag er vor dem Grund der Welt; der Grund, der unbeweglich sieht, wenn Erd und Himmel untergeht. Da wurde es uns klar, daß wir nicht sollten verloren gehen, sondern ewig leben, daß Gottes Geduld unsere Seligkeit ist, daß der Heiland uns gewaschen hat von unseren Sünden mit seinem Blute und uns zu Kindern Gottes, zu seinen Brüdern und Schwestern, zu Erben und Miterben seiner Seligkeit auserwählt und angenommen, daß er uns entrissen hat der Obrigkeit der Finsterniß und an sein Herz voll erbarmender Liebe gedrückt, uns seinem Vater als Könige und Priester des neuen Himmels und der neuen Erde dargestellt hat, und wir waren so selig in dieser Gewißheit, wie wir uns nie gefühlt. Wie dem Gefangenen zu Muthe ist, wenn er aus dem dunkeln Grabe seines Kerkers ersieht und im freien Licht der Sonne die Ketten von sich abstreift-, wie dem Genesenen ist, wenn er sein Krankenlager verläßt und neugeboren wieder an sein Werk und seine Arbeit geht; wie dem Bedrängten ist, wenn ihm die Last seiner Sorgen und Aengste abgenommen wird und er den ersten, ruhigen Tag wieder erlebt und sich Abends auf die Knie wirft, um entzückt seinen Dank gen Himmel zu stammeln: so und noch viel seliger ist dem Kinde Gottes zu Muthe, wenn es Barmherzigkeit gefunden hat und in den Tagen der ersten Liebe sieht. Da fühlt es auch eine Frische, eine Wonne des Daseins, eine Lebendigkeit des Gefühls, eine Fülle des Lebens, und ist so leicht und froh, hüpft und bebt vor Entzücken, daß es nicht weiß, wie es laut genug seine Freude an den Tag legen soll, und über die seligste Erfahrung seines Lebens gern Essen und Trinken, Arbeit und Schlaf vergißt, um nur beim Herrn zu sein. Was der Morgen ist am Tage, was den Frühling auszeichnet im ganzen Jahre, was die Kindheit so beneidenswerth macht in unserm äußern Leben: das sind fürs innere Leben die Tage der ersten Liebe. Da heißt es: „Kommt her, die ihr den Herrn fürchtet, ich will erzählen, was er an meiner Seele gethan hat;“ da singt man: .,Du vergabst mir die Missethat meiner Sünde, Sela!„ und kann es festiglich und mit Anwendung auf sich selbst glauben: „Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden; und wenn sie gleich blutroth wäre, so soll sie doch schneeweiß werden.“ (Jes. 1, 15,). Da ruft man mit dem Propheten aus: „Wo ist ein Gott, wie Du bist, der die Sünde vergiebt und erläßt die Missethat den Uebrigen seines Erbtheils!“ und jauchzt: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen; lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat, der dir alle deine Sünde vergiebt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöset und dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit!“ (Ps. 103, 1-4). Verschwunden sind Sünde, böses Gewissen, Furcht und Zweifel, und an ihrer Statt blühet das Reich Gottes in der Seele, Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist.

Indeß nicht blos darum, weil man endlich gefunden hat, was man lange überall vergebens suchte; auch darum, weil man die Gnadenmittel treu braucht und die Gnadenwirkungen vollständig erfährt, sind blese Geburtstage bis innern Glaubenslebens so herrliche und schöne Tage. Dafür berufe ich mich auf eure eigne Erfahrung, Geliebte, als ihr in jenen Festtagen eures Lebens euch befandet. Wie hungerte und dürstete da eure heilsbegierige Seele nach Gottes Wort! wie war jede Bothschaft von ihm, dem Herrn und Heilande der Menschheit, euch willkommen! wie waret ihr unermüdlich im Besuchen des öffentlichen Gottesdienstes, im Lesen des göttlichen Worts, im Genuß des heiligen Abendmals, im Umgang mit frommen, christlichen Menschen und im Gebete zum Herrn! Wie flössen euch die Worte und die Gedanken zu, so oft ihr zu ihm aufschautet oder von ihm Zeugniß ablegtet gegen Andere! Das große, alte Einerlei des Evangeliums wurde euch verkündigt, aber es war euch immer neu, immer frisch, ihr könntet euch nicht satt hören und nicht satt lesen, ihr sprachet mit David: „Dein Wort ist mir süßer als Honig und Honigseim und kostbarer als Gold“. und viel feines Gold. Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth! Meine Seele verlanget und sehnet sich nach den Vorhöfen des Herrn, mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. Ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser denn sonst tausend. Ich will lieber der Thür hüten in meines Gottes Hause, denn lange wohnen in der Gottlosen Hütten.“ (Ps. 84, 2.3.11). Wovon das Herz voll war, davon ging der Mund über, und ihr hättet, wo es möglich gewesen wäre, die ganze Welt für Christum begeistert und aus ihren Angeln gehoben. – Da war es denn natürlich, daß ihr auch die Wirkungen des göttlichen Wortes an euch erführet, daß es euch erbaute, aufrichtete, erfreute, tröstete und zuredete, je nachdem das Eine oder das Andere euch Noth war, und ihr auf dem Wege der Erfahrung inne wurdet, wie das Wort, das aus dem Munde Gottes geht, nicht wieder leer zu ihm kommt, sondern thut, was ihm gefällt, und ausrichtet, wozu er’s sendet. (Jes. 55,11). Ihr wurdet theilhaftig des heiligen Geistes und schmecktet das gütige Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt. Dabei standet ihr in einem so engen Verkehr mit dem Hirten und Bischof eurer Seelen, daß euch unaussprechlich wohl war an seiner Brust; ihr sahet, fühltet, und hörtet nichts als Ihn; ihr hattet, wolltet, wußtet nichts als Ihn! Euer Geist war Tag und Nacht in Gethsemane und auf Golgatha , und es erfüllte ein so sanftes, süßes Regen und Bewegen und Fühlen seiner Nähe euer Gemüth, daß ihr nichts lieber hättet thun mögen, als so nur auf der Stelle sterben und aus den lieblichen Vorhöfen nun vollends ins Paradies hinüberziehen. Und weil Er euch über Alles ging und das Gut aller Güter war, wurde es auch euch leicht, in seinem Dienste Alles zu entbehren und zu leiden, was euch auferlegt wurde, keine Verläugnung, kein Opfer, keine Pflicht war euch zu hart, denn eure dankbare Liebe wußte keine Grenzen und rief in williger Hingebung aus: .,Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und nach Erde, und wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch allezeit meines Herzens Trost und mein Theil.„ (Ps. 73, 24). Man brauchte euch nicht erst zu gebieten: „verläugne, entsage;“ das machte sich Alles von selbst. Wie hättet ihr noch können Lust haben an dem Gaukelspiel der Welt, da der, den eure Seele liebte, vor euern Geistesaugen blutig, mit Dornen gekrönt, am Holze des Fluches hing?

Wie herrlich sind endlich in jenen Blüthentagen des Lebens die Aussichten, welche sich in die Zukunft eröffnen! Die Verheißungen, welche dem Glauben für Dies- und Jenseits gegeben worden, sind so gewiß; der Vorschmack der ewigen Wonnen und das entzückende Gefühl der himmlischen Seligkeit ist so herzerhebend, die Freude über das dereinstige, gewisse Anschauen des Herrn und das allezeit bei ihm Sein ist so groß, daß es in der Seele hieß und immer heißen mußte: giebst du schon so viel auf Erden, was wird’s erst im Himmel werden?

Herrliche, selige Zeit! Petrus genoß sie, als er sprach: „Herr, hier ist gut sein, hier wollen wir Hütten bauen.“ (Matth. 17, 4). Die Samariterinn hatte sie, als sie den Krug stehen ließ und in die Stadt eilte mit dem Freudenruf: „Kommet heraus und sehet einen Menschen, der mir gesagt hat alles, was ich gethan habe, ob er nicht Christus sei?“ (Joh. 4, 29). Paulus schildert sie, wenn er an die Galater (4, 14. 15) schreibt: Als einen Engel Gottes nahmet ihr mich auf, ja als Christum Jesum. Wie waret ihr dazumal so selig? Ich bin euer Zeuge, daß, wenn es möglich gewesen wäre, ihr hättet eure Augen ausgerissen und mir gegeben!“ Wahrlich, da galt es: „selig sind die Augen, die da sehen, was ihr sehet; denn viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und haben’s nicht gesehen, und hören, was ihr höret, und habens nicht gehöret!“

II.

Indeß wie unverkennbar herrlich die Zeit der ersten Liebe auch ist, sie ist und bleibt doch immer eine gefährliche Zeit, und mit diesen Gefahren müssen wir uns bekannt machen, theure Gemeinde. Sie ist schon darum gefährlich, weil sich bei diesem Zustande gar zu viel Menschliches in das Göttliche einschleicht und untermischt. In der That und Wahrheit ist der Mensch in jener Zeit doch nur erst ein Kind in der Gnade, das die erste Milch des Evangeliums genießt, und doch bildet er sich, weil er überfüllt wird mit Gnadengütern, in der Regel ein, er sei schon ein Mann im Glauben und stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Statt demüthig zu sein, wird er stolz, und kommt leicht dahin, das Unwesentliche mit dem Wesentlichen zu verwechseln, auf die süßen Gefühle, die er in sich trägt, Alles zu bauen, und wegen des Rausches, in welchem er sich befindet, das Christenthum in die Genüsse desselben zu setzen Genußsucht, Gefühlsschwärmerei, geistliche Trunkenheit ist mehr oder weniger überall dieser Zustand, und es ist daher kein Wunder, wenn Gott diesen Rausch zerstört und allmälig die Gefühle versiegen läßt, damit der Mensch nüchtern werde und durch um so größere Entbehrungen und Entsagungen, je größer die christliche Schwelgerei war, in das rechte Verhältniß zu Gott und den göttlichen Dingen zurückkehre.

Eine zweite Gefahr, in die der Mensch im Stande der ersten Liebe unwillkührlich hineinsinkt, ist die Splitterrichterei. Nachdem er die Wahrheit des Evangeliums am eignen Herzen erkannt und Glauben und Unglauben, Wahrheit und Lüge unterscheiden gelernt hat, ist er nur zu geneigt, alle seine Umgebungen danach zu beurtheilen, und, während der Herr ihm das Richteramt nur über sich selbst anvertraut hat, es eigenmächtig auch über andere an sich zu reißen und mit unerbittlicher Strenge über sie den Stab zu brechen, wenn sie nicht in Allem mit ihm einverstanden sind, und sie zu verdammen. Man ist so voll von der Größe des widerfahrnen Heils, daß man nicht begreift, wie alte Gläubige so still und ruhig bleiben können, und daß man mit jedem lauen, unentschiedenen und wankelmüthigen Wesen bricht. Man meint, allein Recht zu haben, und ist seiner Sache zu gewiß, als daß man irren könnte. Das Entweder- Oder sieht vor der Seele fest und unverrücklich, und man kennt keine Geduld und Nachsicht mit Andern, weil man mit sich selbst zu sehr zufrieden ist und die Demuth noch nicht errungen hat, die sich für den größten Sünder hält und jeden Andern für besser als sich, und die, weil Gott so unendliche Geduld hat mit ihren Fehlern, nun auch gern Milde und Freundlichkeit erweiset gegen die fehlenden Mitmenschen.

Die dritte Gefahr des Zustandes der ersten Liebe ist die Bekehrungs sucht, und diese ist allen neugebornen Kindern der Gnade mehr oder weniger eigen. Was man selbst als die höchste Seligkeit des Lebens erfahren hat, will und muß man auch Andern mittheilen, und beruft sich gern auf Petri Wort: „Wir können’s ja nicht lassen, daß wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehört haben“ (Ap. Gesch. 4, 20.); vergißt aber dabei das andere des Apostels Jacobus (3, 1): „lieben Brüder, unterwinde sich nicht jedermann, Lehrer zu sein, und wisset, daß wir desto mehr Urtheil empfahen werden.“ Es ist das schrecklichste Ding, wenn man halb bekehrt ist und gleich Andere bekehren will, und nun in diesem blinden Eifer alle natürlichen und von Gott eingesetzten Verhältnisse zu Boden wirft, wenn der Bruder über die Schwester, der Schüler über den Lehrer, das Kind über seine Eltern unwillig wird, und nicht warten kann, bis der Herr ruft, sondern ihm vorlaufen will. Etwas ganz Anderes ist es, wenn Gott ruft und das gedemüthigte Herz zitternd ans Werk geht; denn an ein solch großes Werk, wie die Bekehrung Anderer ist, kann nur ein gedemüthigtes Herz gehen. Je kindlicher man sich dem Heiland übergiebt, desto bestimmter und klarer stellt er den Beruf dazu vor uns hin; das ist aber mit jener Anmaßung, mit welcher der Einzelne sich aufwirft, nicht zu verwechseln. Man könnte freilich einwenden, daß oft dadurch wirkliche Bekehrungen entstehen; allein von der andern Seite ist es gerade des Herrn Weg, aus dem Bösen Gutes kommen zu lassen, und augenblickliches Fortgerissen – und Ueberwältigtsein ist noch keine wahre Bekehrung. Bei großen Erweckungen und Anregungen giebt es immer ganze Massen, die mitlaufen, aber auch bald wieder abfallen. Viel bedenklicher dagegen ist eine andere Folge, welche in der Regel eintritt, daß nämlich solche unberufene, unvorsichtige und unruhige Bekehrungssucht Anstoß und Aergerniß bereitet, und zunächst diejenigen, an welche sie gerichtet wird, mit Bitterkeit, Mißtrauen und Abneigung erfüllt, denjenigen aber, welche sie ausrichten, Haß und Spott, Schmach und Verfolgung erweckt, die dann wahrhaftig keine Verfolgung um Christi, sondern eine Verfolgung um der eignen Sünde willen ist. Einen solchen blinden und falschen Eifer verrieth Johannes, als er (Luc. 9, 53 bis 56) in jenem samaritischen Flecken, wo man Jesu die Aufnahme verweigerte, sprach: „Herr, willst du, so wollen wir sagen, daß Feuer vom Himmel falle und verzehre sie, wie Elias that,“ und ihr wißt, wie Jesus ihn und seinen Bruder bedräuete und antwortete: „Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid?“ Paulus nennt solche Bekehrungssucht einen Eifer mit Unverstand. (Röm. 10,2).

Ihr sehet, Geliebte, es ist ein herrlicher, aber auch ein gefährlicher Zustand, der Stand der ersten Liebe im Christenthum. Die Aeußerungen und Empfindungen des innern Glücks und der Seligkeit sind nie so groß wieder im spätem Leben, aber sie arten auch leicht aus in Verirrungen aller Art, und wenn je der Mensch der treuen Pflege seines Herrn im Himmel bedarf und der Fürbitten seiner Mitmenschen und des eignen Gebeths um Demuth und Liebe: so ist es in jenen Anfangstagen seines lebendigen Christenthums. Aber Gott verläßt das neugeborene Kind der Gnade auch nicht einen Augenblick, er nimmt es in seine besondere Obhut, er trägt es auf Adlersflügeln, er demüthigt es treulich, und läutert und reinigt es von allen Schlacken seines natürlichen Wesens. Wundert euch daher nicht, wenn nach solchen Ueberspanntheiten des Gefühls bald darauf Stunden der Oede und Dürre, des Gebetsmangels und der innern Verlassenheit eintreten; sie gehören wesentlich hinein in Gottes Erziehungsplan, und sind unentbehrlich zum Heil eurer Seele.

Etwas anderes ist es, wenn der begnadigte Mensch die erste Liebe selbst wieder verläßt und aus der Gnade herausfällt, und der Herr zu ihm sprechen muß, wie einst zum Bischof der Gemeinde zu Ephesus: „Ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest.“ (Offbg. 2, 4). Da kann man sicher darauf rechnen, daß eine solche Untreue nur eintreten konnte, nachdem mehr als eine Abweichung von des Herrn Gebot vorhergegangen war, und man wieder angefangen hatte, die Welt lieb zu gewinnen und sich zu überreden, daß die Liebe zu Christo daneben ganz gut bestehen könne und es nur übertriebene Aengstlichkeit sei, wenn man Beides so streng aus einander halten wolle. Die Folge davon war dann ganz natürlich zunächst immer wachsendere Gleichgültigkeit gegen die Beschäftigung mit göttlichen Dingen, Lauheit im Gebet und im verborgenen Umgang mit dem Herrn, Vernachlässigung seiner Gebote und der Rücksichtnahme auf dieselben, und zuletzt Kälte gegen Ihn selbst, der uns bis in den Tod hinein geliebt hat. Selig, wer zitternd und bebend aus solcher Sicherheit und Selbsttäuschung erwacht, und weinend und betend zu Christo kommt und Buße thut vor ihm, ohne welchen ist kein Leben, keine Gnade, kein Vergeben. Der Herr hat auch Gaben empfangen für die Abtrünnigen, und er läßt eben durch Johannes dem Bischof zu Ephesus schreiben: „Ich habe wider dich, daß du die erste Liebe verlässest; gedenke, wovon du gefallen bist, und thue Buße, und thue die ersten Werke. Wo aber nicht, werde ich dir bald kommen und deinen Leuchter verstoßen von seiner Stätte, wo du nicht Buße thust.“ Nur Eins hilft, Buße, Rückkehr zur ersten Liebe, neue, völlige Hingebung an den Herrn und Treue bis in den Tod! Wer das thut, mit dem wird sich der Herr von neuem verloben in Ewigkeit, und sich mit ihm vertrauen in Gerechtigkeit und Gericht, in Gnade und Barmherzigkeit. Wenn dann auch Berge weichen und Hügel hinfallen: die Gnade Jesu Christi wird nicht von ihm weichen, und der Bund seines Friedens wird nicht hinfallen.

Helfe der Herr uns Allen zu treuer Liebe und liebender Treue, daß an uns Allen wahr werde das Wort der Verheißung: „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“ (Joh. 14, 23). Amen.

August 31, 2019

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