Arndt, Friedrich – Das Vaterunser – Die Anrede.

Unser Vater in dem Himmel.

Das Innerste des christlichen Lebens und die eigentliche Seele desselben ist das Gebet. Unter allen Gebeten ragt aber eins hervor, das Gebet aller Gebete, das Muster- und Normal-Gebet der Kirche, das tägliche Gebet aller Christen, das Gebet des Herrn! Kein Theil der heiligen Schrift ist so bekannt wie dieses Gebet; wo es nur Christen giebt, wird es gebetet; die nie eine Bibel sahen oder lasen, kennen und sprechen das Vater Unser. Wie jedes Wort aus unseres Herrn Munde, ist auch dieses Gebet unermeßlich reich, und mit Recht nennt es ein alter Kirchenvater (Cyprianus) das abgekürzte Evangelium und sagt Luther von demselben: „Weil dies Gebet von unserem Herrn den Ursprung hat, wird es ohne Zweifel das höheste, edelste und beste Gebet sein.“ Er nennt es eine starke Mauer und Wall der Kirche, eine starke Waffe aller gottseligen Christen, und giebt ihm auch sonst noch allerlei liebliche Namen. Und wer je in seinem Leben dies Gebet recht verstanden, recht gebetet und seine Gotteskraft an seinem Herzen lebendig erfahren hat, wird mit Freuden und mit ewigem Dank gegen Gott alle jene Namen und Lobpreisungen unterschreiben. Aber wer vermöchte den unermeßlichen Inhalt dieses Gebets jemals zu erschöpfen und in seine weiten und unergründlichen Tiefen auch nur von fern einzudringen? Dennoch wollen wir es wagen nach der Kraft, die uns gegeben wird, im Vertrauen auf den allmächtigen und allgenügsamen Beistand des Herrn. Er, der uns beten lehrte, lehre uns auch das Gebet verstehen! Er öffne uns seine Schätze und bereite uns in ihnen zeitlichen und himmlischen Segen! Wir lesen das Gebet:

Matthäi 6, 9-13.
Darum sollt Ihr also beten: Unser Vater in dem Himmel. Dein Name werde geheiliget. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, auf Erden, wie im Himmel, Unser täglich Brod gieb uns heute; und vergieb uns unsere Schulden, wie wir unsern Schuldigen! vergeben; und führe und nicht in Versuchung; sondern erlöse uns von dem Uebel. Denn Dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Amen.

Die Jünger hatten Jesum angefleht: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. (Luc. 1, 1.) Da that der Herr seinen Mund auf und sprach: „Wenn ihr betet, sollt ihr also sprechen,“ d. h. ihr könnet und dürfet nicht nur so sprechen, und habt dazu die gnädige Erlaubniß, ihr müßt es dann auch auf diese Weise thun, welche die Gott wohlgefälligste und erhörlichste ist. So wollen wir uns denn zu Jesu Füßen setzen, und hören und lauschen, beides, was wir beten dürfen und wie wir beten sollen. Ueber Alles wird Er uns Aufschluß geben, und in der ganzen, großen und weiten Welt kann es Keinen geben, der uns besser und vollständiger darüber belehrte, als Er. Und ist das Gebet im Namen Jesu schon erhörlich: wie viel erhörlicher wird erst das Gebet in seinen Worten sein! – Es besteht aber das Gebet des Herrn aus drei Theilen, aus einer Anrede, aus sieben Bitten und aus dem lobpreisenden Schluß. Nicht nur jeder Theil, sondern auch jede Bitte erfordert eine besondere Erwägung, und wir beschränken uns daher diesmal auf die Anrede: Unser Vater in dem Himmel. Diese Anrede aber bezeichnet Gott auf dreifache Weise: 1) als Vater überhaupt, 2) als unsern Vater, 3) als unsern Vater in dem Himmel. Damit sprechen wir die drei christlichen Tugenden gleich von vorn herein aus und geben dem Gebet das entschieden christliche Gepräge, unsern Glauben im Worte Vater, unsere Liebe im Wörtlein unser, und unsere Hoffnung im Zusatz in dem Himmel.

1.

Die Anrede an Jemanden ist der deutlichste Ausdruck des Verhältnisses, in welchem ich zu ihm stehe. Schon im gewöhnlichen Leben, in den Beziehungen der Menschen zu einander, pflegt sie verschieden auszufallen, je nachdem mein Verhältniß zu der Person, welche ich anrede, ein näheres oder ferneres ist. Jeder von uns redet in seinen Briefen anders den Vorgesetzten, anders den Untergebenen, anders den Freund an. Und aus der Beschaffenheit der Anrede können wir dann allemal auch sogleich schließen auf die Beschaffenheit des Briefinhalts selber. Auf ähnliche Weise verhält es sich nun auch mit unsern Anreden an Gott im Gebete: die Anrede ist gleichsam die Ueberschrift, der Hauptgedanke, der Geist, der Inhalt des Gebets selbst. Wie ganz anders wird das Gebet ausfallen, wenn ich zu Gott bete als dem allmächtigen Schöpfer des ganzen Weltalls, oder wenn ich zu Ihm bete als dem gewaltigen Herrn und Gebieter des Geschaffenen, oder wenn ich zu Ihm bete als dem Richter der Lebendigen und der Todten, wenn ich Ihn nenne den allmächtigen und allweisen, oder den gnädigen und barmherzigen Gott! Jesus lehrt uns Gott anreden in unserm Gebet als Vater, und wir fühlen gleich von vorn herein aus dieser Anrede, daß ein ganz anderer, herzlicherer Geist herrschen müsse in seinem Gebet, als wenn wir Ihn mit jenen allgemeinen, oder mit ernsten und drückenden Bezeichnungen benennen.

Schon auf Erden ist der Vater der köstlichste Name. Das Größte, was in menschlichen Verhältnissen ein Mensch nach Gottes Ordnung sein kann, ist Vater. Darum auch nennen sich Fürsten und Gewaltige, wenn sie sich hoch ehren wollen, Väter des Volks. Darum heißen wir die ehrwürdigen Gestalten, die uns Gottes Wort im grauen Alterthume zeigt, Erzväter, und sehen, daß jener Freund Gottes, dem Gott nicht verbergen konnte, was Er vorhatte, von Ihm Abraham genannt wurde, d. h. der Vater vieler Völker. Ja, gehen wir in unser eignes Leben zurück, so bemerken wir, daß unser ganzes Sprechen und Reden mit diesem Worte anfängt, daß das Wort „Vater“ oder, was ja im Wesen dasselbe sagen will, bei Andern „Mutter“ das erste Wort ist, welches ein Kind aussprechen lernt. Spricht es den Namen auch noch nicht deutlich aus: der ihn bezeichnende Laut meint wenigstens nichts anders als ihn. Und, ist dieser Name nicht die zutraulichste Bezeichnung, die wir uns denken können? Wenn zu uns, die wir selbst Kinder haben, der Sohn, die Tochter hintritt und uns anredet: Vater, Mutter: bebt da nicht ein Gefühl durch unser Herz, für das wir nicht Worte haben? und wie war es uns. als unser Kind zum erstenmale uns anlächelte und stammelte: Vater? Bei aller Zutraulichkeit verräth das Wort von der andern Seite aber auch zugleich die ehrerbietigste Stellung, und wir pflegen aus diesem Grunde auch Diejenigen, gegen die wir die höchste Achtung, Verehrung und Hochschätzung im Herzen tragen, gegen die wir uns in jeder Beziehung zu Gehorsam, Unterwerfung und Demuth verpflichtet fühlen, gern unsere Väter zu nennen; und haben wir ihnen das Höchste zu verdanken, was ein Mensch dem andern verdanken kann, sind sie die Werkzeuge gewesen, die uns zum Herrn geführt haben, so nennen wir sie unsere Väter in dem Herrn. Kurz, das ist gewiß, es giebt keinen Namen auf Erden, der so früh, so vertraulich, so ehrerbietig ausgesprochen wird als der Name: „Vater.“

Dies ist nun auch der Name, den Jesus Christus Gott beilegt. Er selbst drückt sein menschliches Verhältniß zu Gott auf Erden nie anders aus als mit diesem Namen. Schon als zwölfjähriger Knabe im Tempel sprach Er zu seiner irdischen Mutter: „Muß ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist?“ (Luc. 2. 49.) Während seines Lehramts, wenn Er von Dem redete, der Ihn gesandt hatte, äußerte Er sich nie anders als: „Der Vater hat den Sohn lieb, und hat ihm alles in seine Hand gegeben. Der Sohn kann nichts von ihm selber thun, denn was er stehet den Vater thun. Thue ich nicht die Werke meines Vaters, so glaubet mir nicht; thue ich sie aber, so glaubet doch den Werken, wollet ihr mir nicht glauben.“ (Joh. 3, 35. 6, 32. 5, 17. 10, 37.) In den schwersten Stunden seines Lebens, unter Kämpfen Leibes und der Seele, in Gethsemane seufzte Er: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir, doch nicht, wie ich will, sondern wie Du willst. (Matth. 26, 39.) Endlich am Kreuze war Sein erstes Wort unter den sieben heiligen Sterbeworten: „Vater, vergieb ihnen, sie wissen nicht, was sie thun,“ (Luc. 23, 34.) und Sein letztes: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ (Luc. 23, 41.) In dasselbe Verhältniß aber, in welchem Er zu Gott stand, so oft Er seine heiligen Lippen öffnete zum Gebet, sollen auch wir eintreten; auch unsere Anrede an den großen, allgenugsamen Gott, dem der Himmel Stuhl und die Erde seiner Füße Schemel ist, soll sein: „Vater.“

Die Stellung, welche dieses Wort uns anweist, ist so erhaben und selig, daß es keine erhabenere und seligere geben kann im Himmel und auf Erden! Wir treten mit dem Worte gleichsam an den Anfang unseres Lebens zurück, überspringen Alles, was seit jenen Morgenstunden unseres Daseins sich zugetragen hat, als etwas Unbedeutendes, fangen gleichsam unser Leben von neuem an, werden wieder Kinder, und legen unsere ganze, ganze Seele in das erste Wort, das wir sprechen gelernt, hinein: „Vater.“ Aber ist nicht auch wirklich im Christenthum das erste Wort, welches wir aussprechen lernen, wieder das Wort: „Vater?“ Wenn wir neu geboren sind im Glauben an Christum, wenn Gott uns alle unsere Sünde vergeben, uns in Gnaden an Kindesstatt um Jesu Christi willen angenommen hat, wenn wir Ihm angenehm geworden sind in dem Geliebten, wenn die Sünde gar keine Trennung mehr bildet zwischen uns und Ihm, wenn das durch die Sünde verlorne Kindesverhältniß wieder hergestellt ist, kurz, wenn wir Christen geworden sind in der Thai und in der Wahrheit: wie lautet unser Gefühl vor Gott? wie lautet das Wort, mit welchem wir Ihn anrufen? wie sprechen wir am liebsten, am natürlichsten, am zutraulichsten, am ehrerbietigsten unser Herz vor Gott aus? Ist es nicht: Vater; Abba, lieber Vater; Vater in Christo? Das ganze Christenthum liegt in diesem Namen, und wir haben Alles gesagt, was wir sagen können, wenn wir „Vater“ sagen!

Aber auch nur als Christen dürfen und können wir Gott „Vater“ nennen! Ohne Christum ist Gott uns wohl Schöpfer, Herr, Richter; aber nicht Vater! Sehr oft hört man die Erklärung, Gott heiße darum Vater, weil Er uns erschaffen hat; und allerdings konnte Gott in der Urzeit sogenannt werden, als der Mensch vollkommen und rein aus Gottes Hand hervorgegangen war; Adam im Paradiese konnte Ihn so nennen, und die heilige Schrift nennt Ihn selbst so an zwei Stellen: Jes. 64, 8. „Herr, Du bist unser Vater, wir sind Thon, Du bist unserer Hände Töpfer, und wir alle sind Deiner Hände Werk.“ Mal. 2, 10: „Haben wir nicht Alle einen Vater? hat uns nicht Ein Gott geschaffen?“ Allein auch nur in diesen Stellen nennt sie Ihn so, sonst unterscheidet sie immer Vater und Schöpfer. Wären wir also heute noch, was wir damals waren, vollkommen und rein: ja, dann könnten auch wir noch Gott unsern Vater nennen, sofern Er unser Schöpfer ist. Aber die Sünde hat das Band der Herzen zerrissen, die Sünde hat uns Gott entfremdet, und so wenig man Gott den Vater eines Thieres oder einer Pflanze nennen kann, darum, weil Er sie geschaffen hat, so wenig können wir Gott den Vater der Menschen nennen, weil Er Schöpfer der Welt ist. – Der Name Vater, Kind deutet auf ein tieferes Verhältniß, auf die nächste, innigste Verwandtschaft des Wesens hin. Verwandt aber, in das göttliche Ebenbild wiederhergestellt, in das Kindesrecht eingesetzt, wird der Mensch erst wieder durch Christum. Denn also schreibt die heilige Schrift, die doch allein in diesem Punkt entscheiden kann: „Da aber die Zeit erfüllet war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz gethan, auf daß Er die, so unter dem Gesetz waren, erlösete. daß wir die Kindschaft empfingen.“ (Gal. 4, 5. 6.) „Gott hat uns verordnet zur Kindschaft gegen Ihn selbst durch Jesum Christum nach dem Wohlgefallen seines Willens.“ (Eph. 1, 5.) „Jesus kam in sein Eigenthum, aber die Seinen nahmen Ihn nicht auf; wie viel Ihn aber aufnahmen, denen gab Er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben.“ (Joh. 1, 11. 12.) Welche der Geist Gottes treibet, die sind Gottes Kinder.“ (Röm. 8, 14.) Mithin, wer getrennt von dem Sohne Gottes, der Sünde dienend, den Weg des Verderbens wandelnd, Gott seinen Vater nennen wollte, würde Gott lästern. Er ist nicht Vater der Sünder, die in ihren Sünden ohne Reue und Sehnsucht nach Gnade beharren; Er ist nur Vater seiner Kinder, die an Ihn glauben, Ihn suchen, Ihn lieben, an Ihm hangen, Ihm vertrauen. Ihm gehorchen und in Ihm selig sind. Nur wiedergeborne Christen können sprechen, wenn sie gen Himmel schauen und mit all ihrer Noth, Zweifellast, Trauer, Bekümmerniß sich an das große Herz dort oben werfen: Vater. Im ganzen alten Testamente finden wir unter den vielen Gebeten gläubiger Israeliten keines; selbst unter den Psalmen des Mannes nach dem Herzen Gottes, Davids, keinen, der mit der Anrede begönne: Vater.

Ist aber Gott Vater seiner Menschenkinder, wird Er nicht blos so genannt, ist Er es wirklich: welche lieblichen, köstlichen Zusagen sind dann in diesem süßesten aller Namen enthalten! Ist nicht der ganze Himmel uns in diesem Worte aufgeschlossen? Müssen wir dann uns nicht zueignen Zusagen, wie die: „Wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, so Ihn fürchten. (Ps. 10, 13.) So denn ihr, die ihr doch arg seid, könnet dennoch euren Kindern gute Gaben geben: wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die Ihn bitten! (Matth. 7, 11.) Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie desselbigen vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen. (Jes. 49, 15.) Ihr habt nicht einen knechtlichen Geist empfangen, daß ihr euch abermal fürchten müßtet, sondern Ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: „Abba, lieber Vater!“ (Röm. 8, 15.) Dürfen wir dann nicht Alles Ihm zutrauen. Alles von Ihm erbitten, immer kindlich, fröhlich, zuversichtlich, offen und frei Ihm nahen und Ihm ans Herz legen, was uns bewegt? Unterschreiben und verstehen wir dann nicht Luthers Wort: „Wenn ich diese wenigen Worte verstünde und gläubete, daß Gott, der Himmel und Erde und alle Creaturen geschaffen und in seiner Hand und Gewalt hat, sei mein Vater, so schließe ich bei mir gewiß, daß ich auch ein Herr Himmels und der Erden wäre; ferner: Christus sei mein Bruder, und Alles sei mein; Gabriel müsse mein Knecht, und Raphael mein Fuhrmann, und alle Engel meine Diener sein in meinen Röchen, mir zugegeben von meinem himmlischen Vater?“ Das größte Geheimniß des Christenthums wird in dieser Anrede laut; die ganze christliche Zeit mit ihren Rechten und Segnungen ist eröffnet vor unsern Augen; unser größter Reichthum, unsere höchste Ehre, unser festbegründeter Adel, unsere ewige Seligkeit, Alles ist enthalten in diesem einzigen und unvergleichlichen aller Namen. O selig, wer, so oft er ihn ausspricht im Gebete, fühlt, welche Schätze er damit in Anspruch nimmt! Selig, wer nicht anders vor Gott hintreten kann, als mit dem Bewußtsein: was ich jetzt bin, Gottes Kind, das bin ich durch Christum!

2.

Doch der Herr lehrt uns nicht blos beten: Vater, Vater der Menschen, Allvater; sondern: „unser Vater!“ und das drückt ein noch engeres Verhältniß aus. Offenbar ist der Streit, den man lange Jahrhunderte hindurch darüber geführt hat, ob es richtiger, deutscher sei, zu sagen: „Unser Vater,“ oder: „Vater Unser,“ etwas so Aeußerliches und Unwesentliches, daß wir dabei uns nickt erst lange aufzuhalten brauchen: das Reich Gottes besteht nicht in Worten, noch in der Stellung der Worte, sondern in Kraft. Luther hat nicht blos hier, sondern auch Luc. 11,2. also an beiden Stellen, wo das Gebet des Herrn in der Bibel vorkommt, übersetzt: Unser Vater, und nur im Katechismus die aus der frühern Zeit im Volk gebräuchlichere Form: Vater Unser, beibehalten; also offenbar der erstern Redeweise: „Unser Vater,“ den Vorzug gegeben.

In diesem einigen Wörtlein: „unser“ liegt aber erst der rechte, volle Segen der Anrede Gottes als Vater eingeschlossen! Denn dieses Wörtlein enthält die besondere Aneignung des allgemeinen Verhältnisses auf uns, und es ist ein sehr bedeutender Unterschied, ob ich zu Gott sage: Vater, oder mein Vater! Alles Wissen und Lesen von Gottes väterlichen Gesinnungen hilft mir nichts, wenn ich nickt auf’s bestimmteste weiß, daß nicht nur die ganze Welt, sondern daß insbesondere ich sein Kind bin! Als einmal in einer Gesellschaft die Frage aufgeworfen wurde: welches wohl der beste und nützlichste Buchstabe im ABC wäre? wollte einer dem A und O den Preis gönnen, weil sich Jesus selbst so nenne; ein Anderer das J hervorheben, weil der Name Jehova und Jesus damit anfange; endlich aber vereinigten sich Alle in der Ueberzeugung, es sei das M, weil es der Zueignungs-Buchstabe, der Buchstabe des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung sei. Gewiß, man hatte Recht!

Was hilft es uns, daß wir wissen, daß ein Gott, ein Vater, ein Herr im Himmel ist; daß ein Jesus, ein Seligmacher, ein Mittler zwischen Gott und den Menschen ist; daß ein Tröster, ein Himmel und ewiges Leben ist – das wissen ja die Teufel auch, und zittern! – was hilft es uns, wenn wir nicht von Herzen glauben und sagen können: Gott ist mein Gott; mein Vater; Jesus ist mein Jesus, mein Seligmacher, mein Mittler; der heilige Geist ist mein Tröster, der Himmel ist mein, die Seligkeit ist mein. Diese Aneignung ist die Hauptsache. Und merkwürdig, wie du den Buchstaben M nicht anders als mit geschloßnem Munde aussprechen kannst: siehe, so kommt auch alles in Sachen deines Heils darauf an, daß dein Herz so fest den Herrn und Vater und Heiland in sich schließe, als wenn sonst Niemand in der Welt wäre, dem es zugehörte!

Indeß der Herr lehrt uns nicht blos aneignungsweise beten: mein Vater, sondern: unser Vater, und dieser eine Zug drückt einen neuen, reichen, zwiefachen Gedanken aus: erstens die Wahrheit, daß das Kind Gottes nicht allein betet, sondern in dem Bewußtsein, daß mit ihm Tausend mal Tausend zugleich ihre Kniee vor Gott beugen; daß seine Wünsche und Anliegen, seine Seufzer und Gebete sich mischen mit den Gebeten der ganzen, streitenden Kirche auf Erden, wie der triumphirenden im Himmel. So oft du also in deinem Kämmerlein auf den Knieen liegst, umgeben dich Engel Gottes und tragen dein Gebet empor, betet mit dir die ganze Gemeinde der Heiligen auf Erden und theilt deine Noth, deine Kämpfe, deine Sorgen, da sie in gleicher Lage und Bedürfniß sich befindet. Dann aber liegt auch darin die Wahrheit, daß das Kind Gottes nie für sich allein, sondern immer zugleich für Andere mitbetet; nie selbstsüchtig an sich allein denkt, sondern immer gleich seiner Brüder Bedürfnisse, Anfechtungen, Versuchungen in Liebe dem Herrn vorträgt, und jedes gläubige Gebet zugleich Fürbitte ist. Jeder Christ ist nur ein Glied an dem großen Leibe, dessen Haupt Christus ist; und darum empfindet auch jeder Einzelne die Noth des Ganzen, so wie er durch die Verherrlichung des Ganzen mit verherrlicht wird. Alle sind Kinder des himmlischen Vaters, aber eben darum sind auch Alle Brüder unter einander, und die ganze Gemeinde der Christen bildet Eine Gottesfamilie; Ein und dasselbe Band umschlingt alle Millionen, das Band des Friedens und der Einigkeit im Geiste. Keiner denkt da mehr allein an sich, und spricht, wie in der Welt: ein jeder für sich, und Gott für uns Alle. Einer für Alle und Alle für Einen! das ist die Losung. Wie verschieden auch die Bedürfnisse eines jeden Einzelnen von ihnen in seiner vereinzelten Lage sein mögen: in der Hauptsache und im Wesen theilen doch Alle eine und dasselbe Bedürfniß, ein und dasselbe Verlangen, eine und dieselbe Angelegenheit; denn Alle haben ein Ziel vor Augen; Alle werden auf dieselbe Weise gerecht und selig; Alle werden gebildet in einer Welt, in einer Schule, nach einer Erziehungsweise, und liegen an demselben Herzen und in denselben Armen der Liebe. Wie natürlich, daß da auch jedes selbstsüchtige und eigenwillige Gebet verstummt; daß jede Bitte im Blick und Gefühl der Liebe auf die gleichen Bedürfnisse aller Gläubigen und Erlöseten dem einen gemeinschaftlichen Vater vorgetragen wird! Deutete das erste Wort „Vater“ Gottes Verhältniß zu uns an, so sprechen wir mit dem Zusatz „unser“ unser gemeinschaftliches Verhältniß zu Gott aus. Ist das Wort Vater das Glaubenswort in der Anrede, so ist das Wort unser das Liebeswort in derselben, und es ertönt darin der priesterliche Chor der Gläubigen und lebendig Gewordenen, die für sich und für alle ihre Brüder und Schwestern, nahe und ferne, wiedergeborne und unwiedergeborne, Fürsprache einlegen bei Gott, ihrem Vater.

3.

Doch die Anrede ist noch nicht zu Ende; Jesus fügt noch einen Wink hinzu: „unser Vater in dem Himmel“ oder nach dem Grundtexte: in den Himmeln, und dieser Zusatz vervollständigt die ganze Anrede. Offenbar will der Herr damit keineswegs sagen, daß wir uns Gott blos in dem Himmel zu denken hätten; denn Ihn faßt auch aller Himmel Himmel nicht ein, Er ist allüberall, unter den Fürstenthümern, Herrschaften und Gewalten im Himmel, aber auch in den Schluchten, Einöden und Kammern der Erde; seine Herrlichkeit offenbart sich nicht minder unter den sündigen Menschen, als unter den reinen, vollkommnen Engeln; Ihm gehört eben so sehr die Zeit, wie die Ewigkeit an. Die Schrift nennt Ihn Den, der der rechte Vater ist über Alles im Himmel und auf Erden. Aber das will allerdings Jesus mit dieser Bezeichnung sagen, daß am vollkommensten und glänzendsten Gott seine Herrlichkeit und Majestät im Himmel offenbart, und darum deutet Er hierin eben so sehr Gottes unendliche Erhabenheit über uns und unsern Abstand von Ihm, wie unsere künftige herrliche Bestimmung an. Gott ist im Himmel; dort, wo der Sitz aller Vollkommenheit, Reinheit und Seligkeit ist, wo die freien, seligen Räume der vollendeten Geister sich ausdehnen, wo Licht ohne Schatten, Größe ohne Flecken, Güte ohne Schranken herrscht, und Liebe, Huld und Gnade ausströmt auf alle Wesen vom Thron des Ewigen herab, und wo, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, offenbar wird denen, die Ihn lieben; dort ist Gott, der Große und Erhabene, den denken, den nennen, zu dem beten zu dürfen schon Seligkeit ist: wir aber sind noch auf Erden, im Lande der Nacht und der Thränen, auf dem Kampfplatz voll Schweiß und Blutvergießen, unter den Leichen der fallenden Brüder. Er ist im Sein, wir sind im Werden. Er ist in ewiger Seligkeit, wir sind im Stande des Schwankens, des Wählens, der Prüfung. Er ist im Himmel; denn Er ist selbst der Himmel, herrlich und wunderbar in seiner eignen Klarheit und Unendlichkeit, – und wir sind auf Erden; denn wir selbst sind Erde, von Erde genommen, zur Erde bestimmt. Welch ein Abstand! Welche unermeßliche Kluft zwischen Himmel und Erde, zwischen Schöpfer und Geschöpf! Wahrlich, schwindeln könnte uns bei diesem Abstand, und alles Herz könnten wir verlieren bei den Worten: „der Du bist im Himmel,“ wenn nicht der Vordersatz die Worte einführte mild und beschwichtigend: „unser Vater in dem Himmel.“ Durch jenen Vordersatz aber werden diese Worte, die an sich uns in unser Nichts niederdrücken, nun Worte des beseligendsten Trostes und der himmlischen Hoffnung. – Denn wenn auch der hocherhabene Gott im Himmel wohnt, in unzugänglichem Lichte, und wir durch uns selbst keinen Weg zu Ihm wußten: so hat Er doch in allerbarmender Liebe den Weg zu uns zu finden gewußt und sich uns als Vater geoffenbart, damit auch wir einst sein sollen, wo Er ist. Und nun ist der Blick hinauf zu den himmlischen Höhen für uns der seligste Blick des Erdenlebens! Nun eilen unsere Herzen, so oft es hier unten schwer und drückend wird und rings um uns her Alles öde und feindselig sich gestaltet, hinauf in die Heimath der Liebe, wo der treueste Freund, der Vater und Berather wohnt. Nun sind wir unverzagt in jedem Leiden; denn wir wissen, unser Gott ist im Himmel, Er kann schaffen, was Er will, und Er ist eben im Himmel für uns, um von dort aus uns zu schirmen zu bewahren, den Plan unseres Lebens zu entwerfen und durchzuführen, unsere Gebrechen zu heilen und den Reichthum seiner Weisheit, Macht und Gnade zu offenbaren. Sind auch seine Gedanken nicht immer unsere Gedanken und seine Wege nicht immer unsere Wege: so sind doch seine Gedanken immer höher als unsere Gedanken und seine Wege höher als unsere Wege, so viel höher der Himmel als die Erde ist. Nun trachten wir nach dem, was droben ist, wie jeder Sohn in der Fremde an Vaters Haus, an seine Freunde und Geschwister mit inniger Liebe zurückdenkt, und vergessen es nie, daß die Güter der Erde nichts sind gegen die Güter des Himmels, die Freuden der Erde nichts gegen die Wonne der vollendeten Geister, die Gunst der Menschen nichts gegen die Gnade Gottes, die lieblichste Musik hienieden nichts gegen das Hallelujah der himmlischen Chöre, die Leiden der Erde nicht werth der Herrlichkeit, die an uns soll offenbaret werden. Nun sehnen wir uns nach nichts so sehr als nach dem Himmel, wo Er ist und die Stätte uns bereitet hat, waren manchmal auch gern schon Ueberwinder, trügen gerne Kronen, Palmen, weiße Kleider und liederreiche Harfen; und heben Tag für Tag unsere Augen auf zu jenen Bergen, von welchen uns Hülfe kommt, von dannen wir auch warten des Heilandes Jesu Christi des Herrn, und wo wir einst alle Himmel über dem Vater im Himmel vergessen und Ihn über alles lieben und anbeten werden, wenn wir, selber im Himmel, Ihn sehen werden in seiner vollen Herrlichkeit!

Welch eine Anrede: Unser Vater in dem Himmel! Welche Fülle von Gedanken und Beziehungen in den wenigen Worten! Wenn die Juden sagen: „es ist kein Wort in der Bibel, an dem nicht Berge hangen:“ wahrlich, an diesen Worten hangen nicht nur Berge, sondern Welten. Wie bereitet dieser Anfang vor zu allen folgenden Bitten und Gebeten! Wie ist er gleichsam die Thür ins Himmelreich! Und was dürfen wir nun nicht Alles erwarten, ahnen, uns versprechen, was für Schätze werden wir zu heben, in welche Geheimnisse werden wir hineinzuschauen, welche Güter werden wir uns anzueignen bekommen, da der Anfang schon so über alle Maßen herrlich ist! Helfe uns Gott nur, daß wir fähig werden, das Viele und Große, das es hier zu beherzigen und aufzufassen giebt, auch einigermaßen ganz zu beherzigen und aufzufassen, und daß wir fühlen und verstehen, zu welchem lebenslänglichen Dank wir dem Herrn dafür verpflichtet sind, daß Er uns dieses Gebet aller Gebete gelehrt hat. Dann wird, so oft wir es beten mit Inbrunst unserer Seele, dieses einzige Gebet, ein neuer Segenstrom von oben die Antwort auf unsere Bitte, das Amen des Himmels sein.

August 31, 2019

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