Arndt, Friedrich – Das Vaterunser – Die dritte Bitte.

Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel.

Das ist eine schwere Bitte. Sie hört sich so leicht an, sie spricht sich so schnell nach, sie ist m ihrem Wesen so natürlich, und doch ist sie in ihrer Ausführung so über alle Maßen schwer. Millionen haben sie täglich gebetet bis an ihr Ende, und doch den Willen ihres Gottes nimmer vollbracht. Sie enthält eine Aufgabe, an der der Mensch sein ganzes Leben hindurch zu üben hat. Darum ist sie aber auch wieder eine höchst wichtige Bitte und der Zweck, zu welchem die beiden ersten Bitten führen sollen, und verhält sich zu denselben wie das Ende zum Anfang und zur Mitte. Wer den Namen Gottes erkannt, anerkannt und bekannt hat und wer dadurch seines Reichs theilhaftig geworden ist: dessen Obliegenheit ist es dann auch, daß er den Willen Gottes erfüllt auf Erden, wie er im Reich des Himmels allezeit erfüllt wird. Diese Bitte ist also Hohepunkt unter den drei ersten Bitten und das Endziel der Heiligung des göttlichen Namens und des Kommens seines Reiches. Auf zwiefache Weise aber kann und soll Gottes Wille geschehen auf Erden wie im Himmel, nämlich l) von uns und 2) an uns.

1.

Der Mensch ist neben manchen andern Vorzügen auch dadurch insbesondere vor allen andern Geschöpfen ausgezeichnet, daß er einen freien Willen hat, d. h. sich nach seiner Einsicht zu dieser oder jener Handlung selbst bestimmen kann. Dieser Wille ist das Innerste und Tiefste seines Wesens, er macht den Menschen selber aus, und man kann mit Recht sagen: wie der Wille, so ist auch der ganze Mensch! Ist er schwach, so ist auch der Mensch schwach; ist er schlecht, so ist auch der Mensch schlecht; ist er stark und auf das Gute gerichtet, so ist auch der Mensch kräftig und gut. Wie sehr auch der Mensch abhängig ist von Andern und ihren Ermahnungen, so wie der Ermahnungen und Warnungen Gottes bedarf, um etwas Tüchtiges und Gottgefälliges zu werden: sein Willensentschluß ist doch zuletzt immer – das fühlt jeder im Innersten seines Bewußtseins und kann es nie verläugnen – sein eignes freies Werk. Thut er Böses, so mag er sich entschuldigen, wie er will, und seine Handlung auf diese oder jene Ursache zurückführen: über das Bewußtsein kommt er doch nie hinaus, daß es zuletzt nur seine eigne Schuld war und keines Andern, daß er sündigte und fiel, weil er sündigen und fallen wollte; er war nicht gezwungen. Thut er das Gute mit festem, starkem Willen, so mag die Welt auf alle Weise ihm hindernd entgegentreten: er fühlt es, daß in ihm doch Etwas ist, welches er der Macht der ganzen Welt entgegensetzen kann; sie kann ihm seine Habe rauben, sie kann seine Glieder fesseln, sie kann seinen Körper foltern, sie kann ihn verfolgen bis dahin, wo alle Verfolgung endet, bis an den Rand des Grabes: sein Wille war doch sein eigen. Genug, der Wille macht den Menschen aus. – Das bestätigt auch die heilige Schrift überall, und wendet sich darum mit ihren Ermahnungen, Ermunterungen und Aufforderungen jederzeit an den Willen des Einzelnen, indem sie von ihm verlangt, daß er mit seinem Willen in den göttlichen eingehen, ihn nach demselben richten und gestalten und durch die Gebote des Herrn bestimmen lassen solle. – „Wie lautet aber der Wille Gottes, der durch unsern Willen geschehen soll?“ Der Herr spricht: „Es werden nicht Alle, die zu mir sagen: Herr, Herr, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen thun meines Vaters im Himmel. (Matth. 7,21.) Wer den Willen thut meines Vaters im Himmel, derselbige ist mein Bruder, Schwester und Mutter. (12, 50.) Das ist aber der Wille deß, der mich gesandt hat, daß wer den Sohn stehet, und glaubet an Ihn, habe das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage. (Joh. 6, 40.) Und das ist sein Gebot, daß wir glauben an den Namen seines Sohnes Jesu Christi, und lieben uns unter einander, weil Er uns ein Gebot gegeben hat. (1. Joh. 3, 23.) Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung. (1. Thess. 4, 3.) Seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an euch. (5, 18.) Das ist der Wille Gottes, daß ihr mit Wohlthun verstopfet die Unwissenheit der thörichten Menschen.“ (1. Petri 2, 15.) Der Wille Gottes also ist der Glaube an Jesum Christum, die Heiligung als Frucht und Wirkung dieses Glaubens, vor allem die Liebe und die Dankbarkeit, als Hauptäußerung der Heiligung und als Mittel, neuer Gnade fähig und theilhaftig zu werden. Thut nun der Mensch das, setzt er seinen Willen in Einklang mit dem göttlichen: so ist er selig, und es fehlt ihm nichts mehr zu seinem Glück auf der Erde. Je gehorsamer, desto glücklicher und seliger.

Dieser Wille Gottes soll aber geschehen auf Erden, wie im Himmel. Dort herrscht nur Ein Wille in Gott und außer Gott. Der Vater, der Sohn und der heilige Geist: sie sind eines Wesens, und somit auch eines Willens. Die Engel, wie unermeßlich auch an Zahl, tausend mal tausend, sind insgesammt Gottes dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit; David, entzückt durch den Gedanken an ihre Einheit und Herrlichkeit, ruft aus: „Lobet den Herrn, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, daß man höre die Stimme seines Wortes. Lobet den Herrn, alle seine Heerschaaren, seine Diener, die ihr seinen Willen thut.“ (Ps. 103, 20. 21.) Selbst am sichtbaren Himmel der Sterne über uns geht alles nach der göttlichen Ordnung einher, ist gebunden an ewig gültige Gesetze und erinnert sinnbildlich an die mich höhere Ordnung, die in dem geistigen, unsichtbaren Himmel der vollendeten Gerechten Statt findet. Es dienen alle Geister und vollbringen seinen Willen, nicht halb, sondern vollkommen und ganz; nicht einmal, sondern immer; nicht mit Murren und Widerreden, sondern willig und freudig; nicht nach langer Ueberlegung, ob oder ob nicht, sondern gleich, auf der Stelle: kaum ist ihnen der Wille Gottes klar geworden, so ist die Ausführung desselben durch sie auch da. Ihre Seligkeit sogar besteht in der Ausführung der göttlichen Gebote. – Auf diese Weise vollbrachte Christus den Willen seines himmlischen Vaters ganz, immer, willig und gleich; jeder (bedanke in Ihm, jeder Odemzug seines Mundes, jedes Wort und jede That, ja jeder Augenblick seines ganzen Lebens war Bewährung des Wortes der Weissagung: „Deinen Willen, mein Gott, thue ich gerne, und Dein Gesetz habe ich in meinem Herzen.“ (Ps. 40, 9.) Wenn Ihn hungerte, sprach Er: „Meine Speise ist die, daß ich thue den Willen deß, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk. (Joh. 4, 34.) Wenn Er lehrte, bezeugte Er: „Meine Lehre ist nicht mein, sondern deß, der mich gesandt hat.“ (7, 16.) Wenn Er Wunder that, wies Er hin auf die sichere Quelle: „Die Werke, die mir der Vater gegeben hat, daß ich sie vollende, dieselbigen Werke, die ich thue, zeugen von mir, daß mich der Vater gesandt habe.“ (5, 36.) Wenn Er von dem Zweck seiner Erscheinung auf Erden redete, versicherte Er: „Ich bin vom Himmel kommen, nicht daß ich meinen Willen thue, sondern deß, der mich gesandt hat.“ (6, 38.) Ja, am Ende seines Lebens durfte Er sprechen: „Ich habe Dich verkläret auf Erden und vollendet das Werk, das Du mir gegeben hast, daß ich’s thun sollte.“ (17, 4.) Auf diese Weise hoffen auch wir einst Alle, wenn wir im Glauben werden eingehen in die ewige Seligkeit, und die neuen, verklärten Leiber anziehen werden, ganz und vollständig und immer Gottes Willen zu thun, Ihm zu dienen Tag und Nacht in seinem Tempel, Ihn zu schauen in seiner Herrlichkeit und ewig zu verherrlichen, und sehnen uns danach mit unaussprechlichem Verlangen, daß wir dann, den Engeln ähnlich, von aller Sünde und Unvollkommenheit des Erdenlebens frei, im göttlichen Willen ruhen und ewig selig sein werden. Auf Erden aber, so lange wir hienieden wallen, können wir nur beten: „Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel,“ weil wir es wohl fühlen, hier geschieht Gottes Wille von uns nicht, und, so weit er geschieht, geschieht er nicht durch eigne Kraft. Was aber hindert uns daran, Gottes Willen zu vollbringen? Nichts anders als der Eigenwille, der da will ohne Gott und wider Gott sein; als die Selbstsucht, die unabhängig von Ihm, sich selbst regieren will und sich einbildet, wenn sie ihren eigenen Neigungen und Lüsten folge, sei sie frei; als der Stolz, der so gern sein eigner Herr und Gott und Heiland sein will. Dieser Eigenwille allein ist die Quelle aller Trennung von Gott und unserer Seligkeit; er ist der größte Feind und Plagegeist der Menschen auf Erden; er ist die Schlange, die wir im Busen nähren, und die, ehe wir es uns versehen, uns den tödtlichen Stich versetzt; er raunt uns ein, Stärke zu sein, und ist doch unsere größte Schwäche; und er hat uns mit so dichten Ketten gefesselt, daß, wie oft wir auch schon, wenn wir ihm Folge leisteten, betrogen worden sind, wir doch nicht umhin können, ihm immer wieder Folge zu leisten, und uns von ihm plagen und stören und um unsere zeitliche und ewige Ruhe bringen zu lassen. Darum klagt auch der Herr: „Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse. Lästerung, und das sind die Stücke, die den Menschen verunreinigen.“ (Matth. 15, 19.) Darum heißt es schon in der Urzeit: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (1. Mose 8, 21.) Darum hält uns das Gewissen, so oft wir straucheln und fallen, die eigne Schuld vor und sagt: „du hättest wohl anders handeln können, wenn du nur gewollt hättest,“ darum pflegen wir im gewöhnlichen Leben zu sagen: „des Menschen Wille ist sein Heiligthum,“ darum rieth ein frommer, erleuchteter Mann, daß im Falle des Schwankens zwischen zwei wählbaren Gegenständen man sich immer für den entscheiden möchte, welcher mit dem eigenen Willen am meisten in Widerspruch stände. Darum rief Jesus jammernd über Israel aus: „Jerusalem, Jerusalem, die du tödtest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel; aber ihr habt nicht gewollt. Ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben haben möchtet.“ (Matth. 23, 37. Joh. 5, 39. 40.) Und der tieferleuchtete Paulus legte das Bekenntniß ab: „Ich sehe ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüthe, und nimmt mich gefangen in der Sünden Gesetz, welches ist in meinen Gliedern.“ Röm. 7, 23.) Wenn dem aber so ist, was bleibt uns anders übrig, als Hülfe zu suchen gegen diesen argen Feind alles Guten; als uns, wie Luther sagt, zu üben, einen Ueberwillen zu haben über unsern Willen, und uns zu gewöhnen, dem Ueberwillen zu folgen gegen unsern Willen? Das Gebet: „Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel“ will demnach nichts anders sagen, als: erstens, „zerbrich in mir, Herr, was Dir widerstrebt, den eignen Willen, meine verkehrte Lust, vertilge Alles, was nicht von dir ist,“ oder, wie es in dem schönen Liede heißt, zerbrich, verbrenne und zermalme, was Dir nicht völlig wohlgefällt, ob mich die Welt an einem Halme, ob sie mich an der Kette hält: ist Alles Eins in Deinen Augen, da nur ein ganz befreiter Geist, der alles Andre Schaden heißt, und nur die lautere Liebe taugen.“ Zweitens: „gieb Du mir selbst aus der Höhe Deines Heiligthums herab Lust und Kraft, Deinen Willen zu vollbringen; wirke Du in mir das Wollen und das Vollbringen des Guten nach Deinem Wohlgefallen; hilf mir, daß ich, wie die seligen Geister im Himmel, nur meine Freude finde an dem, was Du geboten hast. Herr, nimm mir, was mich trennt von Dir; gieb mir, was mich führt zu Dir; Herr, nimm mich selber mir und gieb mich ganz zu eigen Dir. Siehe, ich lege Dir hiermit feierlich auch das Gelübde ab: ich will selbst meinen Willen zu brechen suchen und mich üben in Verläugnung und Entsagung.“

Ein wesentliches Hauptmittel, daß Gottes Wille von uns geschehe, ist, daß wir denselben an uns geschehen lassen; und das ist die andere Bedeutung unseres Textes: „Dein Wille geschehe an uns auf Erden, wie im Himmel.“ Offenbar findet zwischen dem Geschehen des göttlichen Willens von uns und dem Geschehen des göttlichen Willens an uns ein bedeutender Unterschied Statt, sofern jener von uns selbst abhängig war und es auf uns ankam, ob wir in den göttlichen Willen eingehen wollten oder nicht, dieser aber allemal geschieht, wir mögen wollen oder nicht, und es heißt: „Was Gott sich vorgenommen, und was Er haben will, das muß doch endlich kommen, zu seinem Zweck und Ziel.“ Wir werden hier nicht erst gefragt, ob es uns angenehm und bequem sei oder nicht; wir müssen. Gott gehet seinen Gang unabänderlich; alles Fliehen und Sträuben hilft nichts; wir fallen Ihm immer wieder in die Arme; und zuletzt dient Alles, was Er über uns sendet, Freude und Leid, gute und böse Tage, doch nur zu unserm Besten. Sind seine Gedanken und Wege auch nicht immer unsere Gedanken und Wege: sie sind doch höher als unsere Gedanken, so viel höher der Himmel als die Erde ist, und immer Gedanken des Friedens und der Liebe und nicht des Leides. Sind seine Führungen auch nicht immer leicht – wie könnte es leicht sein, wenn Er uns auf ein langwieriges Krankenbett hinwirft, wenn Er die Unsrigen uns durch den Tod von der Seite nimmt, wenn Er Nahrungssorgen, Mangel an Arbeit und Verdienst, Verkennungen, Kränkungen, Armuth und Schande über uns gerathen läßt? wir müßten kein Gefühl im Herzen tragen, wenn wir dagegen gleichgültig oder gar unempfindlich bleiben wollten – sie sollen aber auch nicht leicht sein; es ist eben Gottes Absicht, uns zu demüthigen und dadurch zu läutern, unsere Hülfsbedürftigkeit und seine Gnade nahe zu bringen. Trifft auch mitunter auf unser Gebet die Hülfe nicht gleich ein, und gilt es da zu wachen und zu warten von einer Morgenwache bis zur andern, Stunden, Monate, Jahre lang: endlich heißt es doch: Es ist genug, die Prüfung ist aus und das Ziel erreicht. Ja, müssen wir selbst das ganze Leben wie im Dunkel gehen und scheint es unsere Bestimmung zu sein, zu glauben, ohne zu sehen: des Herren Rath ist wunderbar, aber Er führt ihn herrlich hinaus. – Soll da die Bitte: „Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel“ nun heißen: „Herr, sende mir Leiden, beuge mich tief, raffe die Meinigen durch den Tod hinweg, laß die Flammen mein Haus verzehren?“ Nimmermehr! So wenig der himmlische Vater seinen Kindern Steine giebt, wenn sie um Brod bitten, und Scorpione, wenn sie um Fische anhalten: so wenig können und dürfen die Kinder ihren Vater bitten um Steine und Scorpione. Das hieße nicht minder Gott in Versuchung führen, als wenn wir Ihn anflehen wollten um Reichthum, um lauter Glück, um Ehre vor den Menschen und Lustbarkeiten aller Art, sie mit unsern Wollüsten zu verzehren. Bitten wir vielmehr, daß Gott uns nicht in Versuchung führen, uns retten und bewahren, uns die Unsrigen erhalten, unserer Krankheit und Noth ein Ende machen wolle, sofern es möglich und uns heilsam ist. Aber wenn es nicht möglich ist, wenn Gott vermöge seiner Weisheit, Macht und Liebe gerade den Weg der Demüthigung und Entbehrung für nothwendig hält zu unserer Seligkeit, als den einzigen Weg für uns, dahin zu gelangen: dann ist das Gebet so ganz an seiner Stelle: „Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel.“ Und was ist dann der Inhalt dieses großen und schweren Gebetes? Es will dreierlei sagen: „Hilf mir, Herr, daß ich Deinen Willen erkenne, daß ich Deinem Willen mich unterwerfe, daß ich Deinen Willen erreichen helfe.“

Also: Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel, d. h. hilf, daß ich Deinen Willen erkenne, o Herr. Das ist nicht leicht, Geliebte. Von Natur sind wir nur zu geneigt, in dem, was uns begegnet, zumal wenn es etwas Hartes und Schweres ist, entweder das Werk des Zufalls und Ungefährs oder die Wirkung anderer Menschen wahrzunehmen, und den, der hinter dem Vorhang steht und Alles leitet, ohne dessen Willen kein Haar von unserm Haupte fällt, der alle unsere Tage auf sein Buch geschrieben hat, noch ehe derselben einer da war, zu vergessen. Es gehört ein schon sehr demüthig gewordenes, erneutes Herz dazu, um Alles, auf Gott zurückzuführen und die Hand des Herrn nimmer zu verkennen. Darum ist die Frage durchaus unabweisbar: was will Gott mir sagen durch die Wege die Er mich führt? was ist seine Stimme an mich, gerade in der gegenwärtigen Zeit? was ist noch in meinem Herzen, das nur auf diese Weise herausgenommen werden kann und muß, damit der Rathschluß Seiner Erbarmung auch an mir erreicht werde? Eine Menge selbstgeschaffener Sorgen und Qualen hört mit einem Male auf, wenn wir erst bis dahin uns emporgeschwungen haben, Gottes Wink und Finger in Allem wahrzunehmen, wie von der andern Seite eine unabsehbare Kette von Elend und Noth sich öffnet, so lange wir bei den Geschöpfen stehen bleiben und nicht weiter dringen. So oft denn ein Unglück über dich kommt und du niederstürzest von der Höhe deiner Hoffnungen und Wünsche, so denke an das Wort: Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht thue? (Amos 3,6.) So oft du am Grabe der Deinigen stehest und die entbehren mußt, die du unter allen Menschen am wenigsten entbehren möchtest, so denke an das Wort: Wer will zu Dir sagen, was thust du? oder wer will Deinem Gericht widerstehen? (Weish. 2, 12.) So oft die Menschen dich verläumden, Freunde treulos dich verlassen, deine nächsten Hausgenossen und Anverwandten dir keinen Frieden gönnen, so sprich mit David: Mir ist sehr angst, doch will ich in die Hand des Herrn fallen, denn seine Barmherzigkeit ist sehr groß, und will nicht in Menschen Hände fallen; sei Du mir nur nicht schrecklich, meine Zuversicht in der Noth. (l Chron. 22, 13.)

Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel, d. h. sodann: hilf, o Herr, daß ich meinen Willen Deinem Willen unterordne. Das ist für den natürlichen Menschen noch schwerer, und wird erst möglich einem ganz demüthigen, sich selbst verläugnenden Herzen, das Gottes Willen in seinen Fügungen erkannt hat. Aber dem ist’s auch möglich; der spricht dann: „Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel,“ nicht blos, weil er muß und der Nothwendigkeit sich zu fügen hat; sondern auch weil er innerlich nicht anders kann; weil er einsieht, Gottes Wille ist immer der beste, der schlechthin vollkommne, und in diesem seinen Willen ruhen zu können, ist allein Seligkeit; der lächelt dann auch in seinen Thränen dem Himmel entgegen, mischt selbst in seine Klagen die Stimme des Dankes, und spricht ergebungsvoll mit Hiob: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt“ (1, 21.); mit David: „Werde ich Gnade finden vor dem Herrn, so wird Er mich wiederholen lassen; spricht er aber also: ich habe nicht Lust zu Dir, siehe hier bin ich, Er mache es mit mir, wie es Ihm wohlgefällt“ (2 Sam. 15, 25. 26) mit seinem Herrn und Meister: „Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir, doch nicht, wie ich will, sondern wie Du willst“ (Matth. 26, 42.); spricht mit dem schönen Liede:

„Ich nehme, was Du mir bestimmst,
ich lasse fahren, was Du nimmst;
wohin Du führst, will ich auch ziehen,
was Du verbeutst, das will ich fliehen:
Mach’s, wie Du willst, ich bin’s zufrieden,
nur daß wir bleiben ungeschieden.

Ich will nicht, was mein Wille will,
nur Deinen Willen fromm und still
mir stets zur Richtschnur ausersehen,
niemals auf eignen Wegen gehen,
ich will, geführt von Deinen Händen,
beginnen fortgehn und vollenden.

Ich war ein Thor, wenn ich auf mich
vertrauen wollte, nicht auf Dich,
ich hab mich hundertfach belogen,
verführt, verrathen und betrogen,
ich hab auf selbsterwählten Wegen
noch nie gefunden Heil und Segen.

Doch Du, Herr, hast mich wohlbedacht,
hast Alles recht und gut gemacht.
Wie oft bist Du mir ungebeten
in den verkehrten Weg getreten!
Hätt‘st Du Dich mein nicht angenommen,
ich wäre nie zu Dir gekommen.“

2.

Dein Wille geschehe auf Erben, wie im Himmel, d. h. hilf o Herr, daß ich Deinen Willen an mir zu erreichen helfe, also Alles entferne, was hindert; Alles herbeiführe, was fördert; mich selbst verläugne und jedes Opfer freudig bringe, welches der Herr mir zumuthet. Denn das ist doch endlich die Hauptsache, und damit allein geschieht wirklich und in der That Gottes allgnädiger Wille, weil er nicht blos an uns, sondern auch in uns und durch uns geschieht; der Zweck der Führung wird erreicht, das Herz lernt sich selbst überwinden, seine Leidenschaften besiegen, die Feinde segnen, sich in Gott unbedingt ergeben und selig werden durch seine Gnade. Ist aber dieser Zweck erreicht, so blickt man mit Dank auf alle die rauhen Wege zurück, die Gott geführt hat, und bekennt mit einer geistreichen, frommen Fürstin der neuern Zeit: „Ein Rückblick auf mein Leben zeigt mir klar, daß Alles, was meine Phantasie von der Zukunft mir vorwalte, nie so, sondern ganz anders gekommen ist; daß ferner Alles, was sie als unerträglich mir dargestellt, nicht allein in der wirklichen Herankunft höchst erträglich ausfiel, sondern obendrein zu einem Gute sich gestaltete; endlich, daß Alles, was ich mir zu einem großen Glücke gerechnet und herbeigewünscht hatte, zu meinem größern Glücke mir entzogen worden sei; daher ich denn auch zur unbedingten Ergebung in Gott mich gezogen fühle, um in seiner Vorsehung wie ein Kind in den Armen seiner Mutter zu ruhen.“ Der eigne Wille ist immer unser Unglück, Gottes Wille allein ist unsere Seligkeit, und Gott könnte nur im Zorne unsere Wünsche erfüllen, wenn Er uns jedesmal das gewähren und thun wollte, wonach wir Verlangen tragen. Was wir in unserer Kurzsichtigkeit oft für unser größtes Leid ansahen, wurde nachher Bedingung zu unserm größten Glück. Wo wir meinten, Gott habe uns völlig versäumt und verlassen, da bereitete Er uns im Stillen Segen und Frieden. Alles ging darauf hinaus, unsern eignen Willen, sofern er dem göttlichen widerstrebte, zu brechen, alle Selbst und Werkgerechtigkeit zu zertrümmern, dem alten Menschen, der durch Lüste in Irrthum sich verderbet, den Untergang zu bereiten; aber war er gebrochen, war ihm Weh geschehen bis in den Tod: dann ging uns auch allemal auf die Sonne der Gerechtigkeit und des Friedens, wir kämpften unter Gottes Fahnen wider uns selbst, und errangen im Reiche des Herrn einen Sieg nach dem andern. Immer und ewig gültig steht also die Losung fest: „Die sich selbst erniedrigen, sollen erhöhet, die sich selbst aber erhöhen, sollen erniedrigt werden.“

So ist die dritte Bitte im Munde des Gottlosen und Widerstrebenden, wenn er sie je in den Mund nimmt, eine Selbstverdammung und Lüge, im Munde des Trägen ein Sporn, des Ungestümen und Begehrlichen ein Zaum, des Eigenwilligen eine Schranke und des Leidenden ein beschwichtigender und beruhigender Trost. So sei und bleibe sie denn unser Aller tägliches Gebet, aus tiefster Seele gesprochen: Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel, und der Herr spreche: Amen, ja, es soll so geschehen! Amen.

Wie Gott will! Also will ich sagen:
Wie Gott will; also ist mein Ziel.
Was sollt ich mich mit Sorgen plagen?
Sie helfen nichts und schaden viel?
Zudem bin ich nicht selber mein,
Drum soll ich Gott gelassen sein.

Wie Gott will! Also will ich glauben;
Sein Wort betrügt mich nimmermehr.
Das will ich mir in’s Herze schreiben,
So ist es nie vom Troste leer.
Wer Gottes Wort zum Labsal hat,
Den machet keine Trübsal matt.

Wie Gott will! – Also will ich leiden,
Denn ohne Leiden ist kein Christ;
Ich will mich dessen gern bescheiden,
G’nug, daß mich Gottes Liebe küßt;
So daß der bittre Kelch zuletzt
Mit süßer Freude mich ergötzt.

Wie Gott will! Also will ich Hessen;
Wer weiß, wo noch mein Glücke lacht;
Sein treues Auge stehet offen,
Das über mich mit Segen wacht
Und den erwünschten Ort schon sieht,
Wo mein beständig Wohlsein blüht.

Wie Gott will! Also will ich warten;
Denn Rosen bricht man mit der Zeit;
Gott führt mich endlich in den Garten,
Wo seine Gnade mich erfreut,
Und wo mein Wunsch, den ich gethan,
Sich in Vergnügung weiden kann.

Wie Gott will! Also will ich leben,
So muß das Leben ruhig sein;
Will er mir auf der Welt nichts geben:
Ei nun, so bleibt der Himmel mein;
Ja, bleibet Gott nur mein Gewinn,
So fahr auch Welt und Himmel hin.

Wie Gott will! Also will ich sterben;
Denn wenn man mich zu Grabe trägt,
Werd ich die Krone dort ererben,
Die Er mir ewig beigelegt.
So kommt der Tod, wo, wann und wie,
Mir nicht zu spät und nicht zu früh.

Wie Gott will! Sag ich stets mit Freuden;
Wie Gott will! Glaub ich aus sein Wort:
Wie Gott will! Trag ich alles Leiden,
Nie Gott will! Hoff ich immerfort;
Wie Gott will! wart und leb ich still.
Und sterb auch endlich, wie Gott will!

August 31, 2019

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