Arndt, Friedrich – Die sieben Worte Christi am Kreuz – 2. Predigt.

l.

„Vater, vergieb ihnen; denn sie wissen nicht, was sie thun.“ So lautete das erste Wort, welches der sterbende Gottessohn am Kreuze sprach. Man hätte denken sollen, ein solches Wort aus solchem Munde, an solcher Statte, über solche Zuhörer gesprochen, würde ungeheure Wirkungen hervorgebracht und wie ein elektrischer Schlag alle Gemüther getroffen und zur Besinnung gerufen haben; keineswegs! Es heißt: „Und das Volk stand und sahe zu. Und die Obersten sammt ihnen spotteten sein und sprachen: Er hat Andern geholfen, er helfe sich selber, ist er Christ, der Auserwählte Gottes.“ Ach, in ihrem Unglauben ahnten sie nicht, daß wahre Liebe immer sich selbst vergißt, um Andern zu helfen! Es verspotteten ihn auch die Kriegsknechte, traten zu ihm und brachten ihm Essig und sprachen: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber.“ Die Kriegsknechte waren rohe Menschen, die gefühllos und gedankenlos nachahmten, was ihre gewissenlosen Obern ihnen vorgemacht hatten. So stimmten sie auch hier in die Verhöhnung ein, indem sie Christo, den die Ueberschrift über dem Kreuze in drei Sprachen für einen König der Juden erklärte, sauren Essig darboten statt königlichen Tafelweins. „Auch der Uebelthäter einer, die da gehenket waren, lästerte ihn und sprach: bist du Christus, so hilf dir selbst und uns.“ Alles vereinigte sich in der Verspottung des Herrn. Denn je entschiedener das Recht sich geltend macht, desto verwegener ist allezeit der Widerspruch des Unrechts. Je heller die Wahrheit leuchtet, desto geschäftiger treibt die Lüge ihr Unwesen, den hellen Schein wieder zu verdunkeln. Sogar der Eine der Mitgekreuzigten lästert den Herrn! So viel Ursache er auch hat, an sich selbst, an seine eigne Qual und an sein nahes Ende zu denken – ach, die wenigen Stunden, welche seinem Leben noch zugemessen waren, waren ja nur zu bald abgelaufen, dann sollten Keulenschläge seine Glieder zerschmettern, und Boten der Finsterniß, wenn er sich nicht bekehrt, ihn in den Abgrund abführen -: seine Rohheit ist zu groß, er kann’s nicht lassen, selbst unter den furchtbaren Schmerzen der Kreuzespein in die Lästerungen und Witzeleien des Volkes, welche herauftönen, mit einzustimmen und ein Scherflein zur allgemeinen Verhöhnung des Herrn bei zutragen. Von Selbsthelfen hatte er da unten reden gehört, von Selbsthelfen ist seine Seele voll: o wie gern hätte er sich selbst geholfen, wenn er nur gekonnt hätte! wie gern sich selbst erlöst von der Todesstrafe, an die er allein dachte! So meinte er, der in der Mitte könnte auch keinen größeren Wunsch haben, als sich selbst zu helfen; darum sprach er: „Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns.“ – Doch wundern wir uns über ihn nicht zu sehr: seine Sprache ist die Sprache aller Ungläubigen aller Jahrhunderte. In ihm ist die ganze Menge der Ungläubigen dargestellt. Jeder Unglaube ist in seinem innersten Wesen nichts als Verspottung des Herrn, oder laßt uns richtiger sagen, will in seinem innersten Wesen nichts sein als Verspottung des Herrn, und ist zuletzt nur Verspottung seiner selbst. Laßt sie immerhin spotten, die Ungläubigen: sie können doch ihres Spottes nicht froh werden, so wenig wie der Schächer zur Linken.

Wir wenden uns zu dem Andern hin, der zur Rechten des Kreuzes hing, und nach der kirchlichen Ueberlieferung Dismas geheißen haben soll. Auch er hatte aus Liebe zu seinem Volk Israel und ans Haß gegen die Römer an einem Aufruhr Theil genommen, und war in demselben ein Räuber und Mörder geworden. Bisher, so lange er im Gefängniß gewesen, hatte er nur an sich selbst gedacht, an seine That, seine Strafe, sein Urtheil; vielleicht auch war sein Gewissen schon erwacht, und er war zur Einsicht gelangt, daß er durch Empörung gegen die Obrigkeit der göttlichen Ordnung sich widersetzt habe, und daß es ein höchst elendes Reich gewesen, für welches er gestritten, Jetzt aber wird das Todesurtheil über ihn ausgesprochen, und an der Richtstätte angelangt, erblickt er, wohl zum ersten Male, Jesum, den Mann, von dem er so Vieles gehört hatte; er sieht ihn, sieht seine leidende und doch eine himmlische Herrlichkeit verratende Gestalt, gewahrt in ihm eine Hoheit, wie sie ihm noch nie begegnet, erfährt, wie Alles, in Wuth gegen ihn entstammt, Hohn auf Hohn häuft, und Jesus, sanft duldend wie ein Lamm, ruhig zu Allem schweigt und keiner Bitterkeit fähig ist. Da zuckt in seiner Seele der Gedanke: sollte er nicht am Ende doch der Messias sein? kann ein bloßer Mensch so ergebungsvoll, so geduldig bleiben bei Spott und Hohn? Nun hört er, wie Jesus für seine Feinde bittet: „Vater, vergieb ihnen; denn sie wissen nicht, was sie thun;“ da bricht dies Wort mit göttlich wunderbarer Kraft sein Herz; so Etwas ist ihm noch nie vorgekommen, so Etwas fühlt er sich zu leisten unfähig. Was sein ganzes Leben in ihm nicht zuwege gebracht, das wirkt die Todesstunde, das wirkt in der Todesstunde d e r, der durch seine Führung ihn in die Nähe des sterbenden Heilandes gebracht hat. Jetzt beginnt der andere Schächer zu lästern: „Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns,“ und Jesus schweigt wieder. Er kann nicht still dazu schweigen; es ist unmöglich; seine Seele ist zu übermannt von Allem, was er hier erfährt und erlebt; keine Stunde seines ganzen Daseins ist ihm so wichtig, so entscheidend gewesen. Da antwortete ihm der Andere, heißt es im Texte, strafte ihn und sprach: „Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammniß bist? Daß diese hier unten im Uebermuthe lästern und höhnen, ist erklärbar, weil sie frei noch ihre Glieder rühren können; aber wie kannst du, Elender, in ihren Spott mit einstimmen, der du dem Tode und dem göttlichen Gerichte schon so nahe bist? fürchtest du dich denn gar nicht vor Gott, dessen Strafe dich schon erreicht hat? Willst du, mit dem Tode ringend, noch deine Sünden häufen? Ist denn jeder Funke von Gottesfurcht und Religion in dir erstorben? Ist denn selbst die Marter des bittern Kreuzes an dir vergeblich?“ Welche Liebe spricht aus diesem Verbrecher, Andächtige, die den Mitgenossen ihrer Sünde und Strafe gern noch retten und bessern und vor neuen Versündigungen bewahren möchte! Getheilt hat er mit ihm sein unseliges Leben: theilen möchte er gern mit ihm seinen seligen Tod. – „Und zwar wir sind billig, darinnen,“ fährt er fort, „denn wir empfangen was unsere Thaten werth sind.“ Welche Selbsterkenntniß! Er erkennt Beides, die Größe der Verschuldung und die Gerechtigkeit der Strafe. Kein Wort der Entschuldigung oder der Rechtfertigung kommt über seine Lippen; keine Klage, als ob seine Strafe zu hart wäre; er ehrt Gottes Gerechtigkeit; er nimmt aus Gottes Richterhand die wohlverdiente Strafe an; mit Geduld erträgt er, was ihm zu Theil geworden, und verdammt allein sich selbst und seine Sünde. Wir sind billig darinnen, spricht er, denn wir empfangen, was unsere Thaten werth sind; – dieser aber hat nichts Ungeschicktes gehandelt. Welches Bekenntniß über Christum! Welches entschiedene freimüthige Zeugniß! Aus einem Mörder ist er ein Prediger der Gerechtigkeit Christi geworden, der lauter Jesu Unschuld predigt, als Pilatus durch sein feierliches Händewaschen, als Judas durch sein reuevolles Geständniß. Dieser hat nichts Ungeschicktes gehandelt, sagt er. Was heißt das anders als: die Verurteilung Jesu zum Tode ist ein Verbrechen, der ganze hohe Rath ist ungerecht, der Ausspruch des Hohenpriesters Kaiphas ist gottlos, die Bestätigung des Pilatus empörend, ganz Jerusalem ist mit Blutschuld beladen? Und – wunderbares Gericht Gottes auf Golgatha! Während keine einzige Stimme sich jetzt für Christum erhebt, die Jünger ihn verlassen haben, die heiligen Frauen unter dem Kreuze still weinen, das aufgeregte Volk nur lärmt und spottet, die Welt sich von Jesu lossagt: bekennt ein Mörder laut Jesu Unschuld! – Ja, wunderbares Gericht Gottes! während die Hohenpriester es als eine recht tiefe Schmach und einen ganz besondern Schimpf herausgesucht haben, daß Jesus zwischen zwei Mördern sterben soll: muß gerade zu ihrer tiefsten Schmach, zu ihrem ganz besondern Schimpf, einer dieser Hingerichteten die Unschuld des Herrn und die Bosheit und Ungerechtigkeit der Hohenpriester vor aller Welt verkündigen: „Dieser aber hat nichts Ungeschicktes gehandelt!“ Wahrlich, das heißt die mitgefallnen Brüder lieben; das heißt sich selbst erkennen und verdammen; das heißt den Herrn verherrlichen und preisen.

Geliebte, wenn hier die Geschichte abbräche, wenn wir kein Wort weiter wüßten von diesem Räuber und Mörder: wir würden mit Mitleid und Bewunderung bei ihm verweilen, wir würden bekennen müssen: dieser Räuber und Mörder ist besser als seine Richter, ist besser als Millionen unserer gebildeten und hochgestellten Zeitgenossen, ist besser als viele Weise, Fürsten, Helden, Fromme; er ist in diesem Augenblicke besser, als wir selbst sind. Denn er hat die tiefste Weisheit kennen gelernt, sintemal er nichts anders weiß, als Christum den Gekreuzigten, und daß Christum lieb haben besser ist, denn alles Wissen; er hat die größte Heldenthat gethan, sich selbst erkannt und überwunden; er hat das herrlichste Reich erobert, sintemal er hat dem Himmelreich Gewalt angethan; er hat den Gipfel aller Frömmigkeit und Gottesfurcht erstiegen, sintemal er ist ein gläubiger Christ geworden. Doch Gottlob! der Faden der Geschichte bricht noch nicht ab; er öffnet uns vielmehr noch tiefere und glänzendere Blicke in das Herz dieses Verurtheilten.

Den Herrn erkennen und – auf ihn hoffen, ihn anrufen, ist immer Eins in den Herzen der Gläubigen. Der Schächer betet daher zu Christo: „Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommest.“ Der Unglaube spottet, der Glaube betet: damit ist der große, schroffe Gegensatz kurz und schneidend bezeichnet. Und was betet er? „Herr!“ so nennt er Christum. Dem äußern Anschein nach war von einer Herrschaft Jesu Christi nichts zu sehen und zu hören; er hing ja jetzt in seiner allertiefsten Erniedrigung und äußersten Hülflosigkeit am Kreuze; im Gegentheil, das Königreich Jesu Christi war zum Spott geworden durch die Ueberschrift und durch die Krone von Dornen auf seinem Haupte und durch den Thron des Kreuzes, an dem er hing. Dennoch nennt er ihn Herr und spricht von seinem Königreich. Kein Andrer ging ihm mit diesem Bekenntniß voran, Keiner stimmte ihm einmal bei; im Gegentheil, Alle verachten und lästern den Herrn, die Hochgestellten, die Aufgeklärten, die Gebildeten im Volke, die Machthaber lästern ihn; und so abscheulich die Lästerungen klingen, sie scheinen durch die Lage der Sache gerechtfertigt zu werden. Dennoch läßt er sich nicht irre machen, überwindet alle Schwierigkeiten und bekennt den Herrn, sieht die göttliche Ehre in der menschlichen Schmach, das Licht in der Finsternis, die Gesundheit in den Wunden, das Heil in dem Fluch, den Reichthum in der Armuth, den Himmel in der Hölle. Am Marterholz hat er mehr gelernt, als alle Schriftgelehrten und Hohenpriester in der Schrift gelernt hatten; in einer Stunde ist er weiter gekommen, als Judas in dem unmittelbaren dreijährigen Umgange mit dem Herrn. Judas war aus einem Apostel ein Mörder geworden, der Schächer ward aus einem Mörder ein Apostel. Welch ein Glaube! Wahrlich, das war ein Abrahamsglaube, der sich an den hielt, den er nicht sah, als sähe er ihn; das war ein Glaube, von dem auch galt, was Jesus zu Petro sprach: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn, daß du das geglaubt hast; denn das hat dir nicht Fleisch und Blut geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ So groß war selbst der Glaube des Hauptmanns zu Kapernaum und des kananäischen Weibes nicht gewesen, den Jesus doch als einen großen Glauben gerühmt hatte; denn jene sahen den Herrn in seiner Wundermacht und Herrlichkeit, als sie an ihn glauben lernten, er aber sah ihn in seiner Niedrigkeit und tiefsten Schmach. –

Und nun: welche Demuth bei diesem Glauben! „Herr, gedenke an mich, fleht er, wenn Du in Dein Reich kommest.“ Im Gefühl seiner Unwürdigkeit wagt er nicht die Bitte um Aufnahme in Jesu Reich, noch um gänzliche Erlassung der Strafe, noch um die ewige Seligkeit; sondern fleht nur um Begnadigung, ja nur um ein gnädiges Andenken, daß der Herr den letzten seiner Knechte nicht vergessen, daß er seiner Sünden nicht gedenken, wohl aber seiner Reue gedenken möge, da er ja das Verderben der Seelen nicht wolle, sondern daß sie sich bekehren und leben; dieser Gedanke voll Huld und Erbarmen solle dann der Lichtstrahl fein, der noch in den äußersten Finsternissen ihn erreiche und tröste.

Wir können es nicht läugnen, eine unendliche Fülle von Gnadenwirkungen vereinigt sich im Augenblick des Sterbens in der Seele dieses Schächers. Er betet den Herrn an, er fürchtet Gott, er bereut seine Sünde, er sucht den Verstockten zu retten, er bekennt den Herrn, er fleht um Vergebung, er glaubt, er hofft, er liebt; er ist ein neuer Mensch geworden, sein Glaube ist ein lebendiger Glaube, und sein Herz eine neue Creatur. Die ganze Gemeinde der Gläubigen ist in diesem Schächer dargestellt. Höheres können wir nicht besitzen und weiter können wir es nicht bringen in dem längsten Leben, als er es in einigen Stunden gebracht hat. Zur elften Stunde berufen, beschämte er die zur dritten, sechsten und neunten Stunde Berufenen, und bekräftigte das Wort des Herrn: „Die Ersten werden die Letzten, und die Letzten werden die Ersten sein.“ Verleihe uns denn Allen der barmherzige Gott – denn im geistigen, das heißt, wahren Sinne des Worts sind wir alle Räuber, die Gott, seinem Namen, seinem Tage vielfach die Ehre geraubt und uns selbst gesucht und verherrlicht haben, und Mörder, die durch Zorn, Haß, Rache, Neid, Aergerniß Andere getödtet haben – daß wir dermaleinst auch sterben in der Herzensverfassung, in welcher er aus der Welt ging; daß in den letzten Stunden, wenn die Augen brechen und die Pulse stocken, Christus, unser Heiland und Fürsprecher, unser alleiniger Trost und unsere alleinige Zuflucht sei, und wir zu ihm flehen können: „Herr, gedenke an mich; gedenke meiner, mein Gott, im Besten!“ Verleihe, Gott, daß wir, da wir die Zeit unsers Todes nicht wissen, allezeit in dieser Herzensverfassung leben, daß Bitte und Erhörung bei uns die Bitte und Erhörung des Schächers sei!

II.

Welche Erquickung und Freude, Geliebte, mußte unter den furchtbaren Schmerzen des Kreuzes dieser bußfertige und gläubige Schächer dem Herrn sein! Kein stärkender Engel vom Himmel hätte ihm willkommner sein können, als das kurze, Alles enthaltende und unerwartete Wort eines an seiner Seite gekreuzigten Verbrechers: „Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommest.“ Groß war das Gebet, groß war die Erhörung. Als man die falschen Zeugen gegen Christum aufstellte, schwieg er. Als Herodes neugierig Wunder von ihm verlangte, schwieg er. Als Pilatus spöttisch ihn fragte: was ist Wahrheit? schwieg er. Als die Kriegsknechte ihn verhöhnten, schwieg er. Aber mit diesem Uebelthäter spricht er; ihm blieb er keine Antwort schuldig. Kaum hat derselbe ausgeredet, so antwortet Jesus: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Eher, als er es meinte, erlöste ihn der Herr, und mehr, als er bat, gewährte er ihm.

„Wahrlich, ich sage dir,“ hebt sein großes Gotteswort an. Nicht mit einem ungewissen Vielleicht, nicht mit einer halben Hoffnung tröstet er ihn: zuversichtlich betheuert er ihm die himmlische Seligkeit. Ich sage dir; ich, der ich das Haupt der Gemeinde bin, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, sage dir, du reuiges, du gläubiges Herz, der du zu mir betest, wenn gleich die menschliche Gesellschaft mich ausgestoßen hat, und du an mir jetzt nichts siehst als Schmach und Erniedrigung; heute sollst du mit mir im Paradiese sein, heute noch soll dein Gebet mehr als erhört werden. Ich versichere dich nicht nur meines Andenkens dann, wann ich in meinem Reiche und seiner Herrlichkeit kommen werde: heute schon sollst du mein Andenken an dich erfahren, und nicht nur mit mir den Tod, sondern auch das Leben theilen, nicht nur mit mir in die tiefste Schmach der Erde, sondern auch in die höchste Herrlichkeit des Himmels eingehen. Mehr als Begnadigung verkündige ich dir: Seligkeit, Paradiesesfreuden, Theilnahme an meiner Verherrlichung. Von heute an bist du Bürger meines Reiches; heute noch werde ich dir als König in Israel im Reiche der Abgeschiedenen, im Reiche der Erlösten erscheinen. Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!

Doch was meinte der Herr unter dem Paradiese, in welches er eingehen wollte? Meinte er damit schon den Himmel und die Seligkeit der Vollendeten im Himmel in der Glorie des Vaters? Nein, dahin ging er in der verherrlichten Menschennatur erst ein am Tage seiner Himmelfahrt. Als er am Kreuze ausrief: „Es ist vollbracht; Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!“ als er sein Haupt neigte und verschied: da trennte sich bei ihm, wie bei jedem Sterblichen, Leib und Seele von einander. Der Leib ward begraben in Josephs von Arimathia Begräbniß; die Seele aber begab sich nach dem Aufenthaltsort der Verstorbenen des alten Testamentes; nicht nur derer, die etwa nicht glaubten (1. Petri 3, 19), sondern auch derer, die im Glauben an ihn vollendet hatten, und predigte ihnen daselbst die nun auch für sie geschehene Welterlösung; er erschien den Abgeschiedenen als ein Abgeschiedener; ihnen gleich, doch in göttlich menschlicher Hoheit und Herrlichkeit. Diesen Ort nennt der Herr sonst den Schooß Abrahams (Luc. 16), im Texte das Paradies, und er nennt ihn mit diesem herrlichen Namen darum, weil daselbst alle Gerechten und Frommen des alten Testamentes seit Jahrhunderten und Jahrtausenden harrten auf die Erfüllung ihrer Hoffnung, in der sie gelebt hatten, in der sie gestorben waren, und ihr stilles Geistesleben voll Frieden und Vorgenuß himmlischer Seligkeit führten; er nennt ihn insbesondere so darum, weil Er jetzt dort einkehrte und mit ihm die ewige Erlösung, mit ihm die volle himmlische Seligkeit. Durch Christi Erscheinen ward jener Aufenthaltsort der gläubig Verstorbenen wahrhaft in einen Aufenthalt der Seligen, in ein Paradies verwandelt; denn sie sahen ihn nun nicht mehr, wie bisher, in seiner Gottheit, sie sahen ihn auch als Gottmenschen, als Sieger und Ueberwinder, der von dem entscheidenden Kampfplatze kam, auf dem er ihnen und allen Menschen ewige Erlösung erstritten. Waren sie bisher in Hoffnung selig gewesen: sie wurden es nun in der Wirklichkeit. – Dorthin also, wohin im Augenblicke seines Sterbens der Erlöser sich begab, nahm er den begnadigten Schächer mit, die Erstlingsfrucht seiner Schmerzen und den ersten Zeugen seines vollendeten Erlösungswerks. Und auch in der Beziehung ward an diesem begnadigten Sünder das Wort wahr: „Die Letzten werden die Ersten sein.“ Früher als alle Apostel ward er im höchsten Grade der Gnade des Herrn theilhaftig; hier auf Erden schon ergriff er im Glauben das Erlösungswerk in dem Augenblick, wo es vollbracht ward; dort im Himmel war er unter den Ersten, denen die Pforte des Lebens sich öffnete und die schauend in die unvergänglichen Wonnen des Paradieses eingingen und die Erfüllung des hohenpriesterlichen Gebets erlebten: „Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die Du mir gegeben hast, daß sie meine Herrlichkeit sehen.“

„Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“ Es giebt Worte des Herrn Jesu, vor denen man gleich auf die Kniee stürzen und anbeten möchte: ein solches Wort ist auch dieses. In ihm verklärt sich die Erlösungsgnade des Herrn in ihrem ganzen Umfange und in ihrer unendlichen Bedeutung. Wie er während seines Lebens manchem Bekümmerten zugerufen: „Sei getrost, mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben!“ so hört er auch nicht auf, so lange sein Mund sich zu öffnen vermag, denen die Seligkeit zu geben, die sie suchen. Der sinkenden Sonne gleich, die noch kurz vor ihrem Untergange und während ihres Untergangs ihre segnenden Lichtstrahlen über die Welt ausgießt: tröstet, heilt, erquickt, beseligt der Herr seine Umgebung, bis er das Haupt neigt und verscheidet. Ja, ja; Er ist der rechte, der alleinige Heiland und Helfer aller armen Sünder, aller bußfertigen und bekümmerten Gemüther. Wen die ganze Welt verstößt: bei Christo findet er Aufnahme, sobald er sie verlangt. Auch der größte Sünder kann noch selig werden, und nie haben wir an eines Menschen Seligkeit, auch an unserer eigenen nie zu verzweifeln, so lange ihnen und uns an derselben nur noch etwas gelegen ist. Keine Sünde ist zu groß, sie kann vergeben werden, und keine Sünde ist zu klein, sie muß vergeben werden. Wo die Sünde blutroth ist, da soll sie doch schneeweiß werden, und wo sie ist wie Rosinfarbe, da soll sie doch wie Wolle werden, spricht der Herr. Mehr, überschwänglich mehr thut Er immer, als wir bitten und verstehen können, und es ist je gewißlich wahr und ein theuer werthes Wort, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen; es ist je gewißlich wahr: „So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werk, allein durch den Glauben“ (1. Tim. 1, 15. Röm. 3, 28). Auch, ob wir früh oder spät berufen werden in seinen Weinberg, macht keinen Unterschied: er will den Letzten geben nach seiner Güte denselben Gnadenlohn, welchen er den Ersten versprochen hat. Freilich, wer seine Gnade mißbrauchen, sie auf Muthwillen ziehen, auf Gnade lossündigen, seine Bekehrung verschieben will bis in die letzten Stunden seines Lebens: der würde seine unsterbliche Seele und sein ewiges Heil auf ein morsches Brett setzen, es ist sich selbst überlassen, es treibt auf wilder See, und statt einzulaufen in den Hafen des Friedens, möchte es verschlungen werden in den Abgrund. Jesus hat’s gesagt: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Was mochte der Schächer empfinden bei diesen Worten, Geliebte? Jetzt den Mördertod, und heute noch den himmlischen Lohn des Glaubens! Jetzt die grausam höhnende Menge umher, und heute noch der Empfang der Seligen! Jetzt verstoßen von der Welt nach Verdienst, und heute noch aufgenommen aus Gnaden in die Herrlichkeit des Himmels! Jetzt sterbend am Kreuze mit Christo, und heute noch selig mit ihm im Paradiese! O konnte das Kreuz ihm noch bitter und der Tod ihm noch schwer und das Gericht noch furchtbar sein, dem er entgegenging? mußte nicht unter der Pein und den Schmerzen des langsam hinschwindenden Lebens seine Seele voll Friedens sein und voll Gewißheit der göttlichen Erbarmung? mußte nicht, als um die sechste Stunde die Sonne ihren Schein verlor und die leblose Natur mit dem Sohne Gottes trauerte, als der Boden wankte und bebte, auf dem Jerusalem und Golgatha stand, als seine Sinne sich verwirrten und die Gegenstande vor seinen Augen in einander schwammen, und er auch den Herrn nicht mehr neben sich am Kreuze sehen konnte, Jesu Triumph- und Siegeswort wie Himmelsruf in seine Ohren klingen: „Es ist vollbracht!“ mußte er nicht, als die Schmerzen sich verdoppelten und ein Todesstoß nach dem andern kam, als endlich die Kriegsknechte zum letzten, ungeheuern Schmerze mit Keulen seine Beine zerschlugen, unter den Schmerzen der Erde die Wonne der Gewißheit fühlen, bald, bald mit Jesu im Paradiese zu sein? Herr, Du kannst Wunder der Erbarmung thun; in der dunkelsten Nacht noch bist Du unser Licht, mitten im Tode noch bringst Du ewiges Leben!

Aber der Andere, wie wird der gestorben sein? in seinem Zustande ohne Reue, ohne Furcht vor Gott, ohne Glauben an Christum, ohne Verlangen nach dem Himmel? Jesus schweigt gegen ihn. Er straft ihn nicht, er spricht nichts mit ihm, er schweigt. Ach, dies Schweigen ist seine Verdammung. Da hängt er, der Unglückliche; immer näher kommt der Tod; immer furchtbarer wird seine Angst; er ahnt nichts von der Seligkeit seines Mitgekreuzigten, nichts von der Gnade des Heilandes; da kommen die Kriegsknechte und zerbrechen ihm die Beine, und er fährt wie er stirbt, fährt hin in’s Gericht, wo ein ewiges Verstummen ihm auferlegt wird, ein ewiges Verstummen von Gnade, von Seligkeit, von Frieden! Wie? Zuhörer, ist das Wort nicht erfüllt: „Es werden zwei auf dem Felde sein, Einer wird angenommen, der Andere wird verlassen werden. Zwei werden mahlen auf der Mühle, Einer wird angenommen, der Andere wird verlassen werden?“ (Math. 24, 40, 41).

Auf Golgatha ist’s wieder still geworden. Die drei Gekreuzigten haben ausgeredet. Aber gehört hat die Welt das große Wort: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Wir haben’s auch gehört, und haben’s gehört, um es nie wieder zu vergessen. Lernen sollen wir vom Schächer, wie man begnadigt, wie man selig wird. Herr Jesu Christe, Du König des Himmels, Du Herr des Paradieses, laß es uns lernen. Einem Mörder hast Du Gnade gegeben, weil er seine Sünde bereut, weil er an Dich geglaubt und in Buße und Glauben zu Dir gebetet hat: lehre auch uns bereuen, wie er, glauben, wie er, beten, wie er, damit wir auch nehmen, wie er, aus Deiner Fülle Gnade um Gnade, und heute schon den Himmel in unserer Brust tragen, und wenn unsere letzte Stunde kommt und alle Bande zerreißen, die uns an diese Welt und an die Menschen fesseln, wenn das Gefühl unserer Unwürdigkeit uns noch einmal tief niederbeugt, und die letzte, schwerste Probe unserem Glauben auferlegt wird, hilf uns dann beten: „Herr, gedenke an mich“ rufe uns dann zu: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Amen.

August 31, 2019

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