Arndt, Friedrich – Die sieben Worte Christi am Kreuz – 4. Predigt.

O hilf, Christe, Gottes Sohn, durch Dein bittres Leiden, daß nicht Kreuz, nicht Spott und Hohn uns von Dir mag scheiden, daß wir Deines Kreuzes Schmach fruchtbarlich bedenken, dafür, wiewohl arm und schwach, Dir Dankopfer schenken. Amen.

Text: Matth. XXVII. V. 45-49.

Und von der sechsten Stunde an ward eine Finsterniß über das ganze Land, bis zu der neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: Eli, Eli, lama asabthani? das ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Etliche aber, die da standen, da sie das höreten, sprachen sie: Der rufet dem Elias. Und bald lief Einer unter ihnen, nahm einen Schwamm und füllete ihn mit Essig, und steckte ihn auf ein Rohr und tränkte ihn. Die andern aber sprachen: Halt, laß sehen, ob Elias komme und ihm helfe.

Offenbar waren die drei ersten Worte Jesu am Kreuze Segensworte und Segensthaten für die Menschen gewesen. Das erste Wort: „Vater, vergieb ihnen; denn sie wissen nicht, was sie thun,“ war ein Wort der Gnade für seine Feinde, und der Herr erschien in demselben als unser fürbittender Hoherpriester vor Gott. Das zweite Wort: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein,“ war ein Wort des Trostes für bußfertige Sünder; in ihm offenbarte Jesus seine königliche Macht und Herrlichkeit. Das dritte Wort: „Weib, siehe, das ist dein Sohn; siehe, das ist deine Mutter!“ war ein Wort der Liebe für seine vertrauten Freunde; in ihm verherrlichte er, lehrend und befehlend, sein prophetisches Amt. Mit diesen drei Worten vollendete Jesus sein Testament an die Menschheit auf dem Sterbelager des Kreuzes. Von nun an begann aber im engsten Sinne des Wortes der Todeskampf Jesu Christi zur Erlösung der Welt; geheimnißvoll und schweigend durchkämpfte er die grauenvollen Schrecknisse der Finsternis, und wie er um drei Uhr Nachmittags endlich wieder das Schweigen brach und seine vier letzten Worte kurz hinter einander aussprach: ward es klar, daß er diese schwere Zeit über mit sich selbst und mit seinem Gott beschäftigt war, und daher seine vier letzten Worte sich auch auf dieses höhere und höchste Verhältniß bezogen. So sammle uns denn heute in heiliger Andacht das vierte Wort. Wir betrachten 1) seine Bedeutung und 2) seine Wirkung.

I.

Unendlich schwer war der Martertod des Herrn am Kreuze, und unaussprechlich bitter der Leidenskelch, welchen er daselbst zu leeren hatte. Zwischen Himmel und Erde schwebend, fühlte er in allen seinen Gliedern die qualvollste Pein. Drei Stunden schon hatte er mit den durchbohrten Händen und Füßen blutend zugebracht; die Sehnen seiner Arme und Hände, an denen die ganze Last des Leibes herabhing, waren nunmehr aufs äußerste gespannt und durch diese Zerrung seine Todesqual aufs höchste gesteigert. Die Geißelwunden bluteten noch, die Stacheln der Dornenkrone ragten noch auf seinem Haupte, und brennende Fieberhitze jagte ihre Flammen durch alle seine Nerven, jede leise Bewegung verursachte ihm neue Marter. So kam der Mittag heran, und zwiefach beängstigend lastete auf ihm die schwüle drückende Luft. Verlassen hing er da von allen Menschen: wohl umstanden sie lärmend und spottend in gedrängten Schaaren sein Kreuz; aber Keiner hatte ein Herz für ihn, ihr tobender Lärm vermehrte nur seine Todespein. Verlassen hing er da von seinen Jüngern und Freunden: jene waren geflohen, diese waren an ihm irre geworden. Verlassen war er jetzt auch von seiner Mutter und dem Jünger, den er lieb hatte; denn sie vermochten nicht das Geringste zur Erleichterung seiner Qualen zu thun; ihr Leiden konnte nur sein Leiden vergrößern; auch hatte er bereits ihnen Lebewohl zugerufen. Da, um die sechste Stunde oder nach unserer Tagesrechnung um Mittag, verliert plötzlich die Sonne ihren Schein und der Schrecken der Finsterniß lagert sich über das ganze Land drei volle Stunden bis drei Uhr Nachmittags, die Erde bebt, die Felsen zerreißen, und unheimlich wird der Menge zu Muthe auf der grausigen Stätte.

An eine eigentliche gewöhnliche Sonnenfinsterniß war jetzt nicht zu denken; denn Ostern fiel immer in die Zeit des Vollmond’s, und dann ist eine Verfinsterung der Sonne durch den Mond für die Erdbewohner nach den Naturgesetzen unmöglich. Ueberdies war, wenn die Juden ihr Osterfest feierten, immer schon der Sommer im gelobten Lande eingetreten; mit dem Osterfeste begann die Gersten- und Roggenerndte; es war also um diese Zeit beständiges warmes Wetter, klarer wolkenloser Himmel und eine gewöhnliche natürliche Verdunklung der Sonne durch vortretende Wolken auch nicht in der Ordnung. Die plötzlich zu Mittag einbrechende Finsterniß war durchaus ungewöhnlich und wunderbar, und konnte daher nicht ohne das geheime Gefühl eines innern Zusammenhangs zwischen diesem Naturereigniß und dem sterbenden Erlöser betrachtet werden. Auch heidnische Schriftsteller berichten uns dieses Wunder. Einer unter ihnen soll nach der Angabe der ältesten Kirchenväter in die merkwürdigen Worte ausgebrochen sein „Entweder leidet jetzt die Gottheit, oder sie bat Mitleid mit dem, der da leidet;“ und ein Andrer erzählt uns „Es ereignete sich eine so große Sonnenfinsterniß, wie früher noch nimmer gewesen; um Mittag ward es Nacht, so daß man die Sterne am Himmel sah.“ Auf gleiche Weise erwähnen heidnische Schriftsteller des gewaltigen Erdbebens.

In der That, hier war Gottes Hand sichtbar. Es erfüllten sich die prophetischen Weissagungen: „Wenn man das Land ansehen wird, siehe, so ist’s finster vor Angst, und das Licht scheinet nicht mehr oben über ihnen. (Jes. 5, 30) Zur selbigen Zeit, spricht der Herr, will ich die Sonne um Mittag untergehen lassen, und das Land am hellen Tage lassen finster werden.“ (Amos 8, 9.) Was wollte Gott sagen mit dieser Finsterniß? Bei den alttestamentlichen Propheten war das Sonnenlicht die stehende Bezeichnung der göttlichen Gnade, und das Verlöschen desselben Vorbote des göttlichen Zornes und göttlicher Strafgerichte. Die auf Golgatha jetzt eintretende Finsterniß mußte daher Allen, die auf der Schädelstätte standen, den Zorn Gottes verkündigen, dafür daß Israel seinen König und Messias ans Kreuz geschlagen. Diese Finsterniß war die Antwort Gottes auf den frevelhaften Wunsch des Volkes: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ Mit diesem Augenblick war die Gnadensonne an Israels geistlichem Himmel untergegangen, und die Finsterniß göttlicher Strafgerichte brach herein.

Aber auch über den Sohn Gottes am Kreuze war in diesem Augenblick ein schauriges Gericht hereingebrochen; die Finsterniß in der Natur bildete die Dunkelheit ab, welche in seiner heiligen Seele überhand nahm. Zu allen Zeiten hatte die Natur in einem eigenthümlichen Bündniß zu den Ereignissen in der Menschenwelt gestanden. Als die Welt erschaffen wurde, war das Licht der Stoff, in welchem Alles geboren ward, und seine Entstehung und Einordnung das Werk des ersten und des vierten Tages. Wenn die Welt wird erneuert werden, werden Zeichen geschehen an der Sonne, dem Monde und den Sternen, und auf Erden wird den Leuten bange sein, und werden zagen. Und als Jesus geboren wurde, ward die Nacht in hellen Tag verwandelt, die Wahrheit des Herrn umleuchtete die Hirten auf dem Felde; denn das geistige Licht ging auf für Alle. Hier dagegen verwandelt sich der helle Mittag in dunkle Nacht; denn die Sonne der Gerechtigkeit ging wieder unter, nachdem sie eine kleine Weile geschienen hatte. Wie Finsterniß auf der Tiefe lag bei der Schöpfung der sichtbaren Welt, ehe die einzelnen Tagewerke der Allmacht Gottes begannen: so deckte wiederum Finsterniß die Erde, als die geistige Schöpfung der Welt, die Erlösung und Wiedergeburt der Menschen durch den Sohn Gottes zu Stande gebracht ward. Die Natur fühlte demnach die Wichtigkeit dieser Stunden, in denen Himmel und Erde neu geboren wurde, und das Wort Jesu That ward: Es kommt der Fürst dieser Welt, aber er hat nichts an mir. Sie hüllte sich in schwarze Trauer; wie sie gefallen war mit dem ersten Menschen, so theilte sie jetzt auch die Auferstehung der Menschheit durch den Tod des zweiten Menschen, der aus Gott war, Jesus Christus.

Und er selber, der Sohn Gottes, schweigt drei lange bange Stunden, so lange die Finsterniß anhält. Den edelsten Menschen nur ist es eigen, nichts zu sagen von ihren Schmerzen, während sie leiden, und erst nach überstandenen Qualm zu verrathen, was sie durchgemacht haben. So schweigt auch jetzt der Herr am Kreuze, während er das Entsetzlichste leidet; und dieses Schweigen ist bedeutsamer, als sein Schwelgen vor Kaiphas, als die falschen Zeugen gegen ihn auftraten; als sein Schweigen vor Herodes, als er Wunder von ihm verlangte; als sein Schweigen vor Pilatus, als er fragte: was ist Wahrheit? Denn hier schweigt er vor Gott. Seine Seele ist in sich gekehrt; furchtbare Stürme, wie sie nie eine menschliche Seele überfallen, sind über sie hereingebrochen. Zwei Sonnen sind zugleich hier verfinstert, die Sonne der Natur und die Sonne der Gnade, und Beides, Finsterniß und Stillschweigen, deuten auf ein Geheimniß, verhüllen ein Geheimniß, bei dem alle Gedanken in den Staub sinken und heilige Schauer der Anbetung und Verwunderung jedes fühlende Gemüth ergreifen.

Endlich gehen sie zu Ende, die bangen, nächtlichen Stunden; es schlägt drei Uhr Nachmittags, die Dunkelheit beginnt wieder zu weichen; Jesus Christus bricht das Schweigen des Todes, und laut aufschreiend spricht er zu Gott, seinem Richter: „Eli, Eli, lama asabthani? das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Geheimnißvolle, räthselhafte Worte, was wollt ihr bedeuten? Seid ihr Worte eines Verzagenden, der sein unternommenes Werk aufgiebt und an Gott verzweifelt, weil er sich nicht zu ihm bekenne? Oder seid ihr Worte eines körperlich Leidenden, der da inne wird, er habe sich zu viel zugetraut, und unterliege nun doch der Uebermacht seiner Schmerzen? Oder seid ihr überhaupt nur eine allgemeine Klage über die Gewalt des Todes, nicht eigentlich, sondern bildlich zu verstehen? Ueber die Menschen, die dem Herrn nichts als Wehe anthaten und das Maaß ihrer Undankbarkeit, Rohheit und Bosheit vollmachten, hatte Jesus nicht geklagt, und über Gott klagt er, als habe Gott sich von ihm zurückgezogen, da er doch Gott nie verlassen gehabt? Sein ganzes Leben war nichts als eine fortgehende Kette von Kränkungen und Verfolgungen gewesen; aber er hatte sie alle willig und gehorsam aus des Vaters Hand genommen und ertragen: hier aber klagt er, als wäre die Last ihm zu groß geworden?

O so mußte sie denn über alle Beschreibung groß gewesen sein, diese Last; und alle Leiden und Zurücksetzungen seines frühern Lebens, die er mit den Worten andeutete: „Die Füchse haben ihre Gruben und die Vögel ihre Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege;“ alle Gemüthsbewegungen des Mitleids, die er über Jerusalem empfand, als er auf dem Oelberge weinte und sprach: „Wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient; aber nun ist es vor deinen Augen verborgen;“ alle bangen Ahnungen und Vorempfindungen seiner bevorstehenden Leiden, die er gegen die Jünger äußerte in den Worten: „Ich bin gekommen, daß ich ein Feuer anzünde auf Erden; was wollte ich lieber, denn es brennete schon? Aber ich muß mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollendet werde;“ alle Erschütterungen, die seine heilige Seele trafen in jenem nächtlichen Kampfe, in Gethsemane, wo er betrübt war bis in den Tod, wo er zitterte und zagte und der blutige Angstschweiß auf die Erde fiel; die ihn trafen, als Judas ihn verrieth, als Petrus ihn verläugnete, als diejenigen, denen er wohlgethan, spotteten und höhneten; – alle jene Leiden mußten Kleinigkeiten gewesen sein gegen die Seelenmarter, die er in den drei finstern Stunden am Kreuze ausstand, und die er, nachdem der Kampf vorüber war, andeutete in dem Nothschrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Er schreit laut auf: wie bedeutungsvoll diese lebhafte und eindringliche Art, mit derer dem gepreßten Herzen Luft macht! Er betet: mein Gott! Sein erstes Wort führte die Anrede: „Vater, vergieb ihnen!“ sein letztes Wort hallt wieder aus in den Seufzer: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist;“ auch in Gethsemane betete er noch zum Vater und nannte sein Leiden des Vaters Kelch, aber hier, in der dunkelsten aller Stunden, fühlt er nicht mehr das kindliche Verhältniß zu Gott als Vater, er kann ihn nur anreden mit dem allgemeinen Namen Gott; er steht vor dem Ewigen nicht als der Sohn, sondern als ein Geschöpf vor dem Schöpfer, als ein Sünder vor dem heiligen und gerechten Richter, der Augen hat wie Feuerflammen und Herzen und Nieren prüft. Er klagt endlich: Gott habe ihn verlassen. Auf Erden kann nie ein Mensch von Gott verlassen werden. Auch Adam wurde es nicht, nachdem er den großen, entscheidenden Fall gethan; der größte Bösewicht, der ärgste Feind wird bis an seinen Tod nicht von Gott verlassen. Geschähe es, kein Mensch würde solchen Zustand nur einen Augenblick ertragen, es wäre wahrhafte Höllenpein. Bis zum letzten Hauche, bis zum letzten Pulsschlage geht Gott einem Jeden nach, ob er ihn finde und noch herumhole aus dem Verderben. Von Gott verlassen sein, ist also etwas durchaus Unmenschliches, es ist ein höllischer Zustand. Das höchste Gut und Glück des Menschen ist Gott; ohne Gott kein Trost, kein Licht, keine Freude, keine Kraft. Wer Gott verloren hat, hat Alles verloren, und es ist dies die größte Strafe, mit der das Geschöpf vom Schöpfer gestraft werden kann. Wenn ein Mensch sich in großer Armuth, Krankheit, Noth von seinen Brüdern und Freunden verlassen sieht, so ist’s ja sein einziger Trost, im Himmel ein Vaterherz zu wissen, vor dem er sich ausweinen kann, und sagen zu dürfen: „Vater und Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf.“ (Ps. 27,10.) Nun aber auch dieses Trostes beraubt zu sein, in Gott keinen Vater, sondern einen zürnenden Richter sehen zu müssen, nicht den Frieden seiner Nähe und seines Wortes schmecken zu können und von der Quelle alles Lichts und Lebens geschieden zu sein: das ist Verzweiflung, die schrecklicher als Vernichtung ist. Alle sonstigen Strafen der Hölle, die Pein des bösen Gewissens, der immerwährende Umgang mit den unseligen Geistern, die steten Selbstanklagen und Vorwürfe, der Wurm, der nicht stirbt, und das Feuer, das nicht erlischt, stehen tief unter der Gewißheit: von Gott verlassen zu sein. Ja, jedes andere Elend, jedes Gefühl von dumpfer Verzweiflung und von hoffnungsloser Reue empfängt seine tödtende Schärfe nur durch diese Gewißheit. Diese Gewißheit ist die eigentliche Hölle in der Hölle; diese Gewißheit ist öde Einsamkeit unter Millionen von Wesen, ist grausamer Fluch unter lauter Segensfülle, ist bittere Armuth unter unermeßlichem Besitz, ist ewiger Tod in der ganzen Unendlichkeit seiner Ausdehnung, ist Sein und Nichtsein, Nichtleben- und Nichtsterben-Können zugleich.

Diesen Zustand der Verdammten in der Hölle also, die ewigen Strafen unserer Sünde durchfühlte und durchkämpfte der Herr, als er drei Stunden lang schweigend am Kreuze hing. Darum spricht der Apostel Paulus: „Christus hat uns erlöset von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns. Gott hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilet.“ (Gal. 3,13. 2. Cor. 5, 21. Jes. 53, 5.) Gekommen waren für ihn die Stunden, wo die Fluthen des göttlichen Zornes zusammenschlugen über aller Welt Sünden, wo Jesus Christus ins Gericht ging wegen unserer Schuld, wo er eine Sühne leistete, welche die ganze Tiefe des auf uns ruhenden Fluches erschöpfte, wo er jeder Forderung der göttlichen Gerechtigkeit Genüge that, wo er als Hoherpriester für uns vor dem Angesichte Gottes stand, und Gott ihn als einen Sünder behandelte, und daher nicht nach seiner Liebe mit ihm verfuhr, die Jesus verdient hatte, sondern nach seiner Gerechtigkeit, deren Strafen wir verdient hatten. Das waren Stunden voll Grauen und Schrecken, dergleichen nicht da gewesen waren, seitdem Gott die Erde gegründet hatte. Was Jesus da empfunden, übersteigt aller Menschen und aller Engel Gedanken. Keine Sprache kann es aussprechen, kein endlicher Geist vermag es zu fassen. Es nur denken zu können, denken zu müssen: wäre schon die Hölle. Keinen Zustand giebt es in dieser Welt, der mit dieser gänzlichen Verlassenheit von Gott, mit dieser ewigen Unseligkeit nur einigermaßen verglichen werden könnte.

Doch Gottlob, als Jesus die Worte um drei Uhr Nachmittags sprach: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ war der Kampf vorüber, und die letzten entsetzlichsten Strafen der Sünde für uns abgebüßt. Denn Jesus ruft: „Mein Gott, mein Gott.“ Er hält sich also fest an seinen Gott noch in der dunkelsten Stunde, sein Glaube hört auch jetzt noch nicht auf und spricht selbst in den Worten der Klage nach den schwersten Kampfesstunden als unbedingtes Vertrauen sich aus: er hatte das Gefühl der göttlichen Verlassenheit durch um so treueres Anhangen an Gott überwunden. Jesus ruft: „Warum hast Du mich verlassen?“ Warum? fragt er, nicht etwa aus Unwissenheit, denn er kennt gar wohl die tiefe Bedeutung seiner stellvertretenden Leiden; auch nicht aus Ungeduld, denn er hatte sich ganz dem Willen Gottes ergeben; auch nicht aus Verzweiflung, denn in der doppelten Anrede: „mein Gott,“ sprach sich ja sein unbegrenztes, unerschüttertes Vertrauen aus; sondern es war dies eine jener Fragen, die ihre Antwort in sich enthalten und nur den Zustand der Seele und die Bitterkeit des Leidens ausdrücken sollen. Der Herr fragt so, um Gott an das große, ewiggültige Warum seiner Leiden zu erinnern, und seinem himmlischen Vater sich selbst nochmals darzubieten als Lösegeld für die Menschen, daß Gott, der gerechte Richter, das Opfer annehmen und nun die durch ihn in aller ihrer Sündenschuld und Sündenstrafe vollkommen vertretene Menschheit nie wieder verstoßen und verlassen möge; er fragt in den Anfangsworten des zwei und zwanzigsten Psalms, um damit den ganzen Psalm als erfüllt und die Erlösung als vollbracht darzustellen. Die Frage war, wie Jesu Seele, ringend, aber zum Siege durchdringend. Keine Klage mehr, sondern Siegesruf. Als Jesus rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ hatte er Gott ganz wieder, seine Seelenarbeit war zu Ende; so lange der Kampf währte, hatte der Herr geschwiegen; jetzt spricht er wieder, und das laute Wort ist Zeuge seiner Vollendung. Jesus hatte ausgekämpft mit dem Fluche des Gesetzes, mit den Schrecken der Verdammniß, mit der Hölle und dem Satansreich; und schnell, wie in einem Athem, sprach er nun kurz hinter einander: „Mich dürstet. Es ist vollbracht. Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.

II.

Verschieden ist die Wirkung, welche das vierte Wort Jesu am Kreuze hervorbringt. Etliche aber, die da standen, da sie das höreten, sprachen sie: der rufet dem Elias. Offenbar beruhte diese Verdrehung der Worte des Herrn bei diesen Menschen auf einem Mißverständniß; sie glaubten, Jesus rufe dem Elias, den man als Vorläufer des Messias erwartete. Vielleicht gesellte sich zugleich zu diesem Mißverständniß bei ihnen die Furcht, hervorgerufen durch die ungewöhnlichen und erschütternden Ereignisse in der Natur, Elias möchte wirklich in einem Wetter erscheinen. Die Andern aber sprachen: Halt, laß sehen, ob Elias komme und ihm helfe. Bei diesen war es wohl kein Mißverständniß mehr, sondern Mißbrauch des entstandenen Mißverständnisses zu neuer, frecherer Verspottung des Herrn. Von Elias ging wegen seiner Erweckung des todten Knaben zu Zarpath die Sage, daß er Menschen in Lebensgefahr vom Tode errette. So wollten sie denn sehen, ob Elias kommen und ihm helfen würde. Vielleicht war es auch ihre Absicht, mit dieser Rede Jesu Gottvertrauen zu verhöhnen, daß er nun selbst vom lebendigen Gott abweiche in seiner Noth, und mit seiner Hoffnung sich zu den Kreaturen wende, und daß er, wie einst Saul, von Gott verlassen, zum verstorbenen Propheten Samuel mittelst einer Zauberin seine Zuflucht genommen, gleichermaßen beim Propheten Elias Rath und Trost suche. Oder sie wollten überhaupt aus der vermeintlichen Anrufung des Elias einen Schluß gegen ihn ziehen, daß er der Messias nicht sein könne, da dessen notwendiger Vorläufer noch nicht gekommen; diesen Elias rufe Jesus und beklage sein langes Ausbleiben, er werde aber, nachdem er so lange habe warten lassen, schwerlich jetzt kommen und ihn vom Kreuz befreien. Genug, ihre Reden waren kalter, herzloser Spott über den Seelenzustand des Herrn ohne allen Sinn für seine Leidensgröße; wie so oft in der Welt das Gebet des Frommen von den Spöttern mit roher Gleichgültigkeit verdreht und das Heiligste ihnen ein bloßes Schauspiel wird; denn die Welt liebt es einmal, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen. Das Wort vom Kreuz ist und war zu allen Zeiten eine Thorheit denen, die verloren wurden; uns aber, sprechen wir mit dem Apostel, uns, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.

Denn zunächst sprach der Herr sein ergreifendes viertes Wort aus zum ewigen Tröste. Wie Christus, unser Mittler, arm geworden ist, damit wir durch seine Armuth reich würden; wie er um unserer Missethat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen ist, damit wir durch seine Wunden heil würden; wie er am Stamme des Kreuzes ein Fluch geworden, damit wir durch ihn gesegnet würden: so ist er auch von Gott verlassen worden, damit wir ewig mit Gott vereinigt werden und niemals klagen möchten, daß uns Gott verlassen habe. Um Jesu willen will Gott uns nimmermehr verlassen! Heil uns! Er verläßt uns nicht im Leben, wenn wir ihn auch oft verlassen; immer geht er uns nach, um uns zu finden und selig zu machen durch seine Gnade; er ist treu und kann sich selbst nicht verläugnen; und ob Zion auch spräche: der Herr hat mich verlassen, der Herr hat mein vergessen, Er antwortet: Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? und ob sie desselbigen vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen; siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet. (Jes. 49,14. 45). – Er verläßt uns nicht im Leiden, verdunkelte auch die schwärzeste Finsterniß unsern Pfad, lastete auch das schwerste Kreuz auf unsern Schultern, ließe er auch lange warten auf Rath und Hülfe, ja, nähme er uns auch das Liebste auf dieser Welt: er ist uns nahe und hilft uns tragen, und legt uns nie mehr Kreuz auf, als wir Kraft haben, ihm nachzutragen. Je größer die Noth, je näher Gott. Er kann das Segnen nicht lassen, selbst wenn er straft. – Er verläßt uns nicht in den innern Kämpfen unserer Seele. Ausbleiben können und dürfen sie bei keinem; es kommen Stunden, wo es ganz trocken, öde und todt in unserm Innern aussieht, wo schwere Anfechtungen und Zweifel an der Begnadigung und Seligkeit uns beunruhigen und bestürmen, wo der Herr uns heimsucht mit seinen Gerichten und Züchtigungen und uns in Wüsten der Entbehrung hineinführt, wo immer neue Versuchungen zu Sünden in Gedanken und Neigungen in uns erwachen, wo kein Gnadenregen die schmachtende Seele erquickt, wo er mit Thränenkost uns speist und geistige Fasten seinen Kindern auflegt. Aber getrost, nur hinein in die Finsterniß und in das Dunkel! Das Licht geht den Gerechten immer wieder auf und Freude den frommen Herzen, Die Zeiten der scheinbaren Verlassung sind oft die Zeiten der gewissesten Erquickung und Hülfe, und wenn das auch nicht wäre, zuletzt müssen wir doch allemal bekennen: Uns ist bange, aber wir verzagen nicht; Wir werden geängstigt, aber nimmermehr verlassen. –

Er verläßt uns endlich auch im Tode nicht, wo uns sonst Alles verläßt, die Güter, die wir gesammelt, die Schätze, die wir unser Eigenthum nennen, die Freuden, die uns hier gelächelt, die Menschen sogar, die wir lieb gewonnen, unsere Freunde, unsere Blutsverwandten, Alle uns verlassen; wo selbst dieser Leib, unser unzertrennlicher Begleiter durchs ganze Pilgerleben, im Tode zurückbleibt. Vergebens bieten die Unsrigen alle Pflege der Liebe, alle Mittel der Kunst auf, uns zu halten: es hilft nichts, wir müssen uns trennen von Allem, was wir gehabt haben. Wie schauerlich und grauenvoll, wenn da Gott uns auch verließe? Aber nein, er thut es nicht. Christus hat darum alle Angst und Macht des Todes erfahren, damit er unserm Tode die Macht und den Stachel nähme. Auch im Tode, auch im Gerichte noch wird Er unser Schild, unsere Stütze, unser Trost, unser Durchhelfer sein ewiglich.

Freilich, Alles kommt darauf an, daß wir Ihn nicht verlassen. Ach, wenn das möglich wäre, wenn wir, nachdem wir erleuchtet worden sind und geschmeckt haben das gütige Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt, und theilhaftig geworden sind des heiligen Geistes, wieder abfielen und den Sohn Gottes kreuzigten und für Spott hielten: dann allerdings müßte Er uns verlassen und zu uns sprechen: Weil du des Herrn Wort verworfen hast, so hat er dich auch verworfen. Denn welchen Abscheu muß doch Gott an der Sünde haben, da er schon im alten Testamente bitter klagte: „Mein Volk thut eine zwiefache Sünde, mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich hie und da ausgehauene Brunnen, die doch löchricht sind und kein Wasser geben,“ (Jer. 2, 13) und im neuen Bunde sogar seinen Sohn in den ewigen Tod, in den peinlichen Verlust alles Trostes hineingiebt, um uns zu retten und uns die große Trennung zu zeigen, welche in Zeit und Ewigkeit die Sünde zwischen Gott und Menschen hervorbringt. Nur ein wahres Unglück giebt es auf Erden, wenn Gott uns verläßt und verwirft, darum weil wir ihn verlassen und verwerfen! Nur eine wahre Glückseligkeit giebt es: das Bewußtsein, daß wir bei ihm in Gnaden sind. Das sei denn immer und ewig der höchste Gegenstand unserer Gebete, das letzte Ziel unserer Wünsche, damit wir die Freudigkeit jenes alten, ehrwürdigen, frommen Mannes theilen, der auf die Frage, wie es wohl komme, daß er so fröhlich sei? antwortete: „Weil Niemand Christum von mir nehmen kann!“ So fahret denn fort Ihn zu lieben und immer stärker zu lieben, der aus Liebe zu Euch nicht nur den Himmel mit der Erde, sondern sogar den Himmel mit der Hölle vertauscht und die Bäche Belials für Euch gekostet hat, und achtet nichts zu theuer, was Ihr nicht gern um seinetwillen verläugnen, nichts zu schwer, was Ihr nicht gern um seinetwillen thun oder leiden möchtet. Und heute und morgen und auf dem Todesbette und im Gerichte sei es Euers Herzens ewige Sehnsucht: Herr, mein Licht, Brunn aller Freuden, Du bist mein, ich bin Dein, Niemand soll uns scheiden. Ich bin Dein, weil Du Dein Leben und Dein Blut, o mein Gut, in den Tod gegeben; Tu bist mein, weil ich Dich fasse und Dich nicht, o mein Licht, aus dem Herzen lasse. Laß mich, laß mich hingelangen, wo Du mich und ich Dich ewig werd umfangen. Amen.

Bei dir, Jesu, will ich bleiben,
stets in deinem Dienste stehn;
nichts soll mich von dir vertreiben,
will auf deinen Wegen gehn.
Du bist meines Lebens Leben,
meiner Seele Trieb und Kraft,
wie der Weinstock seinen Reben
zuströmt Kraft und Lebenssaft.

2) Könnt ich’s irgend besser haben
als bei dir, der allezeit
soviel tausend Gnadengaben
für mich Armen hat bereit?
Könnt ich je getroster werden
als bei dir, Herr Jesu Christ,
dem im Himmel und auf Erden
alle Macht gegeben ist?

3) Wo ist solch ein Herr zu finden,
der, was Jesus tat, mir tut:
mich erkauft von Tod und Sünden
mit dem eignen teuren Blut?
Sollt ich dem nicht angehören,
der sein Leben für mich gab,
sollt ich ihm nicht Treue schwören,
Treue bis in Tod und Grab?

4) Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich
so in Freude wie in Leid;
bei dir bleib ich, dir verschreib ich
mich für Zeit und Ewigkeit.
Deines Winks bin ich gewärtig,
auch des Rufs aus dieser Welt;
denn der ist zum Sterben fertig,
der sich lebend zu dir hält.

5) Bleib mir nah auf dieser Erden,
bleib auch, wenn mein Tag sich neigt,
wenn es nun will Abend werden
und die Nacht herniedersteigt.
Lege segnend dann die Hände
mir aufs müde, schwache Haupt,
sprich: „Mein Kind, hier geht’s zu Ende;
aber dort lebt, wer hier glaubt.“

6) Bleib mir dann zur Seite stehen,
graut mir vor dem kalten Tod
als dem kühlen, scharfen Wehen
vor dem Himmelsmorgenrot.
Wird mein Auge dunkler, trüber,
dann erleuchte meinen Geist,
daß ich fröhlich zieh hinüber,
wie man nach der Heimat reist.

August 31, 2019

Schlagwörter: ,