Arndt, Friedrich – Die sieben Worte Christi am Kreuz – 7. Predigt.

„Nimm, Vater, meinen Geist in Deine Hände!“ Dies sei mein letzter Ruf, wenn ich vollende. Nimm meinen Geist, Herr, nach den Todesstunden in Deine Wunden. Amen.

Text: Luc. XXIII. V. 46.

Und Jesus rief laut und sprach: Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände, Und als er das gesagt, verschied er.

Wenn in den drei ersten Worten Jesu am Kreuze Er selbst als den Erlöser der Menschheit in seinem hohenpriesterlichen, königlichen und prophetischen Amte sich offenbarte: so enthalten die vier letzten Worte die Vollbringung der Erlösung in stufenmäßigem Fortschritt. Das vierte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ verräth den eben überstandenen heißen Kampf seiner Seele; das fünfte: „Mich dürstet,“ ist Ausdruck leiblichen Bedürfnisses und die Erfüllung der letzten Verheißung des alten Testaments; das sechste: „Es ist vollbracht!“ ist Ausdruck triumphirender Freude über die gänzliche Vollendung seines heiligen Werkes nach Leib und Seele und Versicherung darüber an die Menschheit; das siebente: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände!“ ist Uebergabe seiner Seele und damit seines ganzen Werks in Gottes Vaterhände. Von Stufe zu Stufe steigt sein göttliches Herz aus der tiefsten Tiefe zur höchsten Höhe empor, bis es endlich im letzten Augenblick den Gipfel erreicht, auf welchem es seine Verklärung feiert. Noch einmal, zum letzten Male, redet der sterbende Heiland mit seinem Vater: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände.“ Damit giebt er uns durch eignes Vorbild Anweisung zu einem seligen Tode; denn Jesus stirbt 1) mit Gottes Wort im Munde, 2) mit Gebet im Herzen, 3) mit freudiger Hingabe in die Führung seines Gottes, und 4) mit stillem, seligen Gottesfrieden.

I.

Und Jesus, heißt es im Texte, rief laut. So ist’s gewöhnlich nicht, wenn Menschen im Sterben liegen. Alle Kräfte sind dann erschöpft, der Körper ist gebunden und unfähig zu irgend einer Anstrengung, und die Seele verräth in immer leiseren, abgebrocheneren, unvernehmlicheren Tönen das Herannahen des Endes; darauf folgen stille, matte Seufzer, zuletzt lautlose Bewegungen des Mundes, und der Todte ist nicht mehr. Hier ist es anders. Mit ganzer Lebenskraft redet der Herr noch im letzten Augenblick, als hätte er gar nichts gelitten, oder als hätte das Leiden seine Kräfte nicht im Mindesten erschöpft; sein Geist ist nicht nur noch so frisch, wie am Anfange der Pein; auch seine Körperkraft ist noch nicht verzehrt. Obgleich er namenlos gelitten, obgleich er unmittelbar darauf verscheidet und der Tod auch bei ihm über das Leben siegt, obgleich es das letzte Wort ist, das er spricht: noch einmal entfaltet er seine volle Lebenskraft. Und Jesus rief laut. – Absichtlich rief er so laut. Alle Welt soll hören, was er spricht; soll wissen, daß er nun stirbt und sterben will; daß sein Tod keine Ohnmacht, kein Sinken und Erlöschen des natürlichen Lebens ist, und daß er nun sterben muß, weil er nicht langer kann, sondern daß sein Tod die freiwillige That eines kräftig Dahinscheidenden ist. Die Seinen alle sollen in dem Glauben gestärkt werden: „Niemand nimmt das Leben von mir, sondern ich lasse es von mir selber. Ich habe es Macht zu lassen, und habe es Macht wieder zu nehmen. Solches Gebot habe ich empfangen von meinem Vater“ (Joh. 10, 18). Er wollte nicht sterben wie ein Stummer, sondern wie ein Redender und ein Lehrer. – Von zweien seiner letzten Worte führen namentlich die Evangelisten an, daß Jesus sie laut ausgerufen habe. Das war das vierte Wort: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ das war das siebente: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände.“ Unverkennbar liegt darin ein Zusammenhang und eine geheime Zurückbeziehung des einen Wortes auf das andere. Aus der höchsten, trostlosesten Verlassenheit von Gott ist er in die seligste Gelassenheit ein- und übergetreten. Es ist, als wollte er sagen: ich bin nicht verlassen auf ewig, vielmehr ist jener Zustand schon völlig vorüber; ich habe Gott nicht allein als meinen Gott wiedergefunden; ich habe ihn wieder als Vater, und will seinen Händen meinen Geist nun willig und freudig überlassen. So ist gleichsam das letzte Wort: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände!“ die Antwort auf die Frage: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Haben Alle seine Anfechtung gehört, so sollen Alle auch seinen Sieg vernehmen.

Was ist das aber für ein Wort, Geliebte, das siebente und letzte, welches er spricht? Es ist wieder ein Wort des alten Testaments, entlehnt aus Ps. 31, 6: „In Deine Hände befehle ich meinen Geist; Du hast mich erlöset, Du treuer Gott.“ Wie er sein Seelenleiden ausgesprochen in den Anfangsworten des 22. Psalms: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ wie er sein Verlangen nach Erquickung ausgesprochen in den Vorherverkündigungen des 22. und 69. Psalms, als er rief: „Mich dürstet!“ – so sprach er auch jetzt seinen letzten Herzenswunsch aus in Worten der heiligen Schrift. Mit dem Worte Gottes im Munde stirbt er. Sein ganzes irdisches Dasein hatte er lebend in diesem Worte Gottes zugebracht. Wenn er seine Jünger unterrichtete oder das Volk belehrte: es geschah meistentheils immer in Aussprüchen oder in der Sprache des Wortes Gottes. Wenn er seine göttliche Abstammung und Sendung, die Schicksale seiner Lehre in der Welt, sein bevorstehendes Leiden und Sterben verkündigte: es hieß immer: „Also steht es geschrieben, und es muß Alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von des Menschen Sohn.“ Wenn der Versucher in der Einsamkeit der Wüste, oder auf der Zinne des Tempels, oder auf dem Berge in Galiläa ihn angriff: das Wort Gottes war die Waffe, mit welcher er ihn überwand. Wenn die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Bibel verdrehend, ihn mit verfänglichen Fragen bestürmten, um eine Veranlassung zu seinem Sturze zu finden: das Wort Gottes aus seinem Munde war die schlagendste Widerlegung. Auch im Tode noch ist dieses Wort der Hauptinhalt seiner Gedanken; dasselbe vollständig zu erfüllen, ist sein ausschließliches Bestreben, und ein Spruch aus demselben ist der letzte Begleiter seiner scheidenden Seele durch das dunkle Todesthal.

War ihm denn, dem Heiligen Gottes, das Wort der heiligen Schrift etwas Unentbehrliches: wie vielmehr sollte es uns unentbehrlich sein! Ist es doch das Buch aller Bücher, die einzige Quelle der Wahrheit und der Offenbarung Gottes, die reichste, unerschöpflichste Vorratskammer und Fundgrube himmlischer Güter für unsere unsterbliche Seele. O selige Zeiten, als man noch von Jugend auf in keinem Buche der Welt so bewandert war, wie in der heiligen Schrift! Selige Zeiten, als es noch in den Häusern, das erste und letzte Geschäft eines jeden Tages war, dieses heilige Gottesbuch aufzuschlagen und zur Belebung eines allgemein christlichen Sinnes fleißig zu lesen und zu studiren! Selige Zeit, als die Seelsorger der Kirche an keinem Kranken- und Sterbebette erscheinen durften, ohne dies Wort als die köstlichste Arznei an der Seite der Kranken und Sterbenden zu finden, und keinen Bibelspruch, keinen Vers eines herrlichen Liedes berühren konnten, ohne daß er frohe Erinnerungen und den Ausdruck langer, vertrauter Bekanntschaft in dem Getrösteten und Beruhigten erweckte! Ja, selige Zeit, wo Alt und Jung, Fürst und Bettler, Gelehrter und Ungelehrter, ihre Weihestunden vor dem Worte des lebendigen Gottes zubrachten, und es Aller Hausbuch, Herzensbuch, Lebensbuch, Sterbebuch war und ausmachte! Jedem von uns kommen Zeiten, Andächtige, wo er wünschen muß, recht viele Gottesworte zur Hand und in Bereitschaft zu haben; Zeiten der Anfechtung und Versuchung, wo die Wetter des Mißgeschicks über Ihn hereinbrechen, wo er auf glatter, schlüpfriger Bahn ohne Erfahrung und Rath dasteht, und keine andere Stütze ihn halten kann; Zeiten der Dunkelheit, wo die Sonne sich in Wolken hüllt, als sollte es lauter Nacht werden, wo unsere Freunde, Geschwister, Eltern sterben, wo kein menschlicher Arm im Stande ist, ihr theures Leben zu fristen: ja, uns selbst wird eine Stunde einmal schlagen, wo Alles, was wir sonst im Leben gelernt und eingeübt haben, uns nicht den mindesten Nutzen gewähren kann, die Stunde unseres Todes; – ach, und dann werden wir verzweiflungsvoll die Hände ringen, wenn keine Bibelworte, die wir dem Herzen eingeprägt haben, uns himmlisch erquicken und als eben so hülfreiche Schutzengel unser Sterbelager umschweben. O darum, wollt Ihr selig sterben, wollt Ihr als Christen sterben: lernet und lebet Euch zu rechter Zeit ins göttliche Wort hinein, damit es Euch dereinst ein Labsal ohne Gleichen sei in Euern letzten Augenblicken. Keine Erquickung ist dem Sterbenden größer als diese! Kein Wort hat die Macht, des Todes Bitterkeit zu überwinden, als Gottes Wort! Auch in der Beziehung ist Jesu Wort buchstäblich Wahrheit: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, so Jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich (Joh. 8, 51).

II.

Jesus rief laut: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände.“ Es ist ein Gebet, was er spricht; ein Gespräch mit Gott, das er am Kreuze hält, den großen Scheidepunkt zweier Welten, der sichtbaren und der unsichtbaren, feiert er betend. Sein ganzes Leben war nicht nur ein Leben im Worte Gottes, sondern war ein beständiger Umgang mit Gott selbst gewesen, ein Gebet ohne Unterlaß. Betend erschien er im zwölften Jahre schon im Tempel. „Muß ich nicht sein in dem, das meines Vaters ist?“ war damals seine Losung und blieb es bis an sein Ende. Betend empfing er die Taufe von Johannes und die Weihe zum prophetischen Amte. Betend brachte er seine Zeit zu in der Einsamkeit; betend verweilte er unter den Menschen; betend lehrte und heilte er, genoß er die Freuden, duldete er das Kreuz. Für seine Speise erklärte er es, den Willen Gottes zu thun und zu vollenden sein Werk. „Der Sohn kann nichts von ihm selber thun, denn was er stehet den Vater thun“ – lautete sein Urtheil über sich selbst. Seine Lehre nannte er nicht sein, sondern des Vaters, der ihn gesandt; und seine Werke waren Werke, die nicht er that, sondern der Vater, der in ihm war. Kurz, in und mit Gott war sein ganzes Leben; dem Leibe nach auf Erden, war er dem Geiste nach allezeit im Himmel; und so konnte denn auch der Tod ihn in keinem andern Zustande, als in dem eines Betenden finden. Dabei versäumte er nicht, seine Pflichten gegen die Menschen vollständig zu erfüllen; seiner Feinde gedachte er in fürbittender Liebe; dem bußfertigen Schächer, der sich zufluchtnehmend an ihn wandte, verhieß er die Wonne himmlischer Seligkeit; die Mutter, welche stillschweigend, in ihren grenzenlosen Schmerz versunken, unter dem Kreuze verlassen dastand, übergab er fürsorgend dem Lieblinge seines Herzens; seinen leiblichen brennenden Durst suchte er zu stillen und das Erlösungswerk in seiner ganzen Ausdehnung zu voll enden; er dachte an die Menschen und sprach mit den Menschen, die seiner bedurften, und sorgte in unermüdlicher Liebe für ihr zeitliches und ewiges Heil; – aber dazwischen zog sich doch immer die Grundstimmung des Gebets hindurch und die Anreden an seinen Vater im Himmel,

Welch eine erweckliche Aufforderung für uns, auch unser ganzes Leben in der Gegenwart Gottes zu führen, den Umgang mit ihm keinen Augenblick zu versäumen, durch Wachen und Beten uns zu rüsten, und den Knechten gleich zu sein, die auf ihren Herrn warten! Nächst dem Worte Gottes giebt es im Leben, Leiden und Sterben kein kräftigeres Gnadenmittel, als das Gebet. Der Betende gehört zwei Welten an, und weiß die eine zu behaupten in der andern. Ueber dem Betenden öffnet sich der Himmel und erleuchtet mit seinem hellen Glanze die düstere Erde. Für den Betenden giebt es eigentlich keine Noth und keine Qual mehr; denn er sieht nicht mehr mit Menschenaugen blos die Gegenwart in ihrer Nacht, er sieht mit Gottesaugen auch die Zukunft in ihrer Vollendung; Mittel und Zweck, Aeußeres und Inneres, Zeitliches und Ewiges, Menschenwerk und Gotteswerk, ist ihm sonnenklar und selig gewiß. Kein seliges Leben giebt es daher ohne Gebet; denn leben heißt beten und beten heißt leben. Seliges Leben besteht in der Gemeinschaft mit Gott, in kindlichem Glauben, in demüthiger Hingebung, in freudiger Selbstverläugnung, in uneigennütziger Liebe: auf welchem Boden können solche Früchte aber keimen und gedeihen, als auf dem Buden des Gebets? Nicht beten können, nicht beten dürfen, ist die Hölle.

– So giebt es denn auch keinen seligen Tod, das heißt, keinen Fortschritt im Leben vom Glauben zum Schauen, ohne Gebet. Durchfraget alle sechs Jahrtausende der Weltgeschichte, und Ihr werdet es überall vernehmen aus zahllosen Zeugnissen: Noch nie ist ein Mensch im Frieden Gottes heimgegangen und seines Todes halber beneidet oder bewundert worden, der nicht seine letzten Stunden durch Gebet geweiht und gesegnet hätte. Lernet denn beten, lebet Euch ins Gebet hinein; keine Freude und kein Schmerz, keine Arbeit und keine Erholung, keine Einsamkeit und keine Gesellschaft treffe Euch außerhalb der betenden Stimmung, damit Ihr selig leben und selig sterben könnet und, wenn Ihr vor Gottes Thron hintretet, ihm sehnsuchtsvoll und verlangend in die Arme sinken möget.

lll.

Jesus rief laut: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände.“ Dies ist nicht nur ein in Worten der Schrift ausgesprochenes Gebet, sondern ein Gebet, das die freudigste Hingabe in die Führungen Gottes ausdrückt. Hat er, ruft er. Wie Isaak, als er das Feuer und das Holz erblickte und verwundert nach dem Opferlamm fragte, zu welchem er selbst bestimmt war, den süßen Vaternamen aussprach: so hat auch Jesus keine andere Anrede an Gott auf den Lippen, während er als Opfer blutete für die Versöhnung der Welt; und dies ist sogar das Einzige, was er zu den aus dem alten Testament entlehnten Worten seines letzten Gebets aus seinem Eignen noch hinzusetzte; dies ist eine Anrede, der sich nie ein Frommer des alten Bundes bedient hatte, weil Allen mehr oder weniger die Kindlichkeit und Zutraulichkeit des Verhältnisses fehlte, welche den Menschen erst in dem Sohne für ihr Verhältniß zum himmlischen Vater erworben und vermittelt wurde. Jede Beziehung der Unterordnung und der völligen Hingabe, die nur ein menschliches Kind gegen seinen irdischen Vater in diesen Namen hineinlegen konnte, legte Jesus in diesen allezeit von ihm gebrauchten heiligen Namen hinein. – Zugleich war aber in seinem Munde die Anrede: „Vater“ noch mehr; es war die Bezeichnung des Verhältnisses, um deßwillen er der Gotteslästerung war angeklagt und zum Tode verurtheilt worden, daß er sich selbst Gott gleich gemacht. Bis in den Tod hinein, wo doch sonst jede Lüge erlischt und die ungeschminkte Wahrheit allein Recht behält, beharrte er also bei der Behauptung dieses göttlichen Verhältnisses. Alle sollten es hören, daß, sie mochten spotten, so viel sie wollten, nichts ihn in der Festhaltung seiner Gottessohnschaft irre machen könne. Es war sein letztes Bekenntnis), das er ablegte.

„Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Ach, bisher war er in den Händen blutdürstiger Feinde, roher Kriegsknechte, eines aufgewiegelten Volkes und seiner rasenden Obersten gewesen; die Stunde und die Macht der Finsterniß hatte sich an ihm geltend gemacht; es war ihm gegangen, wie er nach der Auferstehung dem Petrus verkündigte, daß er seine Hände ausstrecken und ein Anderer ihn gürten würde und führen, wo er nicht hin wollte, und erfahren hatte er, wie schrecklich es ist, in der Menschen Hände zu fallen. Unsägliches hatte er erlitten, und Leiden der Erde, wie der Hölle ausgestanden. Jetzt war jedoch Alles vorüber, und von der Welt scheidend, befahl er sich in die Hände seines Vaters, in die Hände voll Liebe, Treue und Seligkeit. Es war daher dies Wort sein Abschiedswort an die Welt, ihr starb er ab und allen ihren Foltern; ihr gehörte er nicht mehr an, nachdem sie in das schreiende Mißverhältniß sich zu ihm gestellt und ihn von sich ausgestoßen hatte. Auch nach der Auferstehung erschien er ihr nicht wieder, sondern nur seinen auserwählten Jüngern, und erst am Tage des Gerichts, wenn er in seiner vollen Herrlichkeit sich offenbaren wird, wird sie ihn wiedersehen und dann inne werden, in welche Seite sie gestochen.

„Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Für die sichtbare Welt hatte er als Menschensohn gethan, was er thun konnte: jetzt gehörte er der unsichtbaren Welt an. Zum Ursprünge des Lebens, von dem er ausgegangen, will er zurückkehren. Nichts als Zuversicht, Vertrauen und Hingebung spricht er aus in seinen letzten Worten, und wie ein Kind im Schooß der Mutter eingeschlummert seine Thronen vergißt, will er von aller Todesarbeit ausruhen in den Händen des ewigen Erbarmers. Der Notwendigkeit zu sterben keinesweges unterworfen, wie die übrigen Menschen, sondern Herr über Leben und Tod, sehnt er sich jetzt nach dem Sterben. Nachdem er alle Schrecken des geistigen und des ewigen Todes für uns überstanden, will er auch für uns den leiblichen Tod übernehmen, und so spricht er mit einer Ruhe und Fassung, mit einer Klarheit und Freudigkeit, wie kein Mensch je vor ihm gesprochen: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände.“ Triumphirend gleichsam trat damit der ewige Sohn vor den ewigen Vater; es war sein Uebergangswort aus dem Stande der Erniedrigung in den Stand der Erhöhung, und indem er seinen Geist dem Vater übergab, übergab er damit zugleich die Menschen, seine Brüder auf Erden, die er sich erkauft hatte, dem Vater, damit sie durch ihn auch Kinder Gottes würden und einmal sterben dürften um seinetwillen in ähnlicher Ruhe und freudiger Hingebung, wie er gestorben war. Und so ist, seitdem Christus am Kreuze gerufen: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände!“ dieses Gebet die Sterbelosung aller seiner Nachfolger geworden. Wie süß und selig war demnach dem Stephanus zu Muth, als er, den Himmel offen und den Sohn Gottes zur Rechten des Vaters erblickend, seine Seele aushauchte mit dem Seufzer: „Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!“ Wie süß und selig war den Märtyrern zu Muth, als sie unter der unnennbarsten Folter ihres Leibes auf Erden, ihrer Seligkeit im Himmel um Christi willen gewiß, ihre Seele im Tode dem Herrn befehlen konnten, der ihres Lebens Leben gewesen war! In wie viel Millionen Seelen hat, seitdem der Sohn Gottes auf diese Weise die Welt verlassen, das Lied eines seiner frommsten Jünger Anklang und Wiederholung gefunden:

„Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir;
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt Du dann Herfür;
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so ruf mich aus den Aengsten
kraft Deiner Angst und Pein.
Erscheine mir zum Schilde,
zum Trost in meinem Tod,
und laß mich sehn dein Bilde
in Deiner Kreuzesnoth;
da will ich nach Dir blicken,
da will ich glaubensvoll
Dich fest an mein Herz drücken;
wer so stirbt, der stirbt wohl.“

Nimmermehr könnten wir auf dem Sterbelager beten: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist!“ wenn Jesus nicht für uns gestorben wäre, wenn Jesus nicht für uns sterbend also gebetet hätte. Ach, unser Aller Geist ist ja ein Geist voll Sünde und Ungerechtigkeit: wie könnten wir, mit Sünden befleckt, ihn übergeben den Händen des Allheiligen und Allgerechten? Wer in dem entscheidenden Augenblicke, wo mit der Welt gebrochen werden soll, wo die Sinne aufhören der Seele zu gehorchen, wo die Außendinge immer ferner zurücktreten, als wollten sie uns sagen, sie hatten keinen Theil mehr an uns, wo die Augen sich verdunkeln und nach Licht suchen, die Ohren hart hören, die Glieder des Körpers ihren Dienst versagen, und das Zittern aller Theile des sterbenden Leibes die nahe Auflösung verkündigt; wer in dem Augenblick, wo die Seele Alles verlassen muß, weil Alles sie verläßt, keinen Heiland hat, der ihn vertritt bei Gott, und der der Sünde, wie dem Tode, die Macht genommen hat: der befehle seine Seele nur der Verzweiflung und den Mächten der Hölle! Auf ewig dahin ist all sein selbstgeschaffner Trost und seine eingebildete Hoffnung. Der rufe nur Lebewohl zu den Hütten des ewigen Friedens: sein Auge wird sie nimmer sehen; der entsage nur für immer der Herrlichkeit, die hienieden kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat, und die in keines Menschen Herz gekommen ist; entsage nur dem seligen Wiedersehen seiner Vollendeten und dem himmlischen Jerusalem – sein Fuß wird seine hellen, goldnen Straßen niemals betreten. Christi Tod allein ist unseres Todes Tod und unseres Lebens Leben! Keinen seligen Tod giebt es, als allein im Glauben an ihn und in der Zueignung seines Verdienstes; denn selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben, sie ruhen von ihrer Arbeit, und ihre Werke folgen ihnen nach. Wer sagen darf: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn; darum, wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn;“ wer beten kann: „Herr Jesu, Dir leb ich; Herr Jesu, Dir sterb ich; Herr Jesu, Dein bin ich, todt und lebendig;“ wessen ganzes Leben hienieden eine fortwährende Uebergabe an den Herrn gewesen ist, so daß er nicht glücklich sein konnte, ohne seinem Herrn die Opfer des Dankes darzubringen, und nicht Leiden ertragen konnte, ohne ihm seine Seele zu befehlen, als dem treuen Schöpfer in guten Werken: der kann seinem himmlischen Vater in Christo auch seine Seele sterbend befehlen; denn auch für ihn hat Christus die Stätte im Himmel bereitet und Herz und Hand des himmlischen Vaters aufgeschlossen.

IV.

Und als er das gesagt, neigte er das Haupt und verschied. Der das ewige Leben hatte in sich selbst, sank in des Todes Arme; der Unsterbliche starb für die Sterblichen; der Schöpfer für die Geschöpfe seiner Hand; die Sonne der Gerechtigkeit ging unter, und die heilige Leiche hing da vor aller Menschen Augen. Er neigte sein Haupt und verschied. Gewiß war das ein seliger Augenblick! ein kühler Feierabend nach heißem, schwülem Tage! Stiller Friede lagerte sich auf Golgatha, und die Engel in der Höhe priesen Gott für diese Vollendung. Er neigte das Haupt und verschied. Wie ein müder Arbeiter, der des Tages Last und Hitze getragen, unvermerkt sein Auge schließt, und ein sanfter, tiefer Schlaf ihn umfängt; wie dann ein stiller Friede über sein ganzes Wesen ausgegossen ist und er nichts Mühseliges mehr kennt und fühlt: also war es dem Herrn. Kein Kampf des Lebens mit dem Tode; kein Aechzen, kein Stöhnen, keine Zuckung, nichts von dem erschwerte sein Ende, nichts erschütterte die Seinen, nichts machte den letzten Augenblick unheimlich; es war, als schlummerte er ein. Sein Lebenssabbath war angebrochen; die große Arbeit war gethan, der süße Kampf ausgekämpft; die Pulse stockten, die heiligen Augen schlössen sich, und es ward still, todtenstill auf Golgatha.

Möge unser Ende einst sein wie Christi Ende; und es wird so sein, wenn Christi Geist in uns lebt und uns sterben lehrt. Denn dann führen wir hienieden schon ein ewiges Leben, und Niemand soll uns aus seiner Hand reißen; unser Wandel ist in dem Himmel. Dann haben wir etwas Bleibendes gefunden, was auch kein Tod uns rauben kann.

Dann erscheint der Tod uns nur als ein Schlaf – und wer bettete sich nicht gerne, ermüdet von des Lebens Streit, zum letzten Schlummer? – erscheint uns nur als eine Reise in die Heimath und ins Vaterhaus, und wer freute sich nicht auf den Augenblick, wo er diese Reise antreten kann? Dem Gläubigen ist der Tod das Aufhören des Sterbens und der Beginn des wahren Lebens. Die Feuersäule leuchtet vor ihm her; wie dunkel auch die Nacht ihn umgiebt, in ihm ist es Licht; wie schwer auch die Augenblicke der Trennung der Seele vom Leibe sein mögen, der mächtige Arm des Herrn führt über alle Trennungen und Untiefen und Abgründe der letzten Stunde hinweg; Strahlen der Gnade umfließen die betende Seele, Engelwolken lassen sich nieder zu dem auffahrenden Geiste; der Schimmer himmlischer Verklärung verbreitet sich über dem Angesicht des Sterbenden; die Fesseln sind abgestreift; – ein Odemzug noch, vielleicht ein Blick, vielleicht eine Thräne im Auge, und die erlösete Seele ist heimgegangen in die Perlenthore der Gottesstadt, und sie beneidend verweilen die Zurückgebliebenen am Sterbelager, wünschen sich eine baldige gleiche Heim- und Himmelfahrt, und müssen es gestehen: „des Christen Leben ist doch ein seliges Leben, es beginnt wohl mit Weinen, aber es endet mit Danken;“ müssen es gestehen, daß der sanfte Friede der Sterbestunde es werth ist, daß man um seinetwillen den Krieg eines langen Lebens nicht scheut!

O Herr, bereite uns Alle in unserm Leben vor auf solch ein seliges Ende. Einmal wird es Jedem unter uns kommen, wir wissen es; denn es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben; – wenn es aber kommen wird, dann sei uns nahe mit Deinem Frieden. Wir danken Dir für den Segen, den Du uns in dieser Passionszeit durch die Betrachtung Deiner letzten Worte gewährt hast: laß denn diesen Segen in uns reichhaltige Früchte tragen, laß ihn uns begleiten in die heute beginnende stille Marterwoche und in alle kommenden Passionszeiten unsere Lebens, laß ihn in seiner ganzen Stärke und Fülle sich entfalten, wenn Nu uns rufst. ,Bestelle dein Haus, denn du mußt sterben.“ Ja, dann laß Dein Leiden unser Leiden versüßen, Deinen Tod unsern Tod überwinden, Dein Siebenwort am Kreuze wie die sieben Farben des Regenbogens uns Deine Gnade verkündigen, oder wie ein glänzendes Siebengestirn aufgehen an unserm Sterbehimmel, daß wir in diesem Sterne und über diesem Sterne Dich suchen und finden und haben mögen allezeit. Christe, Du Lamm Gottes, der Du trägst die Sünde der Welt, erbarme Dich unser, erbarme Dich unser und gieb uns Deinen Frieden! Amen.

August 31, 2019

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