Arndt, Johann Friedrich Wilhelm – 11. Predigt

Text: Matth. V., V. 17-20.

Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch: Wahrlich, bis daß Himmel und Erde zergehen, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch Ein Titel vom Gesetz, bis daß es Alles geschehe. Wer nun Eins von diesen kleinsten Geboten auflöset, und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber thut und lehret, der wird groß heißen im Himmelreich. Denn ich sage euch: Es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Ihr wißt, Andächtige, das Thema der Bergpredigt warn die Worte unserer letzten Betrachtung: Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt. Wie sehr der diesen Worten zum Grunde liegende Gedanke das Gemüth des Heilandes beschäftigt hat, erhellt aus der häufigen Wiederkehr desselben in den Erzählungen der Evangelisten. Im Texte äußerte Er ihn wohl zum ersten Male; aber von Neuem trägt Er ihn vor Luc. 8, 16.17.: “Niemand zündet ein Licht an und bedeckt es mit einem Gefäß, oder setzt es unter eine Bank; sondern er setzt es auf einen Leuchter, auf daß, wer hineingeht, das Licht sehe;” 11,33: “Niemand zündet ein Licht an, und setzt es an einen heimlichen Ort, auch nicht unter einen Scheffel, sondern auf den Leuchter, auf daß, wer hinein geht, das Licht sehe;” 14,34.35.: “Das Salz ist ein gut Ding; wo aber das Salz dumm wird, womit wird man würzen? Es ist weder auf da Land, noch in den Mist nütze; sondern man wird es wegwerfen.” Nachdem Jesus auf diese Weise die hohe Bedeutung Seiner Jünger in der Welt ausgesprochen hat, eröffnet Er die einzelnen Theile Seiner großen und gewaltigen Predigt. Zunächst entwickelt Er die Pflichten Seiner Jünger in Beziehung auf das alttestamentliche Gesetz; sowohl, was dessen moralisch-bürgerlichen, (5,17-48.) als dessen ceremoniellen Theil betrifft (6,1-18.). Dann erläutert Er die Rechte und Vorzüge Seiner Jünger, wie sie frei sein dürfen von jeder übertriebenen Zuneigung, wie von jeder übertriebenen Sorge für die irdischen Güter. (6,19-34.) Endlich warnt Er sie vor den mancherlei Abwegen, denen sie so leicht in der Ausübung des Christenthums ausgesetzt sein könnten, namentlich vor dem Richten Anderer, vor Bekehrungssucht, vor innerer Erschlaffung und vor äußeren Verführungen. (7,1-23.) Laßt uns diesen drei Theilen hintereinander von nun an unsere ganze Aufmerksamkeit zuwenden, und zunächst sehen, wie wahre Jünger Jesu als das Salz der Erde und als das Licht der Welt das Gesetz des Herrn halten von Herzensgrunde, und die Pflichten gewissenhaft erfüllen, die Gott der Herr von ihnen fordert. Jesus beginnt die Auseinandersetzung und Erklärung dieser einzelnen Gesetzesgebote mit der Darstellung Seines Verhältnisses überhaupt zum Alten Testament, und beweist vor Allem die ewige Gültigkeit des Gesetzes. Er zeigt, 1) daß es gelten solle bis an’s Ende der Tage; 2) wie es diese Gültigkeit halte und bewähre.

I.

Ehe unser Herr die einzelnen Gebote des Gesetzes durchgehen konnte, um ihren tiefen geistigen Sinn nachzuweisen und zu erläutern, mußte Er das Gesetz in seiner fortwährenden Gültigkeit und Unvergänglichkeit darstellen. Dies thut Er auf zwiefache Weise, theils durch Auseinandersetzung Seiner eigenen Stellung zu demselben, theils durch Darlegung der innern Unvergänglichkeit des Gesetzes selbst: Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch: Wahrlich, bis daß Himmel und Erde zergehen, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch Ein Titel vom Gesetz, bis daß es Alles geschehe. In keiner Zeit hat es unter den Menschen an Solchen gefehlt, die die Gültigkeit des Gesetzes antasteten. Schon zu den Zeiten Jesu Christi traten die Sadducäer mit der Verwerfung mancher Theile des Alten Testamentes auf; sie erkannten von den heiligen Schriften des Alten Bundes nur die fünf Bücher Mosis als göttlich und bindend an, und läugneten eine Menge Lehren, die ihrer oberflächlichen Verstandesrichtung und sinnlichen Gemüthsart nicht zusagen mochten, wie die Lehre von der besonderen Vorsehung Gottes, von dem Geisterreich und der Unsterblichkeit der Seele, und hegten den sittenverderblichen Grundsatz: Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir todt! Von der andern Seite traten die Pharisäer auf mit ihren willkührlichen Menschensatzungen, die sie dem göttlichen Gebote weit vorzogen; das Unbedeutende und Aeußere war ihnen das Wichtigste, das Höchste und Innerste des Gesetzes dagegen das Geringfügige geworden. So lehrten sie wohl und suchten Judengenossen in Masse zu machen; aber ihr Leben war der schreiendste Widerspruch gegen ihre Lehrvorträge. Von beiden verkehrten Richtungen sagte sich demnach Jesus los, indem Er sprach: Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Noch deutlicher trat in den ersten christlichen Gemeinden der apostolischen Zeit der Mißverstand und Unverstand mit der Meinung auf, als sei es mit der Annahme des Evangeliums nicht mehr nothwendig, das Gesetz zu halten; man setzte das Evangelium dem Gesetze so schroff gegenüber, als ob das eine das andere aufhöbe oder ausschlösse; man behauptete: wer an Christum glaube, sei damit frei geworden vom Gesetze, Freiheit des Evangeliums sei Freiheit vom Gesetze; und die Apostel, insbesondere Paulus, mußten daher öfters in ihren Briefen an die einzelnen Gemeinden Veranlassung nehmen, diesen einreißenden Irrthum je länger je mehr zu bekämpfen. “Wie? heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben?” fragt Paulus im Briefe an die Römer (3,31.6, 1. 2.): “Das sei ferne; sondern wir richten das Gesetz auf! Sollen wir in der Sünde beharren, auf daß die Gnade desto mächtiger werde? Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde wollen leben, der wir abgestorben sind?” Selbst im Reformationszeitalter unserer Kirche erneuerte sich der alte Mißverstand, es bildete sich unter den Evangelischen eine sogenannte gesetzlose Partei, und lange führte man gegenseitig darüber Streit: ob die guten Werke nothwendig oder schädlich seien zur Seligkeit? Ja, selbst in unsern Tagen haben wir die Ansicht nur zu oft äußern gehört: bald, es sie nicht nöthig, das Gesetz zu erfüllen; bald, es sei nicht möglich. Es sei nicht nöthig; denn der Glaube an Christum allein entscheide, durch den Glauben allein werde man gerecht und selig, und auf ein heilig Leben, auf gute Werke komme es nicht an: – das ist die Meinung der Heuchler, die den Schein haben des gottseligen Wesens, aber die Kraft desselbigen verläugnen. Es sei nicht möglich; kein Mensch habe die Kraft, es zu erfüllen, folglich könne es auch Gott nicht fordern; denn Unmenschliches und Uebermenschliches muthe Er keinem Menschen zu; wenn man nur den guten Willen habe, so sei es genug; und Gott sei überdieß die Liebe, die es so genau gar nicht nehme, wie die Menschen es oft nehmen wollen: – das ist die Meinung der Leichtsinnigen, die den Ernst und die Heiligkeit Gottes geradezu läugnen und verspotten.

Allen diesen verkehrten, nur aus der Sünde hervorgegangenen Ansichten gegenüber tritt nun der Sohn Gottes auf und spricht: “Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen,” ihr täuscht euch arg, wenn ihr euch einbildet, mein Beruf bestehe darin, dem göttlichen Gesetze sein bindendes Ansehen und seine göttliche Kraft zu nehmen: im Gegentheil, es soll jetzt erst sein ganzes, volles Ansehen erhalten, es soll jetzt erst durch mich in seiner ganzen Herrlichkeit dargestellt, es soll jetzt erst in seinem vollen Umfange beobachtet, in seiner tiefen Bedeutung beherzigt und ausgeübt werden. Ich will es erfüllen. Erfüllen! Großartiges, vielumfassendes Wort! Erfüllen, d.h. halten, vollenden, sowohl an mir selbst, dem Haupte, als an euch, meinen Gliedern. Das Christenthum soll eine Verklärung und Vergeistigung des Judenthums, keine Vernichtung desselben werden. Das Neue Testament soll das Alte enthüllen, aufschließen, vervollständigen, vollenden, wie es denn schon im Alten liegt, wie im Körper die Seele, wie im Keime der Baum, wie im Buchstaben der Geist. Und hat Jesus, der Herr, nicht an und durch sich selbst erfüllt Gesetz und Propheten? Wo ist ein Gebot, das Er nicht gehalten hätte? Wo ist der Mensch, der Ihn könnte einer Sünde zeihen? Vorschrift und Vorbild stimmen bei Ihm immer wunderbar überein, und nie ist ein Wort über Seine Lippen gekommen, das Er nicht auch selbst durch Sein Leben verwirklicht und bethätigt hätte. Und wo ist eine Weissagung, die nicht in Ihm und durch Ihn wäre vollkommen in’s Leben getreten? Mußte nicht Philippus dem Nathanael bezeugen: “Wir haben Den gefunden, von welchem Moses im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesum, Josephs Sohn von Nazareth” (Joh. 1,45.)? Ja, wimmelt nicht das Alte Testament von solchen Stellen des Alten Bundes, die in Christo Ja und Amen geworden sind? Selbst die bildlichen Darstellungen und die thatsächlichen Vorherverkündigungen auf den Messias, der jüdisch-levitische Gottesdienst mit seinen vielfachen heiligen Gebräuchen, die Opfer, die eherne Schlange, das Versöhnungsfest, das Amt des Hohenpriesters, der Sabbath und die Feste des Alten Bundes: sind sie nicht alle durch Christum in ihrer Bedeutung aufgeschlossen und angewandt worden? Er hat das Gesetz und die Propheten gehalten, wie kein Anderer, in allen seinen Theilen. – Aber Er wollte es nicht nur an sich erfüllen: auch in Seinen Gliedern, in Seiner Gemeinde sollte es wahr werden; denn Sein Geist sollte sie durchdringen und beleben, sollte in ihnen des Fleisches Geschäft tödten und die neue Creatur schaffen, die nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit; sollte sie dringen, nicht mehr sich selbst zu leben, sondern Dem, der für sie gestorben und auferstanden ist, und ihnen geben, was sie sich selbst nicht geben können: Einsicht, Lust und Kraft, das Gesetz zu beobachten und zu üben. Was Christus ist von Natur, das sollen Seine Jünger werden durch Gnade: lebendige Gesetze, an denen Jeder, der sie ansieht, sogleich das Gepräge des göttlichen Gesetzes wahrnimmt. Einem Menschen unter dem Gesetz, sagte Zinzendorf, ist es geboten, heilig zu sein, und darüber martert er sich zu Tode; einem Menschen aber unter der Gnade ist’s gegeben, heilig zu sein, und darüber freut er sich in alle Ewigkeit. Was dem Gesetz unmöglich war, sagte Paulus (Röm. 8,3.4.), sintemal es durch das Fleisch geschwächet ward, das that Gott, und sandte Seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches, und verdammte die Sünde im Fleisch durch Sünde, auf daß die Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, in uns erfüllet würde, die wir nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geiste. Und nun heißt es: “Ich vermag Alles durch Den, der mich mächtig macht, Christus; ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.” (Phil. 4,13. Röm. 7,22.) nun ist das steinerne Herz hinweggenommen und ein fleischernes gegeben worden. Nun ist Licht gekommen in die Finsterniß, die natürliche Unlust und Abgeneigtheit hat sich verwandelt in Lust und Willigkeit; Keiner unter den Genossen des Gottesreichs sagt: ich bin schwach, sondern das Volk, das darinnen wohnt, hat Vergebung der Sünden und im Herrn Gerechtigkeit und Stärke. Jeder macht Johannis Wort zu seinem eigenen: “Das ist die Liebe zu Gott, daß wir Seine Gebote halten, und Seine Gebote sind nicht schwer.” (1. Joh. 5,3.) Der Glaube fragt nicht erst, ob er gute Werke thun soll; ehe er fragt, hat er sie gethan und ist immer im Thun. Wie er dazu kommt, weiß er selbst nicht; aber das ist gewiß, er hätte keine Gnade erfahren, wenn er nicht dem Herrn wollte dafür dankbar sein; er hätte keine Barmherzigkeit gefunden, wenn er wollte Unwillfährigkeit zeigen; er wäre kein Christ, wenn er Christum nicht lieb hätte und nicht täglich daran dächte, wie er Ihm seine Gegenliebe und Dankbarkeit im Gehorsam am besten beweisen könnte. Das Gesetz ist ihm nun keine drückende Last mehr, es ist ihm natürlich und zu andern Natur geworden; die Liebe hat die Furcht ausgetrieben, Gehorsam ist Genuß geworden, und er thut nun so viel Gutes, als wollte er damit die Seligkeit erwerben; und doch knüpft er an keines seiner Werke die Hoffnung seiner Seligkeit, doch thut er, was er thut, nur darum, weil er schon selig geworden ist. So erfüllt Jesus noch unaufhörlich durch Seinen Geist in den Gläubigen das Gesetz und die Propheten; und so wird Er Beides fort und fort erfüllen, bis die ganze Erde wird voll geworden sein der Erkenntniß der Ehre des Herrn, wie der Meeresboden mit Wasser bedeckt ist, bis der Geist Christi wird ausgegossen sein über das Fleisch, und der Herr nur Einer sein wird und Sein Name nur Einer; kurz, bis nichts Unerfülltes mehr wird übrig geblieben sein. Bis an’s Ende der Tage reichen und deuten die Worte hinaus: “Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen.” Keiner sage demnach mehr: es sei nicht nöthig, Gottes Gebot zu halten: – der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist todt an ihm selber. Keiner sage mehr: es sei nicht möglich, Gottes Gebote zu halten: – freilich vollkommen, wie der Sohn Gottes das Gesetz erfüllt hat, vollkommen, wie die Engel Gottes allezeit die Befehle des Herrn ausrichten, vollkommen, wie Adam im Paradiese vor Gottes Augen wandelte, so vollkommen kann kein gefallener, mit der Erbsünde durch und durch behafteter Mensch sie halten; aber nach der Kraft, die uns vom Herrn gegeben wird, uns in dem Maße, wie Er sie von uns fordert, darf und soll Niemand an der Möglichkeit verzweifeln.

Um so weniger, da nicht bloß Christus die ewige Gültigkeit des Gesetzes bestätigt und besiegelt hat durch Sein ganzes Verhältniß zu demselben, sondern auch in der Natur des Gesetzes selbst eine unabänderliche, unvergängliche Bestimmung desselben liegt für alle Zeiten: Denn ich sage euch, wahrlich, bis daß Himmel und Erde zergehen, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Titel vom Gesetz, bis daß es Alles geschehe. Das Gesetz bindet den Menschen ewig, denn es ist ewig. Wie Gott, der Gesetzgeber, ewig ist: so hat auch der Ausspruch und Befehl Seines Mundes ewige Dauer. Und zwar ist es unvergänglich bis in seine kleinsten Theile hinein: nicht ein Buchstabe, nicht ein Titel, nicht eine Linie soll vergehen; Alles in demselben gilt als Lebensnorm der Menschen für diese und für jene Welt. Himmel und Erde werden vergehen, aber das Wort des Herrn vergehet nicht; (Luc. 22,30. 1. Petri 1,24.) sagt Jesus an einer andern Stelle, und hier: bis daß Himmel und Erde vergehen, d.h. bis die neue Weltordnung eintreten und die Absicht Gottes mit der Menschheit erreicht sein wird, also bis an’s Ende, wird Gottes Wort dauern und gelten in göttlich-entscheidender Kraft. Steht das aber einmal fest, daß weder Christus das Gesetz hat aufheben wollen, noch daß es überhaupt je für uns, so lange wir in dieser Zeitlichkeit wallen, wird aufgehoben werden: wie unschätzbar, wie unvergleichlich muß es uns dann erscheinen! mit welcher tiefen Ehrfurcht müssen wir dann vor demselben erfüllt werden! wie muß dann das Gesetz im Evangelium und das Evangelium im Gesetz unsere Richtschnur und unsere Lebensaufgabe sein und bleiben immerdar! wie wichtig muß uns dann jedes Wort und jede Erklärung derselben vorkommen, daß wir sie gründlich kennen lernen, daß wir in ihren wahren Sinn einzudringen, ihr Wort an uns zu verwirklichen versuchen! wie kann es dann nichts Höheres und Wichtigeres geben, als Gottes Wort in dieser Welt! Alles Andere, was wir besitzen, hat nur zeitlichen, dieses Wort hat ewigen Werth. Wo Alles uns verläßt, da geht es mit; wo Nichts in der weiten Welt uns schützen und helfen kann, da breitet es seine Flügel mit allmächtigem Troste und mit allmächtiger Kraft über uns aus. Ja, wie wir mit diesem Worte umgehen, so wird Gott einst wieder mit uns umgehen, und unsere Stellung hienieden zu Seinem Worte wird Seine zukünftige Stellung zu uns entscheiden und bedingen. So sei es uns denn lieb und werth, dies himmlische, ewige Wort des lebendigen Gottes; so lieb und werth, wie nichts Anderes uns sein kann in dieser Welt. Es sei unser süßester Umgang, den wir suchen; es sei unsere Rüstkammer, aus der wir holen alle unsere Waffen gegen die feurigen Pfeile des Bösewichts; es sei die Arznei zur Heilung und Erquickung für unsere verwundete und todtkranke Seele; es sei unsere Sonne am Tage und unser Stern in der Nacht, des Morgens stehe es mit uns auf, des Abends lege es sich mit uns nieder, und immer, immer, sei es in unserer allernächsten nähe, zu Hause und auf der Reise, am Sonntag und am Werkeltag, im Sonnenschein des Glücks und im trüben Nebel der Anfechtung, in der Jugend und im Alter, in der Niedrigkeit und in der Hoheit, immer in unserer allernächsten Nähe, und nicht bloß vor Augen, sondern vor allen Dingen im Herzen. Wie wird solcher Lebensumgang mit dem Buche aller Bücher uns segnen, trösten, heiligen, verklären und vollbereiten! wie wird jedes andere Buch seine rechte Stellung für uns gewinnen, und werthvoll sein, wenn es uns zu diesem Buche hinleitet, werthlos, wenn es von demselben abführt! wie wird uns jede Gelegenheit willkommen sein, wo wir wachsen können an Verständniß und Ausübung desselben, und keine Ruhe für uns gefunden werden, bis das Herz der heiligen Schrift, Jesus Christus, auch unser Herz und Lebenskern geworden ist! Heil uns, daß uns in großer Erbarmung der Herr solche Offenbarung in unsere Nacht und in unser Elend gegeben hat, und daß in dieser Offenbarung Anfang und Ende, Verheißung und Erfüllung, alter und neuer Bund, wunderbar zusammenhängt und ein großes, ewiges Ganzes bildet!

II.

Daß das Gesetz Gottes ewige Gültigkeit für den Menschen hat, steht also fest; es fragt sich nur noch: wie und worin besteht diese Gültigkeit und wie behauptet es dieselbe? Es herrscht da ein doppeltes, verkehrtes Verfahren in der Welt. Bald unterscheidet man zwischen Gesetz und Gesetz; bald unterscheidet man zwischen Halten und Halten. Der einen, wie der andern Verfahrungsweise tritt der Herr entgegen in den folgenden Worten unseres Textes: Wer nun eines von diesen kleinen Geboten auflöset und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber thut und lehret, der wird groß heißen im Himmelreich. Denn ich sage euch: es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Beide Gesinnungen, die der Herr hier bekämpft, suchen es sich leicht und bequem zu machen; die Einen schon in der Auslegung, die Andern in der Auslegung und Ausführung. Die Pharisäer und Schriftgelehrten nämlich machten einen Unterschied zwischen großen und zwischen kleinen Geboten. Jene waren die wichtigeren, die gehalten werden mußten; diese die unbedeutenderen, auf deren Beobachtung nach ihrer Meinung gerade so viel nicht ankam. Zu den großen und wichtigen Geboten rechneten sie nun alle diejenigen, welche sich auf das äußere Verhalten, auf die Thaten, die Werke, das äußere Thun und Lassen, die äußeren Sitten und Gebräuche (Matth. 23,23.24.) der Menschen bezogen, und hielten sich demnach nur an den unmittelbaren Buchstaben der göttlichen Verordnung, ohne auch nur im mindesten den zum Grunde liegenden Geist und tiefern Sinn derselben zu berücksichtigen. Wenn es daher hieß: Du sollst nicht tödten, stehlen, ehebrechen, nicht falsch Zeugniß reden wider deinen Nächsten: so dachten sie dabei nur an einen wirklichen Mord, Ehebruch, Diebstahl, Meineid, und wer von diesen groben Sünden frei war, der hatte nach ihrer Meinung das Gesetz erfüllt, mochte es dabei in seinem Innern aussehen, wie es wollte. zu den kleineren und unwichtigeren Geboten dagegen rechneten sie alle diejenigen, die sich auf die Gesinnungen, Begierden, Neigungen, Gefühle und Gemüthsbewegungen bezogen, wie z.B. wenn es hieß: Laß dich nicht gelüsten! und hielten daher Zorn, Haß, Neid, Betrüglichkeit, Unredlichkeit, Unzucht, kurz, alle Herzenssünden, alle Gedankensünden für unschuldig und erlaubt. Uebertretungen dieser Gebote erschienen ihnen klein und geringfügig gegen jene gröberen Uebertretungen, und darum mußten sie auch klein sein und heißen. Offenbar ging diese ganze Erklärungsweise des Gesetzes aus bösem Herzen hervor. Man verkehrte alle Eröffnungen des göttlichen Willens darum so sehr, weil der volle und wahre Inhalt derselben dem natürlichen Herzen nicht anstand, und dem sündhaften Eigenwillen der Menschen bald dieses, bald jenes Wort ungelegen und unrecht vorkam. Ein neuer Beweis für die tiefe Sündhaftigkeit des menschlichen Wesens, daß es der liebe Gott uns doch auch mit nichts hat recht machen können, und daß wir an Allem etwas auszusetzen und zu tadeln, zu verdrehen und zu verfälschen gefunden haben. Eine solche Gesinnung zerstörte offenbar von Grund aus das Gesetz des Herrn, und modelte es ganz und gar um nach den menschlichen Begierden und Neigungen. Da war es nicht mehr eigentlich Gott, der Gebote gab; sondern der Mensch, der aus diesen Geboten für sich herausnahm, was ihm gut dünkte, und fallen ließ, was ihm zu schwer erschien. Und wollte Gott, die pharisäische Gesinnung gehörte nur der alten Zeit an und wäre mit derselben untergegangen und begraben worden! Aber ach, das menschliche Herz ist zu allen Zeiten dasselbe geblieben, es ist heute noch so verkehrt, wie vor achtzehnhundert Jahren. Beruht nicht jeder Leichtsinn und jede Selbstgerechtigkeit auf derselben Gesinnung? Es ist wahr, wir fühlen Abscheu vor jedem Verbrechen, vor jedem Mord, vor jedem Ehebruch, vor jedem Diebstahl; aber dulden und hegen wir nicht Alle, der Eine mehr, der Andere weniger, dafür in unserm Herzen bald Neigungen des Zorns und des Nachtragens gegen Andere, bald unreines Gelüsten und Begehren mancherlei Art? Wir sind mit uns zufrieden, wenn wir ehrbar vor den Augen der Welt leben und unser guter Name nicht in Verachtung herabgesunken ist; aber denken gar nicht daran, ob wir vor Gott auch einen guten Namen führen, und ob vor Dessen Flammenaugen, der Herzen und Nieren prüft, auch unser Inneres rein ist! Kurz, wir machen es uns ebenso leicht, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten, und wo wir uns ertappen auf Mängeln und Gebrechen, da nehmen wir, wie sie, unsere Zuflucht zu der Ausrede: das seien nur kleine Gebote, mit denen müsse man es so genau nicht nehmen! O, meine Brüder, klaget nicht mehr an die Pharisäer jener Zeit; euch, euch selbst, klagt an, denn der Pharisäer sitzt in eurer Brust. Höret dann aber auch, was der Herr über solches Verfahren gegen sein ewig gültiges Gesetz sagt: Wer eins von diesen kleinsten Geboten auflöset, für unwichtig, mithin für ungültig erklärt, und lehret die Leute also, überredet, verführt auch Andere, daß man’s so genau nicht nehmen müsse, daß eine solche ängstliche, pünktliche, gewissenhafte Gerechtigkeit gar nicht gefordert werde, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich, er selbst wird (nach V. 20.) nicht hineinkommen in’s Himmelreich, aber wenn unter den heiligen und seligen Genossen desselben die Rede auf ihn kommt, so wird er in ihrem Urtheil gering geachtet sein, wie hoch ihn die Menschen auch um seiner Schriftgelehrsamkeit willen auszeichnen und ehren, im Himmelreich wird er nichts gelten. Wer es aber thut und lehret, wer auch die scheinbar geringsten Gebote Gottes mit ganzem Ernste zu thun sich beeifert und in solchem Sinne vom Gesetz lehret, der wird groß heißen im Himmelreich, er wird selbst hinein kommen und alle Glieder des Reichs Gottes werden ihn als einen rechten Lehrer und Meister, als ihr Salz und Licht, hochachten und lieben; wie tief auch die Schmach war, die um seiner ernsten Gesinnung willen ihn hienieden traf; im Himmelreich wird alle Schmach in Ehre, und alle Schande sich in Herrlichkeit verwandeln; er wird leuchten wie einer der größten Sterne am Himmel des göttlichen Reiches.

Doch der Herr tadelte nicht nur die verkehrte Auslegungsweise des göttlichen Gesetzes von Seiten Seiner Zeitgenossen; Er verwarf auch ihre Handlungsweise, die eng mit der Erklärung zusammenhing und die natürliche Folge derselben war. Schon im 19ten Verse deutete Er dieß an durch das am Schluß hinzugesetzte Wort: “Wer thut und lehret;” aber bestimmter noch giebt Er Seine Meinung zu erkennen im 20ten Verse: ”Denn ich sage euch: es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.” Die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer war nicht nur darum eine verwerfliche und abscheuliche, weil sie bloß das Gesetz wußten und lehrten, aber nicht thaten, und wo sie es thaten, es bloß äußerlich und herzlos verrichteten, sowohl in der Beobachtung des Sittengesetzes: “Du sollst nicht tödten, nicht ehebrechen!” als des Ceremonialgesetzes beim Fasten, Opfern, Zehntengeben, selbsterfundenem Händewaschen, weil sie bloß auf die äußere Beobachtung des Buchstabens der Gebote sich beschränkten, den innern Geist derselben aber auch mit keiner Sylbe anrührten; sondern auch die Quellen und Beweggründe, aus denen ihre Handlungen hervorgingen, sowie die nachtheiligen Folgen, welche sie auf die Gemüthsart derselben äußerten, waren höchst unreiner und schlechter Natur. die Beweggründe: denn sie thaten das äußerlich Gute nur, um gesehen und gepriesen zu werden von den Leuten und den Schein der Heiligkeit und Frömmigkeit um sich her zu verbreiten; Selbstsucht und Eigenliebe waren die Quellen, aus denen ihre Handlungen entsprangen. Die Folgen: denn sie bildeten sich ein, Vorzüge zu besitzen, die den Andern durchaus abgingen; sie dankten Gott, daß sie nicht waren wie andere Leute, sie richteten lieblos über ihre Nebenmenschen und verdammten mit schonungsloser Härte jeden Fehltritt ihres Bruders; den Splitter beobachteten sie in Anderer Augen, und den Balken im eigenen Auge nahmen sie nicht wahr. Selbstgefälligkeit also und Hochmuth waren die nachtheiligen Folgen, zu welchen ihre Tugend und Gerechtigkeit sie verleitete. So prangte denn das Kleid ihrer eigenen Gerechtigkeit gleichsam in strahlenden Farben; aber die Farben strahlten nur in den Augen der Welt, nicht in den Augen des Herrn; am Tage der großen Reinigung wird sich Alles als unächt zeigen, dann werden erbleichen, bis zur Verschwindung, die schönen täuschenden Farben. Jesus erklärt daher auf’s Bestimmteste: “Es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.” Merkt wohl! Er sagt nicht: Ihr sollte gar keine Gerechtigkeit haben, die Gerechtigkeit des Lebens ist nicht nothwendig; Er sagt: “Es sei denn eure Gerechtigkeit besser, denn die der Schriftgelehrten und Pharisäer.” Er sagt auch nicht: Es sei denn, daß ihr wacker tadelt und euren Unwillen äußert über die Gerechtigkeit der Pharisäer; Er sagt: “Es sei denn, daß eure Sache eine besser ist;” sonst werdet ihr nicht in’s Himmelreich kommen und keinen Antheil an demselben erlangen, weder hier, noch dort. Damit tritt Er aber entschieden einer Verkehrtheit entgegen, die so oft unter und in uns herrscht; der Verkehrtheit nämlich, daß wir so gern geneigt sind, uns mit Andern zu vergleichen und nach Andern zu messen, und zu denken: Wenn ich so lebe, wie Der und Jener, so ist es gut; wenn sich die Vorgesetzten oder die Frommen so etwas erlauben, kann ich mir es auch erlauben. Solche Vergleichung ist vom Uebel. Nicht Menschen sind uns zum Vorbild gegeben, sondern der Herr. Nicht auf Vergleichungen sollen wir bauen, sondern auf die Wahrheit. Weder zur blinden Nachahmung hat uns Gott Menschen als Muster aufgestellt, noch zur leichtsinnigen Entschuldigung. Er, Er allein und Sein Gesetz, soll die Richtschnur unseres Verhaltens bleiben. Möge Er es denn auch immer mehr werden, und der Glaube an Ihn, die Liebe zu Ihm die alleinige Triebfeder aller unserer Handlungen, die Ehre Gottes und das Heil der Welt das alleinige Ziel aller unserer Gerechtigkeit sein! Dann ist unsere Gerechtigkeit wahrhaft besser, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, und dann werden wir nie um das Reich Gottes kommen.

Amen.

August 31, 2019

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