Arndt, Johann Friedrich Wilhelm – 24. Predigt.

Text: Matth. VI., V. 25-34.

Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr, denn die Speise? Und der Leib mehr, denn die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr, denn sie? Wer ist unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist, als derselben eins. So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute stehet, und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte Er das nicht viel mehr euch thun? O ihr Kleingläubigen! Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach solchem Allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr deß Alles bedürfet. Trachtet am Ersten nach dem Reiche Gottes und nach Seiner Gerechtigkeit, so wird euch Alles zufallen. Darum sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.

Die Freiheit des wahren Christen von der Welt ist eine doppelte, eine Freiheit von der Weltlust und eine Freiheit von der Weltsorge. Von der letzteren handeln unsere heutigen Textworte.

Das Leben ist reich an Sorgen. Sind die ersten ruhigen Kinderjahre vorüber, so fängt das Sorgen auch an. Der Jüngling blickt schon nicht mehr sorglos in die Zukunft; er denkt daran, wie er sich einführe in die Welt, wie er gehörige Kenntnisse sich erwerbe, sich beliebt bei Alt und Jung mache, und einen Anlauf für seine großen Pläne gewinne; er fürchtet und hofft, das heißt, er sorgt. Der Mann hat sein Geschäft, dem er vorstehen, seine Familie, die er ernähren, seine bürgerlichen Pflichten, die er erfüllen soll, – er findet seine Feinde und Neider; er hat Verluste, und muß retten, was zu retten ist; jetzt hat er Schulden zu bezahlen; dann stirbt ihm Eins der Seinigen; sein Weib erkrankt; seine Kinder wollen erzogen werden; er muß Rücksicht auf Andere nehmen; sehet, da muß er arbeiten, sich verläugnen, viel übersehen, abwehren und herbeiziehen, das heißt, er muß sorgen. Jener Greis dort schleicht schon am Stabe, seine Kinder sind versorgt, und der Feierabend ist angebrochen; aber dieser Sohn ist unglücklich, jene Tochter ist in Gefahr, er ist allerlei Schwachheit und Kränklichkeit unterworfen, und oft ist ihm, als könne er noch seinen letzten Zehrpfennig verzehren. Ja, auch er sorgt. – So ist es wohl viel Sorge, die das menschliche Leben mit sich bringt. Wer möchte auch läugnen, daß man auf dies Alles denken muß? Man ist einmal im Leben, und schilt mit Recht Jeden leichtsinnig, der sich nicht darum bekümmert. Gott hat uns die Kräfte des Leibes und die Vermögen des Geistes gegeben, daß wir sie brauchen und üben sollen, und die Schrift selbst sagt: „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen!“ Diese Sorgen sind pflichtmäßig und für unsere irdische Wohlfahrt unerläßlich. Indessen dieses Sorgen, sofern es eines ist mit Arbeiten und Thätigsein, ist es auch nicht, was Jesus ist Texte verbietet, und was den Menschen stört und beunruhigt; im Gegentheil, seine größte Last würde es sein, wenn er auf diese Weise nicht geschäftig sein dürfte, – denn Müßiggang ist aller Laster Anfang und des Teufels Ruhebank!

Aber es giebt ein anderes Sorgen: das ist lästig, das stört den Frieden, das läßt uns so wenig zur Herzensruhe kommen, daß Jeder wünscht, es wegzuschaffen, oder doch zu beschränken. Das ist das ängstliche, zu weit voraus Sorgen und Bekümmertsein um seine Zukunft, wo man für sein irdisches Fortkommen so sorgt, als ob kein Gott im Himmel wäre, der dafür Sorge trüge, wo man sich unnöthige Sorgen macht und vor lauter Selbstquälerei untergeht. Dieses Sorgen ist Sünde. Aber von diesem Sorgen ist der wahre Christ auch frei. Eben weil er die Welt nicht liebt, hat er auch keine Angst und Sorge um ihretwillen. Sechs Gründe sind es, die Jesus im Texte angiebt, um die Sorgenfreiheit der Kinder Gottes nachzuweisen. Laßt uns, Geliebte, mit den Jüngern und dem Volke uns zu Seinen Füßen setzen, und unsere ganze Seele sei Ohr für Seine erquicklichen und trostreichen Worte!

I.

Darum, weil ihr die Welt weder liebt als euren Abgott, noch sie liebt neben Gott, sondern an Gott eure Seele hängt, sage ich euch: Sorget auch nicht ängstlich für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet; sondern vertrauet, indem ihr eure Pflicht thut, auf den Herrn, daß Er auch Seine Pflicht thun werde. Ist nicht das Leben mehr, denn die Speise? und der Leib mehr, denn die Kleidung? Erster Grund: Der uns ohne unser ängstlich Sorgen und Zuthun das viel Größere, das Leben und den Leib, gegeben hat, wird es gewiß auch ohne unser Sorgen an dem viel Geringeren, das zur Erhaltung jener beiden Güter unentbehrlich ist, an Speise und Kleidung, nicht fehlen lassen. Wir müßten Gottes Allmacht und Weisheit läugnen, wenn wir daran zweifelten; wir müßten uns der Undankbarkeit gegen unsern größten Wohlthäter schuldig machen, wenn wir darüber nur irgend wollten ein Mißtrauen hegen; wir müßten die ganze Vergangenheit streichen aus unserem Leben und aus der Geschichte, wenn sie uns nicht Vorbild und Bürgschaft sein dürfte für unsere Zukunft. Ist denn jemals zu Schanden geworden, der auf Gott geharrt hat? Wir sind jung gewesen und sind alt geworden, bezeugt David, und mit ihm die Frommen aller Zeiten, und haben noch nie gesehen den Gerechten verlassen, oder seinen Samen nach Brodt gehen. (Ps. 37,25.) Noch nie hat der große Gott etwas versehen in Seinem Regiment; von jeher hat Er zu regieren verstanden und hat es nicht erst gestern gelernt. Sein ist die Welt mit allen ihren Gütern und Nahrungsquellen; Sein sind die Menschen mit ihren Gaben und Leistungen; Sein ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; Er weiß Alles, Er kann Alles, Er hat Alles, Er verwaltet Alles, Er liebt Alles, was von Ihm herrührt, und durch Jahrhunderte, durch Millionen von Herzen gehen die Stimmen reicher Erfahrung: „Was unser Gott geschaffen hat, das will Er auch erhalten; darüber will Er früh und spat mit seiner Gnade walten; in Seinem ganzen Königreich ist Alles recht, ist Alles gleich: gebt unserm Gott die Ehre!“ Das Beste hat Er immer schon vorweg gegeben ohne unser Sorgen und banges Erwarten: wie sollte Er das Geringere nicht hinzufügen? Unaussprechlich reich hat Er uns gemacht durch dies Dasein, durch diesen Leib, den Wunderbau, von Gott erbaut, durch diese Seele, geschaffen für die Ewigkeit, durch diesen Himmel und diese Erde, die Wohnstätten unseres Wesens: wie könnte Er uns je verarmen lassen? Seinen eingeborenen Sohn sogar hat Er für uns dahin gegeben und Ihn nicht verschont um unsertwillen: wie sollte Er uns mit Ihm nicht Alles schenken? Nein, sorge immerhin, wer da will: wir sorgen nicht. So lange wir das Leben noch haben, brauchen wir nicht zu sorgen. Der Schöpfer ist auch der Erhalter, und was wir Alles schon durch Gottes Gnade besitzen, ist uns das beste Unterpfand von dem, was Er uns noch zugedacht hat.

II.

Sehet die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater ernähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr, denn sie? Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht so bekleidet gewesen ist, als derselben eins. So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er das nicht viel mehr euch thun? O ihr Kleingläubigen! Zweiter Grund: Die Sorge ist des Christen unwürdig. Derselbe Gott, der Alles schützt und pflegt im Pflanzen- und Thierreich, wäre nicht Gott in Christo, wäre nicht unser Vater, unser himmlischer Vater, wenn Er nicht noch viel mehr für uns sorgte, Seine Menschenkinder auf Erden. Welches Herr von lebenden Wesen um uns her, von Vögeln und Thieren, die alle spielend und sorgenfrei ihr Leben führen, harmlos des Augenblicks genießen, und zu aller Zeit vorräthig finden, was sie bedürfen! Welcher Reichthum an Pflanzen, Blumen und Kräutern, die alle fröhlich aus dem dunkeln Schoß der Erde an das Licht sich wagen, und nicht verzagen, wie sie bestehen wollen! Die Lilien auf dem Felde, die keine Menschenhand pflegt und wartet, die schnell vergänglichen Blumen überhaupt, sie prangen in ihrem festlichen Schmucke, sie erquicken unser Auge, sie fordern unsere Freude und Bewunderung: wer ruft sie alle aus dem Nichts hervor? wer kleidet sie mit Herrlichkeit? wer sendet ihnen Regen und Sonnenschein, Speise und Trank, daß sie keimen, wachsen, blühen, Früchte tragen? wer schmückt die Vögel mit ihrem Gefieder, ihrem Wohlklang, ihrer Beweglichkeit und Fröhlichkeit? Ach, Alles verkündigt eine Liebe ohne Gleichen, eine über Alles wache Fürsorge und eine Gnade, die auch das Kleinste nicht übersieht und vergißt. Und für uns sollte Gott nicht sorgen? nicht wenigstens ebenso sorgen, wie für die vernunftlosen Creaturen des Weltalls? nicht mehr sorgen, je höhere Stellung Er uns angewiesen hat unter Seinen Geschöpfen? Er ist nicht nur unser Schöpfer, sondern auch unser Vater; wir sind nicht nur vergängliche Wesen, wir sind bestimmt zu Erben Seines Reichs und Mitgenossen Seiner Herrlichkeit, wir sind Seine Kinder, das Liebste und Nächste Ihm in der Schöpfung, das oberste Glied in der Reihe Seiner Wesen hienieden: und uns sollte Er vergessen? Alle Geschöpfe überlassen sich kindlich Seiner Macht und Liebe, und wir wollten Seine Kinder sein und verzagen? Man hat noch nie auf Erden einen Vater gesehen, der seine Vögel ernährt und seine Kinder versäumt hätte, und was wir keinem menschlichen Vater zutrauen, das wollten wir von Gott fürchten? O wie unwürdig wären wir dann des Christennamens! wie unwürdig der Menschennatur! Das hieße, sich unter die Thiere des Feldes erniedrigen und sich beschämen lassen von der unvernünftigen Creatur. Nein, sorgt Gott für sie, so sorgt Er noch viel mehr für uns, so kann Er uns nicht versäumen und verlassen, so muß Er uns tragen auf Adlers Flügeln und wir bilden keine Ausnahme von der allgemeinen Regel der Weltregierung. Sorge denn immerhin, wer da will: wir sorgen nicht. So lange Gott noch die Vögel unter dem Himmel nährt und die Lilien des Feldes kleidet: so lange wird auch nicht aufhören Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Er hat viel mehr schon für uns gethan, als Er für die Lilien des Feldes gethan hat: so wird Er es denn auch ferner thun, und es lebt in unserer Seele die fröhliche Gewißheit: „Ei nun, so laß Ihn ferner thun, und red’ Ihm nichts darein, so kannst du hier im Frieden ruh’n und ewig selig sein!“

III.

Wer ist unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? Dritter Grund: Unsere Sorgen sind unnütz und vergeblich. So wenig es in unserer Gewalt steht, den Wachsthum unseres Körpers irgendwie zu befördern und uns durch eigene Kraft größer zu machen, und so wenig wir unser Leben über die ihm von Gott gesetzte Grenze hinauszuschieben vermögen, und durch eigenes Bemühen nicht älter werden können, als wir sollen: so wenig hilft uns auch unser eigenes Sorgen und Grämen für unsere irdische Zukunft. Wir vermögen nicht einmal, ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Nicht das Geringste vermögen wir. In Allem hängen wir von Gott ab und die Welt geht nach Seiner Einrichtung und Regierung ihren Gang unabänderlich fort. Wie thöricht also, für etwas sorgen zu wollen, was nicht in unseren Entschluß-, Macht- und Wirkungskreis gehört! Es ist wahr: deine Zukunft ist dunkel; aber wird sie heller durch deine bangen Gedanken? Es ist wahr: es ist ein drückendes Gefühl, wenn Brod und Kleidung ausgehen; aber erleichtert der nagende Kummer dieses Gefühl? macht er denn dein Brod größer, dein Kleid länger oder fester? Es ist wahr: ein lange anhaltendes, verderbliches Wetter kann trübe Bilder heraufrufen in unserem Innern; aber wird’s denn dadurch besser, daß wir mit peinigender Sorge in das Wetter hinein sehen? können wir es denn machen, daß die Sonne hinter dem Gewölk hervorbricht, daß der starre Winter endlich der Macht des Frühlings weicht, daß die Wolken sich mild’ entladen, die Halme wachsen, die Früchte reifen, der Weinstock zur Vollendung kommt? Es ist wahr: in schweren Zeiten, bei drohendem Kriege, bei langem Krankenlager, beim Sinken der Nahrung kann die Frage düster und schwer sich erheben: was soll noch aus uns endlich werden? aber steht es in unserer Gewalt, die Zeiten zu ändern und die Ungewißheit aller Dinge in Gewißheit zu verwandeln? Ach nein: es bleibt beim alten Liede: „Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteig’ner Pein läßt Er sich gar nichts nehmen, – es muß erbeten sein.“ Nicht einen Schritt weiter kommen wir mit allen eigenen Gedanken; im Gegentheil, wir kommen zurück, wir machen Uebel nur ärger. Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wo der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, daß ihr frühe aufstehet und hernach lange sitzet und esset euer Brod mit Sorgen; denn Seinen Freunden giebt Er’s schlafend. (Ps. 127, 1.2.) Welch’ ein Mangel an Selbsterkenntniß, welch’ ein falsches Vertrauen auf eigene Kraft, welch’ ein stolzes Selbstgefühl und Selbstbewußtsein setzt es daher voraus, und welche Selbsttäuschung, welche Verkennung aller Verhältnisse, welche Thorheit und Narrheit, wenn der Mensch Gott die Weltregierung abnehmen und sein eigener Gott und Helfer sein will! Armer Thor, nicht eine Stunde, nicht eine Minute ist in deiner Gewalt! Der Mensch denkt, aber Gott lenkt. Des Menschen Herz schlägt seinen Weg an, aber der Herr allein giebt, daß er fortgehe. Nein, sorge immerhin, wer da will: wir sorgen nicht. Wir wissen, es hülfe uns doch nichts, wenn wir auch sorgten, und es wäre nichts als vergebliche und verlorene Zeit, die wir darauf hinbrächten, und die wir viel besser benutzen und auskaufen können.

IV.

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach solchem Allen trachten die Heiden; denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr deß Alles bedürfet. Vierter Grund: Die Sorge ist nur möglich bei einem völlig ungläubigen Herzen, sie ist etwas Heidnisches. Denn der Heide glaubt an keinen lebendigen, wirksamen Gott, sondern an ein blindes Schicksal, das ihn nötigt, sein eigener Gott und seine eigene Vorsehung zu sein; und darum muß er sorgen und in Sorgen umkommen. Der Christ aber glaubt an einen lebendigen, persönlichen Gott. Er weiß: Gott ist Vater der Menschen, und wie ein Vater sich über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, so ihn fürchten. Er weiß: Gott ist sein Vater, und wenn Er auf kein Wesen in der Welt Seine Liebe ausdehnte, ihn muß er mit Liebe umfassen, ihn trägt Er auf Seinem Herzen, für ihn hat Er Alles, was Er hat. Er weiß: Gott ist sein himmlischer Vater, der über die Erde unendlich erhaben ist, dem Himmel und Erde zu Gebote stehen, der da spricht, und es geschieht, der da gebeut und es steht da, der ein reicher, allvermögender Herr und Gott ist, und darum tröstet er sich immerdar mit dem alten Liede: „Weg’ hat Er allerwegen, an Mitteln fehlt’s Ihm nicht, Sein Thun ist lauter Segen, Sein Gang ist lauter Licht; Sein Werk kann Niemand hindern, Sein’ Arbeit darf nicht ruh’n, wenn Er, was Seinen Kindern ersprießlich ist, will thun.“ – Er weiß endlich: dieser sein himmlischer Vater weiß, was er bedarf; Er kennt alle Dinge, also auch die Noth, die Bedürfnisse und Anliegen der Seinen, weiß, daß sie Nahrung und Kleidung täglich nöthig haben und sie nicht entbehren können, und wird ihnen daher nichts vorenthalten, was zur Erreichung Seiner Gnadenabsichten an ihnen frommt und dient. Der Christ macht es allewege, wie das Kind, das den Vater in seiner Nähe weiß. Hungert es, so geht es an des Vaters Tisch. Bedarf es Schutz, so flüchtet es in des Vaters Arme. Ueberfällt es die Furcht, so schaut es in des Vaters Auge; so lange es da Ruhe bemerkt, ist es auch ruhig und wohlgemuth und kennt keine Furcht mehr! Es ist in sich selbst Nichts; aber durch den Vater ist es Alles. Es würde zittern ohne ihn; aber bewaffnet mit seiner Stärke, ist es mächtig, ohne mächtig zu sein. Der Christ lebt nach der apostolischen Ermahnung. „Alle eure Sorge werfet auf den Herrn, denn Er sorget für euch!“ und darum kennt er keine Sorgen; sie sich verschwunden; sie sind abgeworfen; an Gottes Vaterherz sind sie geworfen, und da liegen sie an ihrer rechten Stelle; Er ist die ewige Liebe und wirft sie nicht wieder auf Seine Kinder zurück. O seliges Christengefühl, das aus dem Worte uns anweht: „Euer himmlischer Vater weiß, daß ihr deß Alles bedürfet!“ Sorge denn immerhin, wer sorgen will: wir sorgen nicht. So wahr Gott im Himmel lebt, so wahr Er unser Vater ist in Christo Jesu, so wahr Er weiß, was wir bedürfen, – kann, will, wird Er uns auch geben, was wir bedürfen. Und darum wollen wir schlafen an Seinem Busen, und athmen in Seinen Armen, unsere Straße ziehen an Seiner Rechten, und es uns nimmermehr abgehen lassen an irgend einem Guten.

V.

Trachtet am Ersten nach dem Reiche Gottes und nach Seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches Alles zufallen. Fünfter Grund: Der Christ kennt eine wichtigere Sorge, als die für des Leibes und des irdischen Lebens Bedürfnisse; das ist die Sorge für seine unsterbliche Seele, für das ewige Leben und für die Kleider des Heils, die ihm Jesus Christus erworben hat. Diese Sorge ist seine Hauptsorge, die seine ganze Zeit und sein ganzes Herz in Anspruch nimmt, so daß ihm für eine andere Sorge keine Zeit mehr übrig bleibt, jede andere Sorge vielmehr durch jene geordnet, gemäßigt, eingeschränkt, gerichtet und geheiligt wird. Und wie wunderbar! Trachten wir mit allem Eifer nach dem Irdischen, so machen wir uns des Himmlischen verlustig; trachten wir hingegen vornämlich nach dem Himmlischen, so fällt uns das Irdische zu. Während die Weltsorge von Gott abführt, Gottes Wort unkräftig an unseren Seelen macht, den Wirkungen Seines Geistes einen hemmenden Damm entgegenstellt, und alles höhere Leben des Glaubens und der Liebe in dem Gemüthe erstickt, kurz, ihm eine so niedrige, irdische Richtung mittheilt, daß er zu jedem geistigen Aufflug unfähig wird und allmählig im eitlen Weltleben untergeht, – ist derjenige, der das Reich Gottes und Seine Gerechtigkeit seine Hauptsorge sein läßt, doppelt gesegnet vor dem Herrn. Zunächst erlangt er unfehlbar, was er sucht: er wird durch den Glauben an Christum gerecht vor dem Herrn, alle seine Sünden werden ihm erlassen, sein Herz gewinnt einen Frieden, der höher ist, denn aller Menschen Vernunft, und den die Welt ihm nie wieder rauben kann, er wird Bürger des Reiches Gottes; – dann aber fällt ihm auch das Irdische zu. Wie Salomo, weil er Gott nur um ein weises und gehorsames Herz gebeten hatte, nicht nur Weisheit und Gehorsam erhielt in bewunderungswürdigem Grade, sondern auch, was er nicht gebeten, Reichthum, Ehre und langes Leben als Zugabe hinzu: so ist noch immer die Gottseligkeit zu allen Dingen nütze, und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens. Nie kommt eine Klage gegen den Herrn über die Lippen des wahren Jüngers Jesu Christi, denn er hat allezeit so viel Stoff zu danken, daß er des Klagens vergessen muß. Im Innern hat er vollauf, und im Aeußern läßt er sich genügen, ist in Allem und bei Allem geschickt, kann niedrig und hoch sein, hungern und satt werden, übrig haben und Mangel leiden; er vermag Alles durch Den, der ihn mächtig macht, Christus. Wenn Jesus ihn fragen würde, wie Er einst die Jünger fragte: Habt ihr je Mangel bei mir gehabt? würde er, wie sie, antworten müssen: Herr, nie keinen! So ist er reich mitten in der Armuth, geduldig in jeder Krankheit, frei unter dem Drucke der Ketten, froh und selig in Schmach und Verfolgung. O seliges, beneidenswerthes Christenloos! – Sorge denn immerhin, wer sorgen will: wir sorgen nicht. So lange das Reich Gottes noch kommt und seine Gerechtigkeit – und es kommt alle Tage – so lange kann es nur eine Sorge für uns geben, und das ist eine selige Sorge, eine Sorge, die immer dessen gewiß ist und das schon hat, warum sie sorgt; eine Sorge, die mit Sorglosigkeit eins ist und die das große Privilegium besitzt, daß ihr alles Uebrige zufällt.

VI.

Darum sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe. Sechster und letzter Grund: Die weltliche Sorge ist höchst schädlich und verderblich, insofern es schon an und für sich Leiden genug im Leben giebt und diese nur noch vermehrt werden durch unsere eigenwilligen, schwarzen Gedanken und Befürchtungen. Jeder Tag hat seine eigene Plage; ohne Leiden ist der Mensch nie auf dieser Welt. Auch der Glücklichste hat seine Last zu tragen, und das heiterste Antlitz hat seine Stunden, wo es sich in finstere Falten legt. So findet sich der Schatten neben dem Lichte allüberall. Wollten wir zu diesen unabweisbaren Leiden nun noch eigenmächtig andere, selbstgeschaffene Leiden hinzufügen, so hieße das nichts Anderes, als nicht zufrieden sein mit der von Gott uns aufgelegten Last, uns selbst neue Lasten aufladen und das Leben unnöthigerweise erschweren, verbittern, um allen frischen Lebensmuth und alle Freudigkeit bringen, uns im Schmerzgefühl aufzehren, und vor lauter Sorgen vergehen und verschmachten. Höret doch die Erfahrung der Alten! Sie sagen und wiederholen es uns aus den fernsten Zeiten bis auf den heutigen Tag, daß Sorge vor der Zeit alt mache, daß sie dem Körper seine Kraft raube und den Nächten den Schlaf, daß, wo sie walte, auch böse Träume kommen, daß sie das Herz kränke, daß der Mensch, betrübt durch sie, nimmer einen guten Tag habe, und daß viel besser ein Weniges sei mit der Furcht des Herrn, als ein großer Schatz, dabei Angst und Unruhe ist. (Sir. 30,26. 31,1.2. Pred. 5,2. Spr. 12,25. 15,15.16.) Hinweg denn mit der Sorge, die nur unglücklich macht! Es giebt keine thörichtere Beschäftigung und keine ärgere Selbstquälerei in dieser Welt. Die Zukunft wird schon bringen, was die Zukunft braucht. Der den morgenden Tag uns giebt, wird auch für den morgenden Tag sorgen. Der Herr ist gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Und Er wird besser, als du es mit all’ deiner Sorge ausdenken und ausführen kannst, dafür sorgen, daß der morgende Tag mit seinen Schicksalen und Ereignissen, Freuden und Leiden, Aufgaben und Uebungen, dir das rechte, zweckmäßige Mittel sei, dich deiner himmlischen Bestimmung näher entgegenzuführen. Benutze nur treu den heutigen Tag, daß er dir Segen bringe und nicht Fluch; dann wird der morgende schon von selbst in die Fußtapfen des heutigen treten und fortsetzen, was der heutige begonnen hat. O seliges, beneidenswerthes Loos des Christen! Er hat den rechten Gewinn von der Zeit; denn indem er ganz für die Gegenwart lebt, lebt er ganz für die Zukunft, und nicht allein für seine irdische, sondern vor Allem für seine himmlische Zukunft. Sorge denn immerhin, wer da will: wir sorgen nicht. So lange es noch Plage genug auf Erden giebt, wollen wir uns keine neue hinzufügen, sondern uns genügen lassen an dem, was Gott uns zusendet. Das Kreuz fliehen ist schlimm; aber das Kreuz mehren, ist noch schlimmer. Darum bleibt es bei des Herrn Wort: „Sorget nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.“

Wie ist euch nun bei diesen Worten unseres Herrn, Geliebte? Er hat sie gesprochen, der das Leben wohl kannte mit seinen Nöthen und nicht hatte, wo Er Sein Haupt hinlegte; und Er erklärt die Sorgen für grundlos, für unwürdig, für unnütz, für ungläubig, hinderlich und schädlich. Und doch giebt es Viele unter uns, die noch sorgen, ja die sich beständig etwas zu sorgen machen und die Sorgenqual der Sorglosigkeit vorziehen! Woran liegt’s? Daran, daß sie noch nicht geistlich arm geworden, noch nicht Leide getragen haben über ihre Sünden, noch nicht aufgehört haben zu widerstreben, noch nicht hungern und dursten nach Gerechtigkeit, noch nicht barmherzig, reines Herzens und friedfertig geworden sind. Daran allein! Wer das geworden ist, der hat das Sorgen verlernt, und je mehr wir das Alle werden, desto mehr werden wir Alle das Sorgen verlernen. Geschieht auch nicht immer gleich, was wir hoffen und wünschen; läßt Gott uns auch manchmal lange auf Antwort warten, und Gott uns auch manchmal lange auf Antwort warten, und sind Seine Gedanken oft himmelweit verschieden von unseren Gedanken: Er ist und bleibt doch der Allmächtige, der Allweise, der Allgütige, und die Ihn ansehen und anlaufen, derer Angesicht wird nicht zu Schanden. Ueber kurz oder lang bewährt es sich doch wieder an uns, wie an Tausenden: Der Herr ist Gott und Keiner mehr! und wir schlagen verwundert die Hände zusammen, wir gestehen es in neu belebter Ueberzeugung: daß man den Herrn nur dürfe geruhig walten lassen; Sein Rath sei zwar wunderbar, aber Er führe ihn herrlich hinaus. – Wohlan, machet Gebrauch von eurem himmlischen Vorrechte, Christen! Werfet vertrauensvoll alle eure Sorgen auf den Herrn: denn Er sorget für euch. Waget den Wurf in Gottes Namen, ihr werdet ihn nie bereuen. Setzet nicht bloß eure Sorgenlast ein wenig nieder; nein, werfet sie ab, für immer ab, auf den Herrn: Er will sie tragen.

Herr, hier sind wir. Jeder unter uns hat seine Plage, Du weißt es: o hilf uns tragen! Jeder ist geneigt, seine Plage zu vermehren: o hilf uns die eigene Last ablegen! Nimm uns, was unser ist, und gieb uns, was Dein ist! Unser Joch ist hart und schwer, Dein Joch ist sanft und leicht: o himmlischer Vater, o ewiger Heiland, führe uns allezeit unter Deinem sanften Joch! Amen.

August 31, 2019

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