Arndt, Johann Friedrich Wilhelm – 27. Predigt.

Text: Matth. VII., V. 7-11.

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgethan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da suchet, der findet; und wer da anklopfet, dem wird aufgethan. Welcher ist unter euch Menschen, so ihn sein Sohn bittet um Brodt, der ihm einen Stein biete? Oder so er ihn bittet um einen Fisch, der ihm eine Schlange biete? So denn ihr, die ihr doch arg seid, könnet dennoch euren Kindern gute Gaben geben, wie vielmehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die Ihn bitten?

Der dritte Fehler, in welchen nur zu leicht gläubige Kinder Gottes hineingerathen können, ist die geistliche Erschlaffung. Splitterrichten ist das Erste, daraus folgt die Bekehrungssucht, und wenn diese sich abgekühlt hat, läßt sie in der Regel nichts Anderes zurück, als Erschlaffung. Und zwar zeigt sich diese Erschlaffung nach den drei Beziehungen, in welchen wir stehen, zu Gott, zu Andern, und zu uns selbst, auch dreifach: in Beziehung zu Gott als Erschlaffung im Gebet, in Beziehung zu Andern als Erschlaffung in der Liebe, in Beziehung zu uns selbst als Erschlaffung im Glaubenskampfe. Vor dieser dreifachen Art, innerlich zu ermatten und zu erlahmen, warnt der Herr in dem weitern Verfolge der Bergpredigt. Diesmal vor der Erschlaffung im Gebete, indem Er 1) so dringend wie möglich zum Gebete auffordert, und 2) so zuversichtlich wie möglich die Erhörung zusagt.

I.

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgethan. Dringender kann man wahrlich die Nothwendigkeit des Gebets nicht ausdrücken, als durch diese dreifache Steigerung: Bittet, suchet, klopfet an! Fürwahr, wenn irgend Etwas die Kinder Gottes von den Kindern der Welt unterscheidet, so ist es das Gebet. Nicht nur an sich, sondern auch durch die Art und Weise, wie gebetet wird. Den Kindern der Welt ist, wenn sie noch beten, das Gebet eine Last; den Kindern Gottes ist es die größte Seligkeit. Beten ist die erste und einzige Tugend des Sünders, das erste und einzige Gott wohlgefällige Werk, welches der aus dem Sündenschlaf erwachte Mensch thun kann und thun soll. Wer da betet, der steht in einem Kindesverhältniß zu Gott und macht Gebrauch von seinem Kindesrecht; er lallt und stammelt so demüthig und vertrauensvoll, wie das Kind auf dem Mutterschoße; Bitten ist ihm das seligste Lebensgeschäft, und es würde ihm Etwas fehlen an seiner Seligkeit, wenn er nicht beten dürfte. Wer da betet, der weiß, daß Bitten auch Gott das angenehmste Werk ist, und daß der ewigen Liebe im Himmel Etwas fehlen würde, wenn sie nie eine Bitte ihrer Kinder hören sollte, gerade wie einem menschlichen Vaterherzen eine Hauptvaterfreude mangelt, wenn sein Kind aus Unwissenheit oder Furcht oder Starrsinn nie zu ihm kommt, irgend Etwas sich zu erbitten. Der große Gott im Himmel hat Wohlgefallen an den Bitten Seiner Kinder, wie ein irdischer Vater gern das Stammeln seiner Kinder hört. Ja, Er liebt sogar große Bitten. Je größer unsere Bitte ist, desto lieber ist sie Ihm. Je mehr wir bitten, desto mehr sollen wir auch haben. – Aber noch mehr! Bitten ist nicht nur unser seliges Kindergottesprivilegium, es ist auch unser hochheiliges Priesteramt: denn jeder Christ soll ein Priester sein vor dem Herrn. „Ihr seid das auserwählte Geschlecht,“ sagt Petrus, (1. Petr. 2,9.) „das königliche Priesterthum, das heilige Volk, daß ihr verkündigen sollt die Tugenden Deß, der euch berufen hat von der Finsterniß zu Seinem wunderbaren Licht.“ So oft wir daher beten für uns oder für Andere, beten wir als Priester Gottes, als Theile eines großen vollendeten Ganzen, als Glieder eines Leibes, dessen Haupt Christus ist, als Brüder und Schwestern, die in der engsten Blutsverwandtschaft, in der Verwandtschaft des Blutes Jesu Christi, stehen. So oft wir beten, stehen wir am Altare Gottes, auf dem allerhöchsten Standpunkte, im heiligen priesterlichen Schmucke, das goldene Rauchfaß in der Hand; stehen da zwar als schwache und unwürdige, aber doch immer als wahrhaftige Abbilder des großen Hohenpriesters in Ewigkeit, der sich gesetzt hat zur Rechten der Majestät in der Höhe und lebet immerdar und bittet für uns. Welch ein Geschäft daher, das Gebet, meine Lieben! Welche Auszeichnung, welch Ehrenamt, welche Gnadenerweisung, welche Stellung in der Welt, zu Gott, unserm Vater, beten zu dürfen! sollte man da nicht meinen, alle Welt, die ja sonst so ehrgeizig ist, würde nach dieser Ehre geizen und beten? es könnte wenigstens keinen wahren Christen geben, der nicht betete, inbrünstig, ohne Unterlaß?

Und doch giebt es keinen Christen, der nicht in Gefahr stände, zu erschlaffen; keinen, der nicht schon Stunden der Erschlaffung aufzuweisen hätte. Oder wie? habt ihr noch nie Zeiten in eurem innern Christenthum gehabt, wo ihr euch zwingen und Gewalt anthun mußtet zum Gebete, wo jede Freudigkeit und Inbrunst erloschen war, und wo es so dürr und trocken in euch herging, als könntet ihr keine Gedanken einmal fassen, den ihr vor Gott auszuschütten hättet? Habt ihr noch nie Zeiten gehabt in eurem Christenthum, wo ihr so furchtsam, so spröde und unkindlich euch benahmet, und oft lange Zeit brauchtet, ehe ihr es wagtet, eure Bitten mit halber, zaghafter Stimme auszusprechen? Zeiten, wo es dem Versucher gelang, euch entweder ganz vom Gebete abzuhalten, oder doch durch tausend Dinge euch nachlässig und träge zu machen? wo er sich hinter euer Fleisch und Blut steckte, oder, was noch größern Schaden bringt, hinter eure fleischliche Vernunft, euch durch allerlei falsche Gründe und Schlüsse zu verführen? Zeiten, wo ihr, statt zu beten, anfinget, über’s Gebet und seine Kraft zu grübeln, und Zweifelsgedanken in euch aufstiegen, wie die: „Gott ist allwissend, Er braucht deines Gebet nicht; Er weiß vorher schon, was dir fehlt; du brauchst es Ihm also nicht erst zu sagen; Sein Rathschluß steht einmal fest von Ewigkeit und kann durch dein Gebet nicht abgeändert werden“? Zeiten sogar, wo während des Gebets allerlei gotteslästerliche Gedanken und schwere geistliche Anfechtungen euch befielen, wo nichts als Ach und Weh, als Seufzer und Klagen eure Stimmung vor Gott ausmachte, und ihr Jeden beneidetet, der fröhlichen Blicks durch’s Leben ging und von dem Segen sprach, den ihm Gottes Wort und Sacrament gebracht hätte, und wo ihr oft sagtet: „Wohl dem Menschen, der beten kann; ich kann es nicht!“? Das sind schwere, düstere Zeiten im Glaubensleben. Ihr Grund ist verschieden bei Verschiedenen: bald Mangel an Eifer und Treue im Kleinen, bald Mangel an Achtsamkeit auf das, was Gott ihnen auf ihr Gebet erwies, und Mangel an Dankbarkeit dafür, bald zu große Nachsicht gegen diese oder jene Sünde, die sie sich vorbehielten, und die es verursachte, daß ihr Herz, wenn sie sich zu Gott nahen, sie verdammt; – aber ihre Erscheinung ist jedenfalls beklagenswerth und bitter! Die heilige Schrift gedenkt vieler frommen Kinder Gottes, denen es gerade ebenso erging, wie Hiob, David, Assaph, Habakuk; die Erfahrung ist also weit verbreitet: Auch der Christ kommt in Gefahr, in dem allernatürlichsten und allerseligsten Geschäft seines Lebens, im Gebete, zu erschlaffen!

Das wußte unser treuer Hoherpriester, Jesus Christus. Darum hatte Er Mitleiden mit unserer Schwachheit, und warnte in der Bergpredigt Seine wahren Jünger vor solchen versuchsreichen Zeiten, indem Er zu ihnen sagte. “Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgethan!“ d.h., laßt euch nur nicht irre machen durch solche Prüfungszeiten, weder im Glauben an die Wahrheit des Christenthums überhaupt, noch an die Gewißheit eures Gnadenstandes, noch an die Erhörbarkeit eurer Gebete. Fühlt ihr, daß eure Gebetslust ausgeht: bittet um Lust von Oben, bittet um die Gabe des Gebets, und sie wird euch gegeben werden. Fühlt ihr euch arm an Gebetsstoff: suchet nur, sehet euch nur um, wo Lücken und Wunden vorhanden sind, und ihr werdet Stoff über Stoff finden, und niemals verlegen sein, was oder wie ihr bitten sollt. Fühlt ihr Mangel an Freudigkeit und Kühnheit, als dürftet ihr nicht wagen, so oft zu Gott zu kommen, als fürchtet ihr lästig zu werden und den Herrn zu ermüden und zu langweilen durch die Einförmigkeit oder Geringfügigkeit eurer Gebete, oder habt ihr schon oft gebetet und es ist nichts erfolgt: klopfet nur an, Gott hat ein leises Gehör und läßt sich nicht ermüden. Bittet, suchet, klopfet an!

Bittet! Wer bittet den Andern? Der Bedürftige. Kommet denn allezeit als Bedürftige, kämpfet an gegen das Gefühl der Sattheit und Selbstgenügsamkeit, und ihr werdet immer, immer zu bitten haben. Sehet, das ist der Feind, der euch hindert am Gebete: es ist die Selbstzufriedenheit, es ist der geistliche Reichthum eurer Seele. Werdet nur alle Tage arm, recht arm in euch selbst, und eure Gebete werden wie glühende Flammen gen Himmel schlagen. – Suchet! Wer suchet? Der verloren hat. Ach, und habt ihr nicht verloren? Wo ist der Mensch, wo ist das Kind Gottes, das je vergessen könnte, daß es verloren hat? verloren das Paradies mit seinen Freuden, verloren die Unschuld der Seele, die Unsterblichkeit des Leibes und die Herrschaft über die Erde? verloren den Frieden des Gemüths und die Einheit aller Seelenkräfte? Sehet da den zweiten feind, der euch hindert am Gebete: es ist das erlöschende Bewußtsein eurer großen Vergangenheit und eurer verfehlten Bestimmung. Erhaltet nur dieses Bewußtsein allezeit rege und wach, und es hat keine Noth, je verlorener ihr euch fühlt, desto gewisser werdet ihr Den suchen, der gekommen ist in die Welt, selig zu machen, was verloren ist. – Klopfet an! Wer klopfet an? Der draußen steht. Ach, und steht ihr nicht draußen? ist der Himmel nicht vor euch verschlossen? seid ihr hier nicht in der Fremde, und ist eure Heimath nicht Droben? so oft ihr Abends den gestirnten Himmel sehet, so oft der Herbst mit seinem fallenden Laube euch an die Vergänglichkeit des Irdischen mahnt, so oft ein Greis an euch vorüberwandelt oder ein lieber Mensch euch stirbt: fühlt ihr es da nicht lebhaft, daß ihr in der Fremde und außer dem Vaterhause seid? so oft ihr es inne werdet, daß ihr kein Licht, kein Leben, keinen Frieden, keine Kraft habt in euch selbst, sondern euch Alles müßt schenken lassen durch höhere Offenbarung und unmittelbare Gnade: fühlt ihr es da nicht lebhaft, daß ihr in der Fremde und außer dem Vaterhause seid? so oft ihr es inne werdet, daß ihr kein Licht, kein Leben, keinen Frieden, keine Kraft habt in euch selbst, sondern euch Alles müßt schenken lassen durch höhere Offenbarung und unmittelbare Gnade: fühlt ihr es da nicht, daß ihr draußen seid? Keiner unter uns hat es schon ergriffen oder ist schon vollkommen; wir Alle jagen ihm aber nach, ob wir es ergreifen möchten, nachdem wir von Christo Jesu ergriffen sind. Sehet da den dritten Feind, der euch hindert am Gebete: es ist die Sicherheit, mit der man meint, man habe es und sei am Ziele. Kämpfet nur an gegen diese Sicherheit, und je fremder ihr euch fühlen werdet hienieden, je ferner das erhabene Ziel der Wahrheit und der Heiligung vor euch sich erheben wird, desto unwillkürlicher werdet ihr euch gedrungen fühlen, anzuklopfen an der Himmels- und Gnadenpforte, bis euch geöffnet wird. Bittet, suchet, klopfet an!

Wer da bittet, wie wird er bitten? Gewiß mit Demuth und Vertrauen, – mit Demuth, denn er hat ja nichts, er ist ja ganz leer und arm; mit Vertrauen, denn er weiß ja, der Herr ist so reich und giebt so gern, Er kann geben, Er will geben, Er wird geben, was der arme Mensch hülflos von Ihm erbittet. Wer von Herzen bittet, der bittet allezeit im demüthigen, kindlichen Glauben: daß der Allmächtige vermögend ist, alle seine Mängel zu ersetzen; daß der Allweise die rechten Mittel trifft, der Noth abzuhelfen; daß der Wahrhaftige in allen Seinen Verheißungen treu ist und den Aufrichtigen es gewiß wird gelingen lassen, und daß dem Allgütigen das Herz vor Liebe gegen uns bricht, daß Er sich unserer erbarmen muß. Bitten ohne Glauben wäre kein wirkliches Bitten, wäre ein Bild ohne Leben, ein Wunsch, mit Bittworten ausgesprochen, aber ohne den Bittgeist und die Bittkraft. „Wer da zweifelt,“ sagt Jacobus, (1,6.7.) „der ist gleich wie die Meereswoge, die vom Winde getrieben und gewehet wird; solcher Mensch denke nicht, daß er Etwas vom Herrn empfahen werde.“ Bitten, wahrhaft bitten, heißt jederzeit nur: im Glauben bitten. – Und wer da suchet: wie wird er suchen? Gewiß mit Emsigkeit und Sorgfalt, daß er das Verlorene wiederfinde; wie der gute Hirte, der ein Schäflein verloren hatte und nun die neun und neunzig in der Wüste ließ und das Verlorene aufsuchte; wie das Weib, das einen Groschen verloren hatte und nun ein Licht anzündete und das ganze Haus durchsuchte, bis es ihren Groschen wiederfand. Wer da sucht, der vergißt alles Andere und denkt nur an sein Suchen, hat nur Sinn für das Verlorene und denkt nur an sein Suchen, hat nur Sinn für das Verlorene, läßt sich keine Mühe und kein Opfer verdrießen, und thut das Seine, wie er von Gott erwartet, daß Er auch das Seine thun werde. Daher pflegten die großen Beter des Alterthums zu sagen: ein andächtiger Beter müsse gegen die Außenwelt blind, stumm und taub sein. – Wer endlich anklopft: wie wird er anklopfen? Gewiß so, daß der drinnen im Hause ist, es hört; also mit Kraft und Ausdauer. Hat Jener auf das erste Klopfen nicht gehört und aufgethan, er klopft wieder; er läßt sich schlechterdings nicht abweisen, er rüttelt so lange an der Herzensthür Gottes mit seinen Seufzern, mit seinen Thränen, mit der Anrufung des Namens Jesu Christi, mit der Zufluchtnahme zu allen Verheißungen Gottes, daß Gott es mit ihm machen muß wie der Richter mit der armen Wittwe, und um seines unverschämten Geilens und Bittens willen ihm giebt, was er verlangt. (Luc. 18,1-8.) Kurz, es bleibt dabei: Bittet mit Demuth und Glauben, suchet mit Emsigkeit und Sorgfalt, klopfet an mit Geduld und Festigkeit.

Und Eins ist immer stärker als das Andere; Suchen ist mehr als Bitten, Anklopfen ist mehr als Suchen. Hilft daher das Eine nicht, so wird und muß das Andere sicherlich helfen. Es liegt mithin immer nur an den Menschen selbst, wenn sie erschlaffen im Gebete. Fühlten sie allezeit wahrhaft ihre innere und äußere Noth, ihr Verlorensein ohne Christum, ihren Zustand der Fremde fern von der ewigen Heimath; vergäßen sie auch als Christen nie, daß sie Menschen sind, die Fleisch und Blut an sich haben, – das Gebet würde die tägliche Lebenslust sein, die sie athmeten, und sie würden es nicht bloß gebrauchen als ein Mittel für höhere Zwecke, sondern als Lebenszweck selbst; sie würden nach der apostolischen Forderung beten ohne Unterlaß, und in der Einsamkeit, wie unter Menschen, bei der Arbeit, wie beim Ruhen, in guten, wie in bösen Tagen, in Gesundheit, wie in Krankheit ihr Herz zu Gott erheben; sie würden erkennen die Wahrheit des Ausspruchs von Luther. „Man thut ebensowohl Sünde, wenn man nicht betet, als wenn man tödtet!“ sie würden erfahren die Gewißheit der Behauptung jenes großen Kirchenlehrers: (Augustinus) „Nur Jener weiß zu leben, der wahrhaft zu beten weiß!“

Ja, ja! Fürwahr! Es ist kein wahres Leben,
Wenn man nicht kann sein Herz zu Gott erheben,
Und nicht beständig Tag und Nacht
Im Glauben betet, kämpft und wacht.

II.

Doch Jesus will nicht bloß der Erschlaffung wehren, die ihren Grund hat in unserm eigenen Herzen; sondern auch derjenigen, die scheinbar ihren Grund hat in Gott. Sehr oft nämlich läßt der Mensch darum nach im Gebete, weil sein Gebet nicht erhört wird. Deßhalb läßt sich’s der Herr recht angelegen sein, in den weitern Textworten die Gewißheit der göttlichen Erhörung so nachdrücklich wie möglich darzuthun. Er sagt: “Denn wer da bittet, der empfängt, und wer da suchet, der findet, und wer da klopfet, dem wird aufgethan. Welcher ist unter euch Menschen so hart und grausam, so ihn sein Sohn bittet um Brodt, um das Unentbehrliche, der ihm einen Stein bietet, etwas Unnützes, das keinen Hunger stillt? Oder so er ihn bittet um einen Fisch, der ihm eine Schlange biete, etwas Schädliches und Gefährliches? Welcher Mensch wird so hart und bitter seines bittenden Kindes gleichsam spotten? So denn ihr, die ihr doch arg seid – merket wohl, Jesus sagt nicht: „so denn diejenigen unter euch, die arg sind,“ sondern: ihr Alle, ohne Ausnahme, auch die Besten unter euch,“ und Er sagt das vor und zu Seinen Jüngern! – „so denn ihr, die ihr arg seid, könnet dennoch euren Kindern gute Gaben geben, und trotz eurer angeborenen Selbstsucht doch so viel natürliche Liebe habt, daß ihr euch selbst verläugnet, – wie weil mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die Ihn bitten!“ Ein Schluß von Geringern auf’s Größere, vom Menschen auf Gott, der unwiderleglich ist, und alle Zweifel, die der ungläubige Verstand gegen die Erhörbarkeit der Gebete erheben mag, mit einem Male völlig zu Boden schlägt. Gott ist die Liebe: darum giebt Er uns gern, was uns gut ist. Gott ist unser Vater: darum handelt Er gegen uns wie ein Vater gegen seine Kinder handelt.

Beten wir nur auf die rechte Weise, so werden wir auch auf die rechte Weise erhört; und werden wir nicht erhört, so wie wir es wünschen, so liegt es ganz gewiß jedesmal daran, daß wir nicht Brodt und Fleisch, sondern Steine und Scorpione von Gott erflehen; und kann Er uns die wohl gewähren? Unmöglich, Er müßte kein Vaterherz haben, wenn Er auf unsere verkehrten Wünsche einginge. Gerade weil Er uns liebt, wie ein Vater, und uns nicht zürnt, wie ein Feind, gewährt Er uns solche Bitten nicht. Aber die rechten, gottgefälligen, gläubigen Gebete im Namen Jesu Christi werden jedesmal von Ihm erhört, und es macht da gar keinen Unterschied, ob wir für geistige oder für irdische Güter zu Ihm flehen. Jesus unterscheidet das nie. Wer zu Ihm kommt, er mag seine Sünde oder seine äußere Noth fühlen, wenn er nur ruft: „Herr Jesu, erbarme Dich meiner!“ ist Ihm willkommen. Man hat oft gemeint, die Gebete um geistige Güter erhöre Er immer unbedingt, die Gebete um leibliche Güter aber nur bedingt; indeß das ist eine Unterscheidung, von der die heilige Schrift nichts weiß. Gott erhört die Gebete um leibliche Wohlthaten oft ebenso unbedingt, wie die Gebete um geistige Güter, und Er unterwirft ebenso oft die letzteren Seinen Bedingungen, wie die ersteren. Oder wie? giebt es nicht Seelenzustände, wo die Seele zum Herrn schreit, und es kommt keine Antwort; so sie fleht: „Gieb mir Vergebung, heile mich von meinen Sünden, führe mich nicht in Versuchung!“ aber es hilft nichts, sie erhält keine Frieden, sie bleibt in ihren Sünden, sie muß in die Versuchung erst recht hinein? Flehete nicht ein Assaph: „Ist’s denn ganz und gar aus mit Gottes Güte? und hat Seine Verheißung ein Ende? hat denn Gott vergessen, gnädig zu sein, und Seine Barmherzigkeit vor Zorn verschlossen?“ (Ps. 77,9.10.) Betete nicht ein Paulus sogar, als er den Pfahl im Fleische fühlte und des Satans Engel, der ihn mit Fäusten schlug, dreimal, daß des Satans Engel, der ihn mit Fäusten schlug, dreimal, daß er von ihm wiche; aber er wich nicht, es hieß vielmehr: „Laß dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!!“ (2. Cor. 12,7-9.) Betet nicht mancher Christ Jahre lang um die Rettung irgend einer ihm befreundeten Seele aus den Banden der Sünde und des Lasters; aber der Herr scheint des Verlorenen sich nicht erbarmen zu wollen? Wahrlich, meine Lieben, es gilt von unsern Gebeten um geistige Güter dasselbe, was von unsern Gebeten um geistige Güter dasselbe, was von unsern Gebeten um leibliche Güter gilt. Gott erhört die einen, wie die andern, auf gleiche Weise, wenn sie nach Seinem Willen sind. (1. Joh. 5,14.) Er giebt uns Brodt, wenn wir um Brodt bitten; Er giebt uns Brodt, wenn wir um Brodt bitten; Er giebt uns Fische, wenn wir um Fische schreien.

Bisweilen erhört Er auf der Stelle, wunderbar und buchstäblich. Wenn Myconius im Jahr 1540 zu Meißen an der Lungensucht hart daniederliegt und mit zitternden Händen brieflich von Luther Abschied nimmt, dieser Glaubensheld aber sogleich ihm antwortet mit kühner Gebetsfreudigkeit: „Nein, du fleißiger Arbeiter in dem Weinberg des Herrn, du darfst noch nicht abgerufen werden. Ich befehle dir im Namen Gottes, zu leben, dieweil du mir zur Kirchenbesserung noch sehr nöthig bist;“ und dann hinterdrein noch die Worte schreibt: „Der Herr lasse mich ja nicht hören, so lange ich lebe, daß Ihr gestorben seid, sondern schaffe, daß Ihr mich überlebet. Das bitte ich mit Ernst, will’s auch gewähret sein und so haben, und meine Wille soll geschehen. Amen!“ und Myconius von Stund’ an genaß und Luthern sogar noch überlebte; wenn August Herrmann Francke bei der Errichtung seines Waisenhauses in Halle oft Mangel hatte an allem Nothwendigen, das letzte Geld ihm schon abgeholt war und der Verwalter draußen auf Bezahlung wartete, und er dann flehte: „Herr, siehe auf meine Dürftigkeit!“ und in derselben Stunde, ja in demselben Augenblicke, Alles erhielt, was er bedurfte; wenn ein wüthender Tiger auf einen wehrlosen Missionar zukommt, und der Missionar zum Herrn betet und spricht: „Gehe vorbei!“ und der Tiger sieht ihn an und geht vorbei: – wie? sind das nicht buchstäbliche, wunderbare Gebetserhörungen, die auf der Stelle gleich eintraten?

Bisweilen erhört Gott nicht gleich auf die Stelle; aber späterhin, wenn Seine Stunde kommt, giebt Er uns Alles, was wir von Ihm erflehen. Er verzieht manchmal mit Seiner Hülfe, und läßt lange auf sich warten. Er giebt sich wohl gar das Ansehen, als hätte Er beschlossen, dem Menschen nicht zu helfen, und stellt sich hart und fremd, wie gegen die Kanaaniterin. Aber die Erhörung selbst ist bei Ihm längst beschlossen. Können wir nur hineinschauen in die Wundertiefen Seiner Rathschlüsse, könnten wir die Zukunft ebenso klar überblicken, wie die Vergangenheit: wir würden staunen über die reiche Gnade, mit der uns Gott schon erhört hat. Er läßt uns nur warten aus Liebe, weil das Warten uns gut thut, weil wir dadurch Geduld lernen, bekannter mit uns werden, und der Trost uns hernach desto mehr erfreut und erquickt. Daraus also, daß du nicht gleich empfängst, folgere nicht, daß du nie empfangen wirst; das wäre sündlicher Kleinglaube. Vielmehr denke: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! und halte an am Gebet, warte getrost auf den Herrn, berufe dich auf Seine Verheißungen, und warte auf Ihn auch im Dunkeln: durch Stillesein und Hoffen wird dir geholfen werden. Hoff’, o du arme Seele, hoff’ und sei unverzagt; Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit tausend Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du noch erblicken die Sonn’ der schönsten Freud’! Wie manchmal betet ein gläubiger Christ für die Seelenrettung eines Mitmenschen; aber er will sich nicht retten lassen, er verstockt sich vielmehr erst recht gegen die Stimme des Evangeliums! Ist das aber ein Zeugniß gegen die Erhörung des Gebets? Nimmermehr! Warte nur, fahre nur fort zu beten; das Widerstreben deines Mitbruders ist gerade das Zeichen, daß das Wort Gottes an seinem Herzen wirkt; wie lange wird’s währen, so sinkt er dir als ein Erlöseter und Bekehrter in die Arme und singt mit dir Freudenpsalmen!

Bisweilen erhört Gott unsere Gebete nicht buchstäblich, weder gleich, noch späterhin; aber Er giebt uns bessere Güter. Wir hatten um Steine gebetet, und Er giebt uns Brodt; wir hatten um Schlangen angehalten, und Er sendet uns Fische. Die Mutter des heiligen Augustinus, Monika, flehte Gott an, daß Er die Reise ihres Sohnes nach Italien verhindern möchte, weil in dem schwelgerischen Rom ihn vielfache Gefahren bedrohten. Umsonst! Er mußte dennoch nach Italien; aber eben in diesem Lande fand er Christum und Seine Bekehrung. Hatte Gott nun ihr Gebet nicht überschwänglich erhört? Freilich nicht buchstäblich auf’s Wort, aber wahrhaft und wesentlich dem Geiste nach! Und mußte sie Ihm nicht danken für solche Erhörung? – Es flehte eine Mutter für die Genesung ihres kranken Kindes; aber siehe, es stirbt. Meint ihr, sie sei unerhört geblieben? Nein. Buchstäblich allerdings für diese Erde; aber wahrhaftig ist ihr liebes Kind erhalten worden, dort, wo allein von Erhaltung und Bewahrung die Rede sein kann, in der wahren Heimath, im ewigen Leben. – Es fleht ein Kranker um Genesung; umsonst, er wird immer kränker und ist sich und Andern eine Last. Meinet ihr, er sei nicht erhört worden? Seine Seele ist ja genesen; und ist die Seele nicht mehr, als der Leib? Das äußere Leben hat er verloren; aber das innere hat er gefunden für’s ewige Leben. – Wahrlich, bei Gott heißt es tröstlich und erquicklich: Keine Antwort ist auch eine Antwort! Erhört Er unsere kindlichgläubigen Gebete nicht nach den Worten, so erhört Er sie gewiß nach ihrem Sinn und nach dem Innersten unseres Herzens; und es bleibt dabei: Wer da bittet, der empfängt; wer suchet, der findet; wer anklopft, dem wird aufgethan.

So laßt uns denn anhalten am Gebet, meine Lieben, und nicht müde werden. Wo so viel zu gewinnen ist, wo solche zärtliche Verheißungen locken, wo solcher Vatersinn uns entgegentritt: da darf von Zweifel und Mißtrauen keine Rede sein; da gilt es, weder zur Rechten, noch zur Linken zu schauen, sondern geradezu zum Vater zu gehen. Geben wir einmal der Trägheit des Fleisches nach: dann sind wir überwunden, und das Gebet wird uns immer beschwerlicher. Und sind wir ganz dürr und untüchtig, ohne Lust und Begierde zum Gebet: laßt uns beten aus Gehorsam und Pflicht, weil es Gott haben will, daß wir beten sollen. Und können wir sogar nicht beten, laßt uns seufzen und stammeln; denn vor Gott ist alle unsere Begierde und unser Seufzen ist Ihm nicht verborgen (Ps. 38,10.), Sein Geist wird uns vertreten mit unaussprechlichen Seufzern und unserer Schwachheit aufhelfen. Je mehr Gebet, je mehr Segen. Besser sogar beten und nichts empfangen, als empfangen, ohne zu beten. Wer noch beten kann, ist noch nicht ganz verlassen; im Gebete hat er Gott, und in Gott hat er Alles. Amen.

August 31, 2019

Schlagwörter: ,