Arndt, Johann Friedrich Wilhelm – 28. Predigt.

Text: Matth. VII., V. 12.

Alles nun, das ihr wollet, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen; das ist das Gesetz und die Propheten.

Ihr höret es den verlesenen Worten gleich an, meine Lieben: der Herr redet in denselben vom Verhältniß der Jünger zu ihren Nebenmenschen. Da sie gar leicht, auch im Stande der Gnade, nicht bloß in ihrem Verhältniß zu Gott im Gebet, sondern auch im Verhältniß zu andern Menschen, in der Liebe, erschlaffen, so will er dieser Erschlaffung wehren durch die verlesenen Worte. „Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen; das ist das Gesetz und die Propheten.“ Aber auch das höret ihr den Worten gleich an, daß sie zwei Gedanken enthalten, die wir nur zu zergliedern und auszulegen brauchen: 1) die Ermahnung: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen!“ 2) die Begründung dieser Ermahnung: „das ist das Gesetz und die Propheten.“

I.

Beim ersten, oberflächlichen Anschauen der Worte unseres Textes: “Alles nun, was ihr wollte, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen!“ könnten sie fast selbstsüchtig klingen, als ob wir nämlich nur darum Andern Gutes thun sollten, weil wir wünschen, daß sie uns wieder Gutes erweisen, oder nur so viel Gutes, als wir von ihnen zurückzuerhalten begehren, kurz, als wenn wir an unsere Handlungen und Thaten immer nur das Maß des Vortheils und der Eigenliebe legen müßten. Allein abgesehen davon, daß ein solcher unlauterer Grund nimmermehr der Lehre des Sohnes Gottes untergelegt werden kann, so würde auch der Sinn sich eher aus den Textesworten ergeben, wenn sie hießen: „Alles, was ihr nicht wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen auch nicht!“ Das sagt aber der Herr nicht; sondern Er sagt bestimmt und klar: „Alles, was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen!“ d.h. nicht darum, weil, nicht soviel, als ihr wünscht, daß euch Andere Gutes thun, erweiset ihnen auch Gutes, sondern: so, wie ihr wollt und wünschet, daß man gegen euch handeln möchte, wenn ihr in der gegenwärtigen Lage der Andern euch befändet, so benehmt euch gegen sie; versetzet euch ganz an die Stelle der Andern; machet ihren Wunsch, ihr Glück und ihre Freude zu eurem Wunsch, Glück und Freude, und dann denket, redet, thut an eurem Nächsten, wie ihr an ihrer Stelle wünschet, daß Andere von euch dächten, redeten und thäten. Nicht das Verhalten des Nächsten gegen euch, wie es wirklich ist, sondern wir wünschet, daß es sein möchte, das soll euer Verhalten bestimmen. Und dieser Grundsatz herrscht allerdings in der Welt nicht, sie ist jederzeit lohnsüchtig und eigennützig, sie thut das Gute gegen den Nächsten nicht aus Liebe zu ihm, auch nicht aus Liebe zum Guten selbst, sie thut es allein um ihres eigenen Nutzens willen, sie liebt nicht ihre Brüder, sie liebt nur sich selbst.

Indeß auch im Leben des Christen kommen Augenblicke und Zeiten, wo seine Bruderliebe sehr lau und kalt sich gestaltet, wo er seine Stellung in der Welt zu vergessen und sich dem Weltleben wieder zuzuneigen scheint. Diesen Augenblicken der Erschlaffung aber will der Herr im Texte vorbeugen. Darum sagt Er: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen!“ Wer seinen Nächsten gründlich lieben will, muß sich an seinen Platz stellen. Dann wird er immer wissen, wie er als Christ gegen seine Vorgesetzten, gegen seine Freunde und gegen seine Untergegebenen sich zu benehmen hat. Denn es ist wohl Niemand unter uns, der nicht in allen diesen dreien Verhältnissen zu seinen Mitmenschen sich befände.

Zunächst im Verhältniß zu unsern Vorgesetzten. Da kann schon leicht der Christ in seiner Liebe und Achtung erschlaffen. Es ist an und für sich dem Menschen ein Streben angeboren, lieber zu befehlen, als zu gehorchen, lieber sich geltend zu machen, als sich zu verläugnen. Dieses Streben erhält neue Nahrung durch das Christenthum. Freilich sollte die christliche Demuth der beste Schutzengel sein gegen die Verkennung unseres Verhältnisses zu Andern; freilich sollte als Christ sich Jeder gern klein fühlen, sich herunterhalten zu den Niedrigen, und vermöge seines schärfern Blicks in der Selbsterkenntniß allezeit seiner Schwäche, Ohnmacht, Hülflosigkeit und Sündhaftigkeit eingedenk bleiben; aber es ist leider nicht der Fall. die christliche Lehre von der Freiheit, zu der Christus uns Alle erlöset hat, so daß wir, theuer erkauft, nicht mehr der Menschen Knechte werden sollen; die christliche Lehre von der Gleichheit aller Erlöseten, die ja Alle Glieder eines Leibes, Genossen eines Glaubens, Kinder eines Vaters, Erben einer Seligkeit sind, und wo nicht selten die unbedeutendsten und kleinsten Glieder mehr gelten und wirken, als die bedeutendsten und größten; die christliche Lehre: daß Gott das Edle, Weise, Starke, Gewaltige zu Schanden gemacht, und das Unedle, Thörichte, und Schwache erwählt hat, werden nur zu leicht die Verführungsmittel, sich zu überheben, von vermeintlichen Rechten und nicht von Pflichten zu sprechen und die gehörige und nothwendige Unterordnung der Einzelnen unter diejenigen, die von Gott Gewalt erhalten haben, zu versäumen und zu vergessen. Umsonst ermahnt die heilige Schrift: „Gebet Jedermann, was ihr schuldig seid, Schoß, dem der Schoß gebühret, Zoll, dem der Zoll gebühret, Furcht, dem die Furcht gebühret, Ehre, dem die Ehre gebühret. Thut Ehre Jedermann, habet die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehret den König:“ (Röm. 13,7. 1. Petri 2,17.18.) man stellt sich den Höheren völlig gleich, und verweigert ihnen die Achtung, welche ihnen zukommt von Gottes und Rechts wegen. – Gegen diese Erschlaffung in der ächten Bruderliebe, die den Menschen, welche an Gottes Statt stehen und in Seinem Namen Macht und Ansehen haben, nicht gehorsam sein will und die geheiligten Schranken niederreißt, welche Gott für das gemeine Wohl aufgerichtet und befestigt hat, erhebt nun Jesus im Texte Seine gewaltige Stimme und spricht: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen!“ Hilft es nicht, daß ich euch sage: „Dem Stolzen widerstehet Gott, und den Demüthigen giebt er Gnade;“ hilft es nicht, daß ihr mich selbst sehet in Unterordnung wandeln unter jegliche menschliche Ordnung, alle Gerechtigkeit erfüllen und freiwillig unter das Gesetz gethan werden; hilft es nicht, daß ich, der Herr aller Herren, dem Kaiser gebe, was des Kaisers ist, – nun, setzet euch an die Stelle der Andern, und fragt euch: Was würdet ihr wünschen, wenn ihr angesehen, vornehm, regierend, verwaltend in der Welt wäret? würde es euch da gleichgültig sein, ob diejenigen, welche in ihrer Stellung weit unter euch stehen, euch die pflichtmäßige Ehre erwiesen, oder nicht? gleichgültig sein, ob ihr Gehorsam fändet oder Ungehorsam, Achtung oder Verachtung, Anerkennung oder Verkennung, Dankbarkeit oder Undank? Nun, so erweiset ihnen, was ihr wünscht, daß euch erwiesen werde, wenn ihr an ihrer Stelle ständet. Denket nicht: „ihr seid Christen, nun umschlingt euch Alle ein Bruderbank, und ihr seid nun Alle einander vollkommen gleich;“ trotz der höheren Einheit im Glauben und in der Liebe bleibt die äußere Verschiedenheit der Stellung, der Lage, der Gaben, der Glücksgüter, und der Leistungen.

Nicht minder große Gefahr droht dem Christen, meine Brüder, in seinem Verhältniß zu denen, welche ihm wirklich gleich stehen in der Welt, in demselben Stande leben und sich derselben äußere Lage erfreuen. Was ist da wohl natürlicher, wenn dieses Verhältniß ein glückliches sein soll, als daß Alle dasselbe Band der Wahrheit und der Liebe umschlingt? Wahrheit von der einen Seite; denn alle und jede Freundschaft, ja jedes gesellige Zusammenleben hat ein Ende, wenn Keiner sich mehr auf den Andern verlassen kann, wenn kein Wort mehr ein Wort, kein Handschlag ein Handschlag ist, und Jeder in dem Andern mißtrauisch von vorn herein einen Schalksknecht zu suchen hat. Liebe von der andern Seite; denn wie soll Glück und Wohlstand Aller gedeihen ohne Gemeinsinn, ohne Aufopferung des persönlichen Vortheils, ohne Theilnahme, Dienstfertigkeit, Nachsicht und Geduld? Wahrheit und Liebe endlich gepaart; denn was wäre bloße Wahrheit ohne Liebe anders als kalte Schroffheit und rücksichtslose Geradheit, die nur wehe thäte und erbitterte, aber nicht besserte und segnete? und was wäre Liebe ohne Wahrheit anders, als guthmüthige Schwäche und laute Mattherzigkeit, die nur tändelte und verdürbe, aber nicht hülfe und heilte? – Wie leicht kommt nun aber der Christ dazu, sich in seinem Verhältniß zu seinen Mitmenschen an Beidem, an der Wahrheit und an der Liebe, zu versündigen? Oder wie? sind euch noch nie Christenbegegnet, welche Versprechungen gaben, ohne sie zu halten, welche in ihren Worten leichtfertig, in ihren Zusagen unzuverlässig, unter dem Vorwande. Wesentliches und Unwesentliches zu unterscheiden, im Wesentlichen sehr genau und buchstäblich ängstlich, im Unwesentlichen sehr vergeßlich und veränderlich waren? Habt ihr noch nie aus dem Munde frommer Menschen das Geständniß gehört: sie wollten lieber mit ehrlichen Weltmenschen, als mit den sogenannten Frommen im bürgerlichen Verkehr zu thun haben; dort sei Treue, Ehrlichkeit, Billigkeit und Gerechtigkeit, hier oft das Gegentheil. Oder wie? sind euch noch nie Christen begegnet, die in ihren Mienen so freundlich, in ihren Worten so süß thaten, daß ihr ihnen alles Gute hättet zutrauen mögen: ach, und wenn es darauf ankam, im Geiste derselben Leute zu handeln, mit der sie sprachen, fremd thaten, sich unter einem Vorwande zurückzogen, Trost und Hülfe versagten, kalt waren wie Eis und hart wie Stein, – Priester- und Levitenseelen, aber keine barmherzigen Samariter? – Dieser Erschlaffung in der ächten Bruderliebe gegenüber erhebt nun der Sohn Gottes Seine Stimme und spricht: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen!“ Hilft euch meine Vorschrift und mein Vorbild nicht, das ich euch gebe, damit ihr nachfolgen sollet meinen Fußtapfen; hilft es nicht, daß ich euch ausdrücklich zugerufen: „Daran soll Jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt!“ und könnet ihr euch nicht fragen: Wie würde jetzt wohl Jesus in meiner Lage geredet und gehandelt haben? – nun, dann setzt euch wenigstens an die Stelle eurer Brüder, das wird sicherlich helfen. Fragt euch: Was würdet ihr wünschen, wenn ihr jetzt in der Lage der Andern wäret? und euer eigenes Herz und Gewissen wird euch die rechte Antwort geben. Ihr werdet dann wissen, wie ihr die Wahrheit mit der Liebe vereinigen sollt, ohne weder diese, noch jene zu verletzen. Ihr werdet weinen mit den Weinenden, und euch freuen mit den Fröhlichen. Ihr werdet treue Gatten, redliche Freunde, gute Nachbaren, gemeinnützliche Mitbürger, edle Menschenfreunde, unermüdliche Wohlthäter sein, und Jedem ohne Schwierigkeit das Seine, was ihm zukommt, gewähren und leisten können, selbst dann, wenn Jene es nicht thun oder wenn sie euch auch nicht nachfolgen sollten. Jeder wird wissen, was er an euch hat, und ihr werdet wissen, was ihr an Andern erhaltet.

Eine gleiche Gefahr endlich umschleicht den Christen im Verhältniß zu denen, die ihm Gott untergeben hat. Was ziemt dem Christen da mehr, als die herablassende Liebe, die den Andern nicht fühlen läßt, daß jener dienen muß und er ihm befehlen kann, die im Aeußern sich über ihn stellt, im Herzen aber sich unter ihn demüthigt, und ihm nur seinen Dienst so leicht, so angenehm und willig, wie möglich, macht? Sagt doch der Herr: „Die weltlichen Könige herrschen und die Gewaltigen heißt man gnädige Herren. Ihr aber nicht also; sondern der Größte soll sein wie der Jüngste, und der Vornehmste wie ein Diener.“ (Luc. 22,25.26.) und der Apostel Petrus: „Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den Niedrigen.“ (Röm. 12,16.) wie leicht kommt aber der Christ dahin, das zu vergessen, und wenn der Untergebene gefehlt hat, das Unrecht bei ihm und nicht bei sich zu suchen, oder ihn nur als dienendes Werkzeug, als Sache, zu mißbrauchen, nicht als Person zu lieben und zu ehren; durch ihn nur sein eigenes Beste zu fördern, für ihn aber nicht das Geringste zu thun! Wie leicht kommt er dahin, seinen Reichthum, seinen glänzenden Standpunkt, seinen Adel, seine Geschicklichkeit und Bildung, seine feinern Sitten und seine tieferen Kenntnisse als eine Auszeichnung, was sage ich? als ein Verdienst anzuschlagen, und nun mit Geringschätzung herabzublicken auf diejenigen, die nicht vom Glück so ausgestattet worden sind, nun seine Ueberlegenheit überall geltend zu machen, nun sich für berechtigt zu halten, Jedermann zu meistern und zu tadeln, nun sich Alles zu erlauben gegen diejenigen, welche von ihm abhängig sind und sich um ihr Wohl gar nicht zu kümmern. – Diesem heillosen Stolze entgegen erhebt der Sohn Gottes Seine Stimme und spricht: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen!“ Hilft es nicht, daß ich euch zurufe: „Lernet von mir; denn ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, sich dienen zu lassen, sondern selbst zu dienen und zu geben sein Leben zur Erlösung für Viele;“ (Matth. 11,29. 20,27.28.) hilft es euch nicht, daß meine Herablassung zu euch eure ewige Seligkeit ausmacht: nun, so versetzt euch in die Lage des von euch Verachteten, und denkt euch, fragt euch: wie würde euch zu Muthe sein, wenn ihr in seiner Stelle wäret, und würdet so behandelt? Wahrlich, auf der Stelle wird euer Hochmuth schwinden, ihr werdet dann nicht mehr bloß Gefühl für euch, sondern auch für eure geringeren Mitbrüder haben; ihr Reichen, ihr werdet keinem Arbeiter mehr sein Stücklein Brodt so kärglich wie möglich zuschneiden; ihr Gesunden, werdet mit keinem Kranken mehr hart und grausam umgehen, noch ihn es empfinden lassen, daß er euch eine Last und Plage ist; ihr Herrschaften, werdet eure Dienstboten nicht mehr behandeln, als wären sei Wesen einer andern Ordnung und keine Menschen, sie nicht vom Morgen bis in die späte Nacht quälen und über Vermögen anstrengen. Ihr werdet nicht nur euer, sondern auch eurer Untergebenen Glück bauen, ihr Leben verschönern, ihr Joch erleichtern, ihre Sorgen ihnen abnehmen, und euch ihrer erbarmen, wo Ansprüche an eure erbarmende Liebe geschehen.

Sehet, meine Lieben, so ist für alle Verhältnisse auf das Beste gesorgt, wenn wir in denselben nie an uns, sondern an Andere denken, und Jedem das erweisen, was wir wünschen, daß uns erwiesen werde, wenn wir an seiner Stelle wären! Der so leicht möglichen Erschlaffung in der Bruderliebe ist durch diese Verfahrungsweise gewehrt, für immer gewehrt, weil gründlich gewehrt. Jesus setzt hinzu: Das ist das Gesetz und die Propheten.

II.

„Das ist das Gesetz und die Propheten.“ Was will Er damit sagen? Offenbar nichts Anderes, als: mit diesem einen Gebote sind alle Gebote erfüllt, in diesem einen Gebote sind alle andern enthalten, es macht gleichsam die einzelnen Gebote des Gesetzes alle überflüssig, der Christ bedarf ihrer eigentlich gar nicht weiter. Das da gesagt ist: „Du sollst nicht tödten!“ das wäre deinetwegen nun nicht mehr nöthig, du liebreiches Bruderherz, der du Schmerz und Leiden deines Bruders ebenso tief fühlest, als wäre es dein Schmerz und dein Leiden. Wie könntest du deinem Bruder etwas zu Leide thun wollen? Das da gesagt ist: „Du sollst nicht ehebrechen!“ das brauchte euch nun nicht mehr erst gesagt werden, ihr zärtlichen Gatten, die ihr nicht bloß ein Leib, sondern ein Herz und eine Seele seid, und in dem Glück des Andern immer euer eigenes Glück suchet und bauet: ihr würdet ja zurückschaudern bei dem Gedanken, Einer dem Andern untreu zu werden. Das da gesagt ist: „Du sollst nicht stehlen!“ das hat auf dich keine Anwendung mehr, du treuer, redlicher Diener, der du den Vortheil deiner Herrschaft wahrnimmst, als ob es dein eigener wäre: du möchtest ja deine Hände nimmermehr mit unrechtem Gute beflecken. Das da gesagt ist: „Du sollst kein falsch Zeugniß reden wider deinen Nächsten!“ damit bist du nicht gemeint, der du liebreich deinen Nächsten zu entschuldigen, Gutes von ihm zu reden und Alles zum Besten zu lehren geneigt bist: um keinen Preis in der Welt möchtest du durch ein unwahres Wort dich an der Wahrheit und Liebe versündigen. Das da gesagt ist: „Laß dich nicht gelüsten!“ das wird allezeit fern von dir bleiben, der du an der Andern Stelle so gern dich stellest und dich immer fragst: Wie würde es dir gefallen, wenn dein Eigenthum der Gegenstand der lüsternen Blicke Anderer wäre? So gehet durch, welches Gebot der Nächstenliebe ihr wollt, das ganze Gesetz und die Propheten ist enthalten in dem einen Gebote: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen!“

Aber wie verhält sich dies Gebot im Texte zu dem andern, von welchem Jesus dasselbe aussagt: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe! Das ist das größte und vornehmste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst! in diesen zweien Geboten hanget das ganze Gesetz und die Propheten.“ (Matth. 22,36-46.)? Es ist wesentlich dasselbe; denn wer allezeit das Andern thut, was er wünscht, daß es ihm selbst die Leute thäten, wenn er an der Stelle der Andern stände: der ist ja sich abgestorben und er leibt den Andern wie sich selbst. Das Textgebot ist der Tod aller Selbstsucht und die Quelle aller Liebe. Es kann von demselben nur bei dem die Rede sein, der mehr an Andere denkt, als an sich selbst, der sich über Andere vergißt, und daher hat es der Herr auch nur Seinen wahren Jüngern, die das Salz der Erde und das Licht der Welt sein wollen, gegeben, und nicht der Welt. Wer einen einzigen Tag sich immer in die Stelle des Andern versetzt, sich immer in seine Empfindungen hineindenkt, aus dem Herzen des Andern heraus denkt, fühlt und handelt: der ist gewiß den Tag über ganz Liebe gegen den Nächsten, und kommt dem neutestamentlichen Gebote Jesu nach: „Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebet, wie ich euch geliebet habe, auf daß auch ihr einander lieb habet. Daran soll Jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt.“ Er liebt, wie Christus liebte. Wie Er, der Gott gleich war, sich selbst entäußerte und die Natur derer, die Er liebte und die Sein Erbarmen dem Verderben entreißen wollte, annahm; wie Er wurde wie unser Eins, der Allerreichste der Aermste, der Allerhöchste der Niedrigste: so entäußert sich der Christ auch, und hört auf, er selbst zu sein, um ein Anderer zu werden; und wenn das nicht Offenbarung der Liebe ist, so giebt es keine Liebe in der Welt. So ist also das Gesetz und die Propheten, Altes und Neues Testament, enthalten in der Textvorschrift: „Alles, was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen.“

Ja noch mehr. Das Gesetz wird durch diese Vorschrift viel näher gebracht, viel faßlicher und leichter gemacht in der Beobachtung und Ausführung. Denn nichts ist leichter und natürlicher, als sich in die Lage Anderer hineinzuversetzen. Selbst der roheste Mensch, wenn er Jemanden leiden sieht, hat ein Mitgefühl, das heißt, eine ähnliche Empfindung. Ist’s eine Krankheit, von der wir hören, so haben wir oft eine Art Wehgefühl in demselben Gliede unseres Leibes. Ist’s ein Kummer, der uns mitgetheilt wird, so stimmt die Mittheilung uns ebenso traurig, als wäre es unser eigener, eigenthümlicher Kummer. Auch besitzen manche Menschen eine besondere Naturgabe, durch welche sie vorausahnen, wie ein Wort, das sie sprechen, wie ein Blick, den sie Andern zuwerfen, wie eine Maßregel, die sie ergreifen, wie eine Handlung, die sie begehen, von Andern aufgenommen werden wird; sie wissen es, ob die Andern dadurch werden beleidigt oder erfreut werden. Freilich benutzen sie diese Gabe ganz nur zur Erreichung ihrer selbstsüchtigen Zwecke, um sich beliebt zu machen, Allen Alles zu werden, die Leute zu nehmen, wie sie sind, und aus ihren Eigenthümlichkeiten, Leidenschaften und Schwächen den größtmöglichen Vortheil zu ziehen. Aber wenn es schon dem natürlichen Menschen leicht ist, sich in die Stelle Anderer zu setzen: wie viel leichter wird es erst dem Christen werden, der nicht mit dem Auge der klugen Selbstsucht, sondern mit dem Auge der weisen Liebe die Verhältnisse anschaut! Darum weiß er allezeit, was er zu thun hat gegen seinen Nächsten, und thut das Gewußte gern. Wird Jemand verläumdet und verlästert von seinen Nebenmenschen, und der Christ hört’s, er, der da weiß, wie Schmach und Verkennung thut, wird der Gedanke: „Wie würde mir das gefallen, wenn ich der Verlästerte wäre?“ ihm nicht Muth geben, den Verläumdern und Lügnern den losen Mund zu stopfen? Ist ihm ein Mitbruder Etwas schuldig und kann er nicht bezahlen: wird der Gedanke: „Wenn ich der arme Schuldner wäre, was würde ich wünschen, daß mir der Gläubiger thäte?“ ihm nicht sofort sagen, wie er gegen denselbigen zu verfahren hat? oder wäre er wirklich noch im Stande, ihn in’s Gefängniß zu werfen, Weib und Kinder auf die Straße hinauszusetzen und in’s tiefste Elend zu stürzen? Begeht ein Hausgenosse einen Fehler: wird der Gedanke: „Wenn ich den Fehler begangen hätte, was würde ich wünschen, daß mir geschähe?“ ihm nicht Sanftmuth in’s Herz und freundliche Vorstellungen auf die Lippen legen? Fröhnt ein naher Freund Leidenschaften und Sünden, die ihm Verderben bereiten: wird der Gedanke: „Wäre ich an seiner Stelle, was würde mir Noth thun?“ ihm nicht Flügel geben, mit Weisheit und Liebe ihn aufmerksam zu machen auf seine Gefahr, ihn zu warnen, zu ermahnen, zurückzuhalten und seine Seele zu retten? Gewiß! Nehmet, welche Lage ihr wollt: sobald wir sie zur unsrigen machen, Freude und Leid des Nächsten theilen, in seine guten und in seine schwachen Seiten uns versetzen, sobald ist ihm und uns geholfen. Bei jedem andern Gebote kann der Mensch sich allenfalls mit Unwissenheit entschuldigen: bei diesem nicht mehr; denn sein eigenes Herz sagt ihm, was er thun soll. Bei andern Geboten kann er sich auf seine Schwachheit berufen: hier aber fällt auch diese Entschuldigung weg; wir wissen Alles, wir haben Alles, wir können Alles; immer kommen wir darauf zurück: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen; das ist das Gesetz und die Propheten.“

Dieser Grundsatz macht den Christen gerechter, als alle Gerechten, redlicher, als alle Redlichen, liebevoller, als alle Liebevollen, demüthiger, aufrichtiger, großmüthiger, aufopfernder, als alle Demüthigen und Aufrichtigen in der Welt. Er ist das wahre Band der Verhältnisse und der geheime Zauber, der seinen Thaten eigen ist; er ist der Schlüssel zu allen Räthseln und das Geheimniß des Glücks und der Freude. Mit diesem Grundsatz kann man Alles thun und Alles lassen, geben und nehmen, arbeiten und ruhen, reden und schweigen, herrschen und dienen, wirken und auf sich wirken lassen. Mit diesem Grundsatz steht man in jeder Lage auf dem rechten Flecke, weiß, was man soll, und will, was man weiß. Er ist das Universalheilmittel der Bruderliebe; er ist der ächte Stein der Weisen im Verhältniß zu Andern. Man braucht nun nicht erst das Gesetz zu fragen, was man thun und lassen soll; man fragt sich selbst, und hat die rechte Antwort auf der Stelle. Wie im Verhältniß zu Gott nichts nothwendiger ist, als das Gebet, so ist im Verhältniß zu Andern nichts nothwendiger, als die Regel aller Regeln: „Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen.“ Sie wehret der Liebeserschlaffung gründlich und für immer.

Wohlan, denkt daran, ihr Reichen, so oft ihr Arme; ihr Vornehmen, so oft ihr Geringe; ihr Gesunden, so oft ihr Kranke; ihr Gerechten, so oft ihr Sünder sehet; ihr Lebenden, so oft ihr an Sterbebetten stehet. Mit dem Maße, womit ihr messet, wird euch einst wieder gemessen werden. Auch ihr könnt einmal verarmen oder erkranken, straucheln oder fallen; auch ihr werdet einmal sterben. Gebe Gott, daß dann kein Wiedergeltungsrecht an euch ausgeübt werde! Gebe Gott, daß ihr dann in der Armuth einen Wohlthäter, in der Krankheit einen Tröster, bei der Begehung eines Fehlers ein nachsichtiges Herz findet! Vor Allem gebe Gott, daß, wenn ihr einmal sterbet, es von euch heiße: „Wenn man gelobt sein will, so muß man sterben!“ Amen.

August 31, 2019

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