Arndt, Johann Friedrich Wilhelm – 5. Predigt

Text: Matth. V., V. 7.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Enthalten die acht Seligpreisungen, andächtige Zuhörer, mit denen die Bergpredigt beginnt, wirklich die ganze Heilsordnung: so ist der Unterschied zwischen den vier ersten und den vier letzten augenfällig. Jene stellen die Art und Weise dar, wie ein Mensch aus dem Reiche der Sünde in das Reich der Gnade bekehrt wird, nämlich durch die Erkenntniß seiner geistlichen Armuth, durch Traurigkeit über seine Sünde, durch Aufhören zu widerstreben, und durch Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, diese stellen die Art und Weise dar, wie der Gläubige im Reiche der Gnade bewahrt und begründet wird, nämlich durch barmherzige Liebe gegen Andere, durch Reinigung des eigenen Herzens, durch Ausbreitung des Friedens, und durch Leiden um der Gerechtigkeit willen. Ist der Sünder eingetreten in das Reich der Gnade Jesu Christi und theilweise schon befriedigt worden durch die vollkommene, beseligende Gerechtigkeit Jesu Christi: so erfüllt sie auch dermaßen sein ganzes Gemüth, daß der Grundton desselben kein anderer ist, als: Gnade, Barmherzigkeit. Diesem theilweise schon befriedigten, aber doch immer wieder neu erwachenden Bedürfnisse entsprechend, antwortet nun der Herr im heutigen Texte: “Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Laßt uns sehen: 1) welches sind die wahrhaft Barmherzigen? 2) inwiefern erlangen sie Barmherzigkeit?

I.

Barmherzig oder warmherzig nennen wir einen Menschen, dessen Herz beim Anblick der Noth Anderer oder beim Gedanken an dieselbe nicht kalt und gefühllos bleibt. Der Anblick fremder Noth erregt zunächst in uns die Gefühle des Mitleidens; da aber zugleich in unserer Natur der Trieb liegt, dasjenige zu entfernen zu suchen, was uns schmerzt und mit Trauer erfüllt, so entwickelt sich aus dem mitleiden ganz natürlich die Neigung, der Noth Anderer abzuhelfen oder sie doch zu mildern. Diese Neigung nun zum Mitleid und zur Hülfe bei der Noth Anderer nennen wir Barmherzigkeit.

Die Barmherzigkeit ist etwas allgemein Menschliches und Angeborenes. Sie ist es so sehr, daß sie unwillkürlich beim Anblick fremden Elends uns ergreift, uns nicht selten auf der Stelle zu Thränen rührt und durch Mark und Bein uns erschüttert, so daß wir den Eindruck davon Tage-, ja Wochenlang mit uns herumtragen und gar nicht wieder vergessen können. Daher finden wir auch bei den Heiden, obgleich sie die Offenbarung Gottes in der heiligen Schrift nicht kennen, so treffliche Vorschriften über Barmherzigkeit, daß wir sie von Anfang bis zu Ende sogleich alle unterschreiben. Daher konnte selbst Muhamet bei aller Heftigkeit und Wildheit seines Wesens sich diesem Triebe nicht entziehen, und gebot sie im Koran auf eine fast übertriebene Weise, selbst gegen die Thiere. Daher denkt selbst der reiche Mann in der Hölle noch zurück an seine fünf Brüder auf Erden, und möchte für sie sorgen, daß sie nicht auch kämen an seinen Ort der Qual. Daher gelingt es oft den Zudringlichen und Unverschämten, diese angeborene Neigung bei ihren Brüdern auf das Schmählichste zu ihrem Vortheil zu mißbrauchen. Daher zeigt sich bei gut erzogenen Kindern schon früh der Drang, zu sprechen: „Laß mich’s den Armen geben!“ wenn ihr denselben eine kleine Gabe mittheilen wollt; und ein Fest bricht an in ihrem kindlichen Herzen, wenn ihr ihnen zu geben erlaubet, eine stille Wonne strahlt aus ihren Augen, so klar wie der beredte Himmel mit seinen Millionen Sternen. Daher aber auch das Grauen und Entsetzen, welches uns ergreift, wenn uns Beispiele vom Gegentheile vor die Augen oder vor die Erinnerung treten; wenn wir einen Herzlosen sehen, den die Noth Anderer nicht jammert, der vielleicht denselben ihren Unfall gönnt oder gar schadenfroh ihn zu vermehren sich bemüht; wenn wir den Wucherer sehen, der hart und fühllos wie ein Stein den Elenden festhält in seinen Klauen und nicht eher abläßt, bis er ihn zu Grunde gerichtet; wenn wir einen Richter sehen, einen Vormund, einen Machthaber, der Recht versagt, Wittwen und Waisen Seufzer und Thränen auspreßt, die Unschuld unterdrückt, fremde Gelder unterschlägt, und sich zur Ungerechtigkeit bestechen läßt; wenn wir den Krieger sehen, wie er den Wehrlosen, das Weib, den Greis, das Kind unter schrecklichen Martern zu Tode peinigt; wenn wir den Tückischen sehen, wie er im Finstern umherschleicht und hämisch verläumdend zu schaden sucht, wen er haßt, und recht bedachtsam lauert, bis er die rechte Gelegenheit gefunden. Ach, solche Grausamkeit und Unbarmherzigkeit empört unser ganzes Wesen, erbittert unser Inneres, und wir rufen sogleich aus: Das ist unmenschlich, das ist teuflisch und satanisch! Läßt sich jemand einfallen, über irgend Etwas hochmüthig zu werden: so belächeln wir seine Beschränktheit; stürzt ein Anderer durch maßlose Verschwendung sich in’s elend: so bedauern wir seine Verblendung; erniedrigt sich ein Dritter durch Habsucht und Geiz, oder befleckt er sich durch Lüge und Wollust: so verachten wir seine niedrige Sklavennatur; – aber handelt ein Mensch unbarmherzig, lieblos, ungerecht an seinen Brüdern, verwandelt er ihr Haus in eine Hölle, wird er an ihnen zum Tyrannen und Henker: so ahnen wir satanische Kräfte in Bewegung. So sehr widerspricht die Unbarmherzigkeit unserer innersten Natur; so sehr gehört barmherzige Liebe zur Bedingung des Menschseins.

Das Evangelium, alles rein Menschliche festhaltend und verklärend, dringt daher auch an unzähligen Stellen und auf die mannichfaltigste Weise auf die Ausübung dieser wahrhaft himmlischen Tugend. Ihr Alle kennt das schöne Gleichniß vom barmherzigen Samariter und seinen erhebenden Schluß: „So gehe hin und thue deßgleichen!“ Ihr Alle wißt, wie Jesus und die Apostel oft die Barmherzigkeit anempfehlen, wenn sie sagen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist. Geben ist seliger, denn Nehmen. So ziehet nun an, als die Auserwählten Gottes, Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demuth, Sanftmuth, Geduld;“ (Luc. 6,36. Col. 3,12.) wie sie die Liebe als das unmittelbare Ergebniß der natürlichsten Neigungen betrachten, wenn sie erklären: „So Jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen, nicht versorget, der hat den Glauben verläugnet und ist ärger, als ein Heide (1. Tim. 5,8.); denn es hat doch Niemand sein eigen Fleisch gehasset;“ wie sie sie fordern, als das Kennzeichen der Frömmigkeit und Gottseligkeit überhaupt, wenn sie behaupten: „so Jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er siehet, wie kann er Gott lieben, den er nicht siehet?“ (1. Joh. 4,20.); wie sie sie bei einem Christen schon von selbst voraussetzten, ohne daß es noch einer besondern Ermahnung dazu bedürfte, indem sie bezeugen; „Von der brüderlichen Liebe ist nicht Noth, euch zu schreiben; denn ihr seid selbst von Gott gelehret, euch untereinander zu lieben.“ (1. Thess. 4,9.); wie sie sie allen sonstigen Gaben, Tugenden und Eigenschaften vorziehen, indem sie ausrufen: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz, oder eine klingende Schelle; und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntniß, und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts; und wenn ich alle meine Gabe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nicht nütze,“ (1. Cor. 13,1-3.); wie sie die Worte nicht genug häufen können, wenn es gilt, diese Grundtugend des wahren Christenthums ihren Gemeinden an’s Herz zu legen, indem sie fordern: „Nehmt euch der Heiligen Nothdurft an; herberget gerne; segnet, die euch verfolgen; freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden; habt einerlei Sinn untereinander; vergeltet Niemand Böses mit Bösem; Seid Niemand nichts schuldig, denn daß ihr euch untereinander liebet; denn wer den Andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.“ (Röm. 12,313-16.; 13,8.); wie sie sie darstellen als die Summe des Gesetzes, als das Band aller Vollkommenheit, als die größte unter allen Tugenden; dagegen ein unbarmherziges Gericht denen verkündigen, die nicht Barmherzigkeit gethan haben, und Wehe rufen über die Pharisäer, die Till, Kümmel und Münze verzehnten, aber das Schwerste im Gesetz dahinten lassen, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben. (Jac. 2,10. Matth. 23,23.) So ist denn die barmherzige Liebe gegen unsere Brüder ebenso sehr Christenpflicht, als sie Zeichen einer wahrhaft menschlichen Gesinnung ist, und die Gnade hebt nicht auf die Forderungen der Natur, sie erkennt sie vielmehr an und heiligt und verklärt sie durch den Geist, welchen sie mittheilt.

Die christliche Barmherzigkeit nämlich ist eine ganz andere, als die natürliche Barmherzigkeit; sie ist von ihr soweit unterschieden, wie Gnade und Natur, Geist und Fleisch, Gott und Mensch unterschieden sein können; und es liegt uns nun ob, diesen großen Unterschied näher zu bezeichnen, um so recht inne zu werden, wie wahr das Textwort lautet: Selig sind die Barmherzigen!

Die christliche Barmherzigkeit unterscheidet sich von der natürlichen zunächst schon durch ihren Grund, oder durch die Quelle, aus welcher diese und jene hervorgehen. Jene ist nämlich nichts als natürliches, weichherziges Gefühl, gutmüthiges Temperament, unbewußter Instinkt. Sie kann kein Elend sehen und von keinem Elende hören, ohne sogleich bewegt und zu Mitgefühl und Mithülfe gestimmt zu werden. Sie hat also gar keinen andern Grund, als bloß das weiche Herz, das Gott ihr gegeben. Die christliche Barmherzigkeit hingegen ist eine bewußte; sie geht aus dem Glauben hervor; sie weiß, daß sie selbst Barmherzigkeit erfahren hat und alle Tage neu bedarf, daß sie nur von Liebe lebt: wie sollte sie nicht wieder barmherzig sein? „Ihr ist viel vergeben, darum liebt sie viel.“ (Luc. 7,47.) Sie weiß, daß sie so gegen Andere handeln soll, wie sie wünscht, daß in ähnlicher Lage Andere gegen sie handeln möchten; und bedenkt, wie ihr zu Muthe sein würde, wenn in eigenem Elende Jedermann herz- und lieblos vorüberginge und sie sich selbst überließe, ohne sie auch nur eines Blicks, vielweniger einer theilnehmenden Empfindung, eines trostvollen Wortes, einer hülfreichen That zu würdigen: wie sollte sie nicht barmherzig sein? Sie sieht in jedem Hülsbedürftigen einen Bruder in Christo, den Gott ihr zusendet und in den Weg stellt, damit sie an ihm und in ihm Christum lieben soll, und o was würde sie nicht Alles thun, wenn sie Ihm beweisen könnte, wie Er ihr lieber sei, als alle ihre Güter, und sie keine Opfer an Zeit, Geld und Kraft, keine Mühen, Anstrengungen, Entbehrungen und Entsagungen scheue um Seinetwillen, sich selbst gern in Noth begebe, um nur Ihm Liebesdienste zu erweisen; darum liebt sie den Bruder um Christi willen, liebt Christum in ihm: wie sollte sie nicht barmherzig sein? Es ist gar keine Frage und kostet ihr keine Bedenken: den Nothleidenden sehen und ihm helfen ist Eins, auf der Stelle ist sie entschieden, und weiß, was sie in jeglicher Lage zu thun hat, die Gott ihr vorführt.

Die natürliche Barmherzigkeit liebt alle ihre Brüder, und macht keinen Unterschied zwischen ihnen, ob sie auch einem andern Glauben, Volke, Geschlecht und Stande angehören; sie kann sich bisweilen so weit überwinden, daß sie selbst ihrem Feinde, sieht sie ihn in der Noth, hülfreich wie ein Engel Gottes unter die Arme greift; aber weil ihr Wirkungskreis ein unbestimmter und ihr Bewegungsgrund ein unbewußter ist, mangelt ihr die Weisheit und die Vorsicht, die durchaus erforderlich ist, um nicht mehr zu schaden, als zu helfen; sie zersplittert ihre Kräfte durch eine ungeordnete Vielthuerei; sie läßt sich von Unwürdigen mißbrauchen, die ihre schwache Seite erforscht haben; sie kann Keinem widerstehen, der die Gabe der Beredtsamkeit besitzt und ihre Theilnahme dadurch in Anspruch zu nehmen versteht, und geht darüber zu Grunde, ohne daß der wahren Noth und Armuth abgeholfen worden wäre. Die christliche Barmherzigkeit ist auch eine allgemeine Liebe gegen alle ihre Brüder; wo es gilt, einem Unterdrückten zum Rechte zu verhelfen, einem Gesunkenen die Hand zu reichen, daß er sich wieder aufrichten könne; einen Dritten, sei es auch mit eigener Lebensgefahr, aus Wasser-, Feuer- oder anderer Todesnoth zu reißen; mit Rath und That, mit Aufopferung und Selbstbezwingung Anderer Glück zu befördern: gewiß ist sie da bei der Hand, und ihr werdet sie nicht unter den Letzten erblicken. Aber doch heißt es von ihr: „Reichet dar in eurem Glauben Tugend, und in der Tugend brüderliche Liebe, und in der brüderlichen Liebe allgemeine Liebe,“ (2. Petri 1,7.); doch heißt es: „Laßt uns Gutes thun an Jedermann; allermeist aber an des Glaubens Genossen.“ (Gal. 6,10.) Demnach hat für sie die brüderliche Liebe den Vorzug vor der allgemeinen; die Glaubensgenossen haben den Vorrang vor den ferner Stehenden. Ohne Jene zu vernachlässigen, hilft sie Diesen doch am meisten: denn da weiß sie jederzeit, woran sie ist; da giebt sie Jedem das Seine, was ihm zukommt; da zersplittert sie ihre Kräfte nicht; da dient sie so recht dem Herrn nach Seinem Willen. Wie ihr Quell ein bewußter ist, so ist der Gegenstand ihrer Liebe auch ein bestimmter.

Die natürliche Barmherzigkeit faßt nur das leibliche Wohl ihrer Brüder in’s Auge und ist da unermüdlich geschäftig im Wachen und Sorgen, ist da wahrhaft erfinderisch in Herbeischaffung aller zweckdienlichen Mittel, ist da begeistert beredt, um auch Anderer Herzen zu rühren und zur Theilnahme zu bewegen; aber der Inhalt ihrer Thätigkeit bleibt immer nur der Leib und das Leben des Leidenden. Anders die christliche Barmherzigkeit! Sie verfährt nimmermehr einseitig, bemüht sich nie bloß um die leiblichen, aber auch nie bloß um die geistlichen Bedürfnisse Anderer, und versteht die Kunst, das Eine mit dem Andern weise und treu zu verbinden. Sie hilft zunächst der leiblichen Noth, wie auch Jesus, ihr Herr, zunächst leibliche Wunder der Liebe, Weisheit und Macht verrichtete, um dadurch Zugang zu ihrem Herzen zu finden; sie baut auf die Grundlagen ihres zeitlichen Glücks, um dadurch wieder ihr Gottvertrauen, ihren Glauben an Menschenliebe, ihr Dankgefühl zu wecken, und damit die Grundlagen für das Seelenheil zu befestigen. Sie weiß nur zu gut, wie für die Seele nichts zu gewinnen ist und der Geist allemal ein kleinmüthiger und gedrückter bleiben muß, so lange äußerlich der Schrank leer und das Zimmer kalt, das Lager hart und die Noth drückend bleibt. Darum räumt sie erst die äußeren Hindernisse hinweg, und sind sie hinweggeräumt, ist es wieder licht und helle geworden in der Umgebung, hat der Kleinglaube und die Verzweiflung aufgehört: dann läßt sie sich das Seelenheil des doppelt Unglücklichen um so mehr angelegen sein, weist ihn hin auf seine innere Armuth und auf den Reichthum in Christo, auf die Traurigkeit und Sündhaftigkeit des Menschen außer Ihm und auf die Seligkeit und Gerechtigkeit des Gläubigen in Ihm und bei Ihm, bringt ihm Gottes Wort, ermahnt ihn zum Gebet, betet selbst mit ihm und für ihn, offenbart ihm den ganzen Weg des Heils, und wird ihm, wenn auch nicht Priester und Prophet, doch ein erinnernder Vater, Bruder und Mithelfer, daß der Geholfene einen unauslöschlichen Eindruck davon bekommt: Seelennoth sei schreiender als Leibesnoth, und Seelenhülfe sei wichtiger als Leibeshülfe, dem Leibe könne bisweilen wohl ein Mensch helfen, aber der Seele könne nur durch Einen geholfen werden, durch Christum, unsern Herrn.

Die natürliche Barmherzigkeit ist keine bloße Gefühl- oder Wortbarmherzigkeit; nein, sie hilft mit der That und Wahrheit; sie sieht das Leiden Anderer an, als wäre es ihr eigenes, und thut Alles, was in ihren Kräften steht, es zu heben oder zu lindern. Sie hilft schnell; denn sie weiß: der hilft doppelt, welcher schnell hilft. Sie hilft gern und freudig, denn sie weiß: einen fröhlichen Geber hat Gott lieb, und nicht die That an sich hat Werth, sondern das Herz, aus dem die That hervorgeht, und nur das thut dem Unglücklichen wohl. Sie fühlt sich arm, wenn sie nicht geben kann, und nur reich, wenn ihr Vermögen ihren Wünschen entspricht. Sie kennt keine Furcht und keine Gefahr im Werke der Liebe, sie kennt nur eine Gefahr: Schiffbruch zu leiden am Mangel der Liebe, und nur eine Furcht: die Furcht vor dieser einen Gefahr. Kommen, sehen, helfen, fällt jederzeit bei ihr zusammen. O herrliche Züge der natürlichen Barmherzigkeit! Wie reich ist die Heidenwelt an solchen Zügen! Könnte die christliche Barmherzigkeit dahinter zurückbleiben? Nimmermehr! Sie leistet das Alles auch; sie ist nicht minder eilig, willig, hingebend, gründlich wie jene; aber sie ist noch mehr; denn ihr steht noch ein Mittel zu Gebote, ein Haupthülfsmittel, welches die natürliche Barmherzigkeit nicht kennt: das ist die Fürbitte. O mit dieser Fürbitte wird sie stark und heldenmüthig, wie der Tod; ihre Gluth ist feurig und eine Flamme des Herrn, daß auch viele Wasser nicht mögen die Liebe auslöschen, noch die Ströme sie ersäufen. Mit dieser Fürbitte überwindet sie ganze Bollwerke von Hindernissen, und hilft selbst da, wo kein Menschenarm mehr hinreicht; denn sie ringt damit allmächtige Gotteskräfte vom Himmel herab. Mit dieser Fürbitte hilft sie an Leib und Seele, ganz und für immer, und leistet mit Wenigem Großes, leistet das Größte, was Menschenliebe auf Erden leisten kann. Ihre Hand ist voll Kraft geworden, ihr Werk geht gesegnet von statten, das Elend ist überwunden und die Wüste in ein Paradies verwandelt.

Doch noch einen Zug, Geliebte! Wir dürfen ihn nicht übersehen. Die natürliche Barmherzigkeit ist großen Gefahren ausgesetzt, denen die christliche durch ihre Eigenthümlichkeit und durch Gottes Gnade sicher entgeht. Diese Gefahren sind vornämlich die Eitelkeit und der Stolz. wie nahe liegt es dem natürlichen Herzen, wenn nun aus dem geretteten Auge die Dankesthräne leuchtet und über die geholfenen Lippen das Lob des milden Helfers ertönt, sich ob seiner Leistungen zu überheben und sich einzubilden, man habe wirklich etwas, man habe viel gethan, seiner Wohlthätigkeit sich zu rühmen, auf dieselbe ein Verdienst und einen Anspruch an die Seligkeit zu begründen, oder gar mit dem Pharisäer im Tempel zu sprechen: „Ich danke Dir, Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute; ich faste zweimal in der Woche, und gebe den Zehnten von Allem, das ich habe.“ Diese Seelengefahr ist groß. Sie ist in einer Zeit, wie die gegenwärtige, um so größer, als jedes kleine gute Werk jetzt sogleich als ein Verdienst ausposaunt und überall durch den Druck namhaft gemacht wird. Wie furchtbar wäre aber eine Barmherzigkeit, die Andern äußerlich hülfe und innerlich selbst Schaden an ihrer Seele litte! Vor solcher Gefahr ist die christliche Barmherzigkeit durchaus bewahrt. Sie vergißt es nie, daß sie nur ein geringer Handlanger ist des göttlichen Wirkens bei allem ihren Schaffen, daß sie mit ihren Liebeserweisungen eine Schuldnerin bleibt ihr Leben lang, und die Liebe, mit der sie liebt, immer zurückbleibt hinter der Liebe, mit der sie geliebt wird. Darum wirkt sie am liebsten still und verborgen, wo kein Menschenauge sie beobachtet, als des Allwissenden Auge allein; ihre Linke weiß niemals, was ihre Rechte thut; und sie Alles gethan hat, hat sie in ihren Augen doch nichts gethan. Für Wohlthaten, die sie erzeigt, hat sie ein schwaches Gedächtniß; Wohlthaten hingegen, die ihr erwiesen werden, behält sie in unauslöschlicher Erinnerung. So thut sie sich nimmer genug, und fühlt immer das eine: daß ihre Liebe nie aufhören darf und kann, so lange sie atmet. O wie reich, wie herrlich, wie selig ist solche Barmherzigkeit!

II.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen, – sagt unser Herr im Texte. Man möchte sagen, es hätte des denn gar nicht bedurft; wenn Jesus es beim Vordersatz gelassen hätte: „Selig sind die Barmherzigen,“ es wäre vollkommen hinlänglich gewesen. Die Barmherzigkeit hat schon ihre Seligkeit in sich selbst und bedarf keiner Verheißung mehr, um selig zu sein. Das ist eben das Unterscheidende der zweiten Reihe der Seligpreisungen in der Bergpredigt, daß, während in den vier ersten der Vordersatz völlig unverständlich gewesen wäre ohne den Nachsatz – wer könnte denn begreifen, warum die geistlich Armen, die Leidetragenden, die Sanftmüthigen, die Hungernden und Durstenden selig sein sollten! – in ihrem Zustand an und für sich sind sie es nimmermehr, der ist herbe und bitter, – bei der zweiten der Nachsatz vollkommen überflüssig und entbehrlich erscheint. Die ächte Barmherzigkeit ist selig durch sich selbst und trägt ihren Lohn schon in ihrer That. Sie ist selig vor der That, wenn sie erfindet und beschließt; sie ist selig nach der That, im Genusse ihrer Folgen und im Anblicke der Geretteten; sie ist selig in der That, wie Jacobus (1,25.) sagt: „Wer durchschauet in das vollkommene Gesetz der Freiheit und darinnen beharret, und ist nicht ein vergeßlicher Hörer, sondern ein Thäter, derselbige wird selig sein in seiner That.“ Merket wohl die Schärfe des Ausdrucks. Jacobus sagt nicht: durch die That, als ob man durch dieselbe die Seligkeit verdienen könnte oder verdiente; er sagt. in der That, in ihrer Ausübung, in der Freiwilligkeit und Freudigkeit ihres Thuns. Und wahrlich, wenn das Gute, welches Jemand vollbringt, überhaupt eine segnende Kraft in sich trägt und segnend zurückwirkt auf den, der es vollbracht hat: so gilt dies wesentlich von der barmherzigen Liebe. Einem Unglücklichen ist geholfen worden aus großer Armuth; sein Wohlstand blüht wieder auf; seine Gesundheit ist hergestellt; sein Gottvertrauen hat neue Nahrung erhalten, seine Seele sogar ist gerettet worden aus dem Abgrunde der Sünde; er ist besser, gläubiger, sittsamer, geduldiger, zufriedener geworden; der Glanz der Freude hat sich verbreitet über seine bleichen Wangen, und es fließen da, wo sonst nur Jammertöne vernommen wurden, die süßen Zähren des Entzückens und der Dankbarkeit: o muß da dich nicht eine selige Zufriedenheit durchdringen, die mit nichts Anderem zu vergleichen ist? liegt nicht ein voller Himmel in dem Bewußtsein, ein rettender Engel gewesen zu sein? sind es nicht wahre Stunden voll Seligkeit, voll Frieden und Gewißheit des göttlichen Wohlgefallens, die du durch Wohlthun, Helfen, Erfreuen und Dienen dir bereitest? Der Herr sagt: „Geben ist seliger, denn nehmen!“ und unsere ganze Seele spricht in solchen Augenblicken der Rührung und der Wonne Ja und Amen zu Seinen Worten.

lndeß diesen Selbstlohn oder vielmehr Gotteslohn des stillen Bewußtseins meint Jesus nicht, wenn Er verheißt: “Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Wohl ist jener Friede auch eine Barmherzigkeit Gottes, und ein christlich Gemüth kann ihn nur von der Seite auffassen; aber die Hauptsache ist er noch nicht. – Ebensowenig würden wir den vollen Sinn der Textworte ausmessen, wenn wir bei Barmherzigkeit an die Vergebung unserer Sünden denken wollten; denn diese Barmherzigkeit haben sie schon längst erlangt, als sie geistlich arm, hungernd und durstend nach Gerechtigkeit verlangten und in Christo gesättigt wurden. Vielmehr weist der Ausdruck: „sie werden Barmherzigkeit erlangen“ uns durchaus in die Zukunft hinein.

Die Jahrhunderte, die Jahrtausende, welche der Ewige für den Kreislauf dieser irdischen Weltordnung bestimmt hat, sind vergangen; die Barmherzigen, welche hienieden im Glauben an den Herrn Gutes gethan hatten, sind längst entschlafen; das Loos ist ihnen von dem Augenblicke ihres Todes an auf’s Lieblichste gefallen, sie sind nicht gerichtet, sie sind sogleich selig geworden. Da haben die Zeiten sich erfüllt; die Stimme Deß, der die Auferstehung und das Leben ist, schallt durch die unermeßlichen Räume der Schöpfung und hallt wieder in den majestätischen Räume der Schöpfung und hallt wieder in den majestätischen Posaunentönen der Engel Gottes; die Todten stehen auf, Himmel und Erde vergehen und die Elemente verbrennen; wie mit einem Zauberschlage ist ein neuer Himmel und eine neue Erde geschaffen nach Gottes Verheißung, in welchen Gerechtigkeit wohnt, und es erhebt sich in himmlischer Glorie der Thron des Richters der Lebendigen und der Todten. Jesus Christus erscheint; vor Ihm die ganze Menschheit; die ewig trennende Scheidung und Entscheidung beginnt; wie gebannt und geschieden fliegen sie alle in zwei Haufen auseinander. Welche sind es, die dort zur Rechten des Richters stehen? Es sind diejenigen, zu denen die Stimme vom Stuhle erschallt: „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.“ Warum ergeht an sie diese himmlisch beseligende Stimme? „Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränket; ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt; ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet; ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besuchet; ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir kommen.“ Und wie ist ihnen zu Muthe, den Seligen, bei diesen Worten? Sie antworten: „Herr, wann haben wir Dich hungrig gesehen, und haben Dich gespeiset? oder durstig, und haben Dich getränkt? Wann haben wir Dich einen Gast gesehen, und beherberget? oder nackt, und haben Dich bekleidet? wann haben wir Dich krank oder gefangen gesehen, und sind zu Dir kommen?“ Wie ist ihnen also zu Muthe? Sie wissen nichts von ihren guten Thaten, sie wissen nur von der Gnade des Herrn; die war gewesen ihr Eins und ihr Alles; im Glauben an diese Gnade waren sie gestorben, im Glauben an diese Gnade hatten sie gehofft, selig zu werden; sie sind’s geworden um Christi willen; jetzt aber – o Wunder der Barmherzigkeit! – rechnet ihnen der Herr auch ihre guten Werke, die sie in diesem Glauben gethan haben, verborgen und still, und mit denen sie sich nie genügten, zu, und spricht: „Wahrhaftig, ich sage euch, was ihr gethan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan!“ (Matth. 25,40.), und sie stehen da, staunend, erstarrt, mehr denkend, als fragend: „Herr, auch das noch? auch diese unsere geringen und unvollkommenen Thaten willst Du belohnen? Das ist zu viel Gnade; wir sind nicht werth aller Barmherzigkeit, die Du an uns thust;“ und die Geretteten treten auf und bezeugen die Wahrheit und rühmen es laut: Auch mir hast Du die Seele gerettet, Du! Waren sie selig geworden durch den Glauben an die Gnade Gottes in Christo, so wird die Stufe ihrer Seligkeit ihnen angewiesen um ihrer Liebe willen, als der Offenbarung ihres Glaubens an den Herrn, und sie erfahren nun die Wahrheit des Textes: “Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

Wohlan, seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Kehret heim in eure Häuser und drücket alle eure Lieben nach der Predigt der Barmherzigkeit fester an eure Herzen, und liebt einander rein und innig, mit der That und Wahrheit, treu und ohne Aufhören, bis an’s Ende und über das Grab hinaus in alle Ewigkeit. Und dann tretet in die Welt und dienet euren Brüdern, ein Jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als treue Haushalter Gottes. Wohin ihr geht, wohin ihr kommt: da begleite euch die barmherzige Liebe; da freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden; da verbreitet Trost, Hülfe, Rath, Glück und Frieden um euch her, so gut und so viel ihr vermöget durch Den, der euch mächtig macht, Christum. Diese Liebe wird schon hier auf Erden, aber noch mehr einst im Himmel euer Lohn und eure Seligkeit sein; denn wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm.

Selig sind, die aus Erbarmen
Sich annehmen fremder Noth;
Sind mitleidig mit den Armen,
Bitten für sie treulich Gott;
Die behülflich sind mit Rath,
Auch, wo möglich, mit der That:
Solche werden Hülf’ empfangen
Und Barmherzigkeit erlangen.

Amen.

August 31, 2019

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