Baur, Gustav – Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen.

Am Sonntage Jubilate.

Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch, und euer Geist ganz sammt Seele und Leib müsse behalten werden unsträflich auf die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi. – Amen.

Es gibt zwei Worte, in Christo geliebte Freunde, welche den Ausdruck der bittersten Schmerzen und der süßesten Freuden der Menschenseele einschließen. Diese beiden Worte heißen – Scheiden und Wiedersehen. Und wohl uns, meine Lieben, daß wir diese beiden Worte doch in der Regel aussprechen dürfen als ein zusammengehöriges Paar, daß der Schmerz des Scheidens doch in der Regel durch die Hoffnung des Wiedersehens gemildert wird. Denn wenn diese Hoffnung fehlte, würde er doch gar zu schwer auf der Seele lasten. Schon wenn wir uns sagen müssen, daß wir von Orten und aus Verhältnissen, zu welchen unsere Beziehungen gerade keine sehr innigen sind, auf immer scheiden müssen, wird unsere Seele auf eine unheimliche Weise an die Beschränktheit und Vergänglichkeit unseres irdischen Daseins erinnert. Um wie viel mehr müßte es uns in tiefen Schmerz versenken, wenn nicht bei der Trennung von einer lieben Heimath, von treuen und lieben Menschen die Hoffnung des Wiederfindens aus lichter Ferne freundlich und verheißungsvoll uns zuwinkte. Denn durch diese Hoffnung wird der Schmerz des Scheidens zu einer sanften Wehmuth gelindert und verklärt, in welcher man die letzten Stunden des Zusammenseins mit unseren Lieben noch recht zu genießen und auszukaufen trachtet und der Gemeinschaft mit ihnen als einer solchen sich versichert, die durch die trennende Macht von Raum und Zeit doch nicht aufgehoben werden kann. – Auch die Jünger des Herrn haben den Schmerz des Scheidens und die Freude des Wiedersehens gründlich empfunden. Als der, von welchem sie geglaubt hatten, er solle Israel erlösen, am Kreuze gestorben war, da wurden sie in den dunkelsten Abgrund hoffnungslosen Schmerzes versenkt in dem Gedanken, daß sie nun auf ewig getrennt sein sollten von ihrem göttlichen Herrn und Meister und von dem Heile, dessen Grund sie in ihm gefunden hatten. Durch seine Auferstehung aber wurde der Schmerz des Scheidens in die Freude des seligsten Wiedersehens verwandelt. Und als sie sich dann seiner späteren Worte erinnerten, womit er sie darauf hatte vorbereiten wollen, daß er bald seiner leiblichen Erscheinung nach völlig von ihnen scheiden müsse; da konnte sie diese Aussicht nicht mehr mit hoffnungslosem Schmerze erfüllen, sondern ihr Schmerz wurde zu süßer Wehmuth verklärt durch die Gewißheit, daß ihre Gemeinschaft mit dem Auferstandenen eine ewige und unzerstörbare sei. Die Sonntage nun, welche zwischen den beiden Festen der Auferstehung und der Himmelfahrt des Herrn in der Mitte liegen, sind dazu bestimmt, an jene Zeit uns zu erinnern und an die Stimmungen, welche damals das Gemüth der Apostel bewegten. Und wenn sie dazu dienen, auch uns in der Gewißheit von der unzertrennlichen Gemeinschaft mit unserem Herrn und Heilande zu befestigen; dann führt insbesondere auch der heutige Sonntag seinen Namen Jubilate, d. i. Jauchzet! mit Recht. Dann können wir ans vollem Herzen einstimmen in die Worte des 66. Psalms, mit welchen die alte Kirche den Gottesdienst an diesem Tage begann: „Jauchzet Gott, alle Lande! Lobsinget zu Ehre seinem Namen und rühmet ihn herrlich!“ Denn dann ist uns ja durch Gottes Gnade in der seligen und unzertrennlichen Verbindung mit seinem eingeborenen Sohne und mit unserem Vater im Himmel die Freude zu Theil geworden, die Niemand von uns nehmen kann.

Lied: 604, 4.

Lenkst du durch Wüsten meine Reise,
Ich folg‘ und lehne mich auf dich.
Du giebst mir aus den Wolken Speise,
Und tränkest aus dem Felsen mich.
Ich traue deinen Wunderwegen;
Sie enden sich in Lieb‘ und Segen.
Genug, wenn ich dich bei mir Hab‘!
Ich weiß, wen du willst herrlich zieren
Und über Sonn‘ und Sterne führen,
Den führest du zuvor hinab.

Text: Joh. 16, 16-23. Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen; und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen: denn ich gehe zum Vater. Da sprachen etliche unter seinen Jüngern unter einander: Was ist das, das er sagt zu uns: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen, und daß ich zum Vater gehe?“ Da sprachen sie: „Was ist das, das er sagt: Ueber ein Kleines? Wir wissen nicht, was er redet.“ Da merkte Jesus, daß sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Davon fragt ihr unter einander, daß ich gesagt habe: Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und aber über, ein Kleines, so werdet ihr mich sehen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und heulen, aber die Welt wird sich freuen; ihr aber werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verkehret werden. Ein Weib, wenn sie gebieret, so hat sie Traurigkeit, denn ihre Stunde ist gekommen; wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst, um der Freude willen, daß der Mensch zur Welt geboren ist. Und ihr habt auch nun Traurigkeit; aber ich will euch wieder sehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll Niemand von euch nehmen. Und an demselbigen Tage werdet ihr mich nichts fragen.

Ja, meine Lieben, es kommt ein Tag, da wir unseren Herrn und Meister nichts mehr fragen werden. Es kommt ein Tag, da wir von Angesicht zu Angesicht schauen werden, was wir jetzt nur durch einen Spiegel sehen in einem dunkeln Wort; da was kein Auge gesehen und kein Ohr gehöret hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, Gott denen offenbaren wird, die ihn lieb haben. Aber so lange wir noch in dieser Welt leben, fehlt es nicht an Stunden der Angst und des Kleinmuthes, in welcher der rechte Tröster und Helfer auf eine Zeit lang auch vor den Augen seiner Gläubigen verschwindet. Damit unser Herz nicht erschrecke, wenn solche Stunden kommen, macht Christus selbst in unserem Texte die Seinen darauf aufmerksam; und damit sie der Kraft nicht vergessen, welche alle Anfechtung zu überwinden vermag, weist er sie hin auf die Freude der unzertrennlichen Gemeinschaft mit ihm, welche Niemand von uns nehmen kann. So laßt mich denn in den Mittelpunkt unserer gegenwärtigen Betrachtung stellen das Wort des Herrn, welches auch auf den ersten Blick als ein in mancher Beziehung dunkles Wort uns erscheinen mag: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen, und aber über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen.“ Wir werden aber dieses Wort bei aufmerksamer Betrachtung erkennen und schätzen lernen erstens als ein Wort der Warnung, und zweitens als ein Wort des Trostes.

l.

Ein Ruf der Warnung liegt in den Worten Jesu: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht mehr sehen.“ Es sollten diese Worte die Jünger warnen, daß sie ihr Vertrauen nicht allein gründeten auf seine leibliche Gegenwart und auf seine sichtbare Erscheinung, auf welche sie bald würden verzichten müssen; denn über ein Kleines, so würden sie ihn nicht mehr sehen. Es bilden aber diese Worte einen Bestandtheil jener wunderherrlichen Reden, welche der Herr nach dem heiligen Abschiedsmahle, das ja auch zugleich ein Mahl der ewigen Lebensgemeinschaft mit ihm werden sollte, an seine Jünger richtete, und in welchen er sie auf die Dinge, die nun bald kommen sollten, vorbereiten und in ihrem Glauben befestigen wollte. Aber wie deutlich er ihnen auch gesagt hatte, daß er über ein Kleines von ihnen scheiden müsse, um ihnen bei seinem Vater die Stätte zu bereiten; und daß ihr Herz darüber nicht erschrecken solle, denn er werde wieder zu ihnen kommen in der Kraft des heiligen Geistes, der von ihm zeugen und sie in alle Wahrheit leiten werde, und es sei ihnen gut, daß er hingehe, weil sonst dieser Tröster nicht zu ihnen kommen könne – wie deutlich er ihnen auch dieß Alles gesagt hatte, so stand ihnen doch der Gedanke an den Tod des Erlösers so ferne, daß sie seine Worte nicht zu fassen vermochten; auch in unserem Texte sprechen sie unter einander: „Was ist das, das er saget: Ueber ein Kleines? Wir wissen nicht, was er redet.“ Und als nun, ihnen so völlig unerwartet, das Entsetzliche wirklich eintrat, da waren sie davon so verblüfft, daß sie sich der tröstlichen Verheißung ihres Meisters, welche doch auch in seinen Worten gelegen hatte, von einer unzerstörbaren Gemeinschaft mit ihm gar nicht erinnerten, und eben damit bewiesen sie, wie nöthig ihnen seine Warnung gewesen war. Der Auferstandene selbst konnte sie aus der Dumpfheit ihres Schmerzes erst wieder erwecken. Aber auch seiner sichtbaren Gegenwart sollten sie ja nur auf kurze Zeit sich erfreuen. Von neuem gewann das Wort Jesu für sie eine Bedeutung: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht mehr sehen!“ Thomas vor allen, der nicht glauben wollte, bis er seine Finger gelegt habe in die Nägelmahle des Herrn und seine Hand in seine Seite, bewies, wie sehr ihr Glaube noch an der sinnlichen Erscheinung haftete, wie sehr sie noch immer der läuternden und kräftigenden Belehrung und Führung des Herrn bedurften, um hindurchzudringen zu der Seligkeit derjenigen, die nicht sehen und doch glauben, weil der Geist des Herrn dessen ewig lebendige Gegen wart ihrem Geiste bezeuget. Uns allen aber, meine geliebten Freunde, möge das Wort des Herrn: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen“, eine Warnung werden, daß wir uns nicht beklagen, weil wir nicht, wie die Apostel, den Heiland mit leiblichen Augen haben sehen können, daß wir darin nicht eine Entschuldigung suchen für unseren Unglauben, als ob es an hinlänglichen Zeugnissen für seine lebendige Gotteskraft, als unseres Erlösers und Versöhners, uns fehle. Es möge uns zugleich eine Mahnung werden, durch die Kraft eines lebendigen Glaubens an ihn unserer geistigen Gemeinschaft mit ihm nur immer gewisser zu werden, damit auch unser Eigenthum jene selige Freude werde, die Niemand von uns nehmen kann. – Wenn wir aber sogar an die leibliche Erscheinung des Herrn selbst, in welcher doch das ewige Wort Fleisch geworden war und die Herrlichkeit des unsichtbaren Gottes sich abspiegelte, wenn wir sogar an dieses Herrlichste, was jemals auf Erden erschienen ist, nicht unser ganzes Herz hängen sollen: um wie viel weniger dürfen wir es hingeben in den Dienst und in die Abhängigkeit von irgend etwas Anderem, was diese Erde uns zu bieten vermag. Wenn der Herr selbst in Bezug auf seine sichtbare Gegenwart den Seinen „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht mehr sehen“ zugerufen hat: o wie viel lauter tönt aus allen Gütern dieser vergänglichen Welt dem aufmerksamen Hörer der warnende Ruf entgegen: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht mehr sehen!“ Freilich, Geliebte, so lange wir uns im vollen Genusse dieser Güter befinden, da ergeht es uns leider so oft, wie es den Jüngern ergieng, da sie noch der leiblichen Gegenwart ihres Meisters sich erfreuten: wir vermögen jene Worte nicht zu fassen, bis eine erschütternde Thatsache ihre ernste Wahrheit auf einmal in erschreckender Gestalt uns vor die Augen stellt. Wer in der Fülle der Gesundheit und Kraft eines ungestörten frischen und freudigen Wirkens sich erfreut, der vermag sich oft gar nicht zu denken, wie das einmal anders werden soll; und siehe, über ein Kleines, so ist der Gesunde auf das Krankenlager niedergestreckt, und sein fröhlicher Muth hat sich in Jammer und kleinmüthiges Verzagen verwandelt. Wer in einem glücklichen, schönen Familien leben verbunden ist mit dem Weibe seiner Jugend, wem die lieben Kinder wie die Oelzweige heranwachsen um seinen Tisch her, der denkt wohl nicht daran, wie so schnell das Unglück schreitet; und ach, wie bald muß er von lieben bleichen und bebenden Lippen das erschütternde Wort lesen: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht mehr sehen!“ Wer, von seinen Mitbürgern hochgeehrt und hochgetragen von der Woge der Volksgunst, einer angesehenen und einflußreichen Stellung sich erfreut, der vergißt wohl, wie so wetterwendisch diese Gunst ist, bis er über ein Kleines die Feindschaft und den Spott derselben Menschen zu erfahren hat, die ihn vor kurzem noch nicht hoch genug erheben konnten. Wem bei rühriger und umsichtiger Thätigkeit durch die Gunst der Verhältnisse von Tag zu Tag die Fülle des Gutes sich mehrt, der glaubt wohl, daß fest, wie der Erde Grund, das Glück seines Hauses gegründet sei; aber über ein Kleines, so wird er durch eine nicht vorherzusehende tiefe Erschütterung der Verkehrsverhältnisse mithineingezogen in den verhängnißvollen Fall. Im herrlichen Schmucke des jungen Frühlinges prangt die Natur. Die Häuser und Thürme der großen, reichen, volksbelebten Stadt ragen stattlich in den blauen Himmel hinein, und aus ihren Thoren wogt die frohe Menge, die ausgehn will und suchen Freud‘ in dieser schönen Frühlingszeit an ihres Gottes Gaben. Aber über ein Kleines rufen die dumpfen Töne der Sturmglocken sie zurück. Der Sturm des Herrn hat einen verborgenen Funken angefacht zu verzehrender Glut; und so haben heute vor dreiundzwanzig Jahren die rauchenden Trümmer unserer Stadt bezeugen müssen, wie alle Herrlichkeit der Erde Staub und Asche werden muß. O laßt uns doch warnen das Wort: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht mehr sehen!“ damit wir reich zu werden trachten an den Gütern, welche uns immerdar bleiben und welche wir auf keinem andern Wege finden können, als durch den Glauben an unseren Herrn und Erlöser Jesus Christus in der Gemeinschaft mit unserem Vater im Himmel, mit dem ewigen und lebendigen Gott. – Und wenn auch die Güter dieser Welt von uns nicht scheiden, sondern uns treu bleiben sollten bis an’s Ende, so müssen, wenn dieses Ende kommt, doch ganz gewiß wir von ihnen scheiden. Wenn wir auch unser Ohr ihrem warnenden Zuruf verschließen wollen: „Ueber ein Kleines, so wirst du uns nicht mehr sehen!“ – es hilft nichts; am Ende müssen wir uns doch dazu verstehen, ihnen zuzurufen: „Ueber ein Kleines, so werde ich euch nicht mehr sehen. Ueber ein Kleines, so wird dieser Leib zu Staub wieder werden müssen, wie er vom Staube genommen ist. Ueber ein Kleines, so muß ich durch das dunkle Thor eingehn, unter welchem der Weg des ewigen Heiles und der Weg des ewigen Verderbens sich aufthut.“ O laß dich doch warnen, lieber Mensch, dieß „Ueber ein Kleines,“ damit du den ernsten Gang nicht unvorbereitet antreten mußt! Wenn wir gewiß wissen, daß wir eine große und wichtige Reise anzutreten haben; so sorgen wir ja bei Zeiten für die erforderliche Zurüstung. Wohlan, Geliebte, laßt uns darauf bedacht sein, daß, wenn es zum Abschiede geht, unsere Seele nicht beschwert sei von lästigen Bürden, wie sie uns aufgeladen werden durch die Sorgen dieser Welt. Laßt uns im Glauben an unseren Herrn Jesus Christus des rechten Führers uns versichern, und den rechten Zehrpfennig der unerschöpflichen Gnade unseres Gottes ergreifen. Dann wird, wenn vor dem brechenden Auge alle Herrlichkeit dieser Erde schwindet, das Bild des verklärten Heilandes uns vor die Seele treten, um uns, als eine nie wieder verlöschende Sonne, voranzuleuchten zu der Freude, die Niemand mehr von uns nehmen kann.

II.

Und damit, meine geliebten Freunde, ist denn zugleich auch der Uebergang gemacht zu dem zweiten Theile unserer Betrachtung, in welchem wir nun auch als ein Wort des Trostes sollen erkennen und schätzen lernen das Wort des Herrn: „Ueber ein Kleines so werdet ihr mich nicht sehen, und aber .über ein Kleines so werdet ihr mich sehen.“ Was dieses Wort uns zur Warnung gesagt hat, das läßt sich zusammenfassen in die Aufforderung des Apostels Paulus (1. Kor. 7, 30. 31), daß die sich freuen, sein sollen, als freueten sie sich nicht, und die da kaufen, als besäßen sie nicht, und daß die dieser Welt brauchen, derselben nicht mißbrauchen sollen, weil das Wesen dieser Welt vergehet. Der Trost aber, welchen Jesus in unserem Texte den Seinigen gibt, liegt in den Worten: „Und abermals über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen, denn ich gehe zum Vater.“ – Wenn hier der Herr seine Verheißung, daß die Seinen ihn wiedersehen sollen mit der Bemerkung begründet, daß er zum Vater gehe, so zeigt dieses, daß er nicht an ein Wiedersehen mit leiblichen Augen denkt, wie es in den ersten Tagen nach seiner Auferstehung stattfand, sondern an ein geistiges Wiedersehen und Wieder finden des zu seiner ewigen Herrlichkeit zur Rechten seines Vaters im Himmel erhobenen Heilandes. Und in der That, erst nachdem die Jünger den Herrn so wieder gesehen und wieder gefunden hatten, nachdem sein heiliger Geist in vollen Strömen sich auf sie ergossen und sie versichert hatte, daß der Herr in lebendiger Gegenwart ihnen immer noch nahe sei und bei ihnen bleiben werde alle Tage bis an der Welt Ende; da fanden sie auch erst den kräftigen Trost, welcher all ihre Traurigkeit vollständig überwand und sie mit fröhlichem Aufthun ihres Mundes zeugen ließ von dem Gekreuzigten und Auferstandenen, der nun in göttlicher Macht herrschen werde, bis daß Alles ihm unterthan geworden sei. Dieses geistige Schauen des Heilandes, dieses innere Erfahren seiner lebendigen Gotteskraft war es, was an dem ersten christlichen Pfingstfeste bei der begeisterten Rede des Petrus die Herzen aller Versammelten, die ja zum bei weitem größten Theile Jesum mit leiblichen Augen niemals gesehen hatten, doch so gewaltig ergriff und zu ihm hinzog, also daß an ‚diesem Tage wurden hinzugethan zu seiner Gemeinde bei dreitausend Seelen. Auch der Apostel Paulus hatte ihn mit leiblichen Augen niemals gesehen, oder er hatte in ihm doch nur den die heiligen Ordnungen der Väter bedrohenden verhaßten Nazarener erkannt; aber mit dem Auge des Geistes sollte er ihn wieder sehen und in dem Jesus, den er verfolgte, seinen Erlöser und Versöhner und Seligmacher erkennen. Durch dieses geistige Schauen des Herrn wurde er unter den tiefsten Schmerzen erschütternder Buße wieder geboren zu einem neuen Leben, in dessen Besitze er nun auch in Ketten und Banden getrosten Muthes und im seligsten Gottes frieden seiner Gemeinde zurufen konnte (Phil. 4, 4 ff): „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermal sage ich: Freuet euch! Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen. Der Herr ist nahe!“ Dieses Erkennen und Erfahren seiner Nähe und des lebendigen Wirkens seiner ewigen Gotteskraft hat ihm aus allen Völkern und Zungen eine Gemeinde gesammelt. Wo es einen wirklich lebendigen Christen gibt, da ist er es geworden durch ein solches Sehen und Finden des Heilandes im Geist. Und ob wir uns auch mit jedem Tage weiter entfernen von der Zeit, da er in sichtbarer Erscheinung auf Erden wandelte; seinem Wesen nach ist er doch uns nicht minder lebendig und kräftig nahe, als denen, welche Zeugen seines Lebens und Wirkens in leiblicher Gestalt gewesen sind. – Und darin eben liegt für das Christenherz der kräftigste Trost. Es ist sich damit eines Gutes bewußt, das ihm jedes andere reichlich ersetzen, selbst aber durch keine Macht der Welt ihm geraubt werden kann. Wenn es auch von Allen verlassen wird, seinen Heiland kann es immer sehen und finden und festhalten. Ein gläubiger Christ fühlt sich in der lebendigen Gemeinschaft mit dem eingeborenen Sohne auch von dem schützenden Vaterarme des allmächtigen Gottes umfaßt, und was könnte dem schaden, der in solcher Hut geborgen ist? Die Entbehrung und den Verlust zeitlichen Gutes trägt er mit ungebeugtem Muthe; denn er weiß ja, daß sein eigentliches Leben davon nicht getroffen, wird. Er hat diese Güter mit Dank empfangen aus der Hand des Gebers aller guten Gabe, und er hat sie verwaltet und gebraucht als ein rechtschaffener Haushalte! der Gnade Gottes. Aber eben darum hat er sie also gebraucht, daß er sie nicht mißbrauchte. Er hat nie sein Herz an sie gehängt, sondern sein Leben ist immer dem Dienste des ewigen und heiligen Gottes geweiht geblieben. Und darum bleibt, auch wenn der Grund seines Hauses erschüttert wird, doch sein Glaube fest und schließt auch in dem Drange der schwersten Noth sein Herz in dem Gebete auf: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!“ Als die theuersten Pfänder der ewigen Vaterliebe hält er die Lieben umfaßt, die Gott ihm geschenkt hat. Aber auch die zeitliche Verbindung mit ihnen betrachtet er als eine solche, die gar bald gelöst werden kann. Er vergißt nicht den warnenden Zuruf des Herrn: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht mehr sehen!“ Und darum sucht er die Zeit auszukaufen, da es ihm noch ver gönnt ist, mit ihnen zusammen zu sein. Er sucht sein Haus zu einem Tempel Gottes zu weihen und alle Glieder des Hauses durch das Band heiliger Liebe zu einer Gemeinde des Herrn zu verbinden, damit nicht, wenn Eines scheiden muß, das Bewußtsein versäumter Liebespflicht den Stachel bitterer Reue in einem Herzen zurücklasse. Soll es aber an’s Scheiden gehn, so tröstet ihn auch das Wort des Herrn: „Ihr habt nur Traurigkeit; aber ich will euch wieder sehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll Niemand von euch nehmen.“ Er weiß, daß der gute Hirte die, welche er einmal zu seinem Eigenthume gewonnen hat, sich nicht wieder entreißen läßt, sondern daß die, welche durch ihn und mit ihm einmal verbunden worden sind, in ihm auch untereinander verbunden bleiben. Und wenn allgemeinere Unglücks fälle nicht bloß das einzelne Haus erschüttern, sondern ganze Länder und Völker versenken in Jammer und Noth, wenn verheerender Krieg wüthet und Seuche und Hungersnoth, ach, da mag es wohl scheinen, als ob der Vater sein Auge von seinen Kindern abgewandt und seine Hand von ihnen abgezogen habe. Da mag uns wohl schwer auf das Herz fallen das Wort des Herrn: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich nicht sehen,“ und wir möchten beten (Jes. 64, 1), daß er den Himmel zerrisse und zu uns herabfahre, um uns durch seine sichtbare Erscheinung auf’s neue zu verbürgen, daß die Gnade seines Vaters im Himmel doch noch nicht von uns gewichen ist. Aber auch dann, meine Lieben, braucht er nicht den Himmel zu zerreißen, um zu uns zu kommen. Auch dann ist er nicht ferne von den Seinen und lehrt sie, auch in der Züchtigung die Liebe des Vaters nicht zu verkennen, und spricht ihnen zu Herzen mit dem Worte des Trostes: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich wieder sehen, und euer Herz soll sich freuen“, daß sie vertrauen auf den allmächtigen und gerechten Gott, der das Recht hervorführen wird, wie das Licht, und das Gericht, wie die Sonne des Mittags, und sich getrösten seiner Verheißung (Jes. 54, 14): „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen; aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“ Auch in der Kirche des Herrn gibt es schwere Zeiten. Da stürzen alte Ordnungen und Formen zusammen, an welchen wir gehangen haben, wie an einem sichtbaren Leibe, in welchem der in seiner Gemeinde wirkende Geist des Herrn eine bestimmte Gestalt für uns gewonnen hat, und es will uns scheinen, als ob mit ihnen nun auch sein Geist selbst von uns weiche. Da erhebt der Unglaube immer frecher sein Haupt und immer lauter seine Stimme, und während die Welt sich freuet, als ob es nun bald vollends aus sei mit der Herrschaft des ihr auch heute noch verhaßten Nazareners, müssen seine treuen Anhänger trauern. Aber auch dann laßt uns nicht verzagen, sondern nur die Augen ihm auf schließen, damit wir ihn in seiner lebendigen Gegenwart wieder sehen, und unsere Herzen, damit wir ihn wieder fühlen und finden mögen. Und gewiß: über ein Kleines werden wir ihn wieder sehen, wie er seine ewige Gotteskraft in neuer Gestalt seiner Gemeinde offenbart und seinen Feinden sich darstellt als den, der das Feld am Ende doch behalten muß. Und wenn es auch in unserer eignen Seele finster wird und wir traurig sind, daß wir den Heiland nicht mehr sehen, weil die düstere Wolke des Zweifels und des Kleinmuths vor sein Bild sich gelagert hat; so möge auch dann sein Wort: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich wieder sehen“ uns zum Troste gereichen. Auch diese Traurigkeit ist ja sein Werk, es ist jene göttliche Traurigkeit, die zur Seligkeit eine Reue schaffet, die Niemand gereuet; auch die schmerzliche Sehnsucht nach ihm ist ja ein Beweis, daß wir doch noch in Verbindung mit ihm stehen, daß wir noch etwas an ihm haben. Und wenn wir ihrem Zuge nun getreulich folgen, so wird sich an uns seine Verheißung erfüllen, daß dem, welcher hat, gegeben wird, auf daß er die Fülle habe. Ueber ein Kleines, so werden wir ihn wiedersehen, und unsere Freude wird Niemand von uns nehmen – Ja, Geliebte, die Freude, die wir im Bewußtsein unserer Gemeinschaft mit Christus empfinden, kann Niemand von uns nehmen; auch der Tod nicht. Wie der, welcher diese Freude uns sendet, über die Schranken des Erdenlebens erhoben ist, so ist auch das Empfangen dieser Freude nicht an dieß irdische Dasein gebunden. Er ist vielmehr vorangegangen zu dem Vater, um uns die Stätte zu bereiten und um alle die Seinen sich nach zuziehen. Im Glauben an ihn wissen wir (2. Kor, 5, 1. 2) so unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben, von Gott erbauet, ein Haus nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Und dort soll ja für alle, welche seine Erscheinung lieb haben und darum sich sehnen nach unserer Behausung, die vom Himmel ist, erst recht vollständig in Erfüllung gehn seine Verheißung: „Ueber ein Kleines, so werdet ihr mich wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen und eure Freude wird Niemand von euch nehmen.“ Dahin wolle denn der Gott der Gnade uns alle führen aus der Angst dieser Welt durch den Glauben an seinen Sohn Jesum Christum, welcher die Welt überwunden hat! – Amen.

September 1, 2019

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