Beck, Johann Tobias – Der Weg des Lebens.

Portrait Johann Tobias Beck

Osterfest.
Joh. 20, 19-23.

Am Abend aber desselben Sabbaths, da die Jünger versammelt, und die Thüren verschlossen waren, aus Furcht vor den Juden, kam Jesus, und trat mitten ein, und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das sagte, zeigte er ihnen die Hände, und seine Seite. Da wurden die Junger froh, daß sie den HErrn sahen. Da sprach Jesus abermal zu ihnen: Friede sei mit euch! Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und da er das sagte, blies er sie an, und spricht zu ihnen: nehmet hin den heiligen Geist; welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

„Der HErr ist erstanden!“ – so begrüßten die Jünger einander bei jener ersten Osterfeier in Judäa, und wie ein Lichtstrahl durchzuckte das Wort ihre tiefbetrübten Seelen; den Tod im Herzen, waren sie eben noch unter dem Kreuze und vor dem Grabe gestanden; das Leben im Herzen, wandelten sie nun wieder an des HErrn Seite. Alle Schätze der Welt hätte man ihnen mögen schenken – sie hätten ihr Herz nicht entzückt, wie das Eine Wort: „unser HErr lebt wieder!“ wie der neue Gruß aus seinem Mund: „Friede sei mit Euch!“ Es kam ein Friede über sie, wie ihn die Welt nicht hat, nicht kennt und nicht gibt bei allen ihren Bescheerungen; wovon Ehrgeiz, Wollust und Reichthum mitten in ihren Genüssen auch nicht einmal einen Vorschmack haben.

In dieser eiteln, unsteten Welt, G., welche den Menschen umherwirft zwischen Schlafen und Wachen, Rennen und Mattigkeit, Darben und Uebersättigung, Jugendhitze und Altersfrösteln, Leben und Sterben, Lust und Leid – was gibt es da Herrlicheres, als Menschen zu sehen, welche tief in die Seele hinein erfreut sind über Etwas, das nicht von der Welt ist, mit einer Freude, die Nichts mehr von ihnen nimmt, wie es bei Christi Jüngern war! Man sieht da: ja es ist wahr, der Mensch lebt nicht vom Brod allein, von den äußerlichen Nähr- und Stärkungsmitteln dieser Erde! es gibt eine bessere Lust für ihn als Fleischeslust, einen Schatz noch, wenn er auch arm durch die Welt geht. Und je älter wir werden, m. Fr., desto mehr erfahren wir’s, daß Alles, was uns die Augen bezaubert und die Hoffart kitzelt, ein mehr und mehr verrauchender Dunst ist: was wir jetzt noch schön heißen, welket, und dann ist es häßlich; was wir jetzt gut nennen, bekommt Flecken, und dann ist es böse: was jetzt uns dauerhaft dünkt und voll Leben, verdirbt und zergeht, und dann ist es Moder und Staub! O es ist eine vergängliche, befleckte und verwelkliche Erbschaft, die von dieser Welt uns zufällt, wie groß sie auch sei, und das Vergnügen, in das sie eine Zeitlang versetzt, dessen wir in den Jahren der Unerfahrenheit oft nicht glauben satt werden zu können – wie ein Rausch fliegt es vorüber, glaub es nur, du Lüstling, und dir läßt es ein schweres, mattes Haupt zurück, ein ödes, ausgesogenes Herz!

Ist dieß zu unsrer Peinigung so geordnet von Ihm, zu dem wir Alle beten: unser Vater!? Soll das unser trauriger Vorzug seyn vor dem Thiergeschlecht, daß wir immer weniger Ruhe und Genüge finden in dieser Welt, je mehr wir sie kennen lernen, daß wir, wenn wir zur Erkenntniß des Guten und Bösen kommen, keinen Ort mehr haben, wo wir im Frieden unser Haupt können niederlegen? Br., hat unser Vater im Himmel zu der traurigen Wahl uns verdammt, entweder sein Bild in uns nicht zu erkennen, und wie das Thier nur dem Triebe des Fleisches zu folgen, oder aber, wenn der Geist in uns sein Gericht übt, einen Wurm im Herzen zu tragen, der nicht stirbt, ein immer brennendes Feuer? Sollte das des HErrn Wille über uns seyn? ist’s nicht vielmehr also: Gott will, daß allen Menschen geholfen werde, und daß sie zur Erkenntniß der Wahrheit kommen? nicht einer Wahrheit, die das Herz nur schlägt und verwundet, sondern die es heilt und die es selig macht!

Dein Herz sucht und sehnt sich nach einem beständigen Gut, das nicht wurmstichig ist wie alles Uebrige um dich her – darum ist deine Seele so unruhig in dir! eine Ruhe bedarf sie, die nicht schwindet, wenn es außen auch stürmet, und das gute Wetter umschlägt in schlimmes; einen inneren Frieden, der sich aufrecht erhält, ob es nach außen auch Krieg gebe! Darum wenn du Menschen begegnest, denen es recht von innen heraus wohl ist, die in Allem sich trösten, ermannen, zurechtfinden können, Freude sich bereiten, ohne erst mit Geldaufwand sie herbeizuschaffen, nicht sich ermüden in unerfüllbaren Wünschen, und so schwer sie es äußerlich oft haben, doch glücklich sind – möchtest du nicht oft mit ihnen tauschen und von ihnen dich einweihen lassen in ihre Kunst, in die unbezahlbare Kunst, von Herzen zufrieden zu sein? Siehe, von Jerusalem treten solche Menschen vor dich – wenn irgend in der Welt Friede und Glück wohnt: unter ihnen, in ihnen wohnen sie! Ein Wort, ein Wort, das du vielleicht schon hundert Mal gehört hast, ohne den Schatz darin zu ahnen, ein Wort, das ohne alles weltliche Gefolge einhertritt, und doch Millionen stolze Menschenworte und Menschenwerke zu Schanden gemacht hat: „unser HErr lebt“ – das macht sie so froh, daß es ihnen ist, als wären sie Herren über Himmel und Erde, daß sie ihrer Wenige eine ganze Welt herausfordern, und – sie behaupten das Feld (2 Kor. 6, 5 ff.) „in Trübsalen, in Nöthen, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wachen, in Fasten, durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte, als die Sterbenden, und siehe sie leben, als die Gezüchtigten und doch nicht ertödtet, als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch Viele reich machen: als die Nichts inne haben, und doch Alles haben.“ Nichts konnte ihr Loosungswort ihnen nehmen „unser HErr lebt“, Nichts ihren Frieden darin; und der vielgeprüfte Petrus, nachdem die Wasserwogen des Welthasses schon so lange an diesem Felsen geleckt hatten, dennoch als wäre lauter Sonnenschein über seinem ganzen Leben geschwebt, so frisch und freudig bricht er nach all‘ seiner mühevollen Wallfahrt noch in die Worte aus: „Gelobt sei Gott – durch Christi Auferstehung hat seine Barmherzigkeit uns wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das uns behalten wird im Himmel!“ (1 Petr. 1, 3 ff.)

Ist das nicht ein Friede, der höher ist denn alle Vernunft? oder ist es dir, m. Fr., schon gelungen, mit deinen eigenen klugen Gedanken und vernünftigen Trostgründen und weisen Grundsätzen ein solches Friedenskleid dir zusammenzustücken, das über dein ganzes inneres und äußeres Leben sich ausbreite, und eben so gegen Trotz dich verwahrt als gegen Verzagtheit, ebenso im Unglück dich wappnet als im Glück dir Gnade erwirbt bei Gott und Menschen? Verschließe dir selbst nicht die Pforte zur Erkenntniß der Wahrheit durch Einbildungen, von deren Nichtigkeit jeder Tag dich überführen kann, wenn du Lehre willst annehmen. Unser Herz mit allen seinen Vernunftgründen und Willenssatzungen und Gefühls-Schwärmereien bricht zusammen, wenn Gott des Menschen Seele in’s Gericht nimmt; wir sind so arm an dem, das unter Druck und Plage den ganzen Menschen wahrhaft erfrischen und beruhigen kann: die Gebährde kann stolz sein, und das Herz ist schon gebrochen; der Gang kann fest und sicher sein, aber innen haben wir Schiffbruch gelitten an unsern kostbarsten Gütern, an Vertrauen, Liebe und Wahrheit, an ewiger Lebenshoffnung. Daran sind wir in uns selbst so arm, daß Keiner dem Andern leihen kann, und mit dem, was den Namen hat, als erfreue und kräftige es das Herz, ist es so schlüpfrig, so wehmüthig bestellt: des HErrn Hauch weht darüber, und – es ist nicht mehr!

Wollen wir denn, G., jene Perle der Apostel, ihren tiefen, Welt überwindenden Seelenfrieden nicht eben da suchen, wo sie ihn fanden? Wollen wir immerdar in eigenen Wegen uns abmüden, deren Ausbeute zuletzt die alte Salomos-Predigt ist: es ist Alles eitel!? wollen wir zur Stillung unsers Seelendurstes löchrigte Brunnen ausgraben, statt zu schöpfen aus dem Quell, aus welchem allein von Anfang an bis heute ewiges Leben und ewiger Friede geschöpft ward? Soll unsre Osterfeier den alten Sauerteig eitler Sorge und Traurigkeit und eitler Lust nimmer aus dem Herzen uns wegschaffen, daß wir auch frisches Leben und heilige Friedenskraft finden in der Botschaft: „euer HErr ist erstanden!“ Es ist doch nicht ein todter Götze, dem wir hier ein Fest feiern – unser Vater ist der Lebendige, der Alles trägt mit seinem Wort und barmherzig ist über Allen, die Ihn anrufen; unser Erlöser ist der Lebendige, der bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende, und das Welt-Ende ist doch auch noch nicht da! Aber – das ist die ernste Frage, die es gilt: gehen wir auch jenen alten Jünger-Weg, deß Ende bei den Aposteln ein so fröhliches Auferstehungsfest war?

Was hatte sie von Anfang in die Gesellschaft des HErrn hineingezogen? Die Stimme ihres Herzens und Gewissens, welches laut für Ihn zeugte, als der Täufer rief: „sehet dort Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt?“ als Christus rief: „folget mir nach – den Himmel sollt ihr offen sehen, Menschenfischer will ich aus euch machen!“ Und je länger sie umgingen mit Ihm, um so unentbehrlicher ward Er ihnen: Vater, Lehrer, Bruder, Freund – Alles war Er ihnen! mochten Viele, welche in der ersten Aufwallung auch an Ihn sich hatten angeschlossen, wieder Ihn verlassen, weil seine Rede ihnen zu hart war: sie nicht also; obgleich auch ihrem Sinn manches Wort hart ausfiel, noch Mehres in ihren Verstand sich nicht wollte schicken, dennoch: „es ist ewiges Leben darin, das wir nirgends sonst finden“, das blieb ihr beständiger Sinn und ihr Bekenntniß. Von Tag zu Tag nun ward es ihnen gewisser: Er ist der verheißene Retter und König Israels, welcher der Welt eine neue Gestalt soll geben! Sie waren ächte Israeliten; daher konnten sie kaum es erwarten, bis Er das Reich würde aufrichten, wodurch ihrem Volk die alte Herrlichkeit wieder sollte aufgehen; feurig liebten sie den HErrn, darum verlangten sie ungeduldig, Er möchte eingehen in seine Herrlichkeit und seinen Feinden zu sehen geben, wer Er sei. Bei jeder Gelegenheit unterhielten sie sich von seinem Sieg und seinem Reiche, stritten schon um die ersten Stellen darin, und wer unter ihnen wohl der Größte würde sein. Auch darüber strafte der HErr sie öfters, und mit Geduld nahmen sie es an, ob sie gleich nichts Böses konnten darin finden; bei aller Ehrlichkeit war ihr Geist noch zu schwach, in den göttlichen Gedanken sich zu finden: durch Niedrigkeit zur Herrlichkeit; durch Leiden und Unterliegen zu Sieg und Herrschaft; durch dorngekrönte Knechtsgestalt in die majestätische Königsgestalt. Mit der Muttermilch eingesogen hatten sie die gewöhnlichen Weltvorstellungen von einer Reichsherrlichkeit, so daß ohne schneidenden Schmerz sie nicht in ihnen auszurotten waren.

Und diese Schmerzens-Schule kam bald für sie – gerade wo ihr HErr öffentlich über seine Feinde triumphirt hatte durch seinen feierlichen Einzug in Jerusalem, wo ihre Hoffnungen auf’s Höchste gespannt waren, gerade da fiel der schwere Schlag wie ein Blitz vom heitern Himmel, und keine Zeit blieb ihnen, sich zu fassen: denn Schlag folgte auf Schlag. Der alle Völker sollte überwältigen, nun daniedergeworfen von einem Blutrath; mit dem sie auf Ehrenstühlen zu richten hofften über die zwölf Stämme Israels, der nun von Verhör zu Verhör geschleppt, verspottet, verspieen, gegeißelt; kein Mensch, der für Ihn auftrat, und Er selbst, als hätt‘ Er seine frühere Kraft alle verloren; die ganze Welt wie verschworen gegen Ihn, und Gott im Himmel schweigend. Des Abends noch hatten sie gegessen mit Ihm, Worte voll Gotteskraft und himmlischen Lebens in sich gesogen; Morgens hängt Er am Fluch-Pfahl, Mittags neigt Er sein Haupt, Abends ist Er verschwunden aus der Zahl der Lebendigen.

Wer mag sagen, G., wie es bei diesem Allem den Jüngern war in ihren Herzen! Sie selbst hatten so mannigfach gegen Ihn sich versündigt, Ihn betrübt, statt in den letzten Augenblicken noch erquickt, Ihn verlassen, verläugnet, kein Wort für Ihn gesprochen gegen die lügenhaftesten Anschuldigungen. Ihre Hoffnungen, ihre Lebensfreude lagen mit Ihm im Grabe; aber lieben mußten sie Ihn noch, obgleich sie Alle an Ihm irre worden waren; die alte Treue schlug in ihren Herzen noch, obgleich sie vor Furcht sich nicht kund gab. Eine Folter mußte daher für sie jede Erinnerung an Ihn sein: jeder Schmerzenszug auf seinem Gesicht, jeder Hohn des Pöbels mußte ein neuer Pfeil in ihre Seele sein, und ach – sein Mund, der sonst immer Balsam goß auf ihre Wunden, Lebensgeist in die Oede ihres Herzens, der Mund war nun geschlossen.

Noch mehr – wie stand es nun um ihren Messias-Glauben? Wo blieben nun die alten Gottes-Verheißungen über Ihn? wo war sein Reich? wie verhielt sich’s nun mit seinen großen Worten, die man so oft von Ihm hörte, daß Er der sei, der Leben und Unsterblichkeit hätte, Herr und Richter aller Lebendigen und Todten, dem Niemand die Seinen könnte aus der Hand reißen? Ein Leichnam lag Er da, wie seine Mitgekreuzigten, ein Brandmahl auf seinem Namen, Triumph unter seinen Feinden, die längst Ihn als Volksverführer und großsprecherischen Gotteslästerer bezeichnet hatten, und seiner Jünger Glauben – wie ein zerknicktes Rohr lag er am Boden, nur noch ein glimmender Docht war das vom HErrn in ihnen angezündete Licht.

Wahrlich, jetzt galt es: Arzt, hilf dir selber! wenn je noch zu helfen war; es mußten ganz neue, unerhörte Auftritte erfolgen, wenn die alten und neuen Verheißungen in Ihm sollten Ja und Amen werden! Und siehe, sie kommen – gerade wo Alles aus ist bei gewöhnlichen Menschen, gerade da wirkt dieser Gekreuzigte am kräftigsten, lebendigsten, siegreichsten. Mit Schrecken hören es seine Mörder, mit unfaßlicher Freude seine Jünger: Er lebt wieder, wandelt frei umher; den gefürchteten, den geliebten Todten, kein Grab, kein Stein, keine Soldaten-Wache vermag Ihn zu fesseln; durch verschlossene Thüren geht Er ein, mit dem alten Friedensgruß mitten unter seinen Jüngern, seine Worte wie Feuerflammen in ihre Seele strömend, seine Verheißungen himmlisch verklärt und geistlich erfüllt: an ein Weltreich war nun nimmer zu denken, zu Schwerdtern nicht mehr zu greifen: „nehmet hin den heiligen Geist, in dem ich Welt und Tod überwunden habe; wie mein Vater mich, sende ich euch in alle Welt nun mit Gewalt über ihre Sünden, Zeichen werden euch folgen, und ihr sollt angethan werden mit Kraft aus der Höhe!“

So sprach der Gekreuzigte und Auferstandene, und jetzt verstanden Ihn die Jünger, seinen ganzen Lebensgang, auch sein Leiden und Sterben; jetzt nahte der Tag, wo sie Ihn Nichts mehr fragten: Er hatte ausgezogen die Fürsten und Gewaltigen, und triumphirte über sie. Waren die Jünger-Seelen wie versengte Blumen darniedergelegen: so ging nun der HErr mit seinem Segen über ihnen auf, und verjüngte sie. Es war ihnen wie einem Sohn, der seinen Vater, wie einem Freund, der seinen Freund wieder hat: „er war todt, und siehe, er ist lebendig; er war verloren und ist wiederfunden!“

Und diese Jünger rufen uns nun zu: „Freuet euch in dem HErrn alle Wege! euch auch ist Er gestorben, euch auch ist Er auferstanden!“ Das Wort trugen sie durch Hütten und Palläste, versiegelten es mit ihrem Blut, und auf diesem Apostelzeugniß ist die große Christen-Gemeinde erbaut, welche gegenwärtig über die weite Welt hin mit uns versammelt ist zur Anbetung Jesu Christi, der als Fürst des Lebens unter den Gräbern dieser Welt herrscht.

Aber nun gibt es unter uns Christen noch so manche Herzen, die todt sind und bleiben, selbst am Lebensfeste ihres HErrn, die nicht mit den ersten Jüngern durch das Wort der Auferstehung sich versetzt fühlen in ein neues Wesen und beständige Freude – und doch, es ist unser Christus wie der ihrige, ist unser Evangelium wie ihres! Aber – nun gilt es bestimmte Antwort auf unsre schon gestellte Frage – ist der alte Jünger-Weg auch unser Weg zu Christus? macht dasselbe, was sie, auch uns zu Bekennern des Christenthums? Im Trieb ihres Herzens und Gewissens hatten sie von Christi Stimme sich herausrufen lassen aus ihrer vorigen Lebensgewohnheit, lebten in treuer Liebe ganz hinein sich in des HErrn Wesen, Lehren und Wirken, und ließen sich in Glaubens-Gehorsam leiten von einer Wahrheit in die andere. Wie werden aber wir gewöhnlich Christen? ehe wir noch selbst wissen, was gut oder böse ist. Der Mensch, der unter uns das Licht der Welt erblickt, wird auch Christo dargebracht, in seine Kirche aufgenommen, in seiner Lehre unterrichtet, mit seinen Gnadenmitteln getröstet. An und für sich ist dieß Etwas, G., was wir voraus haben vor den ersten Jüngern, und wofür wir dem Gott, der so leutselig uns entgegenkommt, dem HErrn, der uns als Kinder schon herzte und segnete, aufrichtig sollten danken – die Apostel mußten erst Christum unter den vielen jüdischen Lehrern sich heraussuchen, uns wird Er als der Eine Meister vorgeführt von Kindheit an; ihnen kam Taufe, Abendmahl, Evangelium nicht in das Haus, sie mußten eigen Haus und Hof verlassen, und allerlei Anfechtungen tragen Jahre lang.

Allein eben weil die Gnade des HErrn wie ein natürliches Erbtheil von Geburt an uns zufällt schon vor unserm Suchen und Ringen darum, eben deßhalb wird sie von Vielen nicht geschätzt als das, was sie ist. Das Gute, das sie nur in sich haben, weil sie von Kindheit an die heilige Schrift wissen, die Erkenntnisse und Tugenden, welche bei ihnen nur eine Frucht sind der lehrenden, strafenden, bessernden und erziehenden Gotteskraft des Evangeliums – das schreiben so Viele sich selbst zu als eine Natur-Erbschaft oder als eine Wildlings-Gabe dieser Welt, und glauben eben daher der Schule Christi und der Erziehung durch sein Evangelium nicht zu bedürfen; sie denken nicht daran, wie sie nicht einmal die Geistesgüter hätten, auf welche sie pochen, wenn sie dieselben nicht zuvor empfangen hätten unter der erziehenden Gnade eines HErrn, der da gibt einfältiglich und rücket’s Niemand auf. O Br.. die ihr noch also stehet gegen das Evangelium – seid nicht undankbar gegen einen Wohlthäter, der nur darum so oft übersehen wird, weil er so stille und geräuschlos, segnet, so zart und schonend, daß er uns das Herz nicht bedrücken will, noch Gewalt anthun mit seinen Segnungen; betet an seine freundliche Güte und öffnet Geist und Herz ihr immer demüthiger und hingebender, statt mit dem schon Empfangenen den Weg ihr verlegen zu wollen. Was ihr bereits habt, ist immer nur Weniges gegen den unerschöpflichen Reichthum seiner Gnade und Wahrheit: aber seid treu in dem Wenigen als seine Haushälter, nicht als wäret ihr eigene Herren darüber, seid treu im Kleinsten, und immer mehr wird euch gegeben werden: Glaube wird euer Schatz sein, Liebe eure Krone, Hoffnung euer Stab und Scepter; im Geist der Weisheit und der Offenbarung werdet ihr erkennen den Reichthum der herrlichen Gottes-Erbschaft, welche Christus darstellt an seinen Heiligen, und die überschwängliche Größe seiner Kraft an seinen Gläubigen, und werdet gestärket werden mit aller Kraft, würdiglich zu wandeln dem HErrn zu allem Gefallen in Geduld und Langmüthigkeit mit Freuden (Eph. 1, 17 ff. Kol. 1, 10 ff.)

Doch indem unsere Herzen sich erheben an diesem Bilde, in welches das Christenthum seine Getreuen zu verklären im Stande ist, tritt uns wieder die wirkliche Christenheit entgegen, und stellt uns in Wenigen nur ein Ringen und Streben dar nach diesem apostolischen Vorbild und eine Aehnlichkeit mit demselben, in den Meisten leider ein ganz anderes Bild. So vielfach, m. Fr., begegnet uns das Christenthum als ein bloß äußerliches Werk, dem man abwartet als einem Sonntags-Gewerbe; man gehört einer christlichen Kirche an, weil man so auch als Bürger am besten kann fortkommen; man hat eine Bibel, liest darin und hört Predigten darüber, weil es eine hergebrachte Gewohnheit ist, deren Einstellung zum Anstoß gereichte. Könnten Alle erst wählen, ob sie auch Christen wollen sein, müßten sie Bibel und Predigt mühselig erst suchen, würde schon das Bekenntniß zu Christus noch Schimpf, Haß, Güterverlust und Verfolgung mit sich führen wie zur Apostelzeit, wäre erst dieser ihre herbe Schule zu durchlaufen, ehe Einer als Christ bestätigt würde unter Handauflegung, und müßten wir noch, wie die Jünger am ersten Osterfest, unsere Versammlungen halten bei verschlossenen Thüren, aus Furcht vor Mördern – wie Viele würden dann sich besinnen, ehe sie das Bekenntniß ablegten: ich bin ein Christ; wie ein kleines Häuflein an jedem Ort würde unter dem Kreuzes-Panier Jesu Christi in Reih‘ und Glied bleiben.

Wenn nun aber der Weg des Christenthums zehnfach uns erleichtert ist im Vergleich mit den Aposteln, uns erleichtert ist durch die Gnade unsers Meisters, welcher auch die innerlich ungläubige Welt durch den Schrecken und den Segen seines Namens wenigstens so weit zu bewältigen wußte, daß sie Ihm seine Gesalbten nicht antastet, und daß seine Kirche als ein Baum dasteht, dessen Schutz und Frucht auch die undankbare Welt gerne sich gefallen läßt – wenn es so ist vor unsern Augen. G., und wir betreten den schmalen Weg zum ewigen Leben doch nicht mit der Herzlichkeit und Gewissenhaftigkeit, wie die ersten Jünger: kann dann Christus seine Gnade uns zu schmecken geben wie jenen? kann Er dasselbe uns sein und werden, was Er ihnen war, die, sobald sie nur einen Fingerzeig hatten auf Ihn als das Lamm Gottes, als den Christ und HErrn, ungenöthigt und von innen herausgetrieben Ihm nachgingen mit der Frage: „HErr, wo bist du zur Herberge?“ bei Ihm ausharrten unter allen Beschwerden: „HErr, wohin sollten wir gehen von dir weg – du hast Worte des ewigen Lebens!“ im ehrlichsten Eifer, zu wachsen und vorwärts zu kommen, Ihm anlagen mit der Bitte: „HErr, stärke uns den Glauben; lehre uns beten; zeige uns den Vater!“

M. Br., erkenne das Eine, was Noth thut, damit dein Christenthum nicht als Spreu und eitler Schein erfunden werde! Ohne jenen innern, kräftigen Herzens- und Gewissenstrieb, der dir nicht Ruhe und Rast läßt, den HErrn zu ergreifen und immer mehr zu ergreifen, wie Er dich ergriffen hat – ohne dieses wirst du, obgleich ein Glied der Christenheit, nicht Vieles suchen im Christentum, noch weniger darin finden; und ein Räthsel bleibt es dir, wie Apostel und Andere für ihres Lebens höchstes Gut und für ihren Himmel auf Erden es halten können; du stehest an den Festen des HErrn da mit dem alten Sauerteig im Herzen, hast von Ferne das Zusehen, wie Andere sich erquicken und stärken am himmlischen Mahle ihres Meisters, und prüfe dich, ob nicht eine Stimme in dir prophezeit, in der Ewigkeit werdest du es einmal nicht besser haben, wenn die Erlöseten des HErrn gen Zion kommen mit Jauchzen und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein (Jes. 51,11.).

„Aber wer gibt mir jenen inneren Trieb für die Gemeinschaft des HErrn?“ – Streite nicht lange vergeblich, m. Fr.: lange schon hast du ihn in dir, das Folgen nur hat gefehlt; jedem Menschen ist er eingepflanzt, denn auf Christum sind wir erschaffen, wie durch Ihn; derselbe Gott, dessen Gnade in der Fülle der Zeiten erschienen ist in Christo, hat den Trieb derselben von Anfang an hineingelegt in die Menschen-Natur; er liegt in deiner Seele auch, so wahr sie ein Hauch aus Gott ist und nicht aus der Luft, so wahr Christus das wahrhaftige Licht ist, welches erleuchtet alle Menschen, die in diese Welt kommen. Und hast du noch nie diesen Seelentrieb in dir vernommen? Denke zurück an deine Kindheit – gab es da keine Stunden, wo dein Herz dir für den Heiland der Welt entbrannte bei Schrift-Auslegungen, bei Betrachtung der großen Thaten Gottes in seinem Sohne und dessen Aposteln? klopfte nie jene Erbarmersstimme bei dir an: „du hast mir Mühe gemacht mit deinen Sünden; gib mir, mein Sohn, meine Tochter, dein Herz!?“ und dieß dein eigen Herz sprach es nicht dir zu: „gehe hin und folge?“ Als du das gute Bekenntniß ablegtest bei deiner Confirmation, in den feierlichen Stunden des heiligen Abendmahls oder sonstiger Andacht, in Tagen besonderer Heimsuchungen – war es dir noch nie, als ob ein Zug von oben deinen Geist hinziehe zum Sohne, und flehte dieser dein eigener Geist niemals dich an: „ergreife Gottes Erbarmen! halte fest diese frommen Regungen, und hilf zum Leben ihnen – sie sind dein Segen!“

Gewiß, so vernachlässigt ist kein Mensch unter uns von Gott, daß ihm nicht je und je besondere Anfassungen würden, wo es ihn hintreibt zu Christus, wo seine Seele ruft und verlangt nach jener Herrlichkeit des Lebens, die aus dem Evangelium, wenn auch nur wie Blitzesleuchten, ihr entgegenscheint. Und möchte Einer weiter rechten und sagen: warum aber verfolgt mich dieser Trieb nicht ohne Unterlaß und liegt mir so mächtig an, bis ich ganz hineingehe in die heilige Lebensgemeinschaft Jesu Christi – siehe auch darauf kannst du dir selbst antworten: du sollst nicht gezwungen werden, sondern willig und frei sollst du Ihn suchen und ergreifen, nach dem deine Seele ruft; ist das einmal dein ernstlicher Wille, dann fördert Er das Wollen auch zum Vollbringen, und zieht dich sich nach immer höher hinauf, immer tiefer hinein in die Wahrheit; aber wider deinen Willen, auf träge Wünsche hin nimmermehr. Frage also lieber: warum du diesen göttlichen Christus-Trieb in dir nicht nährest und Pflegest als das Heiligthum und Gottesbild in deiner Seele? warum du ihn nicht höher achtest als die sonstigen Triebe in deiner Natur, welche doch sterben mit deinem Leibe, und warum du ihn nicht stärkst und kräftigst durch Worte, die aus Gottes Mund gehen, statt unter dem eiteln, leeren Wortgetöne, mit welchem diese Welt dich hin- und herwiegt, ihn abzuschwächen und zu schweigen? An Aufforderungen fehlte es dir gewiß nicht, einmal zu der Einsicht zu gelangen: „genug schon bin ich irrgegangen, suchte Ruh‘ am falschen Ort! Geistes-Quälen, Herzens-Quälen, Brunnen fand ich ohne Trank! ohne Dank martern sich der Menschen Seelen, martern oft sich ewiglich!“

Ja. m. Fr., laßt uns ehrlich, laßt uns aufrichtig sein vor dem HErrn unserm Gott, der nicht will, daß Einer von uns verloren gehe, sondern daß wir Alle das Leben finden in dem Einzigen, den Er als das Leben versiegelt hat. Wie die Jünger bei Ihm ihren ewigen Lebenstrieb stillten durch beständigen Glaubens-Umgang mit Ihm, nicht nur durch jeweilige Besuche wie das Volk, oder durch rechthaberisches Fragen wie die Schriftgelehrten: so wollen auch wir nicht dafürhalten, die Schrift sei dazu da, um rechthaberische Fragen an sie zu stellen, und über sie zu klügeln; oder es sei genug Zeit und Kraft ihrem Umgang gewidmet, wenn nur die Gottesdienste eingehalten und Predigten angehört werden. Möchtest du auch dein Leibesleben abfertigen mit solchen abgemessenen Speisungen, und das tägliche Brod dafür hingeben? Alfs mag auch dein Geistesleben nicht gedeihen, du brechest ihm denn täglich jenes Himmelbrod, welches der HErr in seinem Evangelium darreicht zur reichlichen Speisung für Alle, die da hungert nach seiner Gerechtigkeit. Das thue und betreibe ernster und eifriger als irgend ein anderes Geschäft, denn daran hängt der Lohn des Himmelreichs; dann wird dein Geist erstarken, der HErr wird dich besuchen, seine Herrlichkeit aufgehen in deinem Herzen. Zwar im Augenblick, wie durch einen Zauber, wandelt das Evangelium nicht dich um in einen vollkommenen Christen; hat es ja auch lange Zeit und viele Uebung gebraucht, bis dein äußerer Mensch herangewachsen ist zu seiner jetzigen Mannes-Gestalt, und so hat auch dein innerer Mensch, dein geistliches Leben die vorbestimmten Altersstufen zu durchlaufen: erst Neugeburt, wodurch das neue Wesen des Christenthums in dir zu leben anfängt, statt des vorigen alten Wesens; dann wirst du ein Kind am Geiste, wo der alte Trotz und Wissensdünkel Platz macht dem demüthigen, kindlich gläubigen Horchen und Lernen in der Schule des Evangeliums; dann ein Jüngling am Geist, der sich aufschwingt wie ein junger Adler immer höher in’s Licht der Wahrheit und in die himmlische Klarheit; endlich ein Mann am Geist, wo du nicht mehr dich wägen und wiegen lassest von allerlei Wind der Lehre, nicht mehr dich umtreiben lässest von unnützem Menschen-Geschwätz und Welt-Täuscherei (1 Kor. 14, 20. Eph. 4, 13 f.), sondern die köstliche Gnade besitzest du, daß dein Herz fest ist, und seiner Welt überwindenden Stärke in Christo freudig gewiß (Ebr. 13, 9. 1 Joh. 2, 13 f.). So wuchsen die Apostel heran zu Säulen des Christenthums, und durch sie jene ersten Bekenner des Evangeliums zu Helden, welche alle Weltkräfte überwanden, während sie als Kinder sich beugten vor ‚dem herrlichen Gott, und als demüthige Schüler beharrten in der Zucht des heiligen Geistes und in der Unterweisung der heiligen Schrift. Ein fortgesetztes Lernen, Ringen und Ueben war ihr Christenlauf, aber auch eine immer wachsende Weisheit, Gerechtigkeit und Gütigkeit; und ob es auch ohne Schwäche, Straucheln und Fallen nicht abging: wie willig unterwarfen sie sich darüber der Strafe des Geistes, beteten nur um so ernstlicher: „HErr hilf uns!“ erkannten nur um so tiefer: „ohne Ihn können wir Nichts thun!“ und übten sich nur um so eifriger in der Uebung der Gottseligkeit.

Sehet, G., dieß ist der Weg, der zur Auferstehung und in’s Leben führt, wo man hingelangt zu jener apostolischen Oster-Freude, da Jesus Christus in dein Herz eintritt: „Friede sei mit dir!“ und dein Herz froh wird, daß es den HErrn selbst nun sieht, nicht nur von Ihm hört und an Ihn denkt. Dahin treibt dich deine Seele und die beständige Unruhe in ihr, und in die Ewigkeit nimmst du einen nagenden Wurm mit, wenn du ihr zum Frieden nicht hilfst in Ihm, der dir zuruft: „komm zu mir mit deiner Mühe und Last; ich will dich erquicken und dir Ruhe geben für deine Seele.“ Der so spricht und sein Wort erfüllt hat an jenen Erstlingen seiner Gemeinde, Er ist gestern und heute und derselbige in Ewigkeit! Darum lasset uns rechtschaffen sein, m. Br., in der Liebe zu Ihm, und wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, daß wir Alle hinankommen zu einerlei Glauben und Erkenntniß des Sohnes Gottes, und ein vollkommener Mann werden, ähnlich dem vollkommenen Alter Christi (Eph. 4, 15. 13. 3, 15. 20 ff.). Ihm aber, welcher der rechte Vater ist über Alles, was da Kinder heißet im Himmel und auf Erden, der überschwänglich thun kann über Alles, was wir bitten und verstehen – Ihm sei Ehre in der Gemeinde, die da in Jesu Christo ist, zu aller Zeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

September 1, 2019

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