Beck, Johann Tobias – Wie denkt man göttlich vom Kreuze Christi?

Portrait Johann Tobias Beck

Charfreitags-Predigt.
Mark. 15, 33-37.

Und nach der sechsten Stunde ward eine Finsterniß über das ganze Land, bis um die neunte Stunde. Und um die neunte Stunde rief Jesus laut, und sprach: Eli, Eli, lama, asabthani? Das ist verdolmetschet: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und etliche, die dabei standen, da sie das hörten, sprachen sie: siehe er ruft den Elias. Da lief einer, und füllte einen Schwamm mit Essig, und steckte ihn auf ein Rohr, und tränkte ihn, und sprach: halt, laßt sehen, ob Elias komme und ihn herab nehme. Aber Jesus schrie laut, und verschied.

Eine Todesstunde, ein Sterbebette, m. G., ist ein Heiligthum – die Ewigkeit dringt als ein Donnerwort der Seele in das Mark; der Mensch, wie er leibte und lebte, uns liebte und geliebt ward von uns, wird hingerichtet; der Leib wird abgebrochen, des Menschen Wohnhaus, ohne das wir gar nicht ihn uns können denken, in welchem die Seele ihr Heimwesen hatte unter Schmerz und Wonne, in Uebel- und Wohlthun, in Leiden und Arbeit, in einsamer Verborgenheit und brüderlicher Gemeinschaft; Ein Odemzug, Ein letzter Hauch noch – und der Mund spricht nicht mehr mit uns, an dessen Wort wir eben noch hingen; das Auge sieht uns mit seinem Seelenblick nicht mehr an; das Ohr und Herz empfängt keinen Laut unsrer Liebe mehr: wir haben – eine Leiche. Da deckt Finsterniß die Herzen und das Haus, welche dem Verstorbenen angehörten; wie von Gott verlassen stehen wir da; Schmerz und Rührung, Sorge und Reue, Furcht und Selbstanklage durchschneiden wie eine scharfe Pflugschaar das aufgerissene Herz in tausenderlei Gedanken.

Stehen wir nun auch also, G., an der heiligen Sterbestätte unsers theuern HErrn? Als eine Leiche wohl erblicken wir in dieser Stunde Ihn vor uns, Finsterniß über das ganze Land, in dem Er gewandelt hatte als in seinem Eigenthum, Gottverlassenheit über Ihm und seiner zerstreuten Heerde; und uns Alle, die Er geliebt hat, nähret und pfleget als seine Gemeinde (Eph. 5, 23 ff.), uns Alle gehet Er so nahe an, wie der Mann seine Frau, der Vater sein Kind, der Bruder seinen Bruder! Und wie nun, G.? wollen wir heute wie Gottverlassene trauern um seinen Tod, und unsere Seelen einsenken in die Finsterniß, die Ihn umschattet, unsere Herzen zerfließen lassen in Gedanken menschlichen Schmerzes und menschlicher Rührung? Es möchte dieß wohl eine wehmüthig süße Beschäftigung sein für Seelen, die Ihn lieb haben, und gar dienlich scheinen zur Erweckung mancher gefühlloser, kalter Herzen, die noch unter uns mögen sehn – und doch, m. Fr., wenn schon bei jedem Todesfall, der uns betrifft, den Christen gesagt ist: ihr sollet nicht traurig sein, wie die Andern, die keine Hoffnung haben (1. Thess. 4, 13.); so haben wir gerade an der Leidens- und Sterbestätte unsers geliebten HErrn noch besonders zu beherzigen ein darauf bezügliches Wort aus seinem eigenen Mund:

Matth. 16 23.: du denkst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

Damit verwies der HErr dem Petrus gewisse Gedanken, die er über Christi Leiden und Sterben sich machte – und was waren das für Gedanken? Trieb denn Petrus etwa wie die Feinde unter dem Kreuze seinen Spott damit, daß ein Mann, wie Jesus einer wollte sehn, so tief sollte erniedert werden, und ohne Alles, was Menschen rühmen und anstaunen, sein Leben sollte beschließen? Allerdings hatte indeß Christi Herrlichkeit die Jünger angeleuchtet voll Gnade und Wahrheit, und nun sollte Er unter Schmähung, Verspottung, Verspeiung, Geißelung, Kreuzesschmach ein Ende nehmen; das eben nun sah Petrus nur mit menschlichen Augen an, aber Spott trieb er nicht damit, der Verachtung werth erschien ihm deßhalb nicht der Mann, welcher auch einen solchen Kelch konnte austrinken, ohne aufzuhören, Gott zu ehren und die Menschen zu lieben. Wer kalt bleibt, m. L., bei dem Leiden und Sterben Jesu von Nazareth, wer nicht einmal zu dem Ernste gestimmt wird, den man doch bei jedem Sterbelager, bei jeder Hinrichtung auf menschlichen Gesichtern liest, bei wem es unter dem Kreuze Christi ohne alle Rührung und Theilnahme abgeht: ein Solcher denkt nicht mehr menschlich, sondern roh und unmenschlich. Petrus aber dachte menschlich von dem schmerzensvollen Lebensende seines geliebten Meisters: es that ihm weh in der innersten Seele, und sein ganzes Herz litt darunter, daß man in Jerusalem so unverantwortlich den sollte um’s Leben bringen, den der heilige Gott versiegelt und das ganze Land gepriesen hatte; und eben übernommen von solchen menschlichen Gedanken, wußte er in einen solchen Ausgang des herrlichen Lebens Christi nicht sich zu finden: „da sey Gott vor,“ sprach er voll Eifers zu seinem Meister; „so Etwas darf dir nicht widerfahren!“ Darauf der HErr: „laß ab von mir mit deiner verkehrten Sprache – du denkst nicht göttlich, sondern menschlich!“

Wie nun, m. Fr., ist’s genug und ein angenehmes Opfer vor dem HErrn, nur mit Mitleiden und Herzensrührung zu denken an seinen Leidensgang, mit Abscheu und Entrüstung an die Sündenwege seiner Feinde? Wohl denken wir da, wie gesagt, menschlich, und wer noch kein Unmensch ist und nicht verblendet von Christushaß, der muß also denken. Selbst Pilatus hatte solche menschliche Gedanken, als er, um Mitleiden zu zeigen und zu erwecken, den mißhandelten Christus dem Volk unter die Augen stellte: „sehet, welch‘ ein Mensch!“ und wiederum als er feierlich die Hände wusch zum Zeichen, daß er nicht wolle Theil haben an ihrer himmelschreienden Sünde. Aber durch alle diese menschlichen Gedanken und Gebährden hat er weder das Volk bekehrt, noch den alten Geist und Sinn in ihm selber umgewandelt; Pilatus blieb eben Pilatus, blind gegen Jesu inwendige Herrlichkeit, welche nachher seinem Hauptmann unter dem Kreuze in’s Herz drang und selbst dem Schächer; blind gegen seine eigene Sünde, die er mit keinem Wasser von der Hand sich konnte waschen, die ihm als Brandmal haftete im Gewissen. Dieses hätte ihm sollen sagen: du, der du dem Volk zum Herrn bist gegeben und nicht zum Knecht, der du die Waage des Rechts in der Hand sollst halten und nicht die Waage der Kaisers- und Volksgunst – du bist der Mann, welcher den Unschuldigsten verstoßen hat unter Missethäter. So redete Pilatus freilich nicht mit sich selber – und warum nicht? eben weil er nicht göttlich über Christus dachte, sondern menschlich! als Mensch, der an keine göttliche Wahrheit glaubte, meinte er dem Menschen Jesus Alles gethan zu haben, da er ihm sein Mitleiden und den Juden seine Mißbilligung bezeugt hatte; und so ging er vom göttlichsten Anblick, von dem Himmelsgeheimniß, in das Engel gelüstet zu schauen, ging der eitle Weltmann weg, ohne um Einen göttlichen Gedanken reicher zu sehn, vielweniger, daß er ein göttliches Leben gefunden hätte.

Und gleicher Weise, m. Fr., gehen jetzt noch Viele alljährlich aus der Passionszeit heraus mit ihrer alten dürftigen Menschlichkeit oder gar mit ihrer alten eitlen Weltlichkeit ohne eine wahrhaft göttliche Mitgabe. Sie widmen wohl dem großen Dulder aus Nazareth allerlei Gedanken und Worte menschlicher Rührung und Verehrung, können auch die Art von Menschen um ihn her verdammen und ihrem Treiben Unrecht geben; aber – prüfe nur einmal genau das fortdauernde Dichten und Trachten deines Herzens und das Wesen deines Lebens – solche menschliche Rührungsstunden und Ehrfurchtsbezeugungen verlieren sich wiederum kraftlos, und lassen dich im Grunde deines Wesens, wer und wie du bist; du lernst, was doch vor Allem sollte sehn, nicht bußfertig unter dem Kreuze Christi deine eigene Sünde erkennen und im Herzen bewegen. Und wie soll ich das, fragst du, wenn es nicht Heuchelei soll sehn? habe ich doch nicht selbst mich versündigt und verschuldet am Leiden und Sterben des HErrn, konnte bei demselben weder Etwas davon noch dazu thun? Sprich nicht zu rasch, m. L. – dein HErr, der gestern und heute und in alle Ewigkeit derselbe ist, spricht zu dir, der du desselben sündlichen Fleisches und Geistes bist, wie jene Sünder in Jerusalem, Er bezeugt dir: „mir hast du Mühe gemacht mit deinen Sünden!“ Trifft dich das nicht als eine gewisse Wahrheit? bedenke einmal: schon so oft, seit du das tägliche Brod von Ihm genießest, ja gespeiset wirst von Ihm selbst, als dem Brode des Lebens, wie oft schon ließ Er dich bitten: laß dich versöhnen mit deinem Gott! kehre wieder, du abtrünniges Kind, zu mir, dem Hirten und Bischof deiner Seele, daß ich dich heile von deinem Ungehorsam, und lebe mir, der auch für dich starb! Hast du das schon zu Herzen genommen, m. Br., und nimmst es recht zu Herzen? hast du deinen treuen HErrn und Heiland, der dich als Kind schon zu sich rief und herzete dich mit seiner Liebe und segnete dich mit seiner Gnade und ließ dich von frühe an wissen die heilige Schrift, um einen seligen Menschen Gottes aus dir zu machen, hast du nicht so vielfach schon in deinem bisherigen Leben Ihn und sein Evangelium mißhandelt durch Undank, Untreue und Ungehorsam? , hast du nicht oft schon seinen heiligen Geist betrübt durch augenlüsternes, fleischeslustiges, hoffärtiges Wesen, und die Kraft seiner treuen Liebe und Gnade in deinem eigenen Herzen wieder ertödtet durch deinen Leichtsinn und Eigensinn, deine Eigenliebe und Eigennützigkeit?

Bedenk‘ es doch: der HErr in seiner heiligen Leidensgestalt bittet nicht dich um Erbarmen und bedarf es auch nicht von dir; Ihm stehen Engellegionen und göttliche Machtworte zu Gebot, um allem Widerstreben und Gewaltthun der Menschen ein schnelles Ende zu machen; also auch wenn Er mißhandelt wird von dem tollen Haufen in Jerusalem und jetzt noch so manches Unrecht erduldet von dem Widerstreben der Sünder, so steht der HErr doch da als der Herrliche Gottes; Er will Menschen nicht verderben, darum gibt Er in Alles sich dahin von ihm selber; Er will nicht, daß man sein sich erbarme, sondern in seiner Geduld und Leidensgestalt sollen wir sein eigen Erbarmen über uns erkennen, wie Er dort sagt: „weinet nicht über mich, weinet über euch und eure Kinder! lernet trauern bei meinem Anblicke über euer eigenes Elend!“ Nicht Er ist der Hilflose und Verschmachtende, den wir müßten erquicken und zur Ruhe könnten bringen; uns, m. L., ruft Er: ihr Mühseligen und Beladenen, kommet zu mir – Ich will euch erquicken und Ruhe geben für eure Seele! Und so war es ja auch bei seinem Leiden und Sterben – wer war so stark und treu unter allen Menschen um Ihn her, eine Erquickung Ihm darzureichen? haben nicht Alle, theils durch Undank und Untreue, theils durch Hohn und Marter, mit Wermuth Ihn getränkt? Wen der Menschen sprach Er um Erbarmen an, um Theilnahme an seinem Leiden? wem, außer Gott selbst, seinem himmlischen Vater, klagte Er seine Gottverlassenheit? dagegen wie beugte Er seine Richter und Peiniger durch die Kraft seines Geistes, beschämte Volk und Jünger durch die Macht seiner Liebe, erquickte Freunde und Schächer durch Lichtstrahlen seiner Gnade, schritt fest und sicher, demüthig und sanftmüthig in den Fußstapfen des von Gott Ihm vorgezeichneten Weges, bis Alles erfüllt war, und Er konnte sagen: es ist vollbracht.

Nein, G., der Mann, der als Held und Lamm Gottes erduldet und überwunden hat, was unser Aller Last und Schmerz ist, der, ohne selbst von einer Sünde Etwas zu wissen, getragen hat, was wir noch täglich verschulden – der Mann bedarf von Keinem unseres Geschlechts Erbarmen; wohl aber den Mensch mit deiner täglichen Schuld und mit dem Stachel des Todes in deinem Gewissen und von dem Sieg der Hölle überwältigt in deiner Seele, du bist der Mann, der Erbarmen nöthig hat von dem gekreuzigten Sünderheiland, und dem Er auch aus seinem Leiden ewiges Erbarmen anbietet! du tritt hin unter sein Kreuz mit dem göttlichen Trauergedanken: „mein HErr, was du erduldet, ist Alles meine Last; ich, ich hab‘ es verschuldet, was du getragen hast. Schau her, hier steh‘ ich Armer, der Zorn verdienet hat; gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad‘!“ Eben damit Er sich erbarme der Menschen, die, von der Sünde betrogen, nicht wissen, was sie thun, damit Er Sünder möge selig machen, dazu ist der Sohn des Höchsten und der Bruder niedriger Menschen in jene Stunde der Finsterniß und des Gerichts gekommen; glaubst du das, m. Z., oder glaubst du es nicht? Kannst du es noch nicht glauben, so bete und suche, forsche in der Schrift und deinem Gewissen; willst du es nicht glauben, so wirst du gerichtet; eben jene Finsterniß und Gottverlassenheit, in der Jesus Christus sein Versöhnungswerk vollbrachte, ist dir ein Vorbild und eine Prophezeiung des Gottesgerichtes, in welchem du mit deinen Werken zu Grunde gehst; wird Leib und Seele zermalmt an Ihm, dem grünen Holz, was wird erst werden mit dir, dem dürren Holz, so du das Heil deines Erbarmers nicht mit ganzem Herzen ergreifst, und deine Schuld vor dem gerechten Gott selbst zu vertreten dir getraust? Freilich, so lange die Noth dir nicht an die Seele geht, magst du das Alles leicht abmachen, und ein großer Held dich dünken mit deinem selbstgemachten Tröste; aber es ist noch nicht aller Tage Abend; es begegnet dir noch Einer, der da spricht: siehe ich will sitzen und schmelzen und fegen das Volk, das sich so zieret – und betrachte nur einmal die Todeskämpfe der Gerechten unter den Menschen, wie da die Wellen über das Schiff zusammenschlagen, und nur Ein Ruf von Allen gehört wird: HErr hilf uns, wir verderben! nur Ein Anker festhält, der hineingreift in das prophetische Wort: fürwahr Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen – in seinen Wunden ist das Heil für uns.

Das, G., sind göttliche Gedanken, welche in der Leidensgeschichte des HErrn so laut reden und so eindringlich zeugen; und in solchen Gedanken alleine machet ihr das Heil Christi euch zu eigen. Mit dem empfindsamen Ausruf: „sehet welch‘ ein Mensch!“ mit der rechtskräftigen Versicherung: „ich finde keine Schuld au Ihm“ hat Pilatus dem HErrn weder seine eigene Seele gewonnen noch die eines Andern; aber „sehet da das Gotteslamm, welches der Welt Sünde trägt“ mit diesem göttlichen Gedanken führte der Täufer die besten seiner Jünger Jesu zu; und „Ich bin das Brod des Lebens vom Himmel kommen, Ich gebe mein Leben für das Leben der Welt!“ das war das Wort voll Geist und Leben, womit der HErr gleich der Schärfe eines zweischneidigen Schwertes bei seinen Anhängern Seele und Geist auseinander schied, die nur menschlich Gesinnten ausschied wie Spreu, den vom Vater Gezogenen Worte des ewigen Lebens zu schmecken gab, wie Petrus darauf sagte: „HErr, du hast Worte des ewigen Lebens; wir können nicht mehr von dir weggehen.“ Das heißt göttlich denken von dem, was Christus für uns ist in seinem Leiden und Sterben, und das, m. Fr., macht ein seines gutes Herz, das Christi Kreuz bewahrt und Lebensfrucht daraus bringt, dreißig-, sechszig- und hundertfältig.

So geschah es bei den Aposteln – göttlich denken und sprechen sie überall vom Kreuze ihres HErrn, nicht mit schwärmerischen, empfindsamen Menschengedanken schmücken sie es aus wie mit schnell verwelkenden Blumengewinden. So voll ihnen das Herz war von ihrem gekreuzigten Meister: nirgends in ihren Schriften malen sie seine Leiden und Todesschmerzen uns aus mit Gefühlsschwärmerei und weinerlicher Rührung, mit hohen, empfindsamen Dichter- und Rednerworten oder auch nur mit vieler Umständlichkeit. Einfach und kurz erzählen sie in den Evangelien, was zur Geschichte und Lehre gehört; kräftig und ernst, zur Belehrung und Erbauung, drängen sie in ihren Briefen die göttliche Höhe und Tiefe im Leiden des HErrn zusammen: „der Gott gleich war, erniedrigte sich selbst bis zum Tode, ja zum Tod am Kreuze!“ Und selbst, wenn sie zu seinen Mördern reden, machen sie nicht eine rührende Geschichte aus dem Leiden und Sterben ihres HErrn, sondern ohne viele Umstände schlagen sie in wenigen Worten mit Macht die Gewissen: „den Mann von Gott habt ihr aus vorbedachtem Rathe Gottes genommen durch die Hände der Ungerechten und ihn angeheftet und erwürget,“ oder „den Fürsten des Lebens habt ihr getödtet!“ Nichts ist von diesen heiligen Gottesmännern darauf angelegt, ein Schluchzen und Weinen zu erregen, oder auch nur Mitleiden und andere Gefühle der Menschlichkeit – die sollten und konnten von selbst kommen, wenn nur das Rechte und Eine Nothwendige in die Herzen einmal gebracht war, der Glaube an die göttlichen Versöhnungsgedanken im Leiden Jesu Christi; und dieser Glaube, m. L., kommt nicht durch fleischliche Erregungen und Rührungen, durch Menschengedanken, die Fleisch sind, wie die Menschen selbst, sondern durch die Erweckung des Geistes in der Kraft Gottes. Darum fetzen die Apostel bei ihrer Predigt vom Gekreuzigten immerdar mit vielem Ernst hinzu: „thut Buße und glaubet an die Sündenvergebung im Namen Jesu; das gebeut jetzt Gott allen Menschen, da die Zeit der Unwissenheit vorbei ist, auf daß da komme die Zeit der Erquickung vom Angesicht des HErrn.“ Ob sie nur das Erstemal irgend wohin kommen oder noch so oft Briefe schreiben an schon bestellte Gemeinden: immer treiben sie das Alte, predigen Christum den Gekreuzigten nicht als rein menschliche Geschichte, welche sie selbst erst müßten schön und ergreifend und nützlich machen in vernünftigen Worten menschlicher Weisheit, sondern als göttliche Kraft und Weisheit; Er ist uns von Gott gemacht zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung, sagen sie; nicht wir müssen uns das erst aus ihm machen vermöge unsrer eignen Klugheit und Weichherzigkeit; „es ist vollbracht! das nimm in Acht – du darfst Nichts dazugeben, als daß du glaubst und gläubig bleibst in deinem ganzen Leben!“ Nur gläubig annehmen sollst du die lebensreichen Gottesgedanken im Evangelium vom Gekreuzigten, nur sie in’s Gewissen dir ziehen und daran dein Herz hängen und deine Seele darin bewahren, dann findest du in dem einfachen Evangelium, was aller Menschenverstand nicht ausspinnen und alle Menschenkraft nicht aufrichten kann: seliges Leben. Nicht denen die menschliche Leidensgestalt Jesu Christi mit menschlichen Herzensergießungen und Tugendvermahnungen unter die Augen gemalt wird, sondern denen inwendig der Gekreuzigte abgestaltet wird in seiner göttlichen Gnade und Wahrheit mit Worten, die der Geist Gottes gelehrt hat, denen ist gesagt: „selig sind die Augen, die da sehen, was ihr sehet, und selig sind die Ohren, die da hören, was ihr höret.“

So ist es denn gewiß, l. Fr., die Rührungen, mit denen wir diese Festtage zu Hause oder in der Kirche uns heiligen, die mancherlei menschlich guten Gedanken, die bei Betrachtung der Leidensgeschichte in uns aufsteigen, sie sind zwar nicht geradezu zu verdammen; aber seliges Leben tragen sie uns nicht aus, sondern verlieren sich wieder im alten unseligen Leben. Der heilige Geist, in welchem der HErr sich selbst geopfert hat, wird mit seiner Feuertaufe nicht in uns gebracht durch unsre natürliche Herzenswärme und durch die feurige Rede eines menschlichen Mundes; schöne Menschengedanken machen unsere Gewissen nicht lebendig und rein, und beschneiden unsere Herzen nicht von ihrem eiteln Dichten und Trachten, daß wir mit dem HErrn sterben und begraben werden, mit Ihm gerichtet werden am Fleische, und daß wir mit Ihm ebenso auferstehen und lebendig werden am Geist, in dem wir dann gesinnet werden, wie Christus gesinnet war, und wandeln lernen, wie Er wandelte, verkläret werden in fein Gottesbild von einer Klarheit zur andern. Das Alles, G., worin eben nach der Schrift das selige Leben besteht, sind für uns nur schöne Redensarten, es wird nicht Leben und Wahrheit daraus, so lange wir nur menschlich denken und reden vom Kreuze Christi, sei es auch noch so schön und weich und tugendsam. Ja selbst verdammlich können sie werden solche bloß menschliche Gedanken vom Leiden des HErrn, wenn nämlich unser Herz und Sinn so daran hängen bleibt, daß wir darüber die Buße dahintenlassen über unser Verderben und den Glauben an die allein gerechtmachende Gnade Gottes und die wachsende Heiligung in derselben. Da wird das Kreuz Christi zu nichte gemacht an uns durch unser eigenes menschliches Meinen und Dichten und Trachten (1 Kor. 1, 17 f.); es ist keine Gotteskraft für uns, sondern wir meinen ihm erst Kraft geben zu müssen mit unfern guten Gedanken und seinen Reden; wir rechtfertigen uns selbst, weil wir dieß und das, was doch nicht von Gott versiegelt ist, uns in den Kopf setzen, und in unsrer Eigenliebe machen wir uns aus den lieblichen Rührungen und Empfindungen unsers Herzens einen falschen Trost und Frieden, und da heißt es: wehe denen, die sich selbst rechtfertigen! wehe denen, die sich selbst für weise und stark halten! Die so denken, müssen nothwendig es thöricht und ärgerlich finden, daß in dem Kreuze Christi, in seinem Todesopfer göttliche Weisheit soll liegen und göttliche Kraft, Gotteskraft der Versöhnung und Erlösung gerade für Schwache, für Sünder, für Solche, die Nichts sind und Nichts aus sich machen können, das vor Gott taugt, vielmehr erst Etwas werden müssen zum Lobe der göttlichen Herrlichkeit durch die Gottesweisheit und Gotteskraft in Christi Kreuzestode. Das, G., ist der feste Grund Gottes, auf welchen die Schrift das Seligwerden aller Menschen erbaut; und wer an diesem göttlichen Grundstein sich stößt, mit seinen, wenn auch noch so scheinbaren, Menschengedanken und Menschenempfindungen, der zerschellt sich selbst den Kopf und geht verloren.

Darum, m. th. Br., wenn es unwidersprechlich gewiß ist, daß auch dir gesetzt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, und das nicht, wie du es dir zu denken beliebst, sondern nach dem vorbedachten Ruthe Gottes; wenn es aber auch eben so gewiß ist, daß Gott dir will geholfen und dich selig wissen, aber wieder nicht, wie es dein eigen Fleisch und Blut sich ausmalt, sondern wie es der heilig versiegelte Wille Gottes ist, durch den Einen Mittler Jesum Christ, der sich selbst gegeben hat für Alle zur Erlösung – darum, m. Br., täusche dich selbst nicht, und bedenke dein Heil; mit eigenen Einbildungen kannst du deine Seele wohl einschläfern, nicht aber sie selig machen und lösen vom Gerichte Gottes; mit erdichteten Worten kannst du deinen Geist aufblasen, nicht aber die Hände des himmlischen Vaters bewegen, daß Er ihn aufnehme.

Es ist schlimm, wenn Einer auf gut Glück dahinlebt; vollends aber auf gut Glück auch dahinsterben, heißt blind in die Grube stürzen. Willst du nun der Sünde, als eines unheilbaren Verderbens an dir, nimmer dich schuldig geben, willst ihre Versöhnung und Heilung nicht suchen in der Gotteskraft des Kreuzes: wohl hin, es zwingt dich Niemand dazu; aber nur wisse: damit hast du das Gericht Gottes noch nicht überwunden, bläsest die Sünde nicht weg von dir wie Staub von deinem Kleid; vielmehr wie eine Decke bleibt sie über deiner Seele und läßt dich bei Gott keinen beständigen Trost und Herzensfrieden finden, keine ewige Kraft und Weisheit; du gehst dem lebendigen Gott aus dem Wege, hast keine Freudigkeit, Ihn aufzusuchen, keine Stärke, in Ihm zu bleiben, kein Pfand und Siegel, einmal fein seliger Hausgenosse zu werden. Bezweifle und bestreite du immerhin die Gotteskraft des Kreuzes Christi, so lange und so scharf du willst; verachte und verwirf in deinen kurzsichtigen Menschengedanken und eiteln Menschenworten die Predigt von der Buße und Versöhnung, wie es dir beliebt: deine Zweifel und Zänkereien, deine Gedanken und Redensarten regieren nicht die Welt, und fetzen dich nicht auf den Richterstuhl über Lebendige und Todte; der aber, ob er wohl hätte mögen göttliche Freude haben, um der Menschen willen starb im vollkommenen Gehorsam gegen seinen Vater, der hat sich das Recht erworben, über Todte und Lebendige HErr und Richter zu sein, und Ihm muß Jeder, mußt auch du Rechenschaft geben, wie du seine Erlösung dir zu nutz gemacht hast. Wenn deine Zeit um ist, haben auch deine selbstischen Gedanken- und Wortumtriebe ein Ende, und du bekommst es Aug in Aug zu thun mit Ihm, dem du viel zu klein bist – der wirft noch Allen, welche mit der Wahrheit Gottes markten wollen wie mit Menschenwaare, ihre Wechseltische wirft Er ihnen zu Boden, erniedrigt alle selbstgemachte Höhe, und macht den Verstand der Verständigen zu nichte, nicht sie den seinigen – es soll dir schwer werden, spricht Er, wider meinen Stachel zu lecken.

Sind das nun harte Worte, mit denen ich Jemand will übel thun? Gewiß nicht, m. Br., sondern Gutes thun möchte ich damit Jedem, der es will annehmen; nicht verwunden, sondern heilen möchte ich damit den Schaden, der den Herzensfrieden, den Haus- und Lebensfrieden so Mancher untergräbt. Der seligmachenden Christusbotschaft möchte ich überall Eingang verschaffen, die da bittet: lasset euch versöhnen mit Gott! damit es nicht zu dem letzten Spruch müsse kommen: Trübsal und Angst über Alle, die da zänkisch sind und die Liebe zur Wahrheit nicht annehmen und dem Evangelium Gottes nicht gehorsam sind! An dieser heiligen Stätte, m. Fr., ist nicht eigene oder fremde vergängliche Waare feil zu bieten; die Perle möchte ich euch Allen geben, G., welche bloße Menschenkünste nicht können aufbringen, und die allein eines Menschen Herz reich macht für Zeit und Ewigkeit, allein die Seele löst von jedem Schaden, den wir Alle in uns tragen. Warum, spricht der HErr, zählet ihr doch Geld dar, da kein Brod ist, und eure Arbeit, da ihr nicht satt davon werden könnet? warum, ihr sterblichen Menschen, wendet ihr euer Vermögen und eure Kräfte an Dinge, die euch nicht nähren können in’s ewige Leben und die tiefe Leere eurer Seele nicht ausfüllen? kommet zu mir her, und kaufet umsonst, höret mir zu, und esset mein Gut; suchet den HErrn, weil Er zu finden ist; rufet Ihn an, weil Er nahe ist. „Mein Leib für euch gebrochen, mein Blut für euch vergossen zur Vergebung der Sünden und zum neuen Bund mit Gott“ – das, G., ist Heilandswort für diese unsere Menschennatur, die in einem Leib der Sünde seufzt, und den Willen des Fleisches vollbringt, und unter dem uralten Fluchbunde steht: du mußt des Todes sterben und zur Hölle sinken. Ja, Mensch, du bist ein Sünder; aber Gott ist in Christo und versöhnet die Welt mit Ihm selber, und rechnet die Sünde nicht zu, auf daß wir in Ihm, durch das Leben in seiner Gnade, würden die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Laß diese Liebe Gottes dir doch zu Herzen gehen, m. Fr., und dein Herz immer mehr eingehen in diese gnadenreiche Gottesliebe – da wirst du los vom bösen Gewissen, und der alte Sündengeist in dir wird dir ein Abscheu, daß du in anhaltendem Ernst flehest: „schaff in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen gewissen Geist; sende dein Licht und deine Wahrheit, daß sie mich leiten zu deinem Heiligthum!“ und du erfährst es immer mehr: Gott ist Liebe, Gott ist mein Erbarmer – wie soll ich’s Ihm danken! Gnade und Wahrheit wird mächtig in dir, dem alten Leben abzusterben und in einem neuen Leben zu wandeln in der Gemeinschaft Jesu Christi, deines Versöhners und Erlösers, der nun nicht mehr bloß am Kreuze für dich hängt, sondern inwendig in dir Wohnung macht; und je weiter du fortgehst auf dem neuen Weg, je mehr lernst du Freuden und Kräfte einer zukünftigen Welt schmecken, wovon du vorher Nichts wußtest, und darfst herrliche Blicke thun in die allerheiligste Haushaltung Gottes; der Vorhang, der von Gott dich trennte, ist zerrissen.

So lasset uns denn Alle, G., zu dem Kreuze Christi hinaufsehen als zu dem Versöhnungsdenkmal voll Gotteskraft, und lasset uns nicht bloß menschlich denken von dem, was göttlich ausgedacht ist, nicht von einem Menschenverstand. „Eure Gedanken,“ spricht der HErr, „sind nicht meine Gedanken; soviel der Himmel höher ist als die Erde, sind auch meine Gedanken höher denn eure Gedanken!“ Mit dem Weltgeist läßt sich gewiß nicht hineinkommen in das Allerheiligste Gottes, und die Alles erst mit Fleisch und Blut besprechen, mögen weder erkennen noch ergreifen den himmlisch-geistlichen Gütersegen, den Gott aufschließt im Tode seines Sohnes; mit einem unbußfertigen, selbstgerechten Herzen läßt sich nicht richten über das, was Gott bereitet hat denen, die Ihn lieben, und die Ihm zu lieb Buße thun und glauben; was da Weisheit ist bei den Vollkommenen, das muß Thorheit sehn bei den Verkehrten, und läßt sich nicht lernen im Jahrmarktswandel dieser Welt, in Schul- und Geschäftsstuben schwacher Menschen, sondern bei dem Geist, der die Tiefen der Gottheit erforscht, und welchen der Vater gibt denen, die Ihn demüthig darum bitten, und der mit uns redet aus Apostelmund. „Sehet welch‘ ein Mensch!“ das war Alles, was Pilatus wußte von Christus zu sagen; der Glaube aber spricht: „sehet da die Herrlichkeit des eingebornen Sohnes voll Gnade und Wahrheit, der da heißt Wunderbar, Rath, Kraft, Held, Ewigvater, Friedefürst, der am Kreuz des Fluches ein Paradies aufschloß, sterbend den Tod ertödtete, begraben der Hölle den Sieg entriß, aus der Welt hinausgestoßen eine Gemeinde in ihr sich versammelt, welche die Pforten der Hölle und die Lügenmächte der Welt nicht mehr können aus dem Wege räumen.“ Und der Mann, m. th. Z., will deine Seele nicht verderben, sondern gibt seine Seele dahin, daß Er aus dir einen seligen Menschen mache, einen Erben des Lichtes in göttlicher Herrlichkeit – was du aber ohne Ihn bist und ohne Ihn ewig bleibst? frage dich das, antworte dir ehrlich und wähle das beste Theil!

O Gotteslamm, unschuldig am Kreuzesstamm geschlachtet,
Allzeit erfunden geduldig, wiewohl du warst verachtet:
All‘ Sünd‘ hast du getragen, sonst müßten wir verzagen –
Erbarm dich unser, o Jesu! Amen.

Segenswunsch.

Der Gott und Vater unsers HErrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes – Er verkläre seinen Sohn in eurem Geiste als den Hirten und Bischof eurer Seelen, der eure Sünden opferte an seinem Leib, auf daß ihr, heil geworden durch seine Wunden, der Sünde sterbet und lebet der Gerechtigkeit. Amen.

September 1, 2019

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