Bomhard, Georg Christian August – Am 1. Advent.

Gelobt – o du, der du voll Gnade und Wahrheit einst aus des Vaters Schooße zu uns gekommen bist – gelobt sei dein hilfreiches, gnädiges Kommen in diese Welt der Sünde, des Elends und des Todes! Gelobt sei noch heute dein liebevolles Wandeln unter uns in der Knechtsgestalt eines Menschensohnes und doch zugleich in der Kraft und Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater! Was wären wir ohne dein gütiges Kommen, ohne deine Erbarmung und Hilfe? Und was sind wir nun, was sollen wir in deinem himmlischen Reiche werden, wenn wir dich kennen und lieben und in dir unsere Seligkeit suchen! – Nimm, König der Ehren, nimm heute auf’s Neue die Herzen der Deinigen zu einem Opfer hin, das da lebendig, heilig und dir wohlgefällig sei! Und laß deine Fürsorge für unsere unverwelkliche Wohlfahrt, laß die gnädigen Wirkungen deines Geistes an uns allen neu werden, uns immer reichlicher segnen in dem neuen Jahre des Heils, welches heute über uns aufgeht! Mache uns dir getreu, zeuch uns mit deiner starken Gnadenhand dir nach ins himmlische Jerusalem, und hilf uns, daß uns allen deine Verheißung erfüllt werde: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben!“ Amen.

Du willst weder Brandopfer noch Sündopfer; da sprach ich: siehe, ich komme, im Buche ist von mir geschrieben; deinen Willen, mein Gott, thue ich gerne, und dein Gesetz hab ich in meinem Herzen. Ich will predigen die Gerechtigkeit in der großen Gemeinde; siehe, ich will mir meinen Mund nicht stopfen lassen, Herr, das weißest du!“ Diese merkwürdigen Worte des vierzigsten Psalmes sind von jeher von allen erleuchteten Kennern der heiligen Schrift für eine unzweifelhafte Weissagung von dem Messias angesehen worden, ja für ein Versprechen, welches der, so da kommen sollte, selbst dem Vater gegeben und durch Davids Mund Jahrhunderte vor seiner Erscheinung im Fleische den Menschen kund gethan hat. Und gewiß mit dem entschiedensten Rechte, wenn anders der Vorgang eines vom Geiste Gottes regierten Apostels uns die sicherste Unterweisung zum richtigen Verständnisse des alten Testamentes ist. Denn Paulus selbst ist es, welcher Hebräer am zehnten uns lehrt, diese Stelle des Propheten als eine Vorausverkündigung Christi von seiner Zukunft zu dem menschlichen Geschlechte zu verstehen. „Darum, heißt es dort, als er in die Welt kommt, spricht er: Opfer und Gaben hast du nicht gewollt, den Leib aber hast du mir zubereitet – nämlich zu einem dir gefälligen Opfer – Brandopfer und Sündopfer gefallen dir nicht. Da sprach ich: siehe, ich komme, im Buche stehet vornehmlich von mir geschrieben, daß ich thun soll, Gott, deinen Willen.

Wer fühlt nicht den hohen Sinn, die köstliche Bedeutung dieser Worte im Munde des eingeborenen Sohnes? Wer wollte nicht ihrer Wahrheit und vollkommenen Erfüllung sich freuen? „Brandopfer und Sündopfer gefallen dir nicht,“ spricht hier der ewige Sohn zu dem ewigen Vater; durch sie ist keine Versöhnung der Sünder mit deiner ewigen Heiligkeit und Gerechtigkeit möglich; durch alle übrigen Opfer in der Welt erfolgt keine Erlösung des unglücklichen gefallenen Geschlechts. „Siehe, ich komme“ – herab in die vom Fluch der Sünde belastete, von der Obrigkeit der Finsterniß verwüstete, von den Schrecken des Todes beherrschte Welt, um als ein Mensch unter den Menschen zu leben und als das allein gültige Opfer für die Sünder zu sterben. „Im Buche steht von mir geschrieben“ – deine Güte und Treue hat mich schon den ersten Menschen im Paradiese tröstend verheißen, den Erzvätern bin ich verkündiget worden, die Propheten geben von mir weissagend Zeugniß bis zu der Zeit meiner Erscheinung, alle Brandopfer und Sündopfer Israels sind nur ein Schatten und Vorbild des rechten Opfers, das durch mich gebracht werden soll. „Deinen Willen, mein Gott, thue ich gerne“ – deinen gnadenvollen Rathschluß von Anbeginn her zur Erlösung der Menschen vollende ich mit Freuden, deinen heiligen Willen erfülle ich anstatt und zum Besten der sündigen Sterblichen in Unsträflichkeit und Vollkommenheit; ihm will ich im Thun und Lassen, Wirken und Dulden gehorsam, gehorsam bis zum Tod am Kreuze sein. „Denn dein Gesetz hab ich in meinem Herzen. Ich will predigen die Gerechtigkeit – die vor Gott gilt – in der großen Gemeinde, ich will mir meinen Mund nicht stopfen lassen, Herr, das weißest du!“ Ich will dich verklären auf Erden und vollenden das Werk, das du mir gegeben hast, daß ich es thun soll, bis du mich bei dir selbst wieder verklären wirst mit der Klarheit, die ich bei dir hatte ehe die Welt war.

Das ist der erhabene Sinn dieser Weissagung, m. Z., wie St. Paulus uns anzeigt. Und wann könnte uns mehr geziemen, derselben eingedenk zu sein, als in dieser Zeit, welche der frohen Erinnerung an die Ankunft des Herrn vom Himmel auf dieser Erde, der stillen Vorbereitung unserer Herzen auf die heilige Weihnachtsfeier, der dankbaren Freude über die Erfüllung dieser Verheißung geweiht ist? Was stimmt schöner zusammen, als dieses Wort Christi: „Siehe, ich komme, im Buche steht von mir geschrieben,“ und der Zuruf des Propheten im heutigen Evangelio: „Saget der Tochter Zion, siehe, dein König kommt zu dir?“ So sei es denn dieses ewige Fundament aller unserer christlichen Ueberzeugungen, Freuden und Hoffnungen, dessen wir in dieser unserer ersten heiligen Versammlung im neuen Kirchenjahre wieder gedenken und worauf wir sofort den ersten Vortrag des Evangeliums wieder gründen wollen. Den Anfang eines neuen Kirchenjahres heißen wir euch bedenken. Denn einen sinnvollen Ursprung, eine edle Bedeutung hat diese Anordnung der christlichen Kirche, daß das Kirchenjahr eine andere Ordnung, als das Kalenderjahr hat, daß das Jahr des geistlichen, christlichen Lebens, welches in der Kirche gelebt werden soll, schon wieder neu anhebt, indeß das Sonnenjahr, das Jahr des irdischen Lebens, sich zu seinem Ende neigt. Den Anfang des ewigen Lebens, welches im kurzen zeitlichen Leben durch die Gnade Gottes in uns gepflanzet werden soll, den Sieg, den wir durch Christum über Zeit, Welt und Tod haben, die seligen Hoffnungen, mit welchen die gläubige Seele über die enge Gränze dieser Zeit hinaus in eine unvergängliche von der Gnadensonne Gottes bestrahlte Zukunft blickt – das soll uns das Kirchenjahr andeuten, welches schon neu wird, indeß das andere veraltet und seine letzten trüben Tage zählt. Dem aber, der in der christlichen Kirche uns seine unverwelklichen Wohlthaten schenkt, der einst in dem Namen seines himmlischen Vaters gekommen ist, uns den Tod in das Leben und die kurze mühevolle Prüfungszeit in den Anfang eines bessern Lebens, einer ewigen und über alle Massen wichtigen Herrlichkeit zu verwandeln, dem lasset uns heute dankbar und hoffnungsvoll auf’s Neue unsere Herzen übergeben, und um fromme Gedanken, heilige Vorsätze, ihm gefällige Gesinnungen den Vater bitten in seinem gebenedeiten Namen! B. U.

Evangelium: Matth. 21. 1 – 9.

Nicht ohne die Erleuchtung von oben, nicht ohne die gnädige Erinnerung und Lenkung des heiligen Geistes haben unsere christlichen Vorfahren diese Begebenheit aus dem Erdenleben unsers Erlösers zur öffentlichen Betrachtung an dem heutigen Tage bestimmt und somit an die Spitze des Kirchenjahres gestellt. Denn ein großes, in jeder Rücksicht betrachtenswürdiges Schauspiel eröffnet dieses Evangelium unsern Blicken; einen Reichthum von wichtigen Lehren und Erinnerungen bietet es unserm Nachdenken dar, alle ganz besonders der Zeit angemessen, in welcher wir uns gegenwärtig befinden und vortrefflich dazu geeignet, uns mit würdigen Gesinnungen und Entschließungen in das neue Kirchenjahr einzuführen. Der geräuschvollste und schimmerndste Auftritt in dem öffentlichen irdischen Leben Christi ist es, den uns dieses Evangelium zeiget; der Augenblick, wo derjenige, der bisher immer in Knechtsgestalt vor seinem Volk erschienen war, auf flüchtige Minuten auch seine Hoheit und Königsgestalt etwas offenbar machte, und, zum letztenmal in die Hauptstadt Israels einziehend, zum erstenmal von Tausenden bei seinem rechten Namen sich nennen und feierlich begrüßen ließ. Sie ermahnen, sie rufen auch uns noch mit mächtiger Gewalt, die Stimmen der Ehrfurcht, des Dankes und des Lobes, von welchen damals der Königszug Christi umhallt war. Das wird uns deutlich werden, wenn wir jetzt unter dem Beistande Gottes betrachten:

Was das Advents-Evangelium für den nachdenkenden Christen enthält.

Eine lichtvolle Klarheit hat sich durch die Zeit für uns über jene Begebenheit verbreitet, welche damals etwas Seltsames, etwas Ungewöhnliches und Rätselhaftes selbst für die vertrauten Freunde Christi gehabt hat. Offenbar sind sie bald nachher geworden, die Herzen jener Menschen, die damals alle von den besten Gesinnungen gegen den Sohn Gottes beseelt schienen, und über deren wahre Denkungsart dort jeder andere als der Herzenskündiger leicht getäuscht werden konnte. Bekannt ist uns nun der Sinn des Herrn selbst bei seinem letzten feierlichen Kommen nach Jerusalem, der Weg, den er zur Vollendung der göttlichen Rathschlüsse und zur Erlösung der Menschen jetzt einschlug, die Wendung, welche von dort an sein Erdenschicksal nahm, und worüber auch die Seinigen damals noch ganz irrige Vorstellungen hatten. Mit ganz andern Augen, als jenes Volk, betrachten daher jetzt wir diesen Auftritt in dem Leben unsers Heilandes. Was ist es, das sich unserm nachdenkenden Geiste darbietet, indem wir unsern Herrn bei seinem feierlichen Zuge nach Jerusalem begleiten? Gewiß zunächst:

Eine Warnung vor falschen Hoffnungen auf den Herrn.

Denn erfüllt von solchen falschen Hoffnungen sehen wir beinahe diese ganze Menge, die ihn begleitet. Ist es die Erkenntniß seiner wahren Große und seiner göttlichen Absichten, was sie so zahlreich und ehrerbietig um ihn her versammelt hat? Sind es vom Geiste Gottes erleuchtete Blicke, mit welchen sie so fröhlich und hoffnungsvoll in die Zukunft sehen? Sind es dem Herrn wohlgefällige, von ihm geweckte und bestärkte Wünsche und Erwartungen, die sie von ihm und von seinem Reiche hegen, und die ihre Zungen voll Rühmens und ihren Mund voll Dankens und Lobens machen? Nichts weniger, als dieses. Wir kennen sie wohl, die eiteln Meinungen der damaligen Juden von dem Messias; wir sehen es leicht aus dem nachherigen Verhalten dieser bethörten Menge gegen ihn, daß sie mit ganz unstatthaften falschen Erwartungen ihn damals so freudenvoll nach Jerusalem begleitet hatten, daß von dem, was sie für gut, nothwendig, wünschenswürdig und gewiß gehalten hatten, ihnen nichts erfüllet wurde, ja vielmehr gerade das Gegentheil in allen Stücken erfolgte. Einer glänzenden Wiederaufrichtung des jüdischen Staates glaubten sie mit Gewißheit entgegen sehen zu dürfen, und siehe, die Zeit seines gänzlichen Umsturzes, seiner Vernichtung war schon ganz nahe herbei gekommen; eine Befreiung Jerusalems von der Herrschaft der Römer hatten sie durch Christum gehofft, und siehe, Jerusalem ward von den Römern in Schutt und Asche verwandelt; eine Erhöhung Israels über alle Nationen der Erde hatten sie geträumt, und siehe, es wurde bald darauf tiefer als jemals erniedriget, seiner Hauptstadt, seines Tempels, seines angeerbten Landes beraubt und unter alle Völker zerstreut.

Gibt es eine nachdrücklichere Warnung vor falschen Hoffnungen auf den Herrn? Kann irgend etwas uns deutlicher sagen: „die Hoffnung der Gottlosen wird verloren sein?“ Es ist uns leicht, uns davor zu hüten; er selbst belehrt uns genau und treulich darüber, was unstatthafte Hoffnungen sind, und heißt sie uns meiden. Denn war der Herr Schuld daran, daß damals Unzählige von ihm solche falsche Meinungen hegten und hernach ihre Erwartungen so traurig getäuscht sahen? Hatte nicht seine Wahrhaftigkeit ihnen schon seit mehr als drei Jahren die eigentliche Beschaffenheit seiner Absichten, die richtige Gestalt seines Reiches und seiner Erlösung kund gethan? Hatten die Juden nicht schon die deutlichsten und merkwürdigsten Weissagungen von dem bevorstehenden Unglück Jerusalems, von der nahen Auflösung der jüdischen Staatsverfassung aus seinem untrüglichen Munde gehört? Waren nicht alle seine Lehren, Thaten und Offenbarungen darauf gerichtet gewesen, ihnen den Wahn von einem weltlichen Reiche, von einer irdischen Königskrone des Messias zu benehmen, ihre fleischlichen Hoffnungen zu veredeln, und ihre Gedanken und Blicke, ihr Wünschen und Hoffen nach oben zu lenken?

Nein, nicht der Herr ist Schuld daran, wenn auch unter den Christen noch immer Manche eine falsche Hoffnung auf ihn bauen wollen, die ihnen nimmermehr erfüllt werden kann, wovon vielmehr das traurige Gegentheil erfolgen muß; wenn sie wähnen, ohne wahre Buße die Vergebung ihrer Sünden durch ihn erlangen, wenn sie sich schmeicheln, durch bloße äußerliche Gebräuche und Ehrenbezeigungen schon sein Wohlgefallen, seine Gnade sich erwerben zu können, wenn sie denken, ohne die Wiedergeburt aus dem Geiste, ohne siegreichen Kampf gegen das Böse, ohne ernsten Fleiß in der Heiligung, ohne treue Nachfolge in seinen Fußstapfen von ihm einst in sein himmlisches Reich aufgenommen zu werden. Was ist klarer, als sein Wort: „Ihr seid meine Freunde, so ihr thut, was ich euch gebiete“ – „Darinnen wird mein Vater geehrt, daß ihr viele Frucht bringet, und werdet meine Jünger?“ Was ist ernstlicher, als seine Warnung: „Es werden nicht alle, die Herr Herr zu mir sagen, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen thun meines Vaters im Himmel?“ Ach Christen, warum wollten wir falsche Hoffnungen auf ihn setzen, die uns zerstört und in Traurigkeit verwandelt werden müssen, da es uns so leicht ist, die gerechtesten, die sichersten Hoffnungen auf ihn zu bauen, die uns auf das Herrlichste erfüllt werden sollen in alle Ewigkeit? Warum wollten wir uns zum Zeugniß jenes Spruches machen: „Die Hoffnung der Heuchler ist wie ein Nebel, wie ein dünner Reif von der Sonne vertrieben und von ihrer Hitze verzehret,“ da es nur auf uns ankommt, die Verheißung an uns bestätiget zu sehen, „daß wir durch desselbigen Gnade gerecht und Erben des ewigen Lebens werden nach der Hoffnung;“ „des Frommen Hoffnung wird nicht aussen bleiben;“ „Siehe, den Frommen gibt er Güter, die da bleiben, und was er bescheret, das gedeihet ewiglich!“ „Denen, die mich lieben und meine Gebote halten, thue ich wohl bis ins tausendste Glied.“ Darum enthält das Advents-Evangelium für den nachdenkenden Christen:

Eine Frage – ob wir zu den Gläubigen des Herrn gehören.

Tausende sehen wir ihn hier umringen, die alle äußerlich ihm ergeben und zugethan scheinen, von denen uns auf den ersten Blick dünken möchte, daß sie den Sohn Gottes, den Heiland und Erlöser der Menschen deutlich erkannt haben in seiner göttlichen Hoheit, daß ein lebendiger Glaube an ihn in ihren Seelen wohnt, daß ihre Herzen von Dankbarkeit, Liebe, Bewunderung und Zuversicht gegen ihn durchdrungen sind. Fürwahr, ein lieblicher Anblick für einen Christen, der seinen Heiland liebt, dieser Triumphzug, mit welchem ihn eine frohlockende Volksmenge zu den Thoren seiner Hauptstadt begleitet, dieses freudige, dienstbeflissene Gedränge um ihn her, dieser Eifer ihn zu ehren und sein Lob weit erschallen zu lassen, diese Kleider und grünen Zweige, mit welchen sie ihm seinen Weg schmücken, diese Eintracht, womit alle sich an ihn anschließen, von ihm das Heil Israels erwarten und ihn zum Mittelpunkt ihrer Gedanken, Wünsche und Hoffnungen machen, dieser erhabene Preis Gottes, womit sie den König der Ehren willkommen heißen! Hier endlich scheint aller Widerspruch, aller Haß gegen ihn sein Ziel gefunden zu haben; hier reget sich kein Zweifel des Unglaubens, kein Spott der Bosheit, keine Schmähung des Frevlers; hier hört man nur die Stimme des Lobens und Dankens; hier erscheint der schönste Augenblick in der Geschichte des jüdischen Volkes, wo es sich um seinen ewigen König versammelt, mit ihm den Weg der Wahrheit und des Friedens zu ziehen. – Allein wie verschwindet die liebliche Täuschung und macht ganz anderen Gefühlen Platz, wenn wir von dem Aeußeren auf das Innere, von dem, was vor Augen ist, auf das Herz unsere Aufmerksamkeit richten, wenn wir uns fragen, wie viele unter dieser großen Menge ihm in der That und Wahrheit angehört haben und durch ihn selig geworden sind! Der Gedanke an die Veränderung, welche sich nach wenigen Tagen in den Gesinnungen dieser Volksmenge zeigte, an das tobende Geschrei des Hasses, des Hohnes und der Grausamkeit, womit sie bald darauf Jesum aus den Thoren Jerusalems nach Golgatha begleiteten – das beantwortet uns diese Frage auf eine höchst betrübende Weise, und bezeuget uns: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ Es hieß hier wieder, wie dort auf Sinai der Herr zu Moses sprach, als Israel dem goldenen Kalbe huldigte: „Dein Volk hat sich verderbet; sie sind schnell abgetreten von dem Wege, den ich ihnen gezeigt hatte.

Welch eine ernste Frage, die aus dieser Betrachtung von selbst an unsere Seelen ergeht – ob wir es redlicher mit unserm Erlöser meinen, als jene, ob wir erleuchteter in seiner Erkenntniß, treuer in seiner Liebe sind? Auch wir erzeigen ihm äußerlich Ehre, erklären ihn für unsern Herrn und König, bringen ihm die Opfer unserer Lippen, die Lobgesänge unseres Mundes dar, und fürwahr ein lieblicher Anblick sind die schönen Gottesdienste des Herrn, die christlichen Versammlungen in seinem Namen und zu seinem Preise, die Schaaren der Gläubigen, die an seinen Altären sich mit ihm vereinigen. Aber – „der Herr siehet das Herz an!“ Ihm ist mit einem gleißnerischen Schein, mit bloßer Anbetung des Mundes, mit äußerlichen Ehrenbezeigungen, wovon das Herz nichts weiß, noch nicht gedient; er spricht im hundert und ersten Psalm: „Ein verkehrtes Herz muß von mir weichen, den Bösen leide ich nicht; meine Augen sehen nach den Treuen im Lande, daß sie bei mir wohnen, und habe gerne fromme Diener. Falsche Leute halte ich nicht in meinem Hause, die Lügner gedeihen nicht bei mir.“ Er warnt uns: „Was verkündigest du meine Rechte und nimmst meinen Bund in deinen Mund? So du doch Zucht hassest und wirfst meine Worte hinter dich!“ Darum, mit einer sorgfältigen Prüfung unseres inwendigen Menschen lasset uns ins neue Kirchenjahr hinüber gehen; mit einer gewissenhaften Untersuchung, ob es uns mit unserer Liebe und Ehrfurcht gegen unsern Herrn in der Höhe, mit unserm Trachten nach seinem Reiche ein Ernst ist; mit herzlicher Betrübniß über das unlautere ungöttliche Wesen, welches wir noch in so mannigfaltiger Gestalt in uns finden; mit dem redlich erneuerten Vorsatze, immer mehr Ein Geist mit Christo zu werden, auf daß unsere Freude in ihm vollkommen sein möge. Ja, es enthält dieses Evangelium für uns:

Eine Aufforderung, Christo getreu durch dieses Leben zu gehen.

Ein Pilgerzug ist es, den wir in diesem Evangelio sehen; nach Jerusalem, nach dem Hause Gottes, zur frohen Feier des Osterfestes sehen wir diese Schaaren ziehen, in deren Mitte der Herr ist. An unsern eigenen Pilgergang durch diese Zeit, an unser gemeinschaftliches Dahinziehen zu der ewigen Stadt Gottes im Himmel, zu dem schönen Hause, welches die Herrlichkeit Gottes selber erleuchtet, zu dem frohen Feste der Auferstehung und Verklärung, das unserer wartet – daran finden wir uns hier lebhaft erinnert. Welche sind nun unter jenen Tausenden von Wanderern, die ich dort mit Christo hinauf nach Jerusalem ziehen sehe, welche sind es, die auf einem beglückten vom Herrn behüteten Pfade einher gehen, die ein über alle Massen seliges Osterfest mit ihm feiern werden, deren Füße sich durch ihn wahrhaft auf Wegen des Friedens befinden? Ihr nur, das kann keine Frage sein, ihr nur seid es, seine treuen Apostel, die ihr bisher bei ihm beharret habt in seinen Anfechtungen, die ihr auch nachher nicht von ihm gewichen seid, die ihr forthin auf allen euern Wegen bis an euer Ende ihn allezeit mitten unter euch, tief in euern gläubigen Gemüthern gehabt und durch ihn die Welt überwunden habt! Von euch allein unter jenen Tausenden wissen wir gewiß, daß euer Geist nun ohne Aufhören den Herrn erhebt und sich Gottes seines Heilandes freuet, der große Dinge an euch gethan hat; euch preisen wir selig, darum daß ihr in Christo geblieben seid und Christus in euch! Ihr Pilger Gottes, die ihr noch heute durch das dunkle Thal hinauf nach dem himmlischen Jerusalem ziehet und droben ein Fest der Erlösung und unsterblicher Freuden zu feiern hofft, sehet hier, mit wem ihr wandern, mit wem ihr in unverbrüchlicher Treue fest vereinigt bleiben müsset, wenn euer Pfad ein richtiger Pfad sein und euer Warten einst frohe Erfüllung werden soll. Er ist noch mitten unter uns alle Tage bis an der Welt Ende, der wunderbare König, unter dessen Schutz, an dessen starker Hand einst die Apostel solch einen Weg des Ruhmes und des Friedens durch diese Zeit gemacht und das Ende ihres Glaubens davon gebracht haben, der Seelen Seligkeit. Mit ihm lasset uns durch unsere Prüfungszeit gehen und durch nichts uns ihm ungetreu machen lassen! Ach wir sehen es: „alle, die von dir weichen, werden umkommen;“ aber „die ihm vertrauen, erfahren, daß er treulich hält, und die treu sind in der Liebe lässet er ihm nicht nehmen.“ Das sei unsere Freude, daß wir uns zu ihm halten und unsere Zuversicht auf den Herrn Herrn setzen, daß wir verkündigen all sein Thun: „leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ Enthält doch dieses Evangelium für uns auch so deutlich:

Eine Hinweisung auf die Majestät unsers Erlösers.

In einer erhabneren äußerlichen Gestalt, in einem glänzendern Aufzuge, als sonst, begibt sich der Herr zum letztenmale nach Jerusalem, zeigt er sich am nahen Schlusse seiner Erdenlaufbahn noch einmal den Augen seines Volkes und den vielen Fremdlingen, die sich damals zu Jerusalem aufhielten. Zwar auch jetzt noch ist es keineswegs das Gepränge eines weltlichen Herrschers, mit dem er einherzieht, nicht der eitle Glanz eines irdischen Königes, der ihn umgibt und den Blicken einer neugierigen Menge ein unnützes Schauspiel darbietet. Von dem Geräusch der Waffen, von dem Getöse kriegerischer Instrumente, von dem Schimmer des Goldes und des Purpurs, von der Begleitung der Vornehmen und Gewaltigen, von dem Gefolge einer gewaffneten Heerschaar ist nichts in diesem Zuge zu sehen.

Und doch ist es ein schönerer königlicher Zug, mit welchem er kommt, als jemals ein Großer dieser Welt in die Hauptstadt seines Landes gehalten hat; doch deutet alles, was wir an ihm selbst und um ihn her erblicken, auf eine Hoheit, eine Majestät hin, welcher nichts Irdisches beikommt, und kündigt einen König an, dessen Gleichen in allen Ländern der Welt und in allen Königreichen nicht zu finden ist, vor welchem sich bücken müssen alle Höhen, zu welchem die Hände aufhebt die Tiefe, dessen Krone allein eine unverwelkliche und dessen Scepter ein ewiges Scepter ist. Diese Posaunen des Ruhmes, die aus den tiefsten Fernen des Alterthums vor ihm her erschallen und ihm seinen Weg bereiten; diese Stimmen aus der Höhe, Wunder des Allmächtigen, Verheißungen des Allgütigen, Weissagungen des Treuen und Wahrhaftigen, die seit vielen Jahrhunderten alle auf diesen großen Zeitpunkt hingedeutet haben und sich jetzt alle zu der Verkündigung vereinigen: „Saget der Tochter Zion, siehe, dein König kommt zu dir!“ – Diese Palmzweige, die seine Bahn schmücken und den Gang des ewigen Versöhners und Friedefürsten bezeichnen; dieser Lobgesang, der um ihn her erschallt, dessen begeisterte Worte unverkennbar dem verheißenen Erlöser der Welt gelten; diese Schaar seiner treuen Apostel um ihn her, alle mit den Waffen des Geistes gerüstet, vor denen der Thron der Obrigkeit der Finsterniß zusammenbrechen wird, die größere und bewundernswürdigere Eroberungen machen werden, als jemals das Heer irgend eines Weltbezwingers gemacht hat – schon dieses ist genug, uns das Kommen eines Königes zu zeigen, dessen Gewalt, Ehre und Herrschaft, so hoch der Himmel über der Erde, über alles Vergängliche erhöht ist. Gedenken wir aber an die Beweise seiner Herrlichkeit, die dieser König selbst seit seiner Erscheinung der Welt gegeben hat, an die Lehren, wodurch er seine Weisheit, an die Thaten, wodurch er seine Macht, an die Segnungen, wodurch er seine Liebe, an die Heiligkeit, wodurch er seine Vereinigung mit dem Vater bewiesen hat; an die Absicht, in welcher er kommt, als ein ewiger Hohenpriester vor Gott zu versöhnen die Sünde des Volkes; schauen wir in die Zukunft, auf die seligen Folgen, welche sein Kommen für Millionen unsterblicher Seelen in Zeit und Ewigkeit gehabt hat und unaufhörlich haben wird; erheben wir unsere Augen auf das unsichtbare Gefolge, welches seinen Zug nach Jerusalem begleitet, auf die Geister der Propheten und längst entschlafenen frommen Väter, die mit ihm wandeln, auf die glänzenden Schaaren der Engel, die mit ihm sind, um seine letzten Thaten und Leiden und die Vollendung des göttlichen Rathschlusses zu unserer Erlösung zu sehen – was läßt sich betrachtenswürdigeres für uns denken, was sind die prunkvollsten Triumphzüge irdischer Herrscher gegen dieses Kommen des Königs aller Könige und Herrn aller Herren? Wie rufet uns hier alles zu: „Der Herr ist groß und hoch zu loben, und seine Größe ist unaussprechlich! Ihr Völker, bringet her dem Herrn Ehre, bringet Ehre und Geschenke seinem Namen! Betet an den Herrn im heiligen Schmuck! Saget unter den Leuten, daß der Herr König ist, und hat ein Reich bereitet, so weit die Erde ist, und zugerichtet, daß es bleiben soll. Himmel, freue dich, und Erde, sei fröhlich, und lasset rühmen alle grünen Bäume im Walde!“ Ja „Es müsse dir gelingen in deinem heiligen Schmuck! Zeuch einher der Wahrheit zu gute, und die Elenden bei Recht zu behalten, so wird deine rechte Hand Wunder beweisen!“ Und so enthält denn das Advents-Evangelium für uns unstreitig noch schließlich:

Eine Aufforderung, einzustimmen in jenen Lobgesang.

Wie auch immer die Gesinnungen jener gemischten Menge gegen Christum gewesen sind, das läßt sich nicht läugnen, ein schöner, der Feier dieser Begebenheit vollkommen angemessener Lobgesang war es, mit welchem sie den Sohn Gottes und des Menschen Sohn dort verherrlichten. Eine Aufforderung zur Wiederholung desselben geht durch alle Geschlechter und Zeiten; ein froher Widerhall desselben muß noch heute und so lange die Erde steht in den Versammlungen der Gläubigen, in den Tiefen jedes Christenherzens erklingen. Daß wir gerührt in ihn einstimmen, daß wir mit seinem süßen Klang im Herzen durch alle Tage unserer Pilgerzeit wandern und einst das Ende derselben froh begrüßen mögen, dazu empfängt uns dieser Lobgesang beim Eintritt in das neue Kirchenjahr, deßwegen ertönt mit dem Anfang der Adventszeit in allen christlichen Kirchen: „Hosianna dem Sohne Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

So rief einst, von dunkeln Ahnungen erfüllt und von einer geheimen Gewalt des Geistes Gottes getrieben, Israel, ohne den ganzen Sinn dieses Wortes zu verstehen. Was wird uns geziemen, denen achtzehn Jahrhunderte ein immer größer, immer prachtvoller werdendes Zeugniß von Christi Majestät gegeben haben, denen seine Person und sein Wort in immer reinerer Herrlichkeit leuchtet, je mehr die Erfüllung der Zeiten sich nahet? Ihr, die ihr euch des hellen Scheines der Erkenntniß freuet, den Christus in eure Herzen gegeben hat, die ihr in ihm allein das Licht der Welt erkennet und euch glücklich preiset, durch ihn von der Obrigkeit der Finsterniß errettet und in sein Reich der seligmachenden Wahrheit versetzt zu sein: lobet den, der uns von Gott zur Weisheit gemacht ist, und bringet ihm euer dankbares Hosianna dar! Ihr, die ihr durch sein unschuldiges Leiden und Sterben Friede mit Gott gefunden habt, euch alle eure Sünden vergeben und alle eure Gebrechen geheilt seht, die ihr euch glücklich preiset, in ihm einen Versöhner und Fürsprecher bei Gott zu haben, lobet den, der uns von Gott zur Gerechtigkeit gemacht ist, und bringet ihm euer dankbares Hosianna dar! Ihr, die ihr durch sein Wort, durch sein Vorbild, durch seinen Geist, durch seine Versöhnung Kraft zur Verneuerung im Geist eures Gemüthes empfangen habt, Kraft zu verläugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste und züchtig, gerecht und gottselig zu leben in dieser Welt, die ihr euch glücklich preiset, durch ihn aus Kindern des Verderbens wieder Kinder Gottes geworden zu sein: lobet den, der uns von Gott zur Heiligung gemacht ist, und bringet ihm euer dankbares Hosianna dar! Ihr, die ihr in des Lebens Angst und bittern Schmerzen seine süßen Tröstungen empfunden habt, und von Gefahr, Noth und Tod umgeben euch selig preiset, durch ihn wiedergeboren zu sein zu einer großen lebendigen Hoffnung, zu einem unvergänglichen, unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das behalten wird im Himmel: lobet den, der uns von Gott zur Erlösung gemacht ist, und bringet ihm euer dankbares Hosianna dar!

Ja, geliebte Christen, es gibt kein lieberes Geschäft, keine süßere werthere Pflicht für die gläubige Seele, als das Lob des Herrn, den Erd‘ und Himmel preiset, das Einstimmen in das Hosianna und Halleluja, welches ihm von Menschen und Engeln, von sterblichen und von verklärten Lippen, im finstern Thale und im himmlischen Jerusalem gebracht wird, „Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster; des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen.“ „Gesegnet ist die Stunde, darin man dein gedenkt!“ Seien sie uns hiezu willkommen und gesegnet, die schöneren Stunden unserer Zeit, die uns im neuen Kirchenjahre im Hause des Herrn versammeln werden! Sei es, wenn auch oft ein gedrücktes, ein sorgenvolles, von manchem Kummer, von manchen Vorwürfen gebeugtes Herz, doch allemal ein glaubenvolles, ein dem Herrn ergebenes, ihn suchendes, ihn liebendes und lobendes, ein seiner Herrlichkeit sich freuendes Herz, mit welchem wir in seinen Vorhöfen erscheinen und unser Bitten und Flehen, Loben und Danken, vor sein Angesicht bringen! Sei es ein stilles Hosianna, was beim Anhören seines Wortes, seiner Lehren, Strafen, Verheißungen und Tröstungen jedesmal durch alle Tiefen unserer Seelen klinge, uns hinaus in die Welt begleite, und weder unter dem Geräusch ihrer Eitelkeit, noch unter dem Druck ihrer Leiden in uns verstumme! Sei es, wenn wir in unsern letzten Stunden sein sanftes Kommen merken und seinen liebevollen Gruß vernehmen: „Ich will kommen und euch zu mir nehmen, auf daß ihr seid, wo ich bin“ – sei es unser dankbarer Gegengruß: „Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ Amen.

September 1, 2019

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