Bomhard, Georg Christian August – Am zweiten Sonntag des Advents.

Nur wer dich kennet und liebet, du ewiger Brunnquell der Wahrheit und des Lebens, du starker Hort und Helfer der Deinen – wer sich im Glauben treu mit dir vereiniget und auf deine Verheißungen, auf deine Gewalt und Gnade seine beste Zuversicht setzet: der nur wird das köstliche Ding eines festen Herzens erlangen; der wird nicht mehr irre gemacht durch die wechselnden Meinungen der Menschen; der sieht sein Glück, seinen Frieden unerschüttert bleiben, wenn auch die Erde wanket und bebet und der Himmel Kräfte sich bewegen; der sieht mit Verlangen deiner Zukunft entgegen und tritt mit getrostem Christenmuthe vor deinen Richterstuhl; der hebt, wenn diese Welt vergeht, sein Haupt hoffend zu dir auf, darum daß seine Erlösung sich nahet. O Herr, welch ein unschätzbares Gut ist für uns arme Sterbliche die rechte Erkenntniß deiner Majestät, die Liebe zu dir, die unbewegliche Hoffnung auf dein Heil! Hilf uns, daß wir darin wachsen und zunehmen mögen, so lange wir hier sind! Mache unsere Herzen immer mehr gewiß, ruhig, stark, hoffnungsvoll in dir, der du allein unsere Stärke und unsere Zuflucht bleibest ewiglich! So werden wir allezeit dein theuer werthes Wort an uns bestätiget finden: „Meinen Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt; euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“ Amen.

„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöthen, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenn gleich die Welt untergienge und die Berge mitten ins Meer sänken; wenn gleich das Meer wüthete und wallete und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. – Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muß vergehen, wenn er sich hören läßt. Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakob ist unser Schutz! Sela.“ Es ist ein großer, kühner Sinn, der in diesen Worten des sechs und vierzigsten Psalmes sich ausspricht – ein erhabenes herrliches Gottvertrauen, die Ruhe eines frommen Gemüthes in den Vaterarmen des Allmächtigen, was sich hiemit zu erkennen gibt. Was läßt sich fürchterlicheres denken, als die Dinge, von denen der Verfasser des Psalmes hier redet – die Schrecken eines Erdbebens, die mit diesem wüthenden und wallenden Meere, mit diesen wankenden und fallenden Bergen so deutlich uns vorgestellt werden? Wo umringen den Menschen größere Gefahren und Nöthen, als unter solchen gewaltsamen Erschütterungen der Natur? Was läßt sich durch Menschenklugheit und Stärke weniger aufhalten, ändern und abwenden? Wann müßte sich der Sterbliche seiner Ohnmacht und Hilflosigkeit mehr bewußt sein? Was drohet allen unsern äußerlichen Besitzungen und Gütern und unserm Leben selbst einen gewissern und schnellern Untergang? Wir haben Schilderungen von denen, die als Augenzeugen solche schauervolle Ereignisse erlebten; sie stimmen einmüthig darin überein, daß unter allen übrigen Naturbegebenheiten an Entsetzen nichts damit verglichen werden kann, daß große Erdbeben ganz von denselbigen Erscheinungen begleitet sind, von welchen nach dem Zeugniß der Schrift das nahe Ende der Welt angekündigt werden wird; daß der blutige Schein der Sonne, die den Tag in Nacht verwandelnde Finsterniß, das Leuchten der Flammen, die aus den Wolken herab und aus der Tiefe herauf fahren, das donnernde Getöse, das Brausen der Meereswogen, das Zittern, Wanken und Fallen der Berge – sie stimmen überein, daß dieses alles zusammen die vollkommenste Vorstellung von dem Einbruche des jüngsten Tages in der Seele erwecket.

„Wir aber, sagt der Prophet, fürchten uns nicht, wenn gleich die Welt untergienge und die Berge mitten ins Meer sänken; wenn gleich das Meer wüthete und wallete, und von seinem Ungestüm die Berge einfielen!“ Ist es nicht ein allzu kühnes stolzes Wort, das er hiemit redet? Gränzt es nicht an eitle Ruhmredigkeit, an Vermessenheit, wessen hier der Bewohner des Staubes sich rühmet? Wo sollte dem schwachen Sterblichen solch eine Stärke und Unerschrockenheit herkommen? Was hat die arme Erde und Asche für einen Schutz, für eine Zuversicht, um solchen Schrecknissen unverzagt trotzen zu können? –

Der fromme Verfasser des Psalmes beantwortet uns diese Fragen zur vollen Genüge; er zeigt uns, daß es nicht thörichter Leichtsinn, nicht strafbare Anmaßung, nicht ein kindisches Prahlen mit einem in der Gefahr dahin schwindenden Muthe ist, was ihm diese getrosten Worte in den Mund gegeben hat. „Gott, sagt er, ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöthen, die uns getroffen haben: der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakob ist unser Schutz.“ Gewiß, wenn er uns diese Zuversicht als die Quelle seines Muthes, seiner die Welt verachtenden Tapferkeit nennt, so können wir nichts dagegen einwenden, so müssen wir ihm Recht geben, so begreifen wir die Möglichkeit und die Hoheit einer solchen Gesinnung. Wer sagen kann: „der Herr ist mein Licht und mein Heil,“ der kann auch hinzu setzen: „vor wem sollte ich mich fürchten?“ Wer sich’s bewußt ist: „der Herr ist meines Lebens Kraft,“ der darf auch mit der höchsten Unerschrockenheit und Siegesfreudigkeit fragen: „wovor sollte mir grauen?“

Gibt es nun eine Gesinnung, die wir uns unter den mancherlei Beängstigungen und Gefahren dieses Lebens herzlicher wünschen möchten, als diese? Halten wir nicht alle einen allezeit getrosten Muth, eine auf Gottes Macht und Gnade gebaute Nutze der Seele für ein großes Gut? Fühlen wir nicht alle tief die Wahrheit und Bedeutung jenes schönen Spruches: „Es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde?“ Wohlan, lasset uns darüber nachdenken, worin diese köstliche Festigkeit des Herzens besteht und wie gewiß sie niemals dem fehlen kann, dessen Zuversicht und Stärke der Herr ist. Die Worte des sechs und vierzigsten Psalmes, an die wir euch jetzt erinnert haben, stehen in einem genauen Zusammenhange mit unserm heutigen Evangelio, und wenn dort der Fromme spricht: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöthen, die uns getroffen haben; darum fürchten wir uns nicht, wenn gleich die Welt untergienge und die Berge mitten ins Meer sänken,“ so hören wir in unserm Evangelio den Herrn uns ermahnen, selbst unter den Schrecknissen des jüngsten Tages getrost unsere Häupter aufzuheben, darum daß unsere Erlösung sich nahet. Mögen alle das können! Wir bitten Gott darum in dem Gebete seines lieben Sohnes. Vater unser rc.

Evangelium: Luc. 21, 25 – 36.

Fürchterliche Dinge sind es, von denen der wahrhaftige Mund Christi in diesem Evangelio redet. Ueber der Zukunft schweben seine Gedanken; schreckliche Veränderungen, die auf Erden bevorstehn, schaudervolle Ereignisse im ganzen Gebiete der Natur zeigt seine Allwissenheit den Seinigen in den Fernen der Zukunft. Es fehlt zwar nicht an Auslegern, die in dieser Rede des Herrn nur eine Weissagung von dem Untergange Jerusalems und von den traurigen Umständen zu finden meinen, von welchen dieses Ereigniß begleitet war. Es ist indessen ohne Zweifel weit vorzuziehen, nach dem Vorgang des ganzen christlichen Alterthums diese Rede Christi vielmehr von dem Ende der Welt und von seiner zweiten Zukunft zum Gerichte zu verstehen. Der ganze Zusammenhang spricht dafür. Doch mag man sich für die eine oder für die andere Ansicht dieser Worte Christi entscheiden, soviel ist gewiß, Zeiten der allgemeinen Roth, der Furcht, des Jammers und des Schreckens sind es, die er hier vorausverkündiget, und Unerschrockenheit, Gelassenheit, feste Ruhe der Seele, frohe Hoffnung auf ihn und auf ihre nahe Erlösung ist es, was der Herr auch in solchen Zeiten von den Seinigen fordert. Kann nun der Christ allezeit, selbst unter dem Druck des härtesten Schicksals und unter den furchtbaren Vorboten der letzten Veränderung, die dieser Erde oder doch ihm selber bevorsteht, diese Ermahnung seines Erlösers befolgen, diese Sündhaftigkeit der Seele beweisen? Gewiß, der Glaube, der wahre christliche Glaube vermag das, und hat es unzähligemal schon bewiesen. Wir werden uns hievon leicht überzeugen, wenn ich euch unter dem Beistande Gottes jetzt kürzlich darstelle:

Das feste Herz des gläubigen Christen.

„Es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade“, sagt die heilige Schrift. Was versteht sie unter einem festen Herzen, und warum nennt sie es ein köstlich Ding? Sie versteht darunter ein Gemüth, welches das unveränderliche Ziel seiner höchsten Wünsche, die Aufgabe und Absicht seines Daseins in Gott gefunden hat, welches all sein Hoffen, fein ganzes Glück allein auf den unbeweglichen Felsen, auf Gott gründet und bauet; das nun durch keinen Sturm des Schicksals, durch kein Drängen und Treiben der Welt, durch kein Locken der Lust, durch kein Schlagen und Verwunden des Unglücks, durch kein Widersprechen der Menschen, durch kein Zweifeln des Verstandes sich mehr irre und wankend machen läßt; ein Gemüth, das im höchsten zeitlichen Glück mit einem Paulus denkt: „Ich achte es alles für Koth und achte es für Schaden, auf daß ich Christum gewinne und in ihm erfunden werde“; und das im tiefsten zeitlichen Leide mit einem Assaph spricht: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ Diesen Muth, welcher die Welt überwindet, diese Ruhe der Seele, welche durch keine Unruhe der Zeit mehr zerstört werden kann, erlangt der Mensch nur durch den christlichen Glauben, und auch durch diesen nicht auf einmal, sondern durch lange treue Gewöhnung und Uebung. Wohl oft hat vorher das Gemüth gewankt, bis es endlich diese Festigkeit gewann, wohl manche Unruhe hat das Herz bewegt, bis es endlich diesen Frieden fand; wohl mancher andere Grund ist vorher treulos eingestürzt, bis die Seele endlich auf diesen Felsen ihr ganzes Hoffen gebaut hat. Ist aber der Christ durch die Erkenntniß seines Erlösers und durch die Liebe zu ihm, ist er durch die Gnaden-Wirkungen des heiligen Geistes so weit gekommen, steht er auf diesem festen Berge des Glaubens, so erquickt ihn dort, wie Moses auf dem Berge Nebo, ein heller Blick in die Herrlichkeit des verheißenen Landes, so fühlt er sich erhaben über den unruhvollen Wechsel irdischer Dinge, und weit entfernt von Gram und Unmuth über die Flucht der Zeit und Vergänglichkeit dieser Welt, sehnt er sich vielmehr abzuscheiden und daheim zu sein bei dem Herrn, welches viel besser wäre. Doch lasset uns das feste Herz des gläubigen Christen näher betrachten. Wir sagen von ihm zunächst:

Sein Glaube hängt nicht von den Meinungen der Menschen ab.

Was ist beweglicher, veränderlicher, unaufhörlicheren Berichtigungen und Läuterungen unterworfen, als Menschenwort, Meinung und Weisheit? Wer fühlt sich nicht von Erstaunen und Bewunderung, aber auch von einer gewissen Wehmuth bewegt, wenn er die Anstrengungen bedenkt, mit welchen der menschliche Geist von jeher nach Wahrheit gerungen hat, die Bemühungen, welche die ausgezeichnetsten Denker unter allen Völkern von Alters her daran gewendet haben, die höchsten Gegenstände unserer Wißbegierde aus eigener Kraft zu erkennen, und etwas Gewisses, Klares, Unwandelbares darüber aufzustellen? Wie seltsam und betrübend ist es, die Widersprüche zu sehen, welche die Weisen nach dem Fleische in den wichtigsten Dingen einander entgegen setzen, die Kämpfe, die sie unter sich führen, die Lehrgebäude, die von diesen aufgeführt, von jenen gestürzt werden, die Grundsätze, die eine Zeit bewundert und eine andere anficht und verwirft, die Irrthümer, welche die nachfolgenden Geschlechter in den Einsichten und Erkenntnissen der früheren entdecken – das Ungewisse, Schwankende, einer immer fortschreitenden Berichtigung und Ergänzung Bedürftige, welches auf dem Gebiete der Wissenschaft sich zeiget? Wehe uns, wenn, diese Wechsel, Schwankungen und Ungewißheiten auch in unsern heiligsten Erkenntnissen und Ueberzeugungen Statt finden sollten, wenn wir fürchten müßten, die künftigen Tage möchten als Irrthum nachweisen, was uns die erhabenste, theuerste, beglückendste Wahrheit ist! Wehe uns, wenn es das Wort der Menschen, wenn es Menschenrath und Meinung wäre, worauf unser Glaube beruhte! „Der sterblichen Menschen Gedanken sind mißlich und ihre Anschläge sind gefährlich!“

Preis dem Herrn! Was auch ungewiß, schwankend, der Veränderung und Verbesserung fähig sein mag auf Erden – unser Christenglaube ist das nicht! Denn dieser beruhet einzig und allein auf dem Worte Gottes. „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht.“ So spricht der König der Wahrheit im heutigen Evangelio. So haben sich seine Worte seit achtzehnhundert Jahren bewiesen; so stehen sie noch heute in ihrer ganzen unerschütterlichen Wahrheit, Hoheit, Gültigkeit und Majestät da und werden so von allen erleuchteten und gottliebenden Seelen erkannt; so werden sie sich noch ferner beweisen in alle Ewigkeit. Wie freuet sich der Christ des untrüglichen, unwandelbaren Wortes, welches ihm derjenige gesagt hat, der aus des Vaters Schooße kam! Wie ruhig, fest und glücklich fühlt sich sein Herz im Besitze dieses theuer werthen Evangeliums! Wie unbesorgt und gelassen blickt er auf den Streit der Meinungen, auf den Kampf der Parteien, wovon die Welt immer bewegt wird, und weiß, daß das Heiligthum seines Glaubens davon nicht erschüttert, nicht berühret werden kann. Streitet euch, ihr Gelehrten, um das Eine, was Noth ist; forschet, ihr Weisen dieser Welt, nach der heiligen Wahrheit, als ob sie noch nicht geoffenbaret wäre, zweifelt, ihr Sadduzäer, an den erhabensten Offenbarungen Gottes, und verwerfet sie mit großer Unverschämtheit; stellet, ihr scharfsinnigen und hochmüthigen Geister, Untersuchungen aus eigener Vernunft an über das Wesen der Gottheit, über die Natur und Bestimmung des Menschen, über Hohes und Tiefes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, Himmel und Hölle – stellet darüber Untersuchungen an wie ihr wollet, und bringet heraus, was ihr könnet; bauet auf und reißet nieder, suchet euch hier einen Meister und dort einen, bewundert heute diesen und morgen jenen als den Inbegriff aller Weisheit! Ich aber, spricht der Christ, habe nichts zu fürchten von eurem Suchen und Zweifeln, Annehmen und Verwerfen, Bauen und Einreißen; ich gedenke an jenes liebevolle tröstliche Wort meines Erlösers: „Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erden, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen geoffenbart; ja Vater, es ist also vor dir wohlgefällig gewesen!“ Ich fühle und erfahre die Richtigkeit seiner Erinnerung: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger, und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen;“ „So Jemand will deß Willen thun, der mich gesandt hat, der wird inne werden, ob meine Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selber rede.“ Ich spreche mit Paulus: „Ich weiß, an wen ich glaube, und bin gewiß, daß er mir meine Beilage wohl bewahren wird bis an jenen Tag.“ Ich befolge den Rath des Apostels: „Lasset euch nicht mit mancherlei und fremden Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade!“ – Ja, fest ist das Herz des gläubigen Christen; denn, bemerken wir ferner:

Sein Glück beruht nicht auf der Welt.

Voll ist zwar diese Erde von Gütern und Annehmlichkeiten mancher Art, die etwas Schmeichelhaftes, etwas Glänzendes und Lockendes für den Menschen haben, in denen der Fromme schmecket und siehet, wie freundlich der Herr ist; einen unermeßlichen Reichthum der mannigfaltigsten Gaben bieten uns die Kreaturen dar, einen unerschöpflichen Schatz der angenehmsten Genüsse, der willkommensten Verheißungen scheinen sie für uns zu enthalten. Allein nur das Herz des unerfahrenen Thoren läßt sich dadurch täuschen. Was ist ungewisser, mehr dem Wechsel, der Vergänglichkeit unterworfen, als jedes äußerliche Gut? Was ist trüglicher und flüchtiger, als irdische Freuden? Ist auch unter allem, was sichtbar ist, ein Gut zu finden, welches zuverlässig, bleibend, wahrhaft beglückend genannt werden könnte? Waltet nicht über diesem allen, und zwar desto mehr und fühlbarer, je näher es mit dem Menschen in Beziehung kommt, mit unerbittlicher Strenge das Gesetz der Veränderlichkeit, der Vergänglichkeit? Ist nicht Jugend, Gesundheit und Schönheit, Ruhm und Ehre bei der Welt, Reichthum und Ansehn, und selbst das süße Glück, welches wir im Besitz und in der Liebe der Unsrigen empfinden, immer vom Verlust bedroht, gewiß über ein Kleines dem Aufhören unterworfen? Hat nicht diese Welt auch ein furchtbares Heer von unzähligen schmerzlichen Uebeln aller Art, die einer großen Zahl von Menschen fast alles äußere Wohlbefinden verwehren, die jedes Erdenglück drohend umringen und es oft plötzlich in Jammer verwandeln, die uns mit erschütternder Stimme die Wahrheit predigen: „Es ist alles ganz eitel?“ O merkwürdige Warnung der Weisheit: „Rühme dich nicht des morgenden Tages, denn du weißt nicht, was heute noch sich begeben wird!“ O täglich neu werdende Erfahrung Hiobs: „War ich nicht sicher, war ich nicht fein stille, hatte ich nicht gute Ruhe? Und kommt mir nun solche Unruhe!“ Wehe dem, dessen Glück auf den Kreaturen beruhet! Sein Herz kann keine wahre Ruhe finden, sein Haben ist schon ein Verlieren, sein Besitz ist ein täuschender Traum, sein Glück ist ein fallend Laub; „denn das Wesen dieser Welt vergeht!“

Aber das Glück des gläubigen Christen beruht auf dem Unsichtbaren, nicht auf dem Sichtbaren, auf dem Ewigen, nicht auf dem Zeitlichen, auf Gott, nicht auf der Welt. Darum ist sein Herz ein festes, und sein Friede erhöht über die Angriffe der Zeit und des vergänglichen Wesens. Er kann sagen: Fliehet von mir, wenn es so sein muß, ihr angenehmen Güter und Freuden der Erde – ich habe nicht in euch meinen Frieden gesucht, so werdet ihr ihn auch nicht mit euch dahin nehmen! Bringet her, ihr Menschen, wenn es nicht anders sein soll, Verachtung, Haß, Verfolgung, Bitterkeit – es wird schmerzen, aber ich habe nie von eurer Gunst mein Heil erwartet, darum könnet ihr mir’s auch nicht rauben! „Sei du mir nur nicht fürchterlich, Gott meine Zuflucht in der Noth!“ Wendet euch alle gegen mich, wenn es Gottes Rathschluß so fordert, ihr scharfen Pfeile des Unglücks, des Schmerzes, der Noth und Bedrängniß, rauschet heran, ihr furchtbaren Wellen und Wogen der Trübsal – ich werde mich wohl tief gebeugt fühlen, aber ich habe mein Glück nicht auf den Sand, sondern auf einen Felsen gebaut, darum wird es wohl bleiben! Selbst wenn erscheint, wovon der Herr im heutigen Evangelio redet, und was allem irdischen Glück, aller Herrlichkeit des Fleisches ein schnelles Ende macht, wenn Zeichen geschehen an Sonne, Mond und Sternen und der Himmel Kräfte sich bewegen werden, wenn das Meer und die Wasserwogen brausen, wenn die Menschen verschmachten vor Furcht und Warten der Dinge, die da kommen sollen auf Erden, und heulen alle Geschlechter auf Erden – selbst dann ist es nicht mein wahres Glück, dem eine Gefahr droht, selbst dann kann ich getrost sagen: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöthen, die uns troffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenn gleich die Welt untergienge und die Berge mitten ins Meer sänken; wenn gleich das Meer wüthete und waltete und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind; Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie wohl bleiben, Gott hilft ihr frühe. Die Heiden müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muß vergehen, wenn er sich hören läßt. Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakob ist unser Schutz!“ – Fest ist das Herz des gläubigen Christen; denn:

Seine Gerechtigkeit steht nicht in seinen eigenen Werken.

Soll unsere Hoffnung auf Gott nicht eitel, soll unser auf seine Gnade gebautes Glück nicht ein Traum sein, so müssen wir gerecht vor ihm erfunden werden, so müssen wir durch ihn selbst versichert sein, daß nicht sein Zorn, sondern seine Gnade über uns waltet, daß nicht die Strafen, sondern die Freuden seiner Ewigkeit auf uns warten. Ernste Betrachtung – bedenkliche Untersuchung, die uns hier entgegen tritt! Ein Gesetz des Herrn ist uns vorgeschrieben, welches alle Kräfte unseres Wesens, alle Augenblicke unserer Zeit, alle unsere Werke, Worte, Gedanken und Empfindungen ohne Unterlaß in Anspruch nimmt, unter seine strengen Forderungen stellt, welches wir vollkommen zu erfüllen schuldig sind, da dem vollkommenen Gott kein Stückwerk genügen kann, welches den Fluch seinen Uebertretern droht. Das wissen wir, sobald wir nur einigermassen das Wort Gottes verstehen und auf die Stimme unsers Gewissens merken gelernt haben. Ein Herr in der Höhe wachet über die Vollziehung dieses Gesetzes, ein Herr, dessen Augen offen stehen über alle Wege der Menschenkinder, der nicht getäuscht, nicht bestochen, nicht geschreckt noch zurückgewiesen werden kann, der die Heiligkeit und Gerechtigkeit selbst ist, der uns erforschet und kennet, unendlich besser, als wir selber uns kennen. Eine Rechenschaft wartet auf uns, in welcher an’s Licht kommen, was im Finstern verborgen ist, und der Rath der Herzen offenbar werden soll, eine Rechenschaft von jedem unnützen Worte, das wir geredet haben. Ein Gericht steht uns bevor, in welchem ein Jeglicher empfahen soll, je nachdem er bei Leibes Leben gehandelt hat, es fei gut oder böse gewesen, ein Gericht, welches über ewiges Leben oder ewigen Tod, über unsere Seligkeit oder Verdammniß entscheidet. Fürwahr, das sind Gewißheiten, die den erleuchteten, nachdenkenden, sich selbst recht prüfenden und erforschenden Menschen, dem es mit der Erfüllung des Gesetzes, mit dem Trachten nach dem Himmel ein Ernst ist, in die peinlichste Furcht und Unruhe versenken, ihm den Frieden seiner Tage rauben, ihm jeden nähern Schritt zur Ewigkeit zum Schrecken und Entsetzen machen würden, wenn es seine eigene Tugend und Gerechtigkeit wäre, auf die er sich vor Gott verlassen müßte! Denn was ist gewisser, als daß der Christ immer deutlicher seine Unvollkommenheit erkennt, je mehr das Licht des heiligen Geistes seine Augen erleuchtet; immer unzufriedener mit sich selbst wird, je ernstlicher er nach dem Beifall Gottes trachtet; immer lebhafter seine Schwachheit fühlt, je mächtiger die Kraft des Herrn in ihm wirket; immer demüthiger sich vor dem Herzenskundiger beuget, je gewisser das Werk seiner Heiligung im Zunehmen begriffen ist? Damm weiß er nichts von jener Selbstgenügsamkeit, von jenem pharisäischen Vertrauen ans seine eigene Gerechtigkeit, wovon die unwissende und ungeheiligte Seele des Unchristen gewöhnlich so voll ist, und welches so kläglich zu Schanden weiden wird vor dem Herrn am Tag seiner Zukunft.

Aber darum lernt der Christ von Tag zu Tag immer inniger und dankbarer sich desjenigen freuen, der, nachdem er die Reinigung unserer Sünden durch sich selbst gemacht hat, sich gesetzt hat zu der Rechten der Majestät in der Hohe, der an unserer Statt das Gesetz vollkommen erfüllt hat und dessen Gehorsam nun den Gläubigen von Gott zugerechnet wird, der den Fluch des Gesetzes von uns abgewendet hat, da er ward ein Fluch für uns. Für ihn nun, den gläubigen Christen – bei aller seiner Kenntniß des Gesetzes und der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes, bei aller seiner Ehrfurcht davor, bei all seinem tiefen Gefühl seiner Unwürdigkeit und Sündhaftigkeit – für ihn hat das Furchtbarste, was es für den Sünder gibt, das Gericht Gottes, der Tag der Rache und Vergeltung über die Uebertreter, keine Schrecken mehr. Er fühlt: „Nun wir denn sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Friede mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christum.“ Er kann sagen: Rede immerhin, mein Gewissen, deine ernste erschütternde Sprache; tretet auf, ihr traurigen Erinnerungen an die Sünden meiner vergangenen Jahre; zeuget wider mich, ihr Menschen, gegen die ich mich verfehlt habe, ihr täglichen Schwachheiten und Untugenden meines Herzens, gegen die ich mit Seufzen noch kämpfe; beleuchte, o Gesetz des Herrn, mit deinen hellen erschreckenden Strahlen meine durchwandelten Pfade und mein Innerstes; enthülle vor meinen Augen deine furchtbare Herrlichkeit, Richterstuhl Gottes; ficht die Seele an, Verkläger der Menschen! Ich werfe mich in den Staub nieder vor dem Angesicht meines Gottes; ich kann an keine Entschuldigung und Rechtfertigung durch mich selbst denken – aber ich zittre nicht, ich verzage nicht! „Wir werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade, durch die Erlösung, so durch Jesum Christum geschehen ist, welchen Gott hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blute;“ „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hie, der gerecht macht! Wer will verdammen? Christus ist hie, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher sitzt zur Rechten Gottes und vertritt uns!“ „Wir sind abgewaschen, wir sind geheiliget, wir sind gerechtfertiget durch den Namen unsers Herrn Jesu Christi und durch den Geist unsers Gottes.“ – Fest ist deßhalb das Herz des gläubigen Christen; denn, wie hieraus erhellet:

Sein Freund ist kein Sterblicher.

Auf Freunde traut und baut der Mensch, mehr als er selbst sich’s bewußt ist; von der Einsicht, von der Macht, von dem Wohlwollen seiner Freunde hofft er gar Vieles. Und das ist an sich nicht zu tadeln; es ist uns das tief in unsere Natur gepflanzt, ist eine Einrichtung Gottes selbst, der unser Herz zur Freundschaft gebildet hat und durch die treuen Gefährten unsers Lebens uns des Guten unzähliges erzeigt. Auf die Berathung und Fürsorge zärtlicher Eltern stützt sich die hilflose Kindheit; an Freundesherzen schließt sich die Jugend an mit allem Feuer und Vertrauen der früheren Jahre; Freunde sollen uns die mühevollen Tage des männlichen Alters erleichtern und verschönern; von Freundeshänden hofft der schwache Greis Unterstützung und Pflege, sanfte Leitung auf dem rauhen letzten Pfade. Brauche ich es jedoch erst zu sagen, wie wenig man oft auf menschliche Freunde sich verlassen kann, wie bitter sich das vertrauende Herz öfters von ihnen getäuscht sieht, wie unweise öfters ihr Rath, wie schädlich ihr Beispiel, wie kalt ihre Theilnahme, wie wandelbar ihre Neigung, wie falsch ihre Liebe ist? Und seien sie noch so erprobt, noch so weise, noch so redlich und liebevoll gegen uns – was ist es um alle unsere menschlichen Freunde? Seid uns mit herzlicher Liebe gegrüßt, mit Empfindungen des wärmsten Dankes vor Gottes Angesicht gerühmt und gesegnet, ihr befreundeten Seelen, deren Liebe uns oft so glücklich macht, deren Verhalten gegen uns ein unaufhörlicher Beweis der schönen Wahrheit ist: „Ein treuer Freund ist ein großer Trost des Lebens, ein treuer Freund ist mit keinem Geld noch Gut zu bezahlen, wer Gott fürchtet, der kriegt solch einen Freund!“ Aber ihr seid allzumal irrsam, ohnmächtig, wandelbar, sündlicher Natur, hinfällig, sterblich, wie wir; ihr seid gar oft alle nur leidige Tröster! Wehe uns und euch, wenn wir keinen weiseren, mächtigern, heiligeren, hilfreicheren, unwandelbareren Freund hätten, als einen armen vergänglichen Menschen!

Heil uns, wir haben, wir haben diesen bessern Freund, der das Herz fest macht, der uns immer einen gewissen Rath, eine sichere Zuflucht, einen mächtigen Trost, eine unfehlbare Hilfe gewährt! Du bist dieser Freund, o mein Jesus! spricht die gläubige Seele; du erlaubst mir zu dir zu sagen: „Mein Freund ist mein und ich bin sein!“ Dieser gibt mir nie einen falschen Rath, denn er ist das Licht der Welt, in ihm sind verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntniß Gottes. Dieser ist nie ferne von mir, denn er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende. Dieser ist nie zu schwach mir zu helfen, denn ihm ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Dieser wird nie ungeduldig über mich, denn „barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte;“ „das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen.“ Dieser ändert sich nicht, denn „Jesus Christus gestern und heute, und derselbige auch in Ewigkeit!“ Dieser wird mich nie verläugnen, denn: „Wer mich bekennet vor den Menschen, den werde ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Dieser stirbt mir nicht; er spricht vielmehr: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ – Weil der Christ einen solchen Freund hat, wie sollte er nicht das köstliche Ding eines festen Herzens haben? Weiß er doch durch diesen Freund gewiß:

Seine Erlösung wird nicht ausbleiben.

Auf Befreiung von gegenwärtigen Uebeln hofft der Mensch unter dem Drucke des Elends; nach kommenden besseren Tagen blickt er sehnend hinaus, um sich über seine Leiden zu trösten. Wird der Christ in dieser Hoffnung sich täuschen? Er weiß: „das Warten der Gerechten wird Freude werden.“ Was zeigt der Herr den Seinigen im heutigen Evangelio mitten unter den schauderhaften Erscheinungen, von welchen das Ende der Welt wird begleitet sein, mitten in dem wilden Tumulte der Elemente, der sich bewegenden Kräfte des Himmels, der von Gottes Allmacht zerstört und erneut werdenden Natur, mitten unter den Seufzern, Aengsten und Thränen der vor Furcht und Warten der Dinge, die da kommen sollen, verschmachtenden Menschen auf Erden? Was zeigt er ihnen? Ach etwas unaussprechlich Tröstliches! Ein großes Licht der Freude läßt er ihnen aufgehn mitten in dieser Finsterniß; eine glanzvolle Aussicht in die Zukunft eröffnet er vor ihren Augen; ein seliges Wort, welches unendlich mehr ausdrückt, als wir jetzt zu fassen vermögen, in welchem alle Reichthümer der göttlichen Gnade, alle erfüllten Weissagungen des Treuen und Wahrhaftigen, alle gekrönten Hoffnungen unserer Sehnsucht, alle Wunder der Allmacht und Liebe, die noch an uns sollen offenbar werden, alle Süßigkeiten des ewigen Lebens, alle Wonnen des Himmels enthalten sind, ein solches Wort spricht er hier zu den Herzen der Seinen. „Wenn solches alles ansähet zu geschehen“ – wenn alles zittert, wanket, bricht und fällt, wenn die Schrecken Gottes auf Sturmesflügeln durch die Welt rauschen und Engel der Rache ihre vollen Zornesschalen ausgießen über die Länder, wenn die Verzweiflung ihren Scepter über alles Lebendige auszustrecken und rings umher nur Verderben, Tod und Untergang zu herrschen scheint: dann, o meine Geliebten: „Sehet auf, hebet eure Häupter auf, darum, daß eure Erlösung sich nahet!“ Ich bin es, der da kommt, euch eure Fesseln abzunehmen, euern Kerker aufzuschließen, eure Thränen abzuwischen, euer Warten in Freude, eure Sehnsucht in Entzücken zu ,verwandeln – ich bin es, der da kommt, euch in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes im Himmel zu führen!

O selige Verheißung, bald wirst du uns erfüllet sein! Ja Christen, sei auch der große Tag des Herrn noch ferne, der Tag unsers Todes, der Tag unserer Erlösung von allem Uebel ist nahe. Mögen es furchtbare Zeichen sein, die diesen Tag uns anmelden, mögen noch bange Schauer das schwache Herz durchbeben, indem es brechen soll – wir wollen an das Wort denken: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöthen, die uns troffen haben!“- Wir wollen das sterbende Haupt zu unserm geliebten Heilande erheben, gewiß, daß unsere Erlösung sich nahet. Wir wollen uns trösten: „der Herr ist nahe, sorget nicht!“

Ja, Herr, du führest sie heran
Die Stunde der Erlösung,
Die Stunde, da ich hoffen kann
Trost, Freiheit und Genesung;
Da Engeln gleich
Im Himmelreich
Ich ewig werde leben
Mit Herrlichkeit umgeben. Amen.

September 1, 2019

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