Brodersen, Carl Wilhelm – Das Vaterunser

Eine Neujahrs-Predigt gehalten am Neujahrstage 1857.

Herr! Du lässest unsere Jahre dahinfahren, wie einen Strom; – aber dein Wort bleibt ewiglich! Amen.

Darum halten wir uns an diesem Worte, um von diesem Worte gehalten zu werden, denn die Zeit eilt, als flögen wir davon. Es ist das allein Feste in der steten Bewegung, es ist das allein Unbewegliche in dem vielbewegten Leben, es ist das allein Unvergängliche in dem vergänglichen Leben. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen: so spricht der, der nicht aus sich selber redete, sondern aus Gott, Gottes Wort. Es ist die Wurzel, welche den Baum des Lebens hält, wenn der Wind der Zeiten die Blüthen der Jugend abbricht und die Früchte des Alters abwirft; es ist der Anker, an welchem das Schiff des Lebens ruhig liegt, wenn die Wellen der Jahre sich vorüberwälzen, wenn die Wogen der Zeit das Leben in den Abgrund ziehen; es ist der Felsen, auf welchen das Haus des Lebens fest gegründet ist, so daß denen, die darauf bauen, nichts schaden kann, weder die Stürme, wenn sie brausen, noch die Wasserwogen, wenn sie herandrängen. Das ist das Wort, das ist das Wort Gottes, das allein Feste in dem stets bewegten Leben, das allein Unvergängliche in dem vergänglichen Leben; es bleibt, wenn Alles geht; es bleibt mit seinen Gaben und Gütern, mit seinem Geist und seiner Kraft, es löscht alle Trübsal aus und erfüllt das Herz mit der Freude, die vollkommen ist; es tilgt alle Schuld aus und giebt den Frieden, den die Welt nicht nehmen kann; es streichet alle Zahlen durch und wir sind in dem ewigen Leben, das da währet für und für.

Das ist von dem Worte Gottes gesagt, und fragt Jemand, von welchem Worte Gottes das gesagt ist? Von keinem Worte besonders, sondern von allem Worte insgesammt; denn in dem Worte ist ein Geist, sein Geist, der Geist Gottes, Gott selber, und er bleibet wie er ist und seine Jahre nehmen kein Ende.

Unsere Jahre nehmen ein Ende und Ein Jahr unseres Lebens hat heute wiederum sein Ende genommen und seinen Anfang bekommen. Wir sind heute als die, die heute eine bedeutende Strecke des Lebens zurückgelegt haben, welche die Länge unseres Lebens zugemessen ist, und wiederum als die, die heute eine bedeutende Strecke des Weges vor sich liegen sehen, daß sie ihn wieder durchwandern sollen.

Blicken wir denn noch einmal hinein in die Vergangenheit, an der Hand der Frage: wer hat bis hieher geholfen? Wir selbst allein, wir waren es nicht, sondern die Hülfe des Herrn war es; bis hieher hat der Herr geholfen, und wissen wir, welche seine Hülfe war und wie sie es immer war in guten und in bösen Tagen, in Verlockungen zur Rechten und zur Linken, im Uebermuth und im Unmuthe, in der Freiheit und in der Knechtschaft, und in allen Fährlichkeiten des innern und des äußern Lebens, und wissen wir, daß sie es war, daß die Hülfe des Herrn es war, die den Fuß bewahrte, den Arm stärkte, die Brust fest machte gegen alle Anläufe der Widerwärtigkeit und das Haupt im Sonnenglanz erhielt, wenn auch der Fuß in Ungewittern wandelte, dann können wir die Vergangenheit nur abschließen mit dem Dank, der ihm gebührt.

Das ist die eine Seite unseres Thuns hier im Gotteshause: opfere dem Herrn Dank und bezahle dem Höchsten deine Gelübde, der dich gerettet hat aus großer Gefahr und ist dein Arm gewesen und deine Stärke, dein sicherer Hort und großer Schild.

Und da hätten wir wohl genug zu thun, wollten wir ausreden allen den Dank, der ihm gebührt. Können wir denn nur zählen die Güte aller seiner Werke, die der Herr an uns gethan hat, wie er reich gewesen ist im Geben und Vergeben, in der Weisheit und in der Langmuth, womit er uns getragen in allen unsern Tagen. Nicht ausreden können wir es, aber hineinreden wollen wir es, auf daß es also ist, wie die Worte sagen: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat.

Aber fortwandern sollen wir, fortwandern von einem Tag zum andern. Ein neues Jahr liegt vor uns, ob wir des Jahres letzten Tag auch sehen werden? Ein Ruhetag ist uns heute gegeben und ein Tag der Ruhe ist immer auch ein Tag der Sammlung, daß die Kräfte wieder gesammelt werden, daß der Muth wieder angefacht werde, daß der Eifer mit neuem Geiste wieder erfüllt werde. Was dazu geschehen muß, lassen wir uns das von einem Worte Gottes gesagt sein, welches wir als einen Wegweiser an den Eingang des Weges stellen, um damit den Weg zu richten, um die Steige desselben eben zu machen. Wir lesen dieses Wort in dem Evangelio des

Lucas 21, v. 36.

Und es ist nun nicht also, daß ihr euch Alle dafür haltet; es sei gut, wenn es so wäre, wie die Worte sprechen: Seid wacker allezeit, seid tüchtig allezeit, seid stark und mächtig allezeit und würdig zu entfliehen diesem Allem, was da geschehen soll, geschehen kann und geschehen wird, auf daß wir in Allem überwinden und von Keinem überwunden werden, ob es auch der letzte Feind des Lebens wäre. Haben wir Erfahrungen aus der vergangenen Zeit vor Augen und im Herzen, dann wissen wir auch den Kampf, den wir abermals werden zu kämpfen haben und der durch das ganze Leben hindurchgeht, und daß es darum gut sei, wacker zu sein und rüstig zu sein, wohl ausgerüstet zu sein mit Allem, um zu entziehen dem Allen, was geschehen wird und zu stehen vor des Menschen Sohn, ob unsere Zeit dann kommen wird zu stehen vor ihm als die, die da gekämpft haben den guten Kampf des Glaubens und sind nicht müde geworden.

Seid wacker allezeit und betet und das Gebet ist es, welches so große Dinge thut, und wir lassen denn unsern Ausgang in die unbekannte Zeit, unsern Eingang in den wohlbekannten Kampf geschehen mit einem in unserer Betrachtung vorgelegten

Vaterunser.

I.

Auf der rechten Höhe des Lebens stehen, das räumet ihr ein, das müssen wir, um von da aus das rechte Ziel des Lebens stets vor Augen und im Herzen zu haben und das Gebet bewahrt uns auf der rechten Höhe des Lebens: Vaterunser der Du bist im Himmel. Wir gehören nicht allein der Erde an, nein, wir gehören auch dem Himmel an, wir gehören nicht allein der Welt an, nein, wir gehören auch Gott an, wir sind Gottes Eigenthum, wir sind göttlichen Geschlechts, unser Wandel soll im Himmel sein. Sind wir Erlöste, so sind wir auch frei geworden zu der schönen Freiheit der Kinder Gottes im Lichte; sind wir Versöhnte, so haben wir einen Gott im Himmel und er ist der rechte Vater über alles was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden; unser Leben ist verborgen mit Christo in Gott; wir sehen sein Angesicht und es steht uns lebenslang vor Augen und im Herzen, wir schauen seine Freundlichkeit und seine Leutseligkeit und sie bewahrt uns im Lichte, auf daß wir auch im Lichte wandeln; wir sehen seinen Ernst und seine Güte, seinen Ernst an denen, die da fallen, und seine Güte an denen die in seiner Güte bleiben; wir wissen in ihn, welche wir sind, wir leben, wir weben und wir sind in ihm und stehen auf der rechten Höhe des Lebens.

Eine Zeit liegt vor uns und wir kennen sie nicht; wir wissen nicht einmal was heute ist, wie wollen wir wissen, was morgen sein wird. Wie eine Nacht liegt sie vor uns, aber wir dürfen sie nicht durchschlafen in der Trägheit des Geistes, die nicht bedenkt, was er thun soll; wir dürfen sie nicht durchträumen, in Täuschungen des Lebens, welche die Wahrheit aus den Augen rücken. Darum seid wacker allezeit, der Hüter Israels der schläft und schlummert nicht, vor ihm ist dunkle Nacht wie heller Tag, und das kommende Jahr gleich dem, das da war. Er weiß alle Dinge, er hat alle unsere Tage auf sein Buch geschrieben, ehe derselbigen noch einer war; er hat alle unsere Wege mit Weisheit gezogen, ehe wir noch den Fuß auf unsern Weg richteten; er hat Ziele gesetzt, wohin wir wandeln sollen, und hat uns vorgesteckt das Ziel der himmlischen Berufung, und wir bewahren dasselbige vor unsern Augen und im Herzen, und es kommt uns nimmer aus den Augen, es bleibt uns immer in unsern Wegen, wenn wir allezeit wacker sind und beten, ohn Unterlaß beten: Vater unser, der Du bis im Himmel; das Gebet bewahrt uns auf der rechten Höhe des Lebens.

II.

In der rechten Arbeit des Lebens sein, das räumt ihr ein, ist für uns nothwendig, und in der rechten Arbeit des Lebens bewahrt uns das Gebet: Geheiliget werde Dein Name; denn ich bin der Herr euer Gott, darum sollt ihr euch heiligen, denn ich bin heilig, daß ihr heilig seid in allem euren Wandel, jaget dem Guten nach. Auch begreifen wir es bald, daß wir nicht bloß essen um zu leben, und leben um zu essen, und um des Einen oder um des Andern willen die Arbeit unseres Lebens haben. Unser Ziel ist höher, darum unsere Arbeit auch tiefer, wir haben sie an unserem eigenen Herzen und an allen Kräften, die inwendig in unserm Leben sind, auf daß sie wachsen in dem der heilig ist, daß sie zunehmen in der Wahrheit, daß sie rein werden in der Liebe, daß sie christliche werden in Christo und göttlich in Gott. Und diese Arbeit hört nimmer auf, sie kehret immer wieder. Wir sind noch nicht, was wir sein sollen, die Sünde klebt uns immer an und daß „noch fern vom Ziele“ sehen wir am allermehrsten dann, wenn wir das Ziel selber vor Augen haben, welches heißt: ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, ihr sollt vollkommen sein, wie der Vater im Himmel vollkommen ist.

Eine neue Zeit für diese Arbeit liegt wieder vor uns, erkennen wir sie und unseren Beruf in ihr. Der Beruf bleibt, ob wir ihn kennen oder nicht kennen, die Zeit kommt, ob sie günstig oder ungünstig ist. Viele nennen sie eine aufwachende Zeit, Andere eine einschlafende Zeit, Viele nennen sie eine fortschreitende, Andere eine rückschreitende Zeit. Und freilich ein Stillstand ist nicht möglich, weder in der Zeit noch im Leben, sie schreitet fort und das Leben in ihr, und wieder kommt die Arbeit. Sorgen wir, daß sie die rechte Arbeit sei, keine vergebliche, keine unnütze, keine unnöthige Arbeit, welche die Kräfte verzehrt im Dienste der Eitelkeit und des vergänglichen Wesens, welche das Leben trennt und die von einander trennt, die da berufen sind in einer Gemeinschaft zu sein; welche Freude sucht und Traurigkeit findet, welche auf Lohn hofft und keinen andern Lohn findet, als die Traurigkeit der Welt, welche der Tod wirket. Nein, in der rechten Arbeit muß die Zeit uns finden, wachsam und wacker und eifrig, daß der Name Gottes, der an ihm selber heilig ist, auch bei uns geheiligt werde, und in allen Gedanken und Sinnen des Herzens, in allem Wollen und Vollbringen des Guten, in allem dem was lieblich ist und wohllautet, in allem dem was ein Lob und eine Tugend ist, daß wir ihm nachjagen, und wir werden es, wenn wir allezeit wacker sind und beten und ohne Unterlaß beten: geheiliget werde Dein Name; das Gebet bewahret uns in der rechten Arbeit des Lebens.

III.

In dem rechten Begehren und Verlangen des Lebens zu bleiben, haltet ihr nicht für überflüssig und wir bleiben in dem rechten Verlangen des Lebens, wenn wir beten: Dein Reich komme zu uns. Sammelt der Jahreswechsel gern die Sorgen des vergangenen Lebens, so zerstreuet er sie auch ebenso gerne in der Zukunft schöneren Erwartungen, wie Vieles das alte Jahr aufgebürdet hat und wie Vieles es unerfüllt gelassen hat, das soll das neue Jahr abnehmen und erfüllen, Neujahrswünsche sind allgemein, sie gehen vom Munde zum Munde, vom Herzen zum Herzen, sie sind des Jahreswechsel erste Gedanken, ihr Recht und ihre Pflicht. Wissen wir aber auch, was wir begehren, was wir verlangen und was wir wünschen? An eitlen Wünschen ist das Leben reich; es gleicht dem Wanderer, der jede Blume pflücken will, die am Wege steht, und achtet nicht der Dornen, die unter den Füßen sind, oder des Ziels, ob es sich auch aus den Augen verliert. Was wünscht nicht das menschliche Herz, vor welchem das Leben noch ausgebreitet liegt in der Welt und ihrer Herrlichkeit, und welches sich in seiner Eitelkeit um vieler Entbehrungen wegen berechtigt hält, immer neue Erwartungen für die Zukunft aufzuhäufen, ob sie erfüllet werden.

Eine neue Zeit liegt vor uns, ein neues Jahr, und wider unsere Natur sind die Wünsche nicht, es möge das bisher Ertragene abgenommen und die schwere Last erleichtert werden, es möge das Kranke gesund und das Schwache stark werden, es möge das Verlorene wiedergefunden und das Zerfallene wieder ausgeglichen werden und Allen geöffnet sein ein angenehmes Jahr. Hüten wir uns; viele Wünsche, heißt es, sind das Grab der Zufriedenheit, und wollen wir denn selbst dieses Gab uns gaben und nicht vielmehr dasselbige zuwerfen mit dem rechten Verlangen, mit dem rechten Begehren: Dein Reich komme zu uns. Größeres und Umfangreicheres wünschen können wir nicht, denn im Reich Gottes ist Alles, Alles ist euer heißt es da. Es besteht nicht in Worten,, sondern es besteht in der Kraft, und wo Kraft ist, da ist Muth, und wo Muth ist, da ist Freudigkeit, und wo Freudigkeit ist, da ist im Herzen Leben und volle Genüge. Die Heiligen des Höchsten, heißt es, sie werden das Reich Gottes einnehmen, und sie werden es immer und ewiglich besitzen; es ist unvergänglich, und unvergänglich sind die, welche das Bürgerrecht in diesem Reiche haben. Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles Uebrige von selbst zufallen, wiegt denn diese Verheißung nicht leicht alle Arbeit auf und die Frucht der Zukunft, die Mühe, den Baum zu pflanzen? Denken wir jedoch nicht allein an Zukünftiges, das Reich Gottes ist gegenwärtig, es wohnt in jedem Herzen, in welchem der Geist Gottes ist. Ich gebe euch das Reich, ich habe es euch beschieden, gleichwie mir es mein Vater beschieden hat, so spricht der, der es aufgerichtet hat und durch seinen Geist es aufrichtet in allen Denen, die ihn darum bitten. Nehmen wir es, und anstatt mit vielem Begehren und Verlangen das Herz zu erfüllen, das doch unerfüllt bleibt und bleiben muß, legen wir in dieses eine Begehren hinein, die ganze Seele, das ganze Herz, das ganze Gemüth und alle Kräfte, auf daß wir in dem Reiche Gottes zu Hause sind, wie in unserem Hause und lieber noch, als in unserem Hause. Da kann Mangel sein und Noth und Jammer und Schmerz, im Reiche Gottes ist das Alles nicht, darin ist Friede und Freude und Gerechtigkeit, darin ist Weisheit und Wahrheit und rechtschaffenes Wesen, darin ist Liebe und Leben und volle Genüge. Darum seid wacker allezeit und betet, betet ohne Unterlaß Dein Reich komme zu uns; das Gebet bewahret uns im rechten Begehren des Lebens.

IV.

Und nicht am Faden unserer Wünsche geht der Weg durchs Leben hin, wir werden Vieles auch erdulden müssen, Ergebung ist nothwendig und das Gebet bewahret uns in der rechten Ergebung: Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden. Wir hatten es ja nicht Macht und werden es darum auch nicht haben, das Leben zu bewahren, daß es von keiner Anfechtung angefochten werde. Der Faden unserer Wünsche zerreißt oft und leicht, ebenso oft durch unsere Thorheit, die das Rechte nicht siehet, als durch die Weisheit Gottes, die das Rechte allezeit ersiehet. Wollen wir darüber etwa zürnen, um das Herz zu erleichtern, klagen, um die Gewohnheit mit zu machen, seufzen, um das Herz zu beschweren, wollen wir uns darin ergeben, bloß weil wir müssen, und die Freiheit darbringen zu einem Opfer der Knechtschaft, oder wollen wir das Unvermeidliche nicht lieber vermeiden, da wir es doch vermeiden können. Wir denken dabei nicht an die Gleichgültigkeit, die Alles über sich ergehen läßt, oder an den Leichtsinn, der sich über alles hinwegsetzt. Beide Waffen sind stumpf und ohne Ruhm für den, der sie führet. Aber es giebt eine Ergebung, die nicht Schwachheit ist, sondern Kraft, welche das Leben nicht unterdrückt, sondern erhebt, die nicht zürnt, sondern schweigt, die nicht klagt, sondern rühmt, die nicht seufzet, sondern frei aufathmet in der Kraft des Herrn und in der Macht seiner Stärke. So demüthiget euch nun, heißt es, unter die gewaltige Hand Gottes, auf daß er euch erhöhe zu seiner Zeit, und seine Hand ist gewaltiger, als unser Arm, seine Weisheit ist größer, als unsere Thorheit, seine Wege sind nicht unsere Wege, und seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken, sein Wille geschieht im Himmel alle Zeit, von ihm selber, denn er ändert in seinem Sinn und in seiner Weisheit nichts, und von allen, die im Himmel sind, die seinen Willen thun und dem Vater im Himmel loben und preisen, da ist lauter Ordnung, da ist Freude die Fülle und liebliches Wesen zu seiner Rechten ewiglich.

Und auf Erden? Nun eine neue Zeit liegt wieder vor uns, ein neues Jahr. Fragen wir, was es uns geben, und was es uns nehmen wird, was es uns aufzwingen und was es uns entreißen wird, was es uns aus dem Wege räumen und was es uns in den Weg hineinwerfen wird? Mit der Widerwärtigkeit jedenfalls werden wir zu kämpfen haben, mit der aus der Natur, die in uns ist, und mit der aus der Natur, die um uns ist, denn wir haben nicht allein zu kämpfen mit Fleisch und Blut, sondern auch mit den Fürsten und Gewaltigen dieser Welt, die in der Finsterniß der Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Lassen wir uns denn in der rechten Ergebung willig, stark und wacker finden, daß sein Wille, der da geschiehet im Himmel/ auch von uns geschehe auf Erden, daß wir allen bösen Rath und Willen brechen und das unsere liebste Speis sein lassen zu thun den Willen des Vaters im Himmel, auf daß seine Gedanken unsere Gedanken werden und seine Wege unsere Wege sind, seine Gerechtigkeit unser Wandel und sein Wort ein Licht auf unserem Wege und eine Leuchte unseres Fußes. Und dann wird uns auch die Kraft nicht mangeln, die in der Anfechtung nicht verzagt, die in der Widerwärtigkeit nicht klagt, die in der Trübsal nicht matt wird, und in den Schmerzen nicht unterliegt; wir werden dann geben, was Gott giebt, wir werden dann nehmen, was Gott nimmt, und erfahren, was es heißt: seine Gedanken und Wege sind so viel höher, als der Himmel höher ist, als die Erde. Darum seid wacker allezeit, und betet, betet ohn Unterlaß: Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden; das Gebet bewahret uns in der rechten Ergebung des Lebens.

V.

Begegnen wir auch der Sorge, die uns entgegenkommt, die zahlreich uns entgegenkommen, daß wir nicht von ihnen überschüttet werden, sondern daß wir bleiben in der rechten Sorge, und das Gebet thut es, es bewahrt das Leben in der rechten Sorge: Unser täglich Brod gieb uns heute. Die tägliche Sorge um das Tägliche, um das tägliche Brod und um Alles, was zu des Lebens und Leibes Nahrung und Nothdurft erforderlich ist, wir wissen, wie schwer diese auf dem Herzen liegt, gedenken wir nur der vergangenen Tage. Wie manches Herz ist schwer bedrückt gewesen von der Last und Bürde der theuren Zeit, und gleitet sie heute vom Herzen ab, so wälzet sie schon wieder auf das Herz der morgende Tag. So ist es, ein Tag sagt es dem andern und eine Nacht verkündigt es der andern, und ein Jahr weiset diese Sorge in das andere hinüber.

Aber stehen wir auch nur in der rechten Sorge, mit der rechten Weisheit in ihr, und mit der rechten Kraft in ihr? Wir wissen, wie wir sind, wir wissen, wie Menschen sind. Etliche thun in ihr zuviel und bringen nicht allein des morgenden Tages, sondern auch des ganzen Jahres Sorgen über sich zusammen, wie eine schwere Wolke, die über ihrem Haupte hängt, und Etliche thun der Sache zu wenig und fahren mit leichtem Sinn, mit Leichtsinn über die Plage des heutigen Tages dahin, um nimmer eine zu haben. Gehen jene in ihrer Sorge unter, so gehen diese unter in ihrer Sorglosigkeit.

Die rechte Sorge, welche sie ist? Einmal, wir haben sie nicht allein, wir haben sie alle miteinander, und sodann, wir haben sie Alle und ein Jeglicher mit Gott. Alle eure Sorgen werft auf Gott, er sorgt für euch, so heißt es, und hätten wir diese Erfahrung noch niemals gemacht, wir hätten umsonst dann gelebt. Nicht allein die Schrift redet so, nein, auch das Leben redet also, auch hier sagt ein Tag es dem andern: es ist des Herrn Werk und seine Güte höret nicht auf; er speiset Alles, was da lebet auf Erden mit Wohlgefallen. Sorgen wir nur weniger um das Viele, was überflüssig ist, und mehr um das Wenige, was ausreichend ist, und er läßt von dem Worte seiner Verheißung nicht: es soll nicht aufhören Saamen und Erndte, und er bewahret den Tag zur Arbeit und die Nacht zur Ruhe und Erquickung der matten und der müden Glieder. Werfen wir nur das Vertrauen nicht weg, denn es hat eine große Belohnung; es macht die Sorge von der Sorge frei und giebt der Zukunft die Bürgschaft der Vergangenheit; es giebt der Arbeit ihre Erndte und der Barmherzigkeit ihre Saat und vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten. Darum seid wacker allezeit und betet, betet ohn Unterlaß: Unser täglich Brod gieb uns heute! Das Gebet bewahret in der rechten Sorge des Lebens.

VI.

Diese Sorge ist eine gemeinschaftliche; aber befinden wir uns auch nur in der Gemeinschaft? Das Gebot bewahret uns in der rechten Gemeinschaft: Vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern. Und was trennt uns denn, was trennt Menschen von einander also, daß auf dem Gebiete des Lebens wie Worte so reichlich sind von Hader und Zank und Zwietracht und Streit und Uneinigkeit. Es ist die Kurzsichtigkeit, da Jeder nur sieht auf seinen eigenen Weg; es ist die Beschränktheit, da Jeder nur sieht auf das Eigne und nicht auf das, was des Andern ist; es ist die Eitelkeit, da Einer den Andern für niedriger hält, als sich selber; es ist der Eigennutz, da Einer dem Andern nicht einmal das läßt, was sein ist; es ist die Thorheit, welche nach Schaden trachtet, während sie dem Vortheile nachjagt. Aber wir gehen nicht bloß neben einander her auf dem Wege des Lebens, wir sollen auch mit einander gehen, Einer des Andern Hülfe sein, wie Glieder unter einander zusammengefügt, fest in einem Sinn und in einem Geiste.

Eine neue Zeit beginnt, ein neues Jahr, das ist uns allen gemeinschaftlich, aber die Gemeinschaft thut es nicht; wir wissen doch wie bald sich ein jeder zerstreut in das Seine, und wie das neue Jahr doch immer das alte bleibt, wenn nicht das alte aufhört und Alles neu wird.

Die Zeit des Jahreswechsels ist die Zeit der allgemeinen Abrechnung, darum vergesset auch die Abrechnung mit Gott nicht. Er stellet auch seine Rechnung uns, er schreibt sie in das Herz und das Gewissen ein. Lies da und übersehe keinen Titel vom Gesetz, ob auch Alles erfüllt ist; durchstreiche die Rechnung nicht, denn wer seine Missethat läugnet, dem wird es nicht gelingen; sein nur ist es, die Sünden zu vergeben, wer sie bekennt, der wird Barmherzigkeit empfahen; vergieb uns unsre Schuld, das tilgt die Schuld, das löscht aus, was auf dem Buche geschrieben stehet und läßt immer wieder neu werden die Freundlichkeit Gottes des Heilandes, daß wir fröhlich sind in seiner Liebe und uns freuen seiner Herrlichkeit und seiner Gnade.

Und wo die Liebe Gottes im Herzen ist, da ist der Haß der Brüder nicht, da ist Schulderlassung und Vergebung, da gleicht das Ungleiche sich aus, und das Getrennte kommt wieder zusammen, da reichen sie einander die Hand, da öffnen sie einander das Herz, da schwindet die Zwietracht, da weicht der Groll, da ist die Liebe Alles in Allem, das Band der Eintracht und des Friedens, die rechte Gemeinschaft unter einander. Darum seid wacker allezeit und betet, betet ohn Unterlaß: vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern; – das Gebet bewahret uns in der rechten Gemeinschaft.

VII.

Und die Gemeinschaft macht stark, und Stärke der Kraft bedürfen wir, denn wir ziehen hinaus in den Kampf und das Gebet bewahret uns in dem rechten Kampf des Lebens: führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel. Von welchem Übel? Denkt da nicht ein Jeder an das Seine, der an das, der an jenes Uebel des Leibes, der an das, der an jenes Uebel der Zeit. Da ist Krankheit und Schwachheit, da ist Mangel und Noth, die Sorgen gehen immer dem Leben zur Seite; fragt nur die vergangenen Tage, sie sagen es und wissen von dem Kampf zu reden, der gekämpft ist; aber wer da kämpft, der sehe auch wohl zu, daß er recht kämpfe. Und wogegen denn? Gegen das Uebel, und die Versuchung ist das Uebel, das inwendig im Herzen liegt. Ein Jeder wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust gereizt und gelockt wird, darnach, wenn sie empfängt, gebiert sie die Sünde und die Sünde den Tod, das Uebel, welches den Frieden aus dem Herzen nimmt, und den Frieden mit Gott nicht bei dem Herzen bleiben läßt und die Freudigkeit in Gott nicht in dem Herzen sein läßt; das Uebel, welches die Gewissen verwirrt und eine Last auf sie wirft, die sie nicht von sich werfen können; das Uebel, welches die Hoffnung austilgt und tödtet den Keim des Lebens, der in das ewige Leben hineinwächst.

Eine neue Zeit beginnt, ein neues Jahr und in demselben derselbe Kampf mit der Versuchung. Wer ihn gekämpft hat, der kennt ihn, denn er kennt sich und weiß, was im Herzen ist, die Lust, die, wenn sie empfängt, die Sünde gebiert. Und an Empfängniß wird’s nicht fehlen. Wird die Welt weltlicher und das Fleisch fleischlicher und die Zeit eitler, hingegeben in den Dienst der Eitelkeit und des vergänglichen Wesens, dann kann’s an Verführungen nicht fehlen und der Hülfe bedürfen wir und nur von oben kommt sie. Gott versuchet Niemanden zum Bösen, er macht, daß die Versuchung solch ein Ende gewinne, daß wir sie können ertragen; rufe mich an in der Noth und ich will dich erretten und du sollst meinen Namen preisen; mit ihm können wir Thaten thun, mit ihm widerstehen dem Kampfe der Versuchung, mit ihm den Sieg behalten, und einen rechtschaffenen Wandel, und ein gutes Gewissen, und einen starken Geist, der da fortschreitet von einem Siege zum andern Siege, zum Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Darum seid wacker allezeit und betet, betet ohn Unterlaß: führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel; das Gebet bewahret uns im rechten Kampfe des Lebens.

VIII.

Und ist Gott für uns, wer will wider uns sein. Er giebt die Zeit und ist ein Herr der Zeit und lenket Alles in ihr nach seinem Wohlgefallen. Da kommt nichts, was nicht von ihm kommt, da geschieht nichts, was nicht durch ihn geschieht. Er zählt die Jahre zu und ab und hat alle unsere Tage auf sein Buch geschrieben, ehe noch derselbigen einer war. Fürchten wir daher nichts, er will den Tod des Sünders nicht, sondern will daß er lebe, und in seiner Macht steht es, der Kürze unsers Lebens hinzuzumessen die Länge des ewigen Lebens, denn seine Jahre nehmen kein Ende und seine Liebe höret nicht auf. Sorgen wir nur in der Vergänglichkeit unserer Jahre, daß wir uns auch halten alle Zeit auf der rechten Höhe des Lebens, als die Kinder Gottes im Himmel, daß wir bleiben in der rechten Arbeit, in dem rechten Begehren und in der rechten Ergebung des Lebens, daß wir bleiben in der rechten Sorge, in der rechten Gemeinschaft, und in dem rechten Kampf des Lebens und nicht müde werden zu kämpfen den guten Kampf des Glaubens, um zu entfliehen dem Allen, was geschehen soll und was geschehen wird, um würdig zu sein, zu stehen vor des Menschen Sohn ob unsere Zeit dann kommen wird. Wir stellen es ihm anheim, wir stellen es Dir anheim, Vater unser, der Du bist im Himmel; denn Dein ist das Reich, und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

August 31, 2019

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