Burger, Carl Heinrich August von – Am dritten Adventsonntag 1856.

Text: Matth. 11, 2-10
Da aber Johannes im Gefängniß die Werke Christi hörete, sandte er seiner Jünger zween. Und ließ ihm sagen: Bist Du, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten? Jesus antwortete, und sprach zu ihnen: Gehet hin und saget Johanni wieder, was ihr sehet und höret: Die Blinden sehen, und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören, die Todten stehen auf und den Armen wird das Evangelium geprediget; Und selig ist, der sich nicht an mir ärgert. Da die hingingen, fing Jesus an zu reden zu dem Volk von Johanne: Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste zu sehen? Wolltet ihr ein Rohr sehen, das der Wind hin und her wehet? Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen? Siehe, die da weiche Kleider tragen, sind in der Könige Häusern. Oder, was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Propheten sehen? Ja, ich sage euch, der auch mehr ist, denn ein Prophet. Denn dieser ist’s, von dem geschrieben stehet: Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.

Unser Text erzählt uns von beunruhigenden Zweifeln eines geistig großen Mannes, von der Antwort, mit welcher Jesus ihn zufrieden stellte, und von dem Zeugniß, welches Er ihm darnach gab vor allem Volke. Was selbst einen Johannes zu der Frage bringen konnte: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines andern warten?“ ist nicht schwer zu sagen. Nach den großen Erwartungen, zu denen sein eigener göttlicher Auftrag, und was er gesehen hatte bei der Taufe Jesu, ihn berechtigte, erschien der Gang des Werkes Jesu ihm ganz unerklärlich langsam, zögernd, fast entmuthigend für die große Zahl, die einer mächtigen Entfaltung sieghafter Herrlichkeit des Herrn mit gespannter Seele harrte. Sogar Johannes weiß sich nicht darein zu finden, und seine Frage an den Herrn ist eben so sehr bestimmt, sein eigenes Befremden als die Zweifel seiner Jünger aufzulösen, weil er dießmal unfähig ist mit der gewohnten Kraft und Sicherheit sie zu berathen. Was den Johannes anficht, ist seitdem Manchen in Zeiten innerer und äußerer Noth der gläubigen Gemeinde Christi beängstigend auf das Herz gefallen und drängte ihnen in dunkeln Stunden die Frage auf: Sind wir denn wirklich recht berichtet? Ist das, was wir vor Augen sehen, in der That das Reich des Herrn unsers Gottes, Seine Stiftung, die Stätte, da Er Seine Herrlichkeit erweisen, die Er mit Seinen Gaben füllen will? Wie niedrig und armselig erscheint das zersprengte und zerstreute Häuflein der aufrichtigen Bekenner Christi oft gegenüber der Menge derer, die es schmähen oder hassen oder wenigstens sich achselzuckend von ihm wenden? Und fällt die Mißgestalt der Kirche nicht auch auf den zurück, den sie als ihren Herrn bekennt? ist sie nicht wie gemacht, den Glauben an die Zukunft unsrer Sache selber zu erschüttern? Das sind Bedenken, die schon Manchen je und je beschlichen haben mögen; zu denen es an Anlaß heutzutage am allerwenigsten gebricht. Sie drängen mich in unsrer heutigen Betrachtung auf Grund des vorgeschriebenen Textes davon zu sprechen:

Auf welchem Wege wir unser angefochtenes Herz zu beruhigen vermögen, wenn es am Gange des Reiches Gottes irre werden will.

Meine Antwort ist:

  1. Wir müssen Rath und Zuflucht suchen vor allem im Hinblick auf die Person des Herrn selbst;
  2. wir müssen achten aus die entscheidenden Wahrzeichen Seiner Wirksamkeit, die nicht verborgen sind;
  3. wir müssen glauben dem Worte der Propheten, welche von Ihm zeugen.

Herr Jesu, Herr der Herrlichkeit! der Du sprichst: Selig ist, wer sich nicht an Mir ärgert! mache Du unser Herz getrost und stark, daß alle Anfechtung und aller Kleinmuth vor dem Lichte Deiner Wahrheit schwinden wie der Nebel vor der Sonne. Segne Dein Wort dazu auch heute unter uns, und gib ihm Eingang in die Herzen, daß sie in Dir fröhlich werden. Amen.

I.

Will eine Seele Friede finden, welche in Gefahr steht, irre zu werden an dem Gange, den Gottes Reich auf Erden nimmt, so ahme sie vor allem darin dem Johannes nach, daß sie auf Jesum selber ihre Blicke richte. Johannes hatte verhältnißmäßig wenig von dem Herrn gesehen und aus Seinem Mund vernommen; doch war es genug, um sein Vertrauen so an Ihn zu binden, daß er auch mitten in der Anfechtung nirgends Rath und Aufschluß sucht als nur bei Ihm. Nun denn, was dem Johannes wohl anstand und was er vermochte, das sollte uns um Vieles leichter sein. Er stand mit den Bedenken, die seinen sonst so klaren Blick vorübergehend trübten, nur den Anfängen Jesu gegenüber; wir haben auch den Ausgang Seines Weges vor den Augen. Er sah den Herrn nur in Niedrigkeit und unbegreiflicher Verhüllung Seiner Macht und Ehre, erfuhr nur, wie geduldig und gelassen unter Schmähung und Verkennung Er still und langsam Seinen Weg ging, nicht eilte und nicht drängte mit der Geltendmachung Seines Anspruchs an das Volk, das doch berufen war zu Seinem Eigenthume; wie Er um ihren Glauben sich bewirbt mit unerschütterlicher Langmuth, und ihre freie Anerkennung sucht, nicht ihre Sinne blendet oder sie betäubt durch Ueberraschung. Wir wissen noch viel mehr von Ihm. Wir kennen Ihn erniedrigt bis zum Missethätertod am Kreuze, aber auch siegreich auferstanden und erhöht zur Rechten Gottes und erwiesen als königlichen Priester im obern Heiligthume durch die Gaben, die Er über Seine Jünger ausgießt. Wenn nun Sein Volk, die Gläubigen auf Erden, einen Weg gehen müssen, der dem Seinen gleichet, kann uns das ernstlich irre machen und befremden? Hat Er es nicht vorher gesagt? „Der Jünger ist nicht über seinen Meister,“ spricht Er, „noch der Knecht über den Herrn“ (Matth. 10, 24). „Gedenket an Mein Wort, das Ich euch gesagt habe,“ ruft Er uns zu wie einst Seinen Jüngern: „der Knecht ist nicht größer denn sein Herr. Haben sie Mich verfolgt, sie werden euch auch verfolgen; haben sie Mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten. Aber das Alles werden sie euch thun um Meines Namens willen; denn sie kennen den nicht, der Mich gesandt hat“ (Joh. 15, 20. 21). Hier ist uns deutlich an die Hand gegeben, woran wir uns halten sollen, wenn eintrifft, was Er uns vorher gesagt hat. Wir sollen uns nicht wundern, wenn Er Seiner Kirche nicht erspart, worin Er ihr vorangegangen ist mit Thun und Leiden. Ihm wäre es ein Kleines gewesen, die Kräfte des Himmels und der Erde zu bewegen und Seine Gegner zu schrecken mit der Allmacht Seines Willens, daß sie sich zitternd hätten vor Ihm beugen und Seinem Namen angstvoll Ehre geben müssen. Aber solch einen Sieg verschmähte Er, weil Er nicht ihre Unterwerfung suchte, sondern ihrer Seele Leben; weil Er sie nicht richten wollte, das wird Er zuletzt thun, sondern um sie werben, damit Er sie selig machte. Ist die Aufgabe Seiner Kirche bis auf diese Stunde eine andere geworden? Und kann es darum Jemand wundern, wenn sie demselben Widerstand begegnet, den Er erduldet hat, und wenn Er doch nicht eilt aus solchem Widerspruch sie zu erlösen? wenn Er auch ihr das Ziel steckt, langsam mit der Kraft des Sauerteiges die Welt zu durchdringen, damit durch sie gewonnen werden, die seinen guten Herzens sind, wie Er selbst in der Deutung des Gleichnisses vom Säemann sie bezeichnet, und daß an ihr der von Gott abgewandte Sinn der übrigen sich offenbare, auf daß kund werde, was der Herr gesagt hat: „Das ist das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist, aber die Menschen liebten die Finsterniß mehr denn das Licht“ (Joh. 3, 19)? Wer an den Kämpfen, den scheinbaren Niederlagen, dem Widerspruche und der Feindschaft, die den Kindern Gottes, dem Bekenntnisse des Glaubens, dem Zeugniß Christi allezeit begegnet ist und noch begegnet, Anstoß zu nehmen sich berechtigt hält, der gehe mit seinem Anstoß nur sogleich noch weiter und nehme ihn auch an dem Herrn selbst, der auch auf Erden keine Gestalt noch Schöne hatte, von dem auch der Prophet sagt: „Wir sahen Ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte!“ (Jes. 53, 2). Wie aber der Herr trotz alle dem ausruft: „Selig ist, der sich nicht an mir ärgert!“ so sagen wir von Seiner Kirche, die Seinen Namen ehrt, die Sein Bekenntniß festhält und im guten Zeugniß wahren Glaubens sich bewährt, und wenn ihr noch so viele widersprechen: Hier ist kein Grund für Jemand, sich zu ärgern! Sie steht nicht auf der Menschen Beifall oder Willkühr; sie stehet auf dem Namen ihres Gottes; der kann sie wohl schützen, und ihren Weg hat Er ihr vorgezeichnet; die Apostel sind ihn gegangen, die ganze Schrift bezeugt ihn; er heißet: „So wir mit Ihm leiden, so sollen wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden“ (Röm. 8,17).

II.

Aber es wäre unserm Fleische zu viel zugemuthet, sollten wir allein mit diesem Trostgrund uns begnügen müssen. Eine Herrlichkeit, von der man gar nichts inne wird, ist schwer zu glauben. Ein Sieg der Zukunft, der keinerlei Anzeichen der Gewißheit in die Gegenwart vorausschickt, könnte leicht ein schöner Traum sein, der vor dem Ernst und der Gefahr der Wirklichkeit nicht deckt noch Stand hält. Darum verweist auch unser Herr den fragenden Johannes nicht bloß auf Seine Person und auf Sein Wort und die Verheißung künftiger Dinge, sondern auf Thaten der Gegenwart, die Jedermann vor Augen lagen: „Gehet hin und sagt Johanni wieder, was ihr sehet und höret: Die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören, die Todten stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt.“ So können auch wir in der Anfechtung, welche auf dem langsamen unscheinbaren Gang des Reiches Gottes auf uns eindringt, uns stärken, wenn wir achten auf die entscheidenden Wahrzeichen der Wirksamkeit des Herrn, die nicht verborgen bleiben. Leiblichen Blinden zwar sehen wir die Augen durch die Wunderkraft des Herrn jetzt nicht geöffnet, und leibliche Krüppel und Verstümmelte heilt Er nicht vor unsern Augen; aber das ist auch nicht die Hauptsache, auf die es ankommt. Hätten doch jene Wunder allesammt nicht den Johannes zu voller Sicherheit des Glaubens und gewissem Frieden bringen können, wenn er sie nur für sich allein betrachtet und ihren tiefen Zusammenhang vergessen hätte. Denn einzelne Wunder thaten die Propheten vor Jesu vielfach auch, und doch war immerhin noth noch zu warten, bis der rechte Helfer käme. Aber von den Zeiten der Erfüllung spricht Jesaias: „Alsdann werden der Blinden Augen aufgethan werden und der Tauben Ohren werden geöffnet werden; alsdann werden die Lahmen löcken wie ein Hirsch und der Stummen Zunge wird Lob sagen“ (Jes. 35, 5. 6); „und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Armen unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels“ (Jes. 29, 19). An diese Aussprüche erinnert Jesus den Johannes durch die Antwort, die Er seinen Jüngern mitgibt; daß jene Zeit gekommen sei, das soll er merken an dem, was sie als Augenzeugen ihm berichten können, und soll sich durch diese Zeichen überführen lassen, daß kein Grund vorliegt an dem Herrn zu zweifeln, so seltsam auch Sein Thun erscheinen möge. Nun aber, meine Lieben, redet der Prophet in jenen Stellen in Wahrheit nicht von leiblich Blinden oder Lahmen, die geheilet werden sollen, sondern von Aufhebung der Blindheit seines Volkes und von Lösung der Glieder, die in Finsterniß und Knechtschaft des Sündendiensts und seiner Folgen schwer gebunden waren. Die rechte und wahrhaftige Erfüllung seines Wortes ist nicht, was des Johannes Jünger dort gesehen haben; sie sahen nur ein Zeichen der wahrhaftigen Erfüllung; die leibliche Heilung ist nächst dem Beweise, den sie für Christi Sendung gibt, uns erst das Sinnbild und das Gleichniß einer höheren und bessern, die von Ihm ausgehen sollte. Aber diese bessere Heilung, ist sie uns so fremd, daß wir uns nicht auf sie berufen, nicht mit ihr unsern angefochtenen Glauben stärken könnten? Ich wenigstens, ich kenne durch Gottes Gnade einen Blinden und Tauben, dem der Herr die Augen aufgethan hat und das Ohr geöffnet: das bin ich selbst. Aber sollte ich mit dieser meiner Erfahrung allein in eurer Mitte stehen? Sollte Niemand antworten können: So ist es mir auch ergangen? Freilich, Geliebte, wer nichts an sich selbst erfährt und erfahren hat von Christi Kraft und Gnade, dem predigen wir fremde unverstandene Dinge, wenn wir von Seinem Reich und Seiner Ehre reden. Er hört uns an und meint vielleicht zu glauben, weil er nicht widerspricht; in Wahrheit aber stehet er dem Glauben ferne. Der kann auch noch nicht angefochten sein. Denn die Anfechtung geht dem Glauben nicht voraus, sie hängt sich an ihn an und folgt ihm. Wenn ich von Angefochtenen rede, kann ich immer nur Gläubige im Sinne haben, denen das Licht der Wahrheit sich verdunkelt hat, ob sie es wohl bereits gesehen haben. Die aber haben auch das gütige Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt schon geschmeckt (Hebr. 6, 5); sie haben schon Erfahrung von dem Heil in Christo gemacht an sich selber. Sein Friede hat sie schon erquickt, Sein Licht sie schon erleuchtet, Seine Gnadenkräfte sie schon überschattet. Jetzt aber stehen sie vielleicht in einem Kampf, wo all das ihnen zugedeckt ist und wie weggenommen; wo sie nur Dunkel um sich sehen und ihre Seele überwältigt wird von bangen Zweifeln. Da ist denn gut sie zu erinnern an die Thaten Christi, die eben so viel Pfänder und Wahrzeichen Seines Sieges sind in ihrem eignen Geiste. Sie wissen es, Er hat sie nie betrogen. Sie kannten Ihn einst nicht; aber seitdem Sein Name ihnen aufgegangen ist, ist Er ihr Trost und Heil gewesen und hat niemals sie in Noth verlassen. So haben sie ja die Bestätigung Seiner Wahrheit in sich selber schon erfahren, und sollen nur gedenken an die Worte Pauli: „Darum rühmen wir uns durch Ihn nicht allein der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben soll, sondern wir rühmen uns auch der Trübsal, dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringt, Geduld aber bringt Erfahrung, Erfahrung aber bringt Hoffnung, Hoffnung aber läßt nicht zu Schanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.“ Röm. 5, 2-5. Eines von beiden steht uns immer offen; ist unsre Stimmung so, daß wir der Hoffnung der Herrlichkeit uns zu rühmen nicht vermögen, so fehlt es sicherlich nicht an der Trübsal, in welcher wir Geduld beweisen können, und die Geduld ist nur ein andrer tieferer und gründlicherer Weg zur Freude. Aus der Erfahrung, die sie wirkt, geht eine Hoffnung aus, die in Gott selbst ruht, und darum über alle Anfechtungen des Zweifels siegt. Darum wenn solche Noth von innen oder außen auf dich einstürmt, daß deine Seele angefochten wird und will an Gottes Weg verzagen, so gehe hin in deine Kammer und schließe die Thüre nach dir zu; verbirg dich einen kleinen Augenblick, bis der Zorn vorüber geht (Jes. 26, 20) Der Herr ist dennoch treu; Er kann Sich selbst nicht leugnen (2. Tim. 2, 13), und die Erfahrung Seiner Wahrheit und Erbarmung, die Er vielmal dir in das Herz gedrückt hat, ist dir ein Unterpfand viel sicherer und gewisser noch als alle äußern Wunder, daß Er dein Herr und König ist, ein Helfer und ein Sieger, der Seine Sache im Erliegen ausführt und aus dem Uebermuth der Feinde nur Sich selber einen um so größern ewigen Triumph bereitet.

III.

Aber wir dürfen noch ein drittes Stärkungsmittel nicht vergessen, obgleich es von Vielen nicht erkannt wird ihnen selbst zum Schaden: wir sollen gläubig achten aus das Zeugniß der Propheten von unserm Herrn und Seinem Werk. Die Botschaft des Johannes gibt dem Herrn Anlaß, ein Wort über diesen selbst noch an das Volk zu richten. Wie jede neue und befremdliche Erscheinung, so war auch er, sobald er auftrat, für die Menge ein Gegenstand der Aufmerksamkeit geworden, und Viele hatten ihn aufgesucht und ihre Neugierde an ihm befriedigt; aber Wenige waren ihm ernstlich nachgegangen und hatten, was er war und ihnen bot, benützt zu ihrem Segen. Darüber straft sie der Herr und verweiset ihnen ihre Eitelkeit, mit der sie auch diese Heimsuchung des Herrn und das durch sie dargebotne Gnadenmittel sich selbst verderbt und seine Wirkung aufgehoben hatten. Johannes war kein Rohr vom Wind bewegt, kein Mensch, der heute so und morgen anders dem Ohr der Menge schmeichelt und sie nur vergnügen will für eine Weile. Auch Pracht und Zier nach dem Geschmack der Welt war nicht an ihm zu sehen; sondern was er hieß, das war er, nämlich ein Prophet, ja mehr als dieß, der Bote und Vorläufer Christi, der Ihm Bahn brach, weil Er alsbald folgen wollte. Dann aber war nichts gethan mit einer oberflächlichen Beachtung, die sich schnell nach neuen Gegenständen weiter wandte; dann war seine Erscheinung ein Gnadenruf von Gott, der Glaube und Gehorsam forderte. – Geliebte in dem Herrn, noch jetzt gibt es Viele, die eine Weile glauben; wenn aber Anfechtung kommt, so fallen sie ab. Sie glauben, weil etwa ein Zug, der dazu dränget, einmal durch die Welt geht. Giebt es doch Zeiten, wo es sogar Mode wird, auch dem Worte des Lebens einiges Gehör zu schenken, weil man entdeckt hat, daß es geistreich sei, weil es sich brauchen läßt zu irdischen Zwecken, weil eine gewisse Leere damit ausgefüllt wird, die man sich nicht verbergen kann, wenn man auch weit entfernt ist ihren eigentlichen Grund und Ursprung einzusehen. Aber das ist kein Unterbau, auf dem sich eine sichre Bergungsstätte anlegen ließe wider Noth und Tod, aus dem man Anfechtung überstehen könnte und am Glauben halten, auch wenn er in Widerspruch geräth mit dem, was unsre Augen sehen, und mit den Geistern, die die Welt bewegen. Das kann nur, wessen Seele von der Wahrheit des Wortes sich hat überführen lassen, und wer es fest hält und ihm glaubt, weil ihm die Kraft aus Gott, die darin liegt, das Herz besiegt hat. Der aber bleibt dann an der Quelle, welche ihn erquickt hat, kehrt nicht mehr um zu den löcherichten Brunnen der selbsterfundenen Weisheit dieser Welt, die nur den Gaumen kitzelt, aber das Herz leer läßt. Er liebt das Zeugniß der Propheten, weil Jesus Christus dessen Kern und Stern ist, und nähret seinen Geist daraus mit sieghafter Ueberzeugung und mit göttlicher Gewißheit. So lasset uns auch also thun, so viele unter uns im Ernst bemüht sind, Wahrheit zu erfahren. Wir leben in der Adventzeit, und wie sie uns immer wieder mahnet an die gnadenvolle Einkehr des eingebornen Sohnes vom Vater in unser Fleisch und Blut, um uns zu retten, so ist sie auch bestimmt, uns hinzuweisen auf Seine zweite Ankunft, Seine Wiederkunft, durch die Er Sein im Fleische angefangnes Werk dereinst vollenden will. In diesen Worten selbst liegt daher ein prophetischer Wink; sie weisen nicht bloß rückwärts auf das, was bereits geschehen ist, sondern ebensowohl vorwärts auf den Abschluß der von jener ersten Einkehr ausgegangenen Entwicklung. Unmeßbar reich ist Gottes Unterricht, mit dem Er uns auf diesen Abschluß vorbereitet. Die Bücher des alten und des neuen Testamentes sind voll von dem, was kommen wird; nichts kann und soll den Gläubigen mehr überraschen, der auf seiner Hut steht; denn es ist Alles, was hieher Bezug hat, ihm zum voraus dargelegt und angedeutet. Aber wie viele sind, die davon etwas wissen, darnach fragen! wie selten ist mitten in der Christenheit ein Achten und ein Merken auf die Stimme der Propheten, deren Zeugniß weit über unsre Gegenwart hinaus reicht, die uns mit Waffen rüsten auf viel schwerere und ernstere Kämpfe noch, von denen jetzt nur ein Vorspiel je zuweilen uns begegnet! Es ist nicht wohl gethan, wenn so vielfache Warnung und Belehrung, die unser Herr, der alle Dinge weiß, aus treuem Herzen uns voraus geschenkt hat, gleichwohl unbenützt bleibt, und die Folge kann nur sein, daß auch Wohlgesinnte sich nicht auskennen in der Zeit, in der sie leben, weil sie den Rath des Herrn vergessen haben, der sie so oft hieß achten auf die Zeichen, die den Fortschritt Seines Werkes begleiten, und Seine Gläubigen gestärkt hat, daß sie nie an Ihm sich ärgern. Darum lasset das Wort der Propheten und Apostel bei euch nicht bestaubt im Winkel liegen, sondern forschet darin fleißig und achtsam früh und spät, und denket daran, wie großen Segen, wie manche Seligpreisungen der Herr daran geknüpft hat, so wir hören und lesen dieses Wort. So werdet ihr Kraft und Stärke darin finden allezeit mit aufgerichtetem Haupte und gefaßtem Muthe einherzugehen, auch wenn die Wogen der Anfechtung hoch sich bäumen; denn der Herr ist mit uns; Sein Wort hat uns darauf vorbereitet; wir können immer es in unseren Ohren tönen hören: „Siehe, ich habe es euch zuvor gesagt“ (Joh. 14, 29). Aber der uns zuvor gesagt hat, was Schweres kommen wird, Er hat uns auch den Ausgang nicht verhalten. Es müssen alle Reiche dieser Welt doch noch des Herrn und Seines Christus werden, und ob die Wasserströme feindseliger Bewegungen in dieser Welt mit lautem Brausen ihre Wellen hoch erheben: Gott ist noch größer in der Höhe. Sein Wort ist eine rechte Lehre. Heiligkeit ist die Zierde Seines Hauses ewiglich. Amen.

September 1, 2019

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