Busch, Friedrich – Das Geheimniß der Liebe.

Homilie am 13. Sonntag nach Trinitatis

über Luc. 10, 23 – 3 7.
in der St. Johanniskirche in Dorpat gehalten

von
Dr. Friedrich Busch,
ordentlichem Professor der Theologie an der Kaiserl. Russischen Universität zu Dorpat in Liefland.

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns Allen! Amen. –

Vernimm, andächtige Gemeine, das Evangelium des heutigen Sonntags – welcher der dreizehnte nach dem Feste der heiligen Dreieinigkeit ist – das sich aufgezeichnet findet beim heiligen Evangelisten Lucas, daselbst im 10ten Kapitel, vom 23sten bis zum 37sten Verse, wo es also lautet:

Und Er wandte Sich zu Seinen Jüngern, und sprach insonderheit: Selig sind die Augen, die da sehen, das ihr sehet. Denn Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, das ihr sehet, und haben es nicht gesehen; und hören, das ihr höret, und haben es nicht gehöret. Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Ihn und sprach: Meister, was muß ich thun, daß ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Wie stehet im Gesetz geschrieben? Wie liesest du? Er antwortete und sprach: Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften, und von ganzem Gemüth und deinen Nächsten als dich selbst. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet, thue das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen, und sprach zu Jesu: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus, und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho, und fiel unter die Mörder; die zogen ihn aus, und schlugen ihn, und gingen davon, und ließen ihn halb todt liegen. Es begab sich aber ohngefähr, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sahe, ging er vorüber. Desselbigen gleichen auch ein Levit, da er kam an die Stätte, und sahe ihn, ging er vorüber. Ein Samariter aber reisete, und kam dahin; und da er ihn sahe, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden, und goß darein Oel und Wein; und hob ihn auf sein Thier, Und führete ihn in die Herberge, und pflegete sein. Des andern Tages reisete er, und zog heraus zween Groschen, und gab sie dem Wirth, und sprach zu ihm: Pflege sein; und so Du was mehr wirst darthun, will ich Dir es bezahlen, wenn ich wieder komme. Welcher dünket dich, der unter diesen Dreien der Nächste sei gewesen Dem, der unter die Mörder gefallen war. Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm that. Da sprach Jesus zu ihm: So gehe hin, und thue desgleichen.

Unter den mannichfach wechselnden Scenen auf dem Schauplatze der Heiligen Schrift sind gewiß diejenigen die anziehendsten, darin wir unsern hochgelobten Herrn selbst, in gnadenvoller Herablassung, persönlich mit Denen verkehren sehen, die zu suchen und selig zu machen Er gekommen war. Auch wir, meine geliebten Brüder und Schwestern, gehören ja zu ihnen; nicht nur weil wir auch Menschen, sondern weil wir auch Sünder sind, die – wie sie – doch gerne loskommen möchten von ihrer Sünde und wieder hergestellt werden in das verlorene Ebenbild der göttlichen Heiligkeit und Gerechtigkeit, das in Christo wesentlich auf Erden erschienen war. Es ist also nicht so sehr die Theilnahme, die wir jenen unsern, nun schon längst zu ihrer Ruhe eingegangenen Brüdern, vor zweitausend Jahren widmen, wenn wir aufmerksamer hinhören, so oft in der Schrift von den, über Alles kostbaren und beneidenswerthen, Augenblicken erzählt wird, da sie gewürdiget waren, dem einigen Sohne Gottes in das ernste, aber auch milde und segnende Heilandsauge zu blicken, Der – wie unser altes kirchliches Glaubensbekenntnis sich schriftgemäß ausdrückt – vom Vater geboren vor der ganzen Welt, Gott von Gott, Licht von Licht, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott und mit dem Vater in einerlei Wesen ist, durch Welchen Alles geschaffen ist! Nein, es ist auch – und noch viel mehr – Theilnahme, die wir uns selbst erweisen, wenn wir aufmerksamer hinhorchen, sooft der Herr Jesus in der Schrift mit den armen Menschenkindern redet und handelt, da wir ja auch Geschöpfe Seiner allmächtigen Hand sind, um deret- und um deren Seligkeit willen Er – laut der Schrift und unseres Glaubensbekenntnisses – vom Himmel kommen ist und leibhaftig worden durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und Mensch worden. Und in dieser Welt treten wir denn auch heute, voll Ehrfurcht, an das eben verlesene Sonntagsevangelium heran, in dem unser Herr und Heiland also auch mit uns redet und handelt, das auch unsre Geschichte enthält, auch für uns geschrieben ist zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, auf daß wir Menschen Gottes seien vollkommen, zu allem guten Werk geschickt.

Du aber, Geist der Wahrheit, heilige uns in Deiner Wahrheit: Dein Wort ist die Wahrheit! Amen.

Auch auf dem heiligen Schauplatze des heutigen Sonntagsevangeliums treffen wir den Herrn und Heiland in Seiner gewöhnlichen Umgebung: Ihm zur Seite die Jünger, Ihm gegenüber einen Schriftgelehrten. Der Herr hat sich eben – wie uns kurz zuvor noch in dem nemlichen Kapitel erzählt wird – im Gegensatze zu der sinnlichen Freude Seiner Jünger blos an der äußeren Herrlichkeit ihres Berufes, (wie es dort heißt) im Geiste gefreut an der verborgenen Schönheit Seines, schon von den Frommen der Vorzeit mit so heißer Sehnsucht erwarteten, himmlischen Werkes auf Erden: daß nemlich die allein wahre Weisheit Seines Evangeliums nicht den Weisen und Klugen dieser Welt, sondern den Unmündigen, durch kindliche Gesinnung dafür Empfänglichen, offenbart worden; Er hatte dieser Seiner stillen, heiligen Freude über Seine, in dem kleinen Kreise der Seinen nun seit Kurzem unvermerkt aufblühende, neue geistliche Schöpfung, eben Worte gegeben in dem sehr erhabenen Ausrufe an die Jünger, mit welchem unser Evangelium anhebt: „Selig sind die Augen, die da sehen, das ihr sehet. Denn Ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, das ihr sehet, und haben es nicht gesehen; und hören, das ihr höret, und haben es nicht gehöret.“ Da trat – vielleicht eben durch diese Worte des Heilandes aufmerksam gemacht – jener Schriftgelehrte näher herzu, versuchte Ihn und sprach: „Meister, was muß ich thun, daß ich das ewige Leben ererbe?“ Aber dieser Pharisäer ist einmal ein besserer, als die gewöhnlichen Menschen seines Schlages. Er war schon Zeuge einer Zurechtweisung gewesen, die der Herr bei einer andern Gelegenheit (Marc. 12, 18 – 28.) einigen, Ihn versuchenden, Sadducäern über die Beschaffenheit des ewigen Lebens gegeben, das sie läugneten, und hier mogte er die ersten Eindrücke der seligmachenden Wahrheit empfangen haben; ja, der Herr giebt ihm an einem andern Orte sogar das Zeugniß, daß er nicht mehr ferne sei von dem Reiche Gottes (Marc. 12, 34). Wir haben also den Ausdruck des Evangelisten: dieser Schriftgelehrte habe den Herrn versucht, hier nicht in der schlimmsten Bedeutung der bösen Absicht zu nehmen, um so weniger, da er ja schon bei jener siegreich abgewandten Sadducäischen Versuchung über den nemlichen Gegenstand zugegen gewesen war. Der ganze Zusammenhang überzeugt uns leicht, daß es ihm nicht, wie seinen Genossen, darum zu thun ist, Jesu durch häckelige Fragen nur eine Schlinge zu legen und Ihn durch spitzige Worte auf die Probe zu stellen und in die Enge zu treiben; er will wirklich – wenn auch auf verkehrtem Wege – seine Seligkeit schaffen, um das ewige Leben zu ererben, es ist ihm ein rechter Ernst darum. Das beweiset uns auch die Bemerkung des Evangelisten im 29sten Verse: Er wollte sich aber „selbst“ rechtfertigen; das heißt mit andern Worten, im Grundtext verständlicher ausgedrückt: Er wollte sich selbst gerecht machen, um sich nemlich dadurch das ewige Leben zu erwerben.

Bei Gliedern der christlichen Kirche – die auf das Gegentheil der eigenen Gerechtigkeit, auf die theure Gerechtigkeit des heiligen, allein verdienstlichen Lebens, Leidens und Sterbens Jesu Christi, des Stifters dieser Kirche, getauft sind – bei Christen bedarf es keiner weiteren Ausführung, sondern es muß vorausgesetzt werden, daß sie wissen, wie es der schwerste und schädlichste Irrthum ist, in den ein Mensch nur verfallen kann: wenn er sich selbst gerecht machen will, durch vermeintliche Tugendwerke eigener Wahl und Uebung, vor dem allgerechten und allheiligen Gott, vor welchem Niemand gerecht ist, Dessen Flammenauge (wie die Schrift bezeugt) selbst in Seinen himmlischen Boten noch Thorheit findet (Hiob 4, 18.). Dennoch kann auch dieser seelenschädliche Irrthum von einem Ernste der Gesinnung und einer Redlichkeit des Trachtens nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit begleitet sein, der ihn ehrwürdig macht. Zumal wenn wir ihn mit der herrschenden Lauheit und Gleichgültigkeit Solcher vergleichen, die bei ihren Lebzeiten über der Besorgung des nichtigen Leibes und seiner kleinen Geschäfte, so sehr der Sorge für ihre Seele vergessen, deren vergängliche Herberge der Leib doch nur ist, daß man sich wohl darüber wundern darf, wie sie sich dennoch der Unsterblichkeit ihrer Seele getrösten mögen! Denn die Unsterblichkeit der Seele ist doch auf jeden Fall ein Zustand, in welchem diese Sclavin des Leibes, diese vergessene und verwahrloste, und daher auf ihre wahre ewige Bestimmung auch völlig unvorbereitete, arme Magd, nun mit Einem Male, durch die Gewalt des Todes ihrer schmählichen Fesseln, die sie hier nie hätte tragen dürfen, entledigt, sich selbständig in ihr durchaus fremden, ja in der verlorenen Vorbereitungszeit hienieden ihr verleideten, geistlichen Umgebungen der übersinnlichen Welt bewegen soll. Wo die arme Sclavin nun als reiche Königinn herrschen soll, ach! ohne Scepter und Krone, die nur der Glaube darreicht, den sie hier nicht empfing; ach! ohne die Schätze des Glaubens, die sie hier in der Erndtezeit sich nicht sammelte. Gewiß ist also unter allen denkbaren dieser der furchtbarste, ja ein seelenmörderischer Irrthum, der nur Wahrheit haben könnte, wenn wir nur zu sterben brauchten um selig zu werden, was doch naturnothwendig unmöglich ist.

Dagegen wohnt in dem Leibe des Schriftgelehrten unseres Textes – ach vielleicht zur tiefen Beschämung für Viele, die sich Christen nennen und durch das einst empfangene Sacrament der heiligen Taufe auch ein Recht, aber ein wie schwer verantwortliches Recht! darauf haben – in unserm Pharisäer wohnt eine Seele, der es wirklich Ernst mit ihrer Seligkeit ist; die diesen Leib des Todes nicht über sich herrschen lassen will; die im redlichen Kampfe mit ihm liegt um die Herrschaft; der das Wort vom ewigen Leben kein leerer Schall ist; die, wohl bewandert im Gesetze des Herrn, der Heiligen Schrift des Alten Bundes, Ihm daraus Rede zu stehen weiß auf Seine Frage: „Wie stehet im Gesetz geschrieben? Wie liesest Du?“ – Denn statt grade zu auf die an Ihn gerichtete Frage des Pharisäers zu antworten: „was er thun müsse, um sich das ewige Leben zu erwerben?“ gefiel es der höchsten Lehrweisheit Jesu, nur durch eine neue Frage antwortend, den Fragenden zur eigenen Lösung des Problems hinzuleiten. Theils mogte Er es ihm dadurch milde verweisen wollen, daß er, ein Schriftgelehrter, noch Auskunft begehre über eine längst in der Schrift offenbarte, also schon völlig ausgemachte und festgestellte Wahrheit; theils wollte Er wohl auch alle Spitzfindigkeiten der Pharisäischen Schulweisheit durch die Hinweisung auf das einfache, klare Schriftwort von vorne herein abschneiden; theils endlich die Aufmerksamkeit seines Schülers auf den hochwichtigen Gegenstand, um den es sich handelte, schärfen. Genug, der befragte Fragende trifft in seiner raschen Antwort alsbald ohne Mühe das Rechte: das Hauptstück im Gesetz und in der ganzen Schrift, das ewig alte und ewig neue Gebot, das Grundgesetz, darin das Gesetz und die Propheten hangen. Er antwortet und spricht: „Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften, Und von ganzem Gemüth; und deinen Nächsten als dich selbst.“ – Und der Herr spricht zu ihm: „Du hast recht geantwortet; thue das, so wirst du leben.“

Dies ist nun also die Antwort, die der unverbrüchliche Mund der ewigen Wahrheit, der ewig nicht lügen kann, dem heilsbedürftigen, Friede mit sich und Gott suchenden Pharisäer auf seine Frage giebt: was er thun müsse, daß er das ewige Leben ererbe?! und er wird wohl Recht behalten müssen, geliebte Zuhörer, auch in diesem Falle, der heiligste Mund, der jenes Gebot schon durch seinen Knecht Mosen dem erwählten Volke gegeben. Sonst wahrlich, wenn nicht dieser Mund es gesprochen hätte, gegen den es nun keine Ausrede weiter giebt, sondern Alles, was Er geredet, ist Ja und Amen, auch nicht mit Ausnahme nur eines einzigen Wortes: wir könnten beinahe versucht werden, doch noch eine Ausrede zu suchen gegen dieses – ach für uns so schwere! – Gottes – Wort und – Gebot der ganzen Liebe Gottes und des Nächsten, aus Seele, Gemüth und Kräften, durch dessen Thun wir leben sollen! Denn, gesetzt der Herr fragte uns einmal, wie dort im Evangelio (Joh. 21,15ff.) dem Simon Johanna: ,Hast du Mich lieb?„ wer doch unter uns Allen, so viele Hunderte wir hier jetzt in diesem Heiligthume vor Seinem Angesichte versammelt sind, wer von uns würde wohl das Herz haben, darauf mit den Worten jenes Gebotes zu antworten: „Ja Herr, ich liebe Dich von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüth!“ Wer von uns würde die Frage nach der andern Hälfte dieses Liebesgesetzes mit Ja zu beantworten wagen: Liebst du auch deinen Nächsten als dich selbst? Und dennoch sollen wir leben, so wir das thun; die Hoffnung des ewigen Lebens hängt also für uns an der Erfüllung dieses Gebotes! wenn wir es also nicht erfüllen, müssen wir den ewigen Tod sterben! – Was wollen wir denn nun dazu sagen?? – – Ach, nehmen wir doch nur die Vergleichung mit den stärksten Graden der natürlichen Liebe zu Hülfe, deren unser kaltes und todtes Herz fähig ist, um es uns daran deutlich zu machen, was es auf sich habe mit der Gottes – und Nächstenliebe von ganzem Herzen, von ganzer Seele und aus allen Kräften: die Braut – und die Elternliebe! Giebt es auch wohl einen Bräutigam hier unter uns, der seinen Gott liebt, wie er seine Braut liebt? eine Braut, die mit der ganzen Kränklichen Liebe ihres Herzens so fest an ihrem Gott und Herrn hängt, wie sie an dem Geliebten ihrer Seele hängt, ohne den sie nun nicht mehr sein mögte auf Erden? Giebt es eine Mutter unter uns, die so gewiß ihres Herrn nimmer vergäße und vergessen hätte, als sie ihres Kindleins nicht vergessen kann? Ach, und haben uns denn wohl Bräute und Kinder geliebt, wie uns Gott in Christo geliebt hat?? da Er Seinen eingebornen Sohn für uns dahin gab, auf daß wir nicht verloren würden, sondern das ewige Leben hätten in seinem Namen. Frau und Kind wurden von uns zuerst geliebt, ihre Liebe ist nur Gegenliebe, nur ein Widerschein der unsrigen; wer von uns aber hat Gott zuerst geliebt, Der uns liebte auch da wir noch Seine Feinde waren? Und wenn Ihr Weib und Kind nur darum so heiß liebt, weil Ihr Euch selbst in ihnen liebt, liebt Ihr denn auch wohl Euren Nächsten als Euch selbst? Ach, sollte wohl auch nur ein Einziger hier sein in Deinem Schooße, theure Gemeine, der diese Frage anders beantworten mögte, als durch das beredteste Nein: das Nein des beschämten Verstummens mit niedergeschlagenem Auge und Erröthen der Wange?

Wie aber, wollte denn der Herr vielleicht – weil es ein selbstgerechter Pharisäer war, mit dem Er es zu thun hatte – ihn nur verspotten mit Seiner Antwort? – O nein, das wollte Er gewiß nicht! Dazu meinte es Ihm dieser Pharisäer zu ehrlich; und Er will ja, daß der Sünder sich bekehre und lebe, Er will ihn ja nicht aufhalten, nicht necken und quälen. Nein, diesen redlichen Pharisäer wollte er auf das Nachdrücklichste von dem Thörichten, weil Unmöglichen, seines Beginnens überzeugen, sich selbst gerecht vor Gott machen zu wollen zur Erwerbung des ewigen Lebens durch selbstbeliebige Gesetzerfüllung aus eigener Kraft. Darum ließ er ihn sich selbst, in der eigenen Antwort auf die eigene Frage aus dem wohlbekannten Gesetze, zu der Er ihn veranlaßte, jenes ernste Schriftwort zu seiner Beschämung vorhalten, das er zwar kannte und an das er auch glaubte, das er aber nach seiner tieferen Bedeutung noch gar nicht verstanden und dem er deshalb auch nur noch einen äußerlichen und äußerst beschränkten Gehorsam erwiesen hatte. – Nun aber sehen wir ihn auch mit einem Male, durch die, eben so weise als liebreiche, Behandlung des Heilandes, sehr mächtig gefördert. Er fühlt sich nun schon selbst nicht mehr befriedigt durch seine bisherige Erfüllung des Gebotes der Nächstenliebe nach den Satzungen der Väter. Weil es ihm wirklich um seine Rechtfertigung bei Gott ernstlich zu thun ist, so will er nunmehr auch die Nächstenliebe gern auf die rechte, Gott wohlgefällige Weise üben, so daß er wirklich, wie er meint, dadurch vor Gott gerecht werden kann. Darum thut er dem Herrn jetzt die, allerdings befremdende, Frage: Wer ist denn mein Nächster? – Das bisherige Maaß und Ziel seiner Nächstenliebe ist ihm nun ganz unsicher geworden, und wir sehen es schon der Frage an, daß es auch nur ein sehr enges und geringes gewesen, – daß er bisher nur seine Ordensgenossen, als diejenigen betrachtet hatte, an denen er das Gebot der Nächstenliebe zu erfüllen habe. Und wäre er auch noch in diesem engen Kreise befangen geblieben, wie stutzig hätte ihn doch auch da schon die ernste Aufforderung des Herrn machen müssen: „Thue das, so wirst du leben!“ Denn durfte er, bei seiner ernsten Gesinnung, sich wohl einen solchen Grad der Nächstenliebe auch nur gegen seine Pharisäischen Brüder zuschreiben, daß er sich dabei hätte beruhigen mögen, sein ewiges Heil daran geknüpft zu sehen?!

Aber, was thut nun der Herr? – Nachdem Er Seinen Zögling durch Eine Frage und Eine Antwort schon so weit gebracht, fördert Er ihn jetzt durch eine Geschichte, die Er ihm statt der Antwort auf seine zweite Frage erzählt, noch weiter, o noch unendlich viel weiter! Die Antwort auf jene Frage verstand sich so sehr von selbst, daß sie in gewöhnlicher Redeweise keinen Eindruck gemacht haben würde; und dennoch lag sie dem Fragenden so ferne. Sie mußte daher neu und überraschend sein, es mußte ihr die anschaulichste, die überzeugendste und eindringlichste Form gegeben werden. Daher öffnet der Herr nun den heiligen Mund zu einem jener unvergleichlichen Gleichnisse, darin Er durch wenig tiefsinnige Worte, in Bildern von irdischen Verhältnissen, die Geheimnisse des himmlischen Reiches geheimnißvoll zu entsiegeln pflegte; und die, schon durch die bisherige Wendung des Gespräches bewirkte, Beschämung des Schriftgelehrten, die wir aus seiner letzten Frage deutlich erkannten, geht nun über in sanfte Rührung des von der Gnade berührten, sonst so liebeleeren, sich, unter dem allmächtigen Einflusse der herzverändernden, herzverneuenden Jesusgnade, nun zur christlichen Bruderliebe erweichenden und erweiternden Herzens! –

Diese – schon an und für sich so rührende, in allen ihren Theilen so wahrscheinliche und eben dadurch vornemlich so mächtig ergreifende – Geschichte von dem barmherzigen Samariter, unter diesen Umständen erzählt, welchen Eindruck mußte sie doch auf das, der Wahrheit schon so geneigte, Herz des lernbegierigen, aufrichtigen Schriftgelehrten machen, den wir um seine Aufrichtigkeit wol alle beneiden mögen! In und um Jericho, nur 6 Stunden von Jerusalem, wohnten besonders viele Priester und Leviten, und so fanden sich denn auch auf der großen Straße von dort nach der heiligen Hauptstadt fast beständig solche Priester, die, so oft die Reibe des Dienstes im Tempel an sie kam hin und wieder reisten. Auch unser Schriftgelehrter mogte sich häufig unter ihnen befunden haben. Nun waren es aber grade diese seine Standes – und Berufsgenossen, ein Priester und ein Levit, die auf der ihm so wohlbekannten Straße, auf ihrem Berufswege, der sie ja vor allen Dingen mit Gesinnungen der Liebe und des Erbarmens hätte erfüllen müssen, dennoch taub gegen das Hülfsgeschrei eines elenden Opfers blutiger Raubgier, hartherzig vorübergezogen waren, blos, weil sie die kalte Berechnung machten, daß der hülflose Unglückliche nicht ihr Nächster sei; während sie, als Gesetzesgelehrte, das Gesetz der Liebe doch vor allen recht zu üben hätten wissen sollen. Ja, nach dem Grundtexte, bog der unbarmherzige Priester sogar absichtlich auf dem Wege ans, auf die andere Seite hinüber, nur um sich nicht rühren, und aufhalten zu lassen. Und der Levit machte es sogar noch ärger: er trat aus Neugier näher hinzu, betrachtete den Unglücklichen, wie er in seinem Blute vor ihm dalag, und ging dann doch, der Unmenschliche! ohne zu helfen weiter. So handelte diese fluchwürdige Priesterschaft (um so fluchwürdiger im Vergleich mit ihrem heiligem Amte, dem Amte der Liebe und des Erbarmens) den Mördern des Verunglückten völlig gleich, durch Nichtthun verschuldend, was jene durch Thun!

Aber zuletzt zieht auch noch ein armer Reisender aus Samaria jene, durch ihr gefährliches Raubgesindel so berüchtigte Straße; ein Bürger des Landes, dessen Bewohner den Juden für nicht viel besser als Heiden galten. Dieser tiefverachtete Samariter leistet dem halb todtgeschlagenen, blutenden Manne nun, mit eigener Lebensgefahr, brüderliche Hülfe auf der unsichern Landstraße; ja er thut weit mehr an ihm, als auch die strengste Auffassung des Mosaischen Liebesgebotes, als eine blos äußerliche, wie sie den Schrift – und Gesetzesgelehrten eigen war, je von ihm hätte fordern dürfen. Hier, unterweges in der Wüste, wo an den, dem natürlichen Menschen sündlicher Weise so überaus süßen Lohn des Menschenlobes dafür nicht zu denken ist, in dem Drange einer eiligen Geschäftsreise, giebt er sich ihm ganz hin, verbindet seine Wunden mit Oel und Wein, den Heilmitteln des Morgenlandes, und ladet ihn auf seinen Esel, neben dem er nun selbst zu Fuß langsam einhergehen muß. In der Herberge angekommen aber sorgt er auch noch mit Aufopferung für seine Zukunft, ja er verspricht, nachdem er schon so viel Zeit in seinen Geschäften verloren, sogar noch wiederkommen und noch mehr thun zu wollen. War nun der Gemißhandelte ein Jude – wie es nicht ausdrücklich gesagt, aber nicht unwahrscheinlich ist – so mußte dem schriftgelehrten Juden das edle Liebeswerk des Samariters noch um so viel größer erscheinen. Denn der Haß zwischen beiden Völkern war so unglaublich groß, daß sie nicht mit einander aßen und tranken, wo sie sich trafen; ja, um nur nicht einer durch des andern Land reisen zu müssen, schlichen sie sich in der Regel, auf mühsamen Umwegen, an den Gränzen herum!

Nach diesem Allen kann es uns nun unmöglich noch schwer fallen, das in der liebewarmen Gleichnißrede von dem barmherzigen Samariter offenbarte Geheimniß der Liebe zu entdecken, das auf ein kaltes und selbstgerechtes Pharisäerherz so mächtig wirkte, daß es der prüfenden Frage des Herrn: „Welcher dünket dich, der unter den Dreien der Nächste gewesen Dem, der unter die Mörder gefallen?“ (der Herr will sagen, der Liebende oder die Nichtliebenden?) alsbald mit den, eben so rührenden als gerührten, Worten entgegnete: „Der die Barmherzigkeit an ihm that.“ Wir sehen schon aus der treffenden Wahl dieses Ausdruckes, bis zu welchem Grade es der bewundernswürdigen Lehrweisheit des Herzenskündigers und Seiner geduldigen und schonenden Liebe gelungen war, den kühlen und eigengerechten Gesetzesmann von dem Gegenstande der Liebe hinweg, auf den er irrig bisher ausschließlich gesehen, nun ganz auf das Ueben der Liebe hinüberzuführen, worauf es ja allein ankommt. Nicht sagt er: „der Samariter, oder „der Letzte, der vorbeikam,“ oder wie sonst etwa; nein gradezu: „der die Barmherzigkeit an ihm that.“ Von Bewunderung gegen ihn durchdrungen, bezeichnet er ihn nun nur nach dem Charakter seiner rührenden, ihn – den bis dahin blos äußerlichen Gesetzesmenschen – so tief beschämenden That, die eine weit gewaltigere Ursache, als nur die von dem todten Buchstaben des Gesetzes blos äußerlich gebotene Liebe voraussetzen, die den höchsten Grad derselben: die, über alles Gesetz erhabene, reine und freie Liebe des warmen Herzens, die sich selbst Gesetz wie Bedürfniß ist, die Barmherzigkeit gegen den Feind geübt, die sich selbst vergessende Fein des liebe erkennen ließ, die segnende auch wenn ihr geflucht wird!

Solche Liebe gegen den Nächsten, die rechte Nächstenliebe „als gegen uns selbst,“ setzt nun aber auch die rechte Liebe zu Gott voraus „von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von alten Kräften und von ganzem Gemüthe.“ Sie kann nur ein Ausfluß von jener sein. Denn die Liebe gegen den Nächsten, wenn sie nicht eine blos natürliche und creatürliche ist, die sündlich und gottvergessen in dem Geschöpfe nur das Geschöpf liebt; wenn sie christlich geheiligte Liebe ist, der allein dieser theure hohe Liebes – Name gebührt, die auch in dem Geschöpfe nur den Herrn liebt: solche Nächstenliebe ist eben gar keine andere, als Liebe Gottes. Und weil jener Schriftgelehrte, so gut ihm auch der Buchstabe des Gebotes dieser Liebe bekannt war, doch noch durchaus keine Erfahrung davon an seinem Herzen durch eigene Ausübung desselben gemacht hatte, deshalb versetzte ihn der Herr – wie ein Ausleger so schön sagt – durch Sein schönes Gleichniß, mitten in die lebendige Wirklichkeit und ließ ihn die liebende Liebe anschauen; senkte ihm endlich auch noch ein ernstes: „So gehe hin und thue desgleichen!“ tief in die erschütterte Seele.

Aber dieser Ruf des Heilandes gilt nun auch uns, und wird sich Jedem unter uns um so tiefer in die Seele senken, je ernstlicher ein Jeder es mit seiner Seele nimmt und je redlicher er es mit ihr meint; je beunruhigender es daher in eben dem Grade auch für ihn sein müßte, einem so dringenden Rufe seines liebreichen Herrn zu seinem Besten, aus natürlichem Unvermögen, nicht nach Gebühr entsprechen zu können. Und dieses demütigende Verhältnis unsres natürlichen Vermögens, oder richtiger Unvermögens, zu dem göttlichen Gesetze darzuthun – das doch solche Liebesübung mit so großer Bestimmtheit fordert – das ist nun eben der Hauptzweck des herrlichen Evangeliums dieses Sonntags, das wir in dieser Predigt mit einander betrachtet haben, und zunächst des darin enthaltenen Gleichnisses von dem barmherzigen Samariter. Es will in dem, um sein Seelenheil ernstlich bekümmerten, aber noch seiner eigenen Kraft vertrauenden, sich selbst gerecht machen wollenden, redlichen Schriftgelehrten, den es uns vorführt, uns Alle zur tieferen und gründlicheren Erkenntniß des göttlichen Gesetzes, und durch dieselbe unsrer selbst, führen, damit wir uns überzeugen, daß wir durch das Gesetz und die Werke des Gesetzes nicht selig werden können, weil all unser Thun doch immer weit hinter der Heiligkeit und Vollkommenheit, die das Gesetz fordert, zurückbleibt, weil auch unsre besten Handlungen stets noch so mangelhaft und unrein sind, weil die Reihe derselben noch so häufig durch Sündenfälle, m Gedanken, Worten und Thaten, unterbrochen wird, daß – so lange der Maßstab der Schrift gilt, wonach des ganzen Gesetzes schuldig ist, wer auch nur an Einem Stücke desselben fehlet (Jac. 2, 10.) – an ein Gerechtwerden vor Gott durch die, auf diese Weise unmögliche Erfüllung des Gesetzes, also durch Werke gar nicht zu denken ist.

Wenn nun aber dennoch dieses nemliche Evangelium zeigt, daß wir doch Werke der Liebe üben sollen, ja es auch können, ohne daß wir demungeachtet dadurch selig zu werden hoffen dürfen; wenn der Herr die Möglichkeit und Wirklichkeit dieser Liebesübung schon dadurch voraussetzt, daß Er sie in dem Gleichnisse schildert, sie also dem Menschen zutraut, da Er sie dem Samariter beilegt, und sie von dem Pharisäer verlangt – wie verhält es sich denn nun damit? –

Wer sie aus dem Früheren noch nicht selbst gefunden haben sollte, dem giebt die Antwort auf diese Frage der Herr, in einem theuerwerthen Worte der Schrift, das Er selbst in den Tagen seines Fleisches gesprochen: „Wenn ihr nur glauben könntet,“ spricht Er; „alle Dinge sind möglich, dem, der da glaubet!“ (Marc. 9, 23.) Glauben wir, daß Er uns zuerst, ja bis zum Tode am Kreuz geliebt, und uns – als Bürge für die uns mangelnde eigene – dadurch eine vollgültige Gerechtigkeit erworben, welche durch die Aneignung im Glauben auch völlig die unsere wird und werden kann: so ist dieser Glaube nun durch die, von ihm nothwendig gewirkte, Rührung der herzlichen Dankbarkeit für eine so unglaublich große Liebe, auch stark genug, in uns eine Gegenliebe zu wirken, die aus freier, warmer Neigung leistet, was dem kalten Pflichtgebot des Gesetzes unmöglich war, und somit von dieser Seite nun auch das Gesetz erfüllt; die alle Liebe – auch die Nächsten – und Feindesliebe, – in sich schließt und sich immer da finden wird und finden muß, wo das Herz von der Liebe Gottes in Christo wahrhaft gerührt und durchdrungen ist; deren aber das von Natur todte, kalte und eigenliebische Herz des Menschen auch einzig nur auf diesem Wege theilhaft werden kann. Allein aus dieser Quelle war auch jene herrliche Liebesthat des „barmherzigen Samariters“ geflossen.— Und wenn nun auch unsere Rechtfertigung vor Gott freilich nimmer durch ,Werke erlangt wird, so sind dennoch die guten Werke, als eine natürliche Folge des wahren Glaubens, sehr nothwendige Zeichen, daß wirklich jener Glaube in uns vorhanden ist; während im Gegentheil, wo diese Werke nicht sind, mit Sicherheit geschlossen werden darf, daß auch der rechte Glaube nicht da ist. Als eigenes Verdienst aber können uns weder der Glaube, weil er ja ein reines Geschenk der Gnade Gottes durch Christum ist; noch die Werke von Gott angerechnet werden; weil sie ja nur eine Wirkung des, uns von Gott aus Gnaden geschenkten, Glaubens sind. Kurz, wir müssen uns Christo in die Arme werfen; – dazu drängt uns der evangelische Schriftart dieses Sonntags, den wir betrachtet haben, dazu drängt uns die ganze Schrift hin, unwiderstehlich! –

Und diese Betrachtung sollte uns denn wol Alle auch zu barmherzigen Samaritern machen können, nicht blos gegen den Nächsten, sondern auch gegen uns selbst; nicht blos für die leiblichen Wunden unsrer selbst und des Nächsten – für die sich schon eher Mitleid und Rath findet – sondern auch, und noch viel mehr, für die Wunden unsrer Seele von den giftigen Bissen der Sünde. „Ueber die ganze Erde hin ausgestreckt liegt ein riesiger Kranker; aber vom Himmel stieg ein allmächtiger Arzt hernieder, zu heilen den riesigen Kranken!“ Wenn dieses schöne Bild Wahrheit hat – dessen sich ein heiliger Kirchenlehrer des christlichen Alterthums zur Erläuterung unseres Gleichnisses, bei der Erklärung desselben vor seiner Gemeine, so treffend bediente; – wenn der Kranke das an der Sünde darnieder liegende menschliche Geschlecht, der Arzt aber der Sünder-Freund und Heiland Christus ist, der himmlische Samariter – Oel und Wein gießend in die Wunden der blutenden Menschheit: – so ist es auch der größte Samariterdienst, den wir uns und dem Nächsten erzeigen können, wenn wir Christum predigen und uns predigen lassen, damit wir durch Seine Wunden heil werden, wie der Prophet verheißt, (Jes. 53, 5 ) und das Leben haben in Seinem Namen, der der wahrhaftige Gott und das ewige Leben ist, hochgelobet über Alles in Ewigkeit! – Dazu helfe Er uns Allen gnädiglich! Amen.

August 31, 2019

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