Corvinus, Antonius – Predigt am ersten Sonntage nach Trinitatis über Ev. Luc. 16 (19-31)

In diesem Evangelio wird zum Ersten beschrieben ein reicher Mann, in welchem weder Glaube, noch Liebe gewesen sei; denn eben wird dies Wörtlein „Reicher“ genommen wie bei St. Paulo, da er sagt: Gebeut den Reichen dieser Welt (1. Timoth. 6), und im Evangelio Matthäi: Es ist möglicher, dass ein Kameelthier durch ein Nadelör gehe, denn dass ein reicher Mann komme ins Himmelreich (Matthäi 19). In diesen Sprüchen heisst reich sein so Viel, als am Reichthum mit dem Herzen hangen, dem Gut und Geld nachtrachten, daran Lust, Liebe, Freude und ein Gefallen haben und die Gedanken nirgend anders hinstrecken, denn auf den teuflischen Mammon, und nennet solche Leute St. Paulus sonderlich um der Ursach willen weltreich, dass sie an weltlichen, vergänglichen, irdischen Dingen mehr, denn an himmlischen hangen. Sonst, wenn Güter an ihnen selbst böse sollten sein und verdammen, so müssten auch Abraham, Salomon und Naeman Syrus verdammt sein, sintemal dieselbigen auch Güter gehabt, aber doch derselbigen nicht missbraucht haben. Demnach wird hie der reiche Mann nicht als ein guter, sondern als ein böser Baum beschrieben. Und willt du hören eines bösen Baumes Früchte: Er kleidete sich mit Purpur und köstlichem Leinwat. Dies Kleiden hätte ihn freilich nicht verdammt, wenn er nicht ein Gefallen daran gehabt und weltliche Ehre, Stolz und Gepränge nicht darin gesucht hätte und also aus der Acht geschlagen den armen Lazarum. Denn auch Joseph in Aegypten herrlich bekleidet und mit güldenen Ketten geziert war, und ist nichts desto weniger, dieweil sein Herz nicht daran hing, Gott gefällig gewesen. Dass aber Dieser Beide, an der Kleidung und Wohlleben, mit dem Herzen gehangen habe, zeiget an das Folgende: Er lebte alle Tage herrlich wohl. Es ist eine Zeit, dass man fröhlich ist, es ist auch eine Zeit, dass man betrübt ist (Eccl. 3), und soll sich in eine jede Zeit der Christ dermaassen schicken, dass er St. Paulus‘ Lehre immer vor Augen habe: Seid fröhlich mit den Fröhlichen und betrübt mit den Betrübten (Röm. 2). Wenn man aber aus dem Essen ein Fressen und aus dem Trinken ein Saufen macht und Das alle Tage thut, also, dass das Herz Gottes vergisst und allein solche Wollust suchet, so vergisst man auch des Nächsten und nimmt sich nicht an seiner Nothdurft. Gottes aber und des Nächsten vergessen bringt mit sich gewisslich die Verdammniss. Einen solchen ungläubigen Schelm haben wir hier. Er bekümmert sich mit seiner Kleidung und Wohlleben dermaassen, dass er auch Gottes darüber vergisst und so gar keine Liebe zum Nächsten hat, dass auch die Hunde dem armen Lazaro mehr zu gute thun, denn er thut.

Zum andern wird in diesem Evangelio beschrieben ein Armer mit Namen Lazarus. Arm sein aber heisst die Schrift nicht allein nichts Eigenes, kein Geld, kein Gut haben, sondern mit dem Herzen allen irdischen und vergänglichen Dingen abgestorben sein und allein an Gott hangen, also, dass auch ein Reicher solche Armuth haben und im Herzen alle Zeit (dieweil er sein Gut, wenn Gott will, zu verlassen geneigt ist) arm sein kann. Diese Armuth war nicht in Dess Herzen, zu welchem Christus sagt: Gehe hin, verkauf, was du hast, gieb es den Armen und folge mir nach. Denn derselbige, dieweil es Verlassens sollte gelten, ward er betrübt und wollte seine grossen Güter lieber behalten. Nun haben und sehen wir hie einen Lazarus, äusserlich und innerlich arm. Und ist zwar dieser Lazarus gar ein guter Baum, dieweil die Fürchte Solches so reichlich an den Tag geben. Was sind aber das für Früchte? Er liegt vor des Reichen Thür voller Schwären und begehrt sich zu sättigen von den Brosamen, die von des Reichen Tische fallen. Ist das nicht eine herrliche Frucht des Glaubens, in so grosser Krankheit so grosse Geduld haben? Er ruft nicht, er schreiet nicht, sondern schweiget fein still und ist eben wie Hiob gesinnet, da er saget: Gott gab, Gott nahm; des Herrn Name sei gebenedeiet! (Hiob 1) Dessgleichen, ist’s nicht eine feine Frucht und Tugend, dass er nichts Übriges, nicht herrliche Speise, sondern allein die Brosämlein, so vom Tische fallen, begehret? Das hätte ein ungläubig Herz nicht thun können; denn je mehr dasselbige hat, je mehr es haben will, wie der Prophet David sagt: Die Reichen haben Hunger und Kummer gelitten, aber Denen, so auf Gottes Wort trauen, wird Nichts mangeln (Ps. 34). Wie kann der Reiche Kummer leiden? Also, dass er nimmer Genüge hat und immer sorget, es werde ihm gebrechen. Darum haben wir auch einen tapfern Heiligen, ein feines, gläubiges Herz, welches in seiner grossen Krankheit, Elend und Noth mit Geduld übertritt aller Fürsten Wollust und Herrlichkeit.

Zum Dritten haben wir nun in diesem Evangelio des Reichen und auch Lazari Ende und Belohnung. Zugleich haben sie gelebt, zugleich sterben sie auch. Der arme Lazarus wird von den Engeln in Abraham’s Schooss getragen, der Reiche aber wird in die Hölle begraben. Wer ist nun reich? Wer hat’s nun am besten? Zwar dies ist eine grosse Veränderung; denn der vorhin reich war, Der ist nun arm, und der vorhin arm war, Der ist nun reich. Und wer wollte nun nicht dem Lazaro lieber gleich sein, denn dem Reichen? Wer wollte nicht lieber sein im Schooss Abrahä mit Lazaro, denn mit dem reichen Mann in der Hölle? In Abraham’s Schooss getragen werden ist nichts Anderes, denn in Gott entschlafen, in Gottes Gewalt bis zum jüngsten Tage erhalten werden und mit gewisser Zuversicht warten auf des Herrn Christi Zukunft, wie die Schrift sagt: Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand (Weish. 3). In die Hölle aber begraben werden heisst in der Verzweiflung sterben, im Schreckniss des ewigen Todes erhalten werden, bis durch die letzte Sentenz Christi das ewige Feuer kommt über alle Gottlosen. In dieser Flamme der Verzweiflung sitzt der Reiche und wollte gern seine Zunge von Lazaro gekühlet haben. Aber er muss hören: Gedenke, dass du Gutes empfangen hast in deinem Leben. Item, es ist zwischen uns und euch eine grosse Kluft befestiget, dass, die wollten von hinnen zu euch hinabsteigen, können nicht, und auch nicht von dannen zu uns herüberfahren. Da wird kurzum aller Trost versagt diesem Reichen und erfüllet, das Christus bei dem Luca (Cap. 6) sagt: Wehe euch, die ihr hier lachet; denn ihr sollt heulen und weinen! Lazarus aber solle ewigen Trost haben, dieweil er trostlos auf Erden gewesen ist. Dies Alles beherzige, du reicher Mann, und mache dir Freunde vom ungerechten Mammon; sonst wird dir’s gehen, wie es Diesem ergangen ist.

Zum Vierten lehrt dies Evangelium, dass in göttlicher Schrift Alles, was uns zu wissen und zu thun von Nöthen, gegründet und gefasset, und derhalben auch der Schrift allein zu glauben sei. Denn der Reiche, dieweil ihm aller Trost abgesagt ist, wollte er gern Lazarum zu seinen fünf Brüdern haben, dass er dieselbigen warnte vor solcher Qual und Pein. Aber ihm wird gesagt: Sie haben Mosen und die Propheten, lass sie dieselbigen hören. Moses hat gezeugt von Christo; wer denselbigen nicht hören werde, solle gestraft werden. Und eben demselbigen Christo geben Zeugniss die Propheten. Wer nun Mosen und die Propheten, welche von Christo zeugen, höret, der höret auch Christum. Soll man aber allein Christum hören, wo bleiben dann menschliche Satzungen von Vigilien und Seelmessen? Die müssen alle zu Boden gehen. Denn es gilt nicht, Menschen, sondern Christum hören, wie auch der Vater spricht: Der ist mein geliebter Sohn, an welchem ich ein Gefallen habe, Dem gehorchet (Matth. 3).

August 31, 2019

Schlagwörter: ,