Couard, Christian Ludwig – Am ersten Sonntage des Advents – Vormittag.

Lob und Preis und Anbetung dir, Sohn des lebendigen Gottes, daß du uns Sündern zum Trost und Heil gekommen bist in die Welt! Verleihe nun Gnade, barmherziger Heiland, daß der ganze reiche Segen deines heiligen Verdienstes uns zu Theil werde, damit dereinst unser Erbe im Himmel sey bei den auserwählten Kindern Gottes. Amen.

Vor acht Tagen ertönten Trauerlieder in unsern Versammlungen, m. Br., heut sind es Jubelgesänge, in welchen unser Geist zu Gott sich aufschwingt. Dort war es die Erinnerung an den Hingang unsrer Lieben, die uns in eine wehmüthige Stimmung versetzte; hier ist es die Erinnerung an die Ankunft Jesu Christi, des Sohnes Gottes, auf Erden, wodurch unsre Herzen erfüllet werden mit Freude. Damals war es das Andenken an die Verluste, die wir erlitten hatten, wobei wir mit unsrer Betrachtung verweilten; heut findet unsre Andacht ihren Gegenstand in dem Andenken an die unaussprechlichen, herrlichen und ewigen Segnungen, die wir der Gnade Gottes in Christo Jesu verdanken. Welch‘ ein Wechsel, m. Br.! Aber tritt er uns nicht überall im Leben entgegen, dieser Wechsel? Verdrängen sich hier nicht unaufhörlich Freuden und Leiden? Bald verfällt unsre Seele in Schmerz und Traurigkeit, und siehe, über ein Kleines verkehrt sich die Traurigkeit in Freude; bald überlassen wir uns der Fröhlichkeit und dem Lachen, und siehe, über ein Kleines verwandelt sich das Lachen in Weinen und wir stehen verlassen und trostlos da. Der Morgen bringt uns reichen Gewinn und vermehret unsre Güter, unser Ansehen, unsern Einfluß, aber der Abend schon sieht uns hinabsteigen in die Niedrigkeit und beugt uns durch empfindliche Verluste und schmerzliche Erfahrungen. Hier frohlocken wir an der Wiege, dort jammern wir am Grabe. Nichts, nichts ist beständig auf Erden, alles ist den gewaltigen Veränderungen der Zeit unterworfen, und wie bald lieblich und still die Meereswellen dahinfließen, bald tobend und stürmend die Wasserwogen rauschen und fluchen, so eilen unsre Lebenstage bald heiter und ruhig, bald unter Stürmen und Ungewittern der Ewigkeit entgegen.

Doch wie gut, M. Br., gäbe es keinen andern Wechsel, als diesen irdischen und fänden wir nicht denselben Unbestand auch in den Gesinnungen und Handlungen der Menschen, und in ihrem Verhalten gegen die höchsten und heiligsten Angelegenheiten der Seele, gegen das Evangelium und den erhabenen göttlichen Stifter desselben! Wie glücklich, wäre nur bei der Veränderlichkeit alles Zeitlichen unser Herz beständig und ohne Wanken im Dienste des Ewigen und Unvergänglichen! Aber so zeigt es uns die Erfahrung leider nicht. Wie viele Tausende giebt es unter den Christen, die in ihrem Glauben, in ihren Ueberzeugungen, in ihren Gesinnungen, in ihrem ganzen Wandel hin und her schwanken, wie das Rohr, vom Winde bewegt; die heut, vom Geiste Gottes mächtig ergriffen, in der Glut ihrer Andacht sich feierlich dem Herrn verloben und doch morgen schon, vom giftigen Hauche der Weltlust angeweht, ihrer heiligsten Gelübde vergessen; die jetzt mit Petto ihrem Jesu versichern: wenn sie auch alle sich an dir ärgerten, so will ich doch mich nimmermehr ärgern, und wenige Stunden darauf den Herrn der Herrlichkeit verläugnen; die jetzt mit freudigem Eifer die Hand an den Pflug legen, aber sie über ein Kleines wieder verdrossen und unmuthig zurückziehen; die sich in Tagen der Freude und des Wohlergehens zu ihrem Gott und Erlöser halten, aber in der Anfechtung wieder abfallen; die am Morgen sich mit scheinbar heilsbegieriger Seele um die Altäre des Herrn versammeln, ihm Ehre und Anbetung darzubringen, und am Abend die Altäre Baals umringen und den schnöden, eitlen Weltgötzen ihren Weihrauch streuen! Trauriger Wankelmuth, beklagenswerthe Unbeständigkeit menschlicher Gemüther! Hier, m. Br., hier findet ihr die Quelle tausendfachen Unheils, hier findet ihr, was den Frieden unsrer Seele so oft stört, was alles wahre Leben tödtet, was uns so unaussprechlich unglücklich und elend macht!

Und woher diese Erscheinung? O sie hat ihren Grund offenbar in dem natürlichen, tief gewurzelten Verderben des Menschen, das in tausend Gestalten zum Vorschein kommt; sie rührt her von jener Unbekanntschaft mit dem Wissenswürdigsten, die wir bei Unzähligen antreffen; sie erklärt sich daraus, daß so Wenige begreifen und zu begreifen sich bemühen, welches da sey die Breite und du Länge und die Höhe und die Tiefe der Liebe Gottes in Christo Jesu; sie entspringt aus der traurigen Verblendung der meisten Menschen über das Wesen einer wahren Glückseligkeit. Wäre Christus allen offenbar geworden in seiner hohen Würde und in der unermeßlichen Fülle seiner Liebe; wüßten sie, welcher Segnungen Geber er allein ist; hätten sie einen Begriff von der Glückseligkeit, die er den Seinen ertheilt, fürwahr, m. Br., man würde solche Unbeständigkeit, solchen Mangel an Beharrlichkeit und Ausdauer in seinem Dienste bei ihnen nicht finden. Können wir demnach etwas Besseres thun, m. Br., als die Christen unablässig zur Beständigkeit im Bekenntnisse Jesu und seines Evangelii ermuntern, indem wir ihnen die Gründe entwickeln, die zu solcher Beständigkeit verpflichten? Können wir das neue Kirchenjahr, welches die Gnade Gottes uns mit dem heutigen Tage hat erleben lassen, besser beginnen, als indem wir uns zu überzeugen suchen, wie dringende Ursachen wir haben, treu zu seyn bis in den Tod im Dienste dessen, von dem die Schrift erklärt: es ist in keinem andern Heil, als in Christo, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen sie sollen selig werden? Wohlan denn, m. Br., Ermunterungen zur Beständigkeit und Treue in dem Bekenntnisse Jesu Christi sollen heut den Inhalt meines Vortrags ausmachen. Gott segne unsre Andacht.

Text. Ev. Matth. Cap. 21, V. 1-9.
Da sie nun nahe bei Jerusalem kamen gen Bethphage an den Oelberg, sandte Jesus seiner Jünger zween, und sprach zu ihnen: Gehet hin in den Flecken, der vor euch liegt, und bald werdet ihr eine Eselin finden angebunden, und ein Füllen bei ihr; löset sie auf, und führet sie zu mir. Und so euch jemand etwas wird sagen, so sprechet: Der Herr bedarf ihrer; so bald wird er sie euch lassen. Das geschah aber alles, auf daß erfüllet würde, das gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmüthig, und reitet auf einem Esel, und auf einem Füllen der lastbaren Eselin. Die Jünger gingen hin, und thaten, wie ihnen Jesus befohlen hatte: Und brachten die Eselin, und das Füllen, und legten ihre Kleider darauf, und setzten ihn darauf. Aber viel Volks breitete die Kleider auf den Weg; die andern hieben Zweige von den Bäumen, und streueten sie auf den Weg. Das Volk aber, das vorging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohne Davids; gelobet sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Wenn wir im Geiste uns mitten unter jene jubelnden Schaaren versetzen, von welchen unser Text redet; wenn wir erwägen, mit welcher Begeisterung sie den Herrn bei seinem Einzuge in Jerusalem begrüßen – ist es nicht niederschlagend, daß wir dabei unwillkührlich zugleich erinnert werden, wie bald das Frohlocken der Menge in bittern Hohn, und ihre Freude über den Erlöser in ungestüme Wuth gegen ihn sich verwandelte? Unbeständiges Volk, das morgen schon die Kreuzigung dessen verlangt, dem es heut mit einem Hosianna entgegenkommt! Aber eine solche Unbeständigkeit in den Gesinnungen der Menschen gegen Jesum, den Herrn, finden wir leider noch immer unter uns. Ihr entgegenzuwirken ist der Endzweck unsrer Predigt, und so mögen denn auch heut Ermunterungen zur Beständigkeit im Dienste Jesu Christi unsre Andacht beschäftigen! Ich leite diese Ermunterungen her

  1. aus der Würde des Herrn;
  2. aus seinem Werke;
  3. aus dem Segen, der die Beständigkeit in seinem Dienste krönet.

Heiliger Vater, heilige uns in deiner Wahrheit, dein Wort ist die Wahrheit! Amen.

I.

Zuvörderst ist es also die erhabene Würde des Herrn, die uns zur Standhaftigkeit in seinem Dienste und in dem Bekenntnisse seiner Lehre ermuntern muß. Kennet ihr diese Würde? Ach, Viele mögen wohl keinen Begriff von derselben haben und Betrübenderes kann es fürwahr nicht geben, als daß man immer noch in der Christenheit jenes strafende Wort wiederholen muß, welches Johannes der Täufer an seine Zeitgenossen einst richtete: er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennet. Wer sollte uns bekannter seyn, als Jesus Christus, der Herr, von dem die ganze heilige Schrift zeuget, den jede Predigt des Evangeliums verherrlicht, in dessen Tod wir getauft, in dessen Gemeine wir aufgenommen sind, von dem wir den ehrwürdigen Christennamen führen, der uns nahe ist alle Tage bis an das Ende unsers Lebens? Und dennoch wissen Viele nicht, was sie aus ihm machen sollen, und wenn man sie fragte, wie dort die Bewohner Jerusalems bei dem Einzuge Jesu fragten: wer ist der? – sie würden verstummen, denn die Schrift lesen sie nicht, die Predigt hören sie nicht, um Gott und göttliche Dinge bekümmern sie sich nicht, ihr Element ist die Welt – und Christus ist nicht von der Welt, darum kennet ihn die Welt nicht. Viele verblendet auch der Unglaube, die traurige Frucht und Ausgeburt einer stolzen und vermessenen Vernunft, die Gottes Wahrheit verläugnet und sich in ihren Lügen gefällt. Etwas haben sie von Christo erkannt; daß er ein weiser Lehrer, daß er ein Wohlthäter unsers Geschlechts, daß er ein frommer Mensch gewesen, das wissen sie; weiter aber reicht ihre Erkenntniß nicht, weil sie einmal sich vorgenommen haben, in Christo nichts als ihres Gleichen zu sehen. Wollen wir nun richtige Vorstellungen haben von der Würde des Herrn, so müssen wir merken auf die Zeugnisse des göttlichen Wortes, denn dies Wort ist Wahrheit, deß wird jeder inne werden, der sich den Aussprüchen desselben mit demuthsvollem Glauben unterwerfen und sich entschließen will, nach Anleitung desselben den Willen Gottes zu thun. In welcher erhabenen Würde wird hier der Herr uns geschildert! Lasset uns einen Blick in unsern Text werfen, m. Br.: Da sie nun nahe bei Jerusalem kamen gen Bethphage an den Oelberg, heißt es hier, sandte Jesus seiner Jünger zween, und sprach zu ihnen: Gehet hin in den Flecken, der vor euch liegt, und bald werdet ihr eine Eselin finden angebunden, und ein Füllen bei ihr; löset sie auf, und führet sie zu mir. Und so euch Jemand etwas wird sagen, so sprechet: der Herr bedarf ihrer; sobald wird er sie euch lassen. Das geschahe aber alles, auf daß erfüllet würde, das gesagt ist durch den Propheten, der da spricht! Saget der Tochter Zion, siehe, dein König kommt zu dir sanftmüthig, und reitet auf einem Esel, und auf einem Füllen der lastbaren Eselin. Als König wird demnach Jesus Christus uns hier vorgestellt, m. Br. Welch‘ ein vielbedeutender, umfassender Ausdruck! Er will etwas mehr sagen, als wenn Menschen so genannt werden, denn die Macht irdischer Könige, zu geschweigen, daß sie ihnen nur auf eine kurze Zeit von Gott verliehen ist, beschränkt sich doch in der That nur auf einen unbedeutenden Raum der Erde; wenn aber Christus König genannt wird, so wissen wir, dieser Ausdruck ist bei ihm nicht Bezeichnung einer beschränkten, weltlichen und daher vergänglichen Macht, weil ja sein Reich, wie er selbst erklärt, nicht von dieser Welt ist, sondern er deutet hin auf seine göttliche, das Sichtbare und das Unsichtbare umfassende Gewalt, auf seine ewige Herrschaft über alles Erschaffene, wie sie ihm zusteht, als dem, durch welchen alle Dinge sind! Darum wird ihm in der Schrift ein Name beigelegt, der über alle Namen ist, daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller Kniee, die im Himmel und auf Erden sind, und alle Zungen bekennen, daß Jesus Christus der Herr sey, zur Ehre Gottes, des Vaters. Sein Name aber ist: Gott über alles, hochgelobet in Ewigkeit. So fallet denn nieder vor diesem Könige der Ehren! Demüthiget euch vor ihm und bringet in tiefster Ehrfurcht eure Huldigungen ihm dar! Euer König ist Gott, ist eins mit dem Vater, ist der eingeborne Sohn des Allerhöchsten, den alle Engel Gottes anbeten, ist der ewige Gesetzgeber, dessen Befehle wir in Demuth anzunehmen haben, ist der hocherhabene Richter, in dessen Hand unser ewiges Schicksal ruht, ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes und der Abglanz seiner Herrlichkeit.

Wo ist eine Würde, m. Br., die mit der Würde unsers Jesu zu vergleichen wäre? Zwar hat er eine Zeitlang seiner göttlichen Herrlichkeit sich entäußert und Knechtsgestalt angenommen zum Heil der Sünder; zwar hat er als Mensch, ein Sprößling aus dem Hause Davids, auf Erden gelebt und gewirkt, weshalb auch das Volk im Texte ihm mit dem Freudenzuruf entgegenkommt: Hosianna dem Sohne Davids; zwar ist er als Mensch sogar bis zum Tode am Kreuzt gehorsam geworden – aber ist er nicht durch Leiden des Todes mit Preis und Ehre gekrönet und auch seiner Menschheit nach verkläret worden zur Herrlichkeit Gottes! Hat er sich nicht gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe und herrschet er nicht mit göttlicher, unumschränkter Gewalt, bis daß er lege alle seine Feinde zum Schemel seiner Füße!

Weil wir denn nun einen solchen König haben, m. Br., deß der Himmel und die Erde ist und der auf dem Throne der Majestät Gottes unveränderlich regiert, darum sollen wir uns sein freuen, wie das Volk im Evangelio; darum sollen wir uns ihm unterwerfen und ihm gehorchen, wie jene Jünger, von denen unser Text sagt: Die Jünger gingen hin, und thaten, wie ihnen Jesus befohlen hatte; darum sollen wir alles verlassen und verläugnen, und ihm nachfolgen; darum sollen wir mit beständiger, unwandelbarer Treue in seinem Dienste ausharren bis an das Ende. So lange wir ihn nicht kennen, so lange seine göttliche Würde uns verborgen ist, mögen wir es wohl für etwas Geringes und Gleichgültiges halten, ob wir seinen Namen bekennen oder nicht, ihm anhangen oder ihn verlassen, wie ja Unzählige sich kein Gewissen daraus machen, daß sie ihn verlassen, ja noch mehr, daß sie ihn schmähen und lästern. Aber kennen wir ihn als unsern Herrn und Gott, o dann, ja dann werden wir gewiß auch mit Petro auf seine Frage: wollet ihr auch von mir gehen? freudig antworten: Herr, wohin sollen wir gehen, du hast Worte des ewigen Lebens! O selig, die das geglaubet und erkannt haben! Als seine treuen Unterthanen sich zu bewähren, als seine wahrhaftigen Jünger sich zu beweisen, mit unveränderlicher Liebe, im ungefärbten Glauben, mit willigem Gehorsam ihm allezeit sich zu unterwerfen, mit ihm vereiniget zu seyn in Freud und Leid, im Leben und im Sterben, das, das wird ihr eifrigstes Bestreben seyn. Sie können im Kampfe zuweilen unterliegen, sie können im Laufen zuweilen straucheln und fallen – aber ihren König verlassen, aber ihren Herrn und Gott verläugnen, aber sich von ihm abwenden, um in den Dienst der Welt und Sünde zu treten, nein, das können sie nicht.

Sind solche unter uns, die es treu meinen mit ihrem Jesu, die in dem Bekenntnisse seines Namens ausharren, die sich durch keine Lockung der Welt, durch keine Anfechtung der Sünde, durch keinen Wechsel des Glücks, durch keine Verspottung des Unglaubens irre machen lassen, die mit standhaftem Glauben, mit unveränderlich frommer Gesinnung, mit aufrichtiger Liebe und Hingebung ihm dienen – Gott segne sie, daß sie bis an’s Ende beharren! Ach, daß die Welt voll solcher Christen wäre! Sind Schwache, Wankelmüthige, Unbeständige unter uns, die auf beiden Seiten hinken, und bald dem Herrn, bald der Welt dienen, – Gott stärke sie, daß ihr Herz fest werde und sich ganz dem zuwende, der allein geliebt zu werden verdient! Sind Abtrünnige unter uns, von denen der treue und wahrhaftige Zeuge sagen mußte: sie haben mich verlassen und die Welt lieb gewonnen – Gott erleuchte sie, daß sie erkennen, wen sie verlassen haben! Es ist der Herr der Herrlichkeit, den der Vater gesetzt hat zum Erben über alles, es ist ihr Herr und Gott selbst, gegen welchen sie sich auflehnen. Mögen sie erschrecken bei diesem Gedanken, mögen sie beherzigen das Wort der Ermahnung: küsset den Sohn, daß er nicht zürne, und ihr umkommet auf dem Wege! Mögen sie mit Petro weinend und in wahrer Buße aufstehen von ihrem Fall und Vergebung suchen bei dem, der da kommt in dem Namen des Herrn, die Sünder selig zu machen. Das leitet uns auf den

II.

zweiten Theil unsrer Betrachtung, auf das Werk unsers Herrn, wodurch wir nicht minder zur Beständigkeit und Treue in seinem Dienste uns erwecken lassen sollen.

Das ewige Wort wird Fleisch, der eingeborne Sohn Gottes erscheinet in menschlicher Niedrigkeit auf Erden. Unbegreifliches Geheimniß! Was hat es doch auf sich mit dieser Erniedrigung des Sohnes Gottes, mit dieser seiner Ankunft auf dem Schauplatz der Sünde! Gelobet sey, der da kommt in dem Namen des Herrn, jauchzt das Volk im Texte ihm entgegen; es erkennt demnach in ihm einen Abgesandten des Allerhöchsten, der mit wichtigen Aufträgen versehen im Namen Gottes redet. Und welches sind diese Aufträge, m. Br.? Kommt der Sohn Davids im Namen des Herrn, um die Welt zu richten, um das abtrünnige Geschlecht der Menschen zu bestrafen, um die Sünder zu verdammen, um die durch unsre Sünden gekränkten und beleidigten Rechte der göttlichen Majestät und Heiligkeit zu rächen? Ach, dann hätte der Engel Gottes bei seinem Erscheinen jenen Hirten nicht zurufen können: siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird; dann hätte die Ankunft des Sohnes Gottes auf Erden Furcht und Entsetzen verbreiten müssen. Aber nein, so ist es nicht. Dein König kommt zu dir sanftmüthig, heißt es in unsern Texte; er kommt, getrieben von unendlicher Liebe zu den unglücklichen Sündern, die Rathschlüsse göttlicher Erbarmung zu ihrem Heil zu erfüllen. Er verkündiget sie selbst, die frohe Botschaft des Friedens: Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde; er sagt selbst: des Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist; und seine Apostel predigen es uns mit heiliger Begeisterung: das ist je gewißlich wahr und ein theuer werthes Wort, daß Jesus Christus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen. Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, daß er die Werke des Teufels zerstöre. So jauchze denn, du Christenvolk, und rufe auch frohlockend aus: gelobet sey, der da kommt in dem Namen des Herrn, denn der große, heilige Endzweck der Offenbarung Gottes im Fleisch ist die Erlösung, die Begnadigung, die Beseligung der Sünder!

Und wie vollendet der Sohn Gottes die Rathschlüsse seines himmlischen Vaters? Wie bringt er das Werk der Erlösung zu Stande? Er wird das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Er belastet sich an unsrer Statt mit dem Fluche der Sünde, er leidet und stirbt, stirbt am Kreuze, um uns mit Gott zu versöhnen, vergießt sein Blut, damit wir an ihm hätten die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden. – O, m. Br., was hat den Unendlichen vermocht, seinen eingebornen Sohn so für uns alle in Leiden und Tod dahinzugehen? Etwa die Werke der Gerechtigkeit, die wir gethan hatten? O wie dürfen Sünder von Werken der Gerechtigkeit reden! Nein, seine große Barmherzigkeit, seine unendliche Liebe, denn also sagt die Schrift: also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Darum preiset Gott seine Liebe gegen uns, daß Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren. Darinnen stehet die Liebe, nicht, daß wir Gott geliebet haben, sondern daß er uns geliebet hat, und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Was hat den Sohn Gottes vermocht, sich so tief zu erniedrigen, was hat ihn bewogen, für uns in Leiden und Tod zu gehen? Etwa unser Verdienst und Würdigkeit? O wie dürfen Sünder von Verdienst und Würdigkeit reden! Nein, seine Liebe und nichts als seine Liebe ist der Grund solcher Erniedrigung gewesen; er hat uns geliebet bis in den Tod, er ist arm geworden, auf daß wir reich würden in ihm; er ist ein Fluch für uns geworden, auf daß er uns erlösete vom Fluche des Gesetzes; er ist gestorben, damit wir in ihm das ewige Leben hätten! Diese Liebe erwäge mit Ernst, bei dieser Liebe verweile mit deiner Betrachtung! Kannst du sie begreifen? Wie! Du staunest, du verstummest! Weil du dein eigenes Elend, dein großes Verderben fühlst, weil du einsiehst, nichts an und in dir hat den Herrn zu solcher Hingebung reizen können; weil du dich für einen todeswürdigen Sünder erkennst! Wohlan denn, die Größe seiner Liebe, ihr Umfang, ihr Beweggrund, das alles müsse dich zur innigsten Dankbarkeit ermuntern! O ergieb ihm dein Herz, der mit solcher Liebe dich bis in den Tod geliebet hat! Wäre es nicht der schwärzeste Undank, wenn du von dem dich lossagen wolltest, der so Großes an dir gethan hat? Wäre es nicht die strafbarste Gleichgültigkeit, wenn du den nicht lieben wolltest, der dein höchster Wohlthäter ist? Könntest du es vor deinem Gewissen und vor dem Richterstuhle Gottes verantworten, wenn du abtrünnig würdest von dem, der dich je und je geliebet und der in Seilen der Liebe dich geführet hat? Und doch, doch giebt es so viel Wankelmüthige, Unbeständige, Abtrünnige! Woher das, m. Br.? Woher anders, als weil sie keinen Begriff haben von dem Liebeswerke des Erlösers, als weil sie nicht mit Johanne sagen können: wir haben erkannt und geglaubet die Liebe, die Gott zu uns hat, Gott ist die Liebe – denn die das wissen, erkennen und glauben, rufen sich auch gegenseitig zur Ermunterung zu: lasset uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebet. Und warum haben sie die Liebe des Herrn nicht erkannt und geglaubet? Wird sie ihnen nicht ohn‘ Unterlaß verkündigt? Wird der Segen derselben ihnen nicht immerdar angeboten? – Weil sie sich selbst noch nicht erkannt haben in ihrem Verderben, in ihrer Sünde und in ihrem Elende. Weil sie noch im Wahne eigener Gerechtigkeit stehen und nicht fühlen, daß der Herr allein unsere Gerechtigkeit ist. Darf es uns befremden, daß sie den Heiland verlassen, dessen Gnade sie entbehren zu können meinen? Darum, Christen, lernet eure Sünde kennen! Ihr gelanget aber zu. solcher heilsamen Erkenntniß nicht in der Welt, sondern allein durch das Wort Gottes, das unter uns verkündiget wird. Merket demnach auf dies Wort, lernet euch mit Hülfe desselben als verdammungswürdige Sünder kennen, und wenn ihr dann höret die Botschaft des Evangeliums: dein König kommt zu dir sanftmüthig, er kommt aus lauter Liebe, dich zu retten, dich selig zu machen – o dann werdet ihr gewiß, von dankbarer Gegenliebe ergriffen, euch ihm ergeben und euch fest an den anschließen, in welchem ihr allein Frieden und Ruhe für eure Seele, Heil und Seligkeit finden könnet! – Oder saget es, m. Br., wodurch soll man euch zur Beständigkeit und Treue im Dienste Jesu Christi noch ermuntern, wenn seine Liebe euch nicht rührt, wenn der Gedanke an sein unendliches Erbarmen euch kalt und gleichgültig läßt, wenn Dankbarkeit nicht mehr vermögend ist, euch zu seiner Nachfolge zu erwecken! O möchte der Herr, der auch heut sanftmüthig, gnädig und barmherzig zu jedem von uns kommt, möchte er offene Herzen finden, die ihn willig aufnehmen, möchten wir alle, unsrer Sünden und seiner vergebenden Liebe eingedenk, zum Danke ihm uns ganz und gar weihen und im Glauben und Gehorsam ihm beständig und treu bleiben bis an’s Ende, damit wir auch den Segen ererben, der solche Beständigkeit und Treue im Dienste Jesu Christi nach der Gnadenabsicht Gottes krönen soll!

III.

Denn o, wie selig sind die treuen, die beständigen Jünger des Herrn, m. Br.! Könnet ihr diese Seligkeit in’s Auge fassen, und doch noch unschlüssig seyn, wem ihr dienen sollet, ob der Welt oder dem ewigen Könige, der mit der Fülle seiner Gnade zu euch kommt! Ihr fraget doch sonst so gern nach dem, was euch Nutzen bringt! Ihr lasset es ja doch sonst nicht in weltlichen Dingen an Eifer, Ausdauer und Beharrlichkeit fehlen, wenn ihr euren Vortheil vor Augen sehet – und nun, in Absicht auf euer ewiges Heil möget ihr euch auf euren Gewinn nicht verstehen! Höret nur, was der Herr sagt: wer bis an’s Ende beharret, der wird selig werden, wer aber weichen wird, an dem wird meine Seele keinen Gefallen haben. Sey getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer in mir bleibet und ich in ihm, der bringet viel Frucht, wer nicht in mir bleibet, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorret und man sammelt sie und wirft sie in’s Feuer und muß brennen. Hier gilt es demnach unser zeitliches und ewiges Glück, und scheint es euch etwas so Kleines, schon hier in Jesu Gemeinschaft bei einem treuen und standhaften Bekenntnisse seines Namens die Fülle alles Trostes, alles Friedens, aller Freude, alles Segens zu empfangen? Dünkt es euch etwas so Geringes, dereinst die himmlische Seligkeit zu erlangen, die der Sohn Gottes den Seinen, die bis an’s Ende bei ihm verharren, verheißen hat? Wer wollte doch so thöricht seyn, den Schein dem Wesen, das Falsche dem Wahren, das Vergängliche dem ewig Bleibenden geflissentlich vorzuziehen! Darum fraget euch nur: was giebt euch wahre Freuden und gewährt euch erquickenden Genuß? Die Welt und ihre Güter? Wie wäre das möglich, da die Welt vergeht mit ihrer Lust! Ihre Freuden sind flüchtig, eitel und oft die Quelle großen Jammers, bitterer Reue, ewigen Verderbens. Nein, wer sich wahrhaft und ewig freuen will, der freue sich in dem Herrn, denn es ist in keinem andern Glück, Heil und Segen, als in ihm! Was giebt euch wahren Trost im Leiden? Die Welt? Sie verläßt euch, wenn’s euch traurig geht. Oder die Sünde? Sie stürzt euch in Verzweiflung. Nein, wer mühselig und beladen ist, der eile zu Jesu hin, der ihn erquicken wird, daß er mit Paulo sprechen könne: ich bin überschwänglich. in Freuden in aller meiner Trübsal. Was giebt euch wahren Frieden, wenn euer Gewissen euch anklagt und verdammt? Die Welt? O sehet, die arge Welt verhöhnt und verlacht euch, wenn ihr eurer Sünden wegen bekümmert seyd, und wenn euch um Trost herzlich bange ist! Aber Jesus erfüllt die Seele mit Frieden, denn er verkündigt den bußfertigen Sündern Verzeihung und Gnade, und wendet sein heiliges Verdienst denen gern zu, die es im Glauben suchen. Was giebt euch Kraft in eurer Schwachheit, wenn ihr das Werk eurer Heiligung mit Ernst zu betreiben beginnet? Wiederum Niemand anders, als der da spricht: ohne mich könnet ihr nichts thun; die auf ihn trauen und harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden, daß sie bekennen müssen: im Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke. Was erfüllt euch mit froher Zuversicht und Freudigkeit in der angstvollen Stunde des Todes, wenn ihr an den Pforten der Ewigkeit stehet und der Richter ruft: Thue Rechnung von deinem Haushalten? Wird da die Welt eure Hülfe seyn? Werden da eure Güter und Schätze, eure Titel und Würden euch vom Tode erretten? O Jesus allein kann der Sterbenden Trost seyn, er, der den Tod überwunden und Leben und unvergängliches Wesen an’s Licht gebracht hat! Wer an mich glaubet, spricht er, der wird leben, ob er gleich stürbe! Und wer wird euch endlich zu Erben des Himmels machen und zur Herrlichkeit jener neuen Welt einführen? Jesus Christus allein, der hingegangen ist, uns die Stätte zu bereiten und der die Verheißung gegeben hat: wo ich bin, da soll mein Diener auch seyn.

Ja, m. Br., in Christo Jesu liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und Erkenntniß, der Gnade und des Friedens, des Heils und der Seligkeit. Soll uns das nicht bewegen, in seinem Dienste treu auszuharren bis an’s Ende, um seinetwillen. Alles, Alles fröhlich und getrost hinzugeben, und auf den liebevollen und ernsten Zuruf Johannis zu achten: Kindlein, bleibet bei ihm, auf daß, wenn er geoffenbaret wird, daß wir Freudigkeit haben und nicht zu Schanden werden vor ihm in seiner Zukunft! Oder wollten wir lieber abfallen, verläugnen und zu Schanden werden? Traurige Verblendung, wenn der Mensch statt des Segens den Fluch, statt des Lebens den Tod wählt und lieber hienieden mit Hintansetzung des Herrn sein Gutes genießt, als daß er Alles verlassen und Jesu nachfolgen sollte! Wird es da nicht einst heißen: nun wirst du gepeinigt! Nein, m. Br., wir wollen nicht von denen seyn, die da weichen und verdammt werden, sondern von denen, die da glauben und die Seele erretten! Mögen Tausende. um uns her zum Haufen der Spötter und zur Schaar der Ungläubigen sich gesellen, mögen sie über den Dienst der Sünde und über die eitle Lust der Welt des Heilandes und ihrer Seele vergessen, wir wollen, fest sey es heut bei uns beschlossen, wir wollen dem Herrn dienen, in ihm unsre Freude suchen, an ihn immer inniger und fester uns anschließen, ihm treu seyn bis in den Tod! Solche Treue findet einen köstlichen Lohn – die Krone des ewigen Lebens. Ja, mit diesem Entschlusse treten wir freudig ein in das neue Kirchenjahr, welches deine Gnade, o Gott, uns noch schenkt! Du willst den Tag des Heils uns noch leuchten und das Evangelium deines Sohnes uns noch ferner verkündigen lassen, daß wir ermuntert werden, mit Furcht und Zittern zu schaffen, daß wir selig werden! O so mache denn auch die Predigt deines heiligen Wortes in dem begonnenen Kirchenjahre recht kräftig, daß dein Reich zu uns komme! Mache sie kräftig unter den fernen Heiden, daß sie sich bekehren von der Finsterniß zum Licht und von der Gewalt des Satans zu dir, zu empfangen Vergebung der Sünden und das Erbe, sammt denen, die geheiliget werden durch den Glauben an Jesum Christum, deinen Sohn! Mache sie kräftig unter den verblendeten Kindern Israel, daß sie die Herrlichkeit des Erlösers schauen und heilsbegierig eingehen in den Schooß seiner Kirche! Mache sie kräftig in deiner ganzen Christenheit, daß wir ein heiliges Volk werden zum Lobe und Preis deines Namens! Die verstockten Sünder wollest du erschüttern, die Bußfertigen trösten, die Irrenden auf den Weg der Wahrheit leiten, die Gläubigen stärken, die Mühseligen erquicken, den sterbenden nahe seyn mit deinem Frieden und uns Alle, o Herr, ausrüsten mit Kraft deines Geistes; daß wir in Freud und Leid, in Glück und Anfechtung ausharren in der Gemeinschaft Jesu Christi, deines lieben Sohnes, damit wir die verheißene Krone des ewigen Lebens einst davontragen mögen! Amen.

September 1, 2019

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