Diedrich, Julius – Das dritte Wort am Kreuze: Mein Gott! mein Gott! warum hast Du Mich verlassen? Ev. St. Matth. 27, 46.

Der HErr, unser Heiland, klagt am Kreuz: „Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen“? Nor wenigen Augenblicken hat Er den Schacher getröstet und denselben des Paradieses versichert, ja vor wenigen Augenblicken hat Er aus Seinem reichen Herzen Trost für die ganze sündige Welt hervorquellen lassen, da Er für die Uebelthäter bat – und jetzt scheint Er selbst keinen Trost für Sich zu empfinden? Seine Feinde mögen wohl, wenn sie diese Klageworte hörten, bei sich gedacht haben: „Nun bekennt Er Sich selbst als überwunden“, – sie mögen diese Worte als ein Unterpfand dessen aufgenommen haben, daß sie gesiegt und in Wirklichkeit einen Schwärmer und Gotteslästerer hingerichtet hätten. Aber diese Worte haben mehr auf sich, als sie zuerst scheinen. Sie sind der Anfang des 22sten Psalmes. In demselben klagt David seine Noth, nämlich die Roth des Königs von Israel. Er sollte König des Volkes Gottes sein und war in bittersten Schmerzen, wie von Gott verlassen. Dennoch, weiß er, nachdem er seine Angst bekannt, daß Er den Sieg haben wird und sagt auch voraus: ,,Ich will Deinen Namen predigen meinen Brüdern: ich will Dich in der Gemeine rühmen. Der HErr hat ein Reich und Er herrschet unter den Heiden, Er wird einen Samen haben, der Ihm dienet, vom HErrn wird man verkündigen zu Kindeskind. Sie werden kommen und Seine Gerechtigkeit predigen dem Volke, das geboren wird, daß Er es thut„. – Der ganze Psalm ist unter den ersten Klageworten, welche der HErr hier am Kreuze von Sich vernehmen läßt schon mitzuverstehen; aber sie, diese Anfangsworte, haben in diesen schmerzlichen Augenblicken zuerst ihre Erfüllung und zum Siege ist der HErr noch nicht völlig hindurchgedrungen. David hat, weil er ein schwaches Bild Christi war, auch etwas von Christi Leiden erfahren müssen; aber er hat sie nicht völlig erfahren; sondern nur als eine schwache Weissagung von den Leiden des wahrhaftigen, ewigen Zionsköniges. In Christo ist der 22ste Psalm wie alle Gottesworte früherer Zeiten erst ganz erfahren, in Ihm ist alles erfüllt worden. Wie Er, ist sonst noch kein Heiliger von Gott verlassen gewesen, weil keiner zu derselben Herrlichkeit gelangen konnte und weil auch keiner so viel opfern konnte, wie Er geopfert hat. Wir werden diese Worte nur recht verstanden haben, wenn wir durch sie nicht an Christo irre werden; sondern wenn sie es uns auf’s festeste bestätigen, daß Er, der also leidende und zeugende Jesus, allein der wahre Christ ist. Diese Worte sind ein Geheimniß der Gottseligkeit, welches uns der heilige, Geist allein deuten kann, während der fleischliche Mensch ihren Sinn nicht zu fassen vermag. Diese Worte sind voll göttlicher Weisheit und voll göttlichen Trostes. Sie offenbaren uns auf’s tiefste die unendliche Gottesliebe unsers Heilandes zu uns. –

I.

Wie konnte aber Christus von Gott verlassen sein? Ist Dieser nicht des Höchsten Sohn? Ist Er nicht Der, welcher in Israel HErr sein soll, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist? Ist Er doch von Gabriel als der Sohn des Höchsten Seiner Mutter angekündigt. Er hat Sich durch Sein ganzes Leben, durch Seine Worte voll Lebens und Geistes, Er hat Sich durch Seine allmächtigen Tröstungen, zu deren Genuß Er die Mühseligen und Geladenen der ganzen Welt zu Sich einlud, Er hat Sich durch Seine Wunder, in denen Er über die Natur und über alle Macht der Sünde und des Teufels triumphirte, als Gottes Sohn erwiesen. Er hat Seine Majestät bei der Gefangennehmung und vor den Hohenpriestern sowie vor Pilatus und Herodes behauptet; Er hat als ein unüberwindlicher König für die verlorne Menschheit im bittersten Kreuzesleiden gebetet; Er hat den verlornen Schächer in’s Paradies aufgenommen als HErr Himmels und der Erde. Ihn haben die Apostel und die Christen aller Zeiten als das ewige Wort erkannt und erfahren, das bei Gott war und Gott ist: sie haben Ihn als das Leben erkannt, welches unter uns und für uns erschienen ist. Sie haben Ihn verkündigt als den Abglanz der Herrlichkeit Gottes und als das Ebenbild Seines Wesens, als den wahrhaftigen Gott und das ewige Leben, sie haben bekannt, daß, wer Ihn nicht hat, auch keinen Gott habe. Wie kann nun Der, welcher selbst Gott, ist, von Gott verlassen sein? – Im alten Testamente war außer andern Duldern besonders Hiob ein Vorbild auf Christum. Dem gab Gott selbst das Zeugniß, daß er fromm sei; doch wird er zum elendesten Wurme, der seinen Tag verflucht. Daß er ihn verflucht, ist aber seine sündliche Schwachheit. Doch ist er im Leiden ein auserlesenes Kind Gottes, an welchem Gott einen besondern Triumph uns Menschen zu Gute über den Teufel feiern will. Da Hiob lauter Gottverlassenheit schmeckt, obgleich er doch fromm war, gieng Gottes gnädiges Vornehmen auf’s Herrlichste vorwärts. Hiob schreit gar ungebehrdig sein „Warum?“ zu Gott; Jesus aber wie ein sanst flehendes Kind. Zu solchen Seelenleiden mußte Er sich freilich geben, wenn Er unser Heiland sein wollte. Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein; sondern äußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein andrer Mensch und an Gebehrden wie ein Mensch erfunden. Er niedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Er ward ein Mensch; aber was für ein Mensch? der allerärmste und der allerverachtetste: Er ward Mensch für uns Sünder. Er wollte ganz für uns leben und sein, Sich unser ganz theilhaftig machen, damit wir Seiner theilhaftig würden. Darum mußte Er für uns solches leiden und sterben. Wir hatten Gott verlassen durch die Sünde: wir wollten uns außer Gott ein Reich in hoffärtiger Lust aufrichten und wollten es uns nicht eingestehen, welches Elend es sei, Gott verlassen zu haben und demgemäß von Gott verlassen zu sein. Die ganze Welt um Christi Kreuz her ist von Gott verlassen, weil sie Gott verlassen hat; aber sie klagt nicht darüber; sondern sie will in ihrer Frechheit, daß ihr Wesen göttlich und recht sei. Damit will sie Gott selbst vom Throne stoßen. Aber deßhalb klagt Er für uns unter den bittersten Seelenschmerzen: „Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen“? Er fühlt in uns unsre Gottverlassenheit, weil Er sich so ganz in uns versenkt hat. Sein Leiden ist nicht ein scheinbares; sondern das allerwahrste und tiefste. Wir wollen es zuerst noch nicht als Schmerz fühlen und uns gestehen, daß wir von Gott verlassen sind, und das ist doppelte Bosheit. Jesus aber bietet sich solchem Schmerze, welchen die ganze Menschheit fühlen sollte, für uns und an unsrer Statt dar. Er schmeckt unsre Gottverlassenheit als die größte Bitterkeit Seiner Seele, daß Ihm dagegen die Schmerzen der Wunden an Händen und Füßen verschwinden. Diese Wunden schmerzen Ihn nur durch die Gottverlassenheit. Er, fragt mit bangem „Warum?“ nur nach dem Vater: und also schmerzhast mußte Er im Gehorsam vollendet werden. – Der natürliche Mensch empfindet, so lange er noch nicht in die Hölle hinabgestürzt ist, die Entfernung von Gott als eine satanische Lust: Jesus büßt sie dagegen für uns als das bitterste Seelenleiden. Wenn wir dies recht erkennen, müssen wir nun sagen: Dieser, der Gottmensch, ist gerade dadurch unser, der Sünder, Heiland, daß Er unsre Noth an unsrer Statt so tief und schmerzlich empfunden hat. Er ist der wahre Mensch, der Gott allein gefallen kann, denn Ihm ist, von Gott verlassen zu sein, die tiefste und schmerzlichste Seelenpein. Ein solcher mußte unser Messias sein. Von Ihm wird an unsrer Statt empfunden und bekannt, was unsre Sünde sei und was wir hier nie ausfühlen können. Er ist der wahre, vollkommene Mensch und war so gehorsam, daß auch am Kreuze die Gottverlassenheit Sein einziger Schmerz war. Er konnte nicht ohne Gott sein, und doch empfand Er für uns die Gottverlassenheit. Es lag also in Seinen Worten kein Murren gegen Seinen Vater; sondern Er opfert Seinem Vater Seinen Gehorsam, der dadurch gerade Seinen höchsten Werth hat, daß Er ja ohne ,den Vater gar nicht sein kann ohne die größte Pein. Wir haben im Paradiese Gott verlassen und dachten noch dabei zu gewinnen, – Jesus hängt am Kreuz, doch ist Sein ängstliches Fragen nach nichts anderem, als nach Seinem Vater und Gott. Sehet, grade ein solcher mußte für uns von Gott verlassen sein, Der ohne Gott nicht sein konnte: Der mußte für uns von Gott verlassen sein, welcher selbst der wahre Sohn Gottes ist. Nachdem Er aber solches für uns geschmeckt hat, kann Er nun in Ewigkeit nicht mehr von Gott verlassen sein; sondern Seine siegreich bestandene Menschheit ist das Gefäß der unendlichen Gottheit und ist mit zur innigsten und ewigen Gemeinschaft des Vaters und des Heiligen Geistes erhoben, daß von Ihm, dem Gottmenschen, nun der Heilige Geist in alle Lande und auf alle Völker ausgeht und durch Ihn alle Menschheit zum Vater geführt wird. –

II.

Unser Trost ist jetzt der aus den Klageworten unsers Herrn Jesu Christi am Kreuze: Gott hat uns nicht gelassen in unserer Verbannung und Gottentfremdung, in welche wir gar trotzig geeilt waren; sondern Er ist uns, selbst in unsre Menschheit verkleidet, nachgegangen mit der größten Selbstverleugnung. Wir Sünder wollten nicht für Gott und in Gott leben und selig sein, so will doch Gott gern für uns und in uns leben, sollt’s auch in der bittersten Pein sein. Es ist unser Elend, welches Er geschmeckt hat: und daß Er auf dem äußersten Punkte unsres beklagenswerthen Zustandes mit Seiner Seele jetzt angekommen sei, das zeigen uns Seine Worte. Er, als der wahre Mensch, hat das ausgekostet, was die besten unter uns in unserer sündlichen Stumpfheit und Zerstreutheit in dieser Welt nie ausschmecken und ausfühlen können, und was die andern gar nicht empfinden und verstehen. Wer im Geiste Gottes ist, der ruft bei den Klageworten Jesu Christi am Kreuze aus: „O Herr Jesu, wohin bist Du gerathen? Du beschreibst da ja mein Elend: ich bin ja der von Gott Verlassne, weil ich selbst Gott verließ: wie tief lassest Du Dich zu mir herab, daß Du, der Du selbst. Gottes Sohn und wahrer Gott bist und hast in Deiner Menschheit nie den Vater verlassen, doch um meinetwillen wie ein von Gott Verlassner klagst und das Elend der Gottverlassenheit fühlst! Aber also ringt hier der Gottmensch mit dem Vater um unsertwillen. Wie sonst Gott selbst es ist, der Gott bestimmt, und wie Gott sonst nur durch Gott handelt, denn wo zu Gott erhörlich gefleht wird, da richtet es der Heilige Geist in den Creaturen aus, welche am Sohne ihr Haupt haben und wo Gott sichtbar wirkt, da wirkt Er durch den Sohn und giebt’s auch alles dem Sohne – so muß jetzt um unsrer Sünde willen umgekehrtermaßen Der, Der selbst wahrer Gott ist in der Menschheit einen Augenblick von Gott verlassen sein: Er hat den heiligen Geist ohne Maaß, und doch ist’s, als ob Ihm derselbe ganz mangelte: Er hat Alles vom Vater; aber damit Er auch uns Sünder vom Vater habe, dazu muß Er Sich uns ganz gemein machen und mit uns, ja für uns unser Elend in seiner bittersten Wurzel fühlen. Also wird es von Ihm im Geiste, innerlich durch lauter Treue und Liebe überwunden. Die Engel sind Ihm mit lauter und zu lauter gegenseitiger Lust gegeben und ergeben; die sündigen Menschen hingegen können Ihm nur unter bittern Leiden vor dem Vater also innerlich zu eigen werden, daß Er sie selig mache. Zu solcher Verbindung haben wir nichts gethan; sondern wir stießen Ihn ja zurück und hielten Ihn des Kreuzes würdig, darum hat Er Seine Hände so tief nach uns ausstrecken müssen. Dies alles ist aber auf Erden geschehen und vergeht nie mehr. Die Liebe Gottes hat, wie die Sonne am Himmel steht und leuchtet, sicher und siegreich in unsrer Menschheit Platz genommen. Nachdem Gott um unsertwillen von Gott einmal verlassen gewesen und sich ganz in uns elende Menschheit versenkt hat, ist Er nimmermehr von Gott verlassen; sondern Er, Gott, d. h. Gnade, Leben und Seligkeit bleibt ewig mit der Menschheit verknüpft. Er hat sich uns durch die bittersten Leiden der Gottverlassenheit vermählt. Selbst die sich von Gott verlassen fühlenden Sünder sind nicht mehr verlassen von Gott, denn sie haben in ihrem Zustande den Sohn Gottes selber bei sich, der die Gottverlassenheit noch viel tiefer als irgend einer sonst gefühlt hat. Gott kann ja nicht mehr von Jesu um Seiner Menschheit willen weichen, denn Seine Menschheit hat sich der Gottheit würdig im tiefsten Gehorsam und in der treusten Liebe erwiesen. Er ist auch durch die Gottverlassenheit um unsertwillen stegreich hindurchgegangen. Er hat nach dem härtesten Kampfe Gott, Sich selbst, vollkommen und untrennbar wiedergefunden, so bleiben nun Gott und die Menschheit ewig ungeschieden, und alles, was Mensch heißt, ist zur innigsten Gemeinschaft und Einheit mit der Gottheit durch Christum berufen und bestimmt, ja nur darin kommen wir Alle zu unserm rechten Leben und Sein, daß wir einst von Gott Verlassene nun wieder ganz Gottes werden. Jesus rief, im härtesten Kampfe uns ganz gleich geworden: „Mein Gott: Mein Gott: Mein innerstes Wesen! warum hast Du Mich verlassen?“ und wir rufen jetzt in dankbarer Freude: Mein Gott, mein Gott, mein innerstes Wesen und Leben, wie hast Du mich mit Dir verknüpft! Ja selig, wer so rufen kann! Selig der mit Paulo sagt: „Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst, oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Fährlichkeit oder Schwerdt? wie geschrieben steht: Um Deinetwillen werden wir getödtet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe. Aber in dem Allen überwinden wir weit um deßwillen, der uns geliebet hat. Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstenthum noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andre Creatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm HErrn.“ Jesus ist der wahre Israel, der mit Gott in finstrer Leidensnacht gekämpft und obgelegen hat. Das that Er als der Menschensohn, der wahrer Gott ist. Dies lernt man aber nicht eher, als bis man an Jesu dem Gekreuzigten auch ein wenig gelernt hat, was Gottverlassenheit sei und auf sich habe, daß sie nämlich das bitterste Leiden sei. Läßt du dir irgend eine andre Verlassenheit wie von irdischen Gütern und Ehren noch zu sehr zu Herzen gehen, so kannst du zur Erkenntniß der Gottverlassenheit nicht gelangen. Oder hältst du die Gottverlassenheit noch nicht für das größte Leiden; ist sie dir wohl noch gar eine Lust, oder hoffst du davon noch eine Lust, wenn du dich mit Gott nicht allzunahe einlassest, so weißt du nicht, was Gottverlassenheit ist, dann ist für dich Christus vergeblich von Gott verlassen gewesen: dann wirst du aber wahrlich nie zur Gottesgemeinschaft und Verknüpfung kommen, dann wirst du auch nie selig sein. Darum laß alle falschen Hoffnungen und Tröstungen fahren, die du an irdischen Dingen zu haben oder einst zu finden meinst, wollte Jesus um unsertwillen von sich und Seinem innersten Wesen für einen Augenblick in lauter Schmerzen verlassen sein, so sei du doch von dir selbst, von deinem bösen Ich, mit tausend Freuden auf immer verlassen, damit du nun nicht von Gott verlassen seiest, nachdem Jesus für uns selbst von Gott verlassen gewesen ist. Zeige deinen Dank dafür, daß Christus sich für dich bis zur Gottverlassenheit erniedrigt hat, dadurch, daß du nun auch Gottverlassenheit als das größte Elend anerkennst. Wolltest du das nicht, so achtetest du Christi Leiden für dich gering. Erkennst du es aber, dann wirst du die Gottverlassenheit fliehen und Jesum zum Troste umfassen, der die Gottverlassenheit für uns geschmeckt, aber auch dadurch zum Ende gebracht hat.

Haben wir aber dies auch einmal erfahren, so müssen wir es doch noch immer tiefer und gründlicher erfahren, daß von Gott verlassen sein die größte Noth sei und daß man, um solcher Noth zu entgehen, lieber von seinem eignen Ich verlassen sein möchte. Je tiefer wir aber solches erfahren, desto herrlicher wird uns dieses, daß wir auch in solchem gottverlaßnen Zustande nicht mehr allein sind; sondern daß diejenigen, welche sich peinvoll von Gott verlassen fühlen, den auch als einst Gottverlaßnen kennen, der selbst wahrer Gott ist und für uns Mensch ward. Auch die Gottverlaßnen, wenn sie am Kreuze seufzen und nicht wahnsinnig jubeln und lachen, sollen nicht mehr gottverlassen sein; sondern sie haben einen bei sich, der wahrer Gott in unsrer Menschheit ist. Das glaube fest. Nachdem wir also zu Anfang das Wunder anstaunten, wie doch Der, welcher wahrer Gott ist, von Gott verlassen sein könne, so haben wir jetzt das auch noch anzuschauen bekommen, daß die von Gott Verlaßnen nicht mehr von Gott verlassen sind. Das hat Christi Gottverlassenheit zu Wege gebracht und gewirkt. Jesu Gottverlassenheit ist eine heilige, voll lauter Liebe und Gehorsam; aber unsre anfängliche ist eine boshafte, selbstsüchtige, aufrührerische: dadurch nun, daß Er uns gleich wird im Leiden und Sich uns mittheilt, macht Er unsre Gottverlassenheit der Seinen gleich, d. h. Er heftet unser böses Fleisch mit Sich an’s Kreuz und Er, der Gekreuzigte, wird unser Trost durch Seine Liebe und Erbarmung: so sind wir denn nicht ohne Gott; sondern da wir dem Fleische nach am Kreuze hängen, so hat der Geist in Christo schon den Frieden Gottes und unser Alles wird in Gottes Gemeinschaft zurückgezogen. –

So gebe denn Gott, daß wir wissen, was Gottverlassenheit sei. Adam hielt sie durch Betrug der Schlange zuerst für herrliche Freiheit und Weisheit; an Christi Kreuz können wir nun aber sehen, was sie sei, nämlich das größte Elend der Menschheit. Das Elend hat Der aber für uns ertragen, der selbst Gottes Sohn und wahrer Gott ist: um unserer Sünde willen ist der Sohn von des Vaters Herzen losgerissen: nicht in Seinem Willen und nicht zur Sünde; sondern als lauter Leiden: damit hat Er uns aber zu Gott zurückgeführt aus unserm gottverlaßnen Zustände. Wer Ihm nun traut, der ist nimmer noch von Gott verlassen: weder in Lust noch in Leid, weder im Leben noch im Sterben, weder in Zeit noch in Ewigkeit. Das geb uns Gott Allen. Amen.

Gebet. O HErr Jesu, der Du um unsertwillen Dich selbst in unsre Gottverlassenheit begeben hast, daß Du uns ewig mit Gott versöhntest und verbändest, gieb uns Deinen Geist, Deine Liebe zu erkennen, daß wir nun alles, was uns von Dir scheiden will, hassen und verachten und in allem Leiden uns nicht mehr verlassen achten, nachdem Du für uns verlassen gewesen und in unser Leid gekommen bist. Amen.

August 31, 2019

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