Diedrich, Julius – Das fünfte Wort am Kreuze: Mich dürstet. Ev. St. Johannis 19, 28.

Johannes sagt: Als Jesus wußte, daß schon alles vollbracht war, rief Er, damit die Schrift erfüllet werde: Mich dürstet. Erst hat Er aller andern gedacht: der Mörder, des Schächers, dann des Elendes der von Gott abgefallenen Menschheit, deren Verlassenheit Er in unsrer Seele fühlte und zuletzt Seines Freundes Johannes und Seiner Mutter Maria: jetzt erst läßt Er Sich vernehmen über Sich selbst. Erst dachte Er Seines Amtes an anderen und dann Seiner selbst. Erst des geistlichen und dann des leiblichen. Aber all das Seine: zunächst Sein leibliches Leben und Fühlen und dann auch all Sein geistliches ist zusammengefaßt in dem kleinen Worte: dürste. Welch eine Welt voll Gedanken und Empfindungen liegt aber in diesem kleinen Worte! Welch Glühen und Brennen im Innern hat dies Wort hervorgebracht! Wir sollten es aber hören und zwar so hören, daß wir es verstünden. Laß dich dies Wort nicht gering dünken. Die rohen Zuschauer hielten es sehr gering; aber Maria und Johannes ist es durch Mark und Bein gegangen: und als es Johannes schrieb, dachte er, wir sollten auch dasselbe mit Ihm empfinden. Seht, wenn unser Kind in Krankheit vor großem Durste nach Wasser schreit, so geht’s uns sehr zu Herzen, wenn aber unser Freund und Vater, da Er für uns kämpft, verwundet auf dem Schlachtfelde vor Durst nach Wasser schreit, da geht’s uns billiger Weise noch mehr zu Herzen. Was werden wir nun empfinden, wenn unsre Seelen deß recht inne werden, der hier also vom Kreuze ruft, der ist mein Heiland und mein Gott und ist für mich in solchen Durst gekommen? Es kommt immer darauf an, wie nah dich Jesus angeht. Er ist ja des Menschen Sohn: es sollte uns wohl zu Herzen gehen, daß der alleredelste so leidet, der uns als Kind gegeben und als Sohn geboren ist. Haben wir aber die ersten Worte vom Kreuze, die Worte des tiefsten Erbarmens, des bereitwilligsten Helfens und der zartesten Liebe ein wenig verstanden, dann werden wir auch etwas Wahres merken und vernehmen: wenn eben derselbe, welcher jene Worte sprach, uns nun in’s Herz ruft: „Mich dürstet.“ –

I.

Jesus hat bisher mit Seinen Jüngern genossen, was sie hatten: Wasser und Wein, Er hatte auch mit andern gegessen und getrunken, selbst mit den Pharisäern, welche auf Ihn hielten etwas wider Ihn zu finden. Den Jüngern war es späterhin eine Freude dessen zu gedenken und zu erwähnen, wie sie mit Ihm gegessen und getrunken hätten. Ihnen wehrte auch jetzt Niemand zu essen und zu trinken; aber Jesus ruft: Mich dürstet! Ihm ist Wasser und Wein verwehrt von den Menschen, welche Ihn an’s Kreuz beriefen. – Seht! Er ist derselbe, welcher mit dem Vater und dem heiligen Geiste den ersten Eltern, welche nach Seinem Bilde erschaffen waren, Land und Meer zutheilte mit allem, was darin war. Aus den hohen Felsen, aus tiefen Gründen und Brunnen müssen die Quellen silberklar für Menschen und Vieh hervorrieseln: nur Er, der HErr selbst, ruft vom Kreuze: Mich dürstet. – Ja Er ist’s, der auch in Seiner schwachen und armen Menschheit doch Tau, sende in der Wüste mit wenigen Broden und Fischen wunderbar speiste, damit sie auf dem Wege nicht verschmachteten, Den haben sie an’s Kreuz genagelt und Der muß vor brennendem Durste schreien: Mich dürstet. – Er ist derselbe, von Dem, als von einem geistlichen Felsen, die Israeliten in der Wüste geistlichen Trank getrunken hatten: und dafür ward Er von Israel zum Durst am Kreuzespfahle verdammt! So wie Er in unsrer Menschheit erschienen war, da rief Er auch: Wen da dürstet, der komme zu Mir und trinke und sprach weiter: Mein Fleisch ist die rechte Speise und Mein Blut ist der rechte Trank, der soll der Welt das Leben geben: ja Sein Blut gab Er unsern Seelen zum Trank und reicht es uns auch sacramentlich dar im heiligen Abendmahle. Der aber muß selbst rufen: Mich dürstet?! – Bei Ihm in Seinem und Seines Vaters Reich sollen wir mit Ihm essen und trinken in Abrahams, Isaaks und Jacobs Gemeinschaft. Die Welt hat Ihn aber dafür zum bittersten Durste verdammt. Ja so ist es: Er hat allen Durst stillen wollen: leiblich und noch mehr geistlich, da Er aber mitten unter uns erschien, da hat Er dürsten müssen. So muß es dem wahren Menschen, der zugleich wahrer Gott ist, unter den Menschen ergehen. – Aber dieser leibliche Durst ist nur Abbild des geistlichen: Jesus mußte hier ja dürsten und in unsrer verderbten Menschheit konnte Er nichts finden, das Ihn erquickt hätte: Er ließ Sich nicht von uns erquicken; sondern Er wollte die Welt erquicken mit Seinem Blute. Darüber hat Er aber brennenden Durst empfinden müssen.

Aus diesem Worte: „Mich dürstet!“ sollen wir also zuerst der Welt Sünde erkennen, daß sie in solcher Art dem Quell unsers Lebens, dem Quell unsrer Seligkeit lohnt. – Unsre Sünde ist nicht heitre Lust, wie das Fleisch wähnt; sondern die magerste Oede. Nicht Gott war neidisch und gehässig gegen uns, wie der Teufel uns im Paradiese und noch in allen Verhältnissen unsers Lebens vorschwatzte; sondern wir sind neidisch und gehässig, ja so sehr, daß wir Gottes Sohn nicht einen Trunk Wassers reichen möchten, so lange wir so beschaffen bleiben, wie wir von Natur sind. Gott hat uns nichts Gutes vorenthalten; sondern Er bietet uns alles, auch Sein heiliges Blut in der Menschheit dar; aber wir haben Ihm alles vorenthalten: unser Herz zuerst, dann auch unsern Verstand und Ehre und Habe, ja die ganze Welt bis auf einen Trunk Wassers, Auch den konnte Jesus von dieser Welt nicht bekommen.

II.

Warum mußte aber Jesus durch solches Leiden und solchen verzehrenden Durst der Welt Sünde so beschämend aufdecken? Auf daß die Schrift erfüllet würde, sprach Er: „Mich dürstet.“ Aber warum sagt die Schrift denn solches? Warum heißt es Psalm 22,16.: Meine Kräfte sind vertrocknet wie ein Scherben und meine Zunge klebet an meinem Gaumen; und Du legest mich in des Todes Staub? – Warum heißt es Ps, 69, 22.: Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken in meinem großen Durst? – Nur David, der Gesalbte Gottes, durch den Israel seine höchste Blüthenzeit im alten Testamente empfangen sollte, hat es schon an sich in etwas erfahren müssen, daß die Welt diejenigen am meisten haßt, durch welche Gott sie am meisten segnen will. Die heiligen Apostel haben es auch erfahren sammt allen heiligen Märtyrern: und alle wahren Christen müssen es in etwas erfahren; aber Jesus hat es auf’s Höchste erfahren müssen. An Ihm müssen wir das alles gestraft sehen, was wir in böser Lust verbrochen haben und noch verbrechen. Die Welt macht den Bauch zu ihrem Gotte und dient ihm mit Fressen und Saufen; Jesus ruft darüber am Kreuze: Mich dürstet! Wie soll uns nun der Welt Schlemmen und unsers bösen Fleisches Gelüst verbittert sein! Unser Fleisch murrt gegen Gott, wenn wir das irdische nicht im schädlichen Ueberflusse haben; Jesus aber bekennt mit voller Ergebung: Mich dürstet! Nun wenn Ihn, den edelsten, um unseres fleischlichen Wesens willen also dürsten mußte, wie sollen wir unser Murren doch von ganzem Herzen verfluchen, und Hunger und Durst in Seinem Dienste zu unserm eignen Besten gleich dem Apostel Paulus gern und willig auf uns nehmen! Jesus hat unser Schlemmen so bitter gebüßt und gesühnt, Er hat der Menschheit Fleischeslust durch Seinen brennenden Durst vor Gott aufgehoben und gut gemacht: Können wir uns nun noch Wieder in Fressen und Saufen begeben oder können wir nach demselben uns noch verlangen lassen?

III.

Was trieb aber Jesum dazu, daß Er Sich zu so bittrer Sühne herabgab? Was lag denn Seinem Durste zu Grunde? Wenn Jemand in Verfolgung irdischer Zwecke Hunger und Durst auf sich nimmt, um Reichthum oder Ehre zu erlangen, so sieht man, wie sehr er nach Reichthum und Ehre dürstet. Jesus hat den brennendsten leiblichen Durst freiwillig erduldet, weil Er nach unsrer Erlösung und nach unsrer Seligkeit so dürstete. Dieser göttliche Durst in Seiner Seele hat Ihm den leiblichen Durst eingebracht und aus der Größe des leiblichen Durstes sollen wir auf Seiner Seelen Durst nach unserm Heile, sollen wir auf Seine Liebe schließen. So eifrig hat Er uns gesucht und das will Er uns heute sagen mit diesem Worte: Mich dürstet. Werden wir’s denn nun verstehen? werden wir es merken, was es uns bedeutet? Seine Liebe zu uns gleicht einem brennenden Durste: wollen wir Ihm diesen Durst nicht löschen? Er dürstet darnach, uns in Sich für Zeit und Ewigkeit satt zu machen; soll Er diesen heiligen Durst an uns nicht stillen? Soll Er unsre Seelen nicht haben? Soll Er sich nicht darin an uns erlaben, daß Er uns bei Sich und mit Sich bewirke? Wir sehen, daß Sein Wort: Mich dürstet, noch immer forttönt und daß es auch an unsre Ohren und an unsre Herzen anschlägt, möchten wir nun den Sohn Gottes, unsern Heiland, nicht also tränken, wie Er Sich von uns gern dienen ließe? Nun, willst du Ihn tränken, so laß dir erst allen falschen Durst nach Reichthum und Ehre und Eitelkeit und allem weltlichen Wesen vergehen; denn bist du selbst voll Weltdurstes, so kannst du Jesu Durst nicht stillen. Werde voll Durstes nach Gnade, Gerechtigkeit, Wahrheit und nach ewigem Leben, dann stillt Jesus Seinen Durst, indem Er deinen Durst mit Seinem Fleische und mit Seinem Blute stillt. Dann tränkt Er uns mit Gnade und Vergebung der Sünden, mit Leben und Seligkeit, dann tränkt und sättigt Er unsre Seelen mit Seiner himmlischen Liebe und giebt uns nun, daß wir mit Freuden Seine armen Glieder mit dem Becher kühlen Wassers erquicken; aber nicht nur das; sondern Er giebt uns auch den Durst, darnach unserm Nächsten mit unserm Leben zu dienen und ihm uns zu genießen zu geben, so daß wir leiblichen Hunger und Durst darüber nicht mehr scheuen. Und je geistlicher und höher der Durst unsers Nächsten ist, je mehr er nach Jesu, dem höchsten Gute selber dürstet, desto williger macht Er uns, solchen Durst zu löschen, daß die andern auch mit Jesu Wort, d. h. mit Jesu selbst erquickt werden, indem wir ihnen dienen.

Wer dies recht versteht – und derjenige versteht’s nur, welcher darnach handelt – der versteht auch dies Geheimniß, daß Jesu Durst am Kreuz unserer Seelen Trank und Erquickung sei. Was kann unsre Seelen mehr laben, als Jesu brennende Liebe, über welch Er den bittersten Durst leidet? und was kann uns mehr erquicken, als Seine Gnade, Sein Friede, Sein Leben, mit welchem uns zu erfüllen Er ja sehnlichst verlangend dürstet? Was kann uns wohler thun, als Seine milde Liebe, mit der Er uns gegen Sich selbst und auch gegen unsre Brüder erfüllt! – Bist du nun hungrig und durstig nach der Gerechtigkeit, welche vor Gott gilt, dann wird dir Jesu Wort: „Mich dürstet,“ ein kühler Felsenquell sein, aus dem du deine Seele wohl täglich und stündlich himmlische Erquickung trinken lässest. Und all mein Trinken, das geistliche zumeist; aber auch das leibliche, soll jetzt alles mit Dank geschehen gegen den, welcher für mich dürstete. Das walte Gott! Amen.

Gebet. O Herr Jesu, du ewige Liebe. Der Du in unserm Fleische voll Durstes bist nach unserm ewigen Heile, entzünde durch Dein barmherziges Verlangen nach unserm Heile auch recht brünstiges Verlangen nach Deiner Gemeinschaft in unsern Herzen, damit Dein heiliger Gnadenwille an uns geschehe und wir ewig selig werden, Amen.

August 31, 2019

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