Diedrich, Julius – Das sechste Wort am Kreuze: Es ist vollbracht. Ev. St. Johannis 19,30

In dieser Welt scheint nichts ganz und fertig zu werden. Alles ist beständig im Werden und Vergehen und wieder in neuem Werden. Man hat oft gedacht, die Bildung der Menschen gehe doch stetig vor sich und die Herrlichkeit des alten Griechenlands und Roms oder die Herrlichkeit des Mittelalters lägen doch als etwas Ganzes und Fertiges hinter uns. Ja wohl, es hat Zeiten gegeben, in welchen Glänzendes vollbracht ist; aber etwas Ganzes bringt keine Zeit hervor. Die mächtigsten und begabtesten Völker sind auch wieder untergegangen: sie konnten in ihrem Sein also nicht Ruhe haben und wir können auch in keiner menschlichen Herrlichkeit, Wissenschaft oder Kunst mit unsern Seelen bleibend Ruhe finden: alles ist so unvollkommen und unfertig, daß es nicht bleiben kann. Denselben Schein hat unser eignes Leben. Es bleibt alles Stückwerk: wir sehen sogar selbst an uns viel Einseitigkeit und Mangel, mehr Nichtkönnen als Können – und wie viele unserer Mängel werden sich erst unsern Blicken entziehen! Je mehr wir vorschreiten, desto mehr übersehen wir unser Ungenüge. Darüber ist unser Herz voll Unruhe, wenn es nicht gar todt ist, denn unser Herz hat den Spruch in sich: Ihr sollt vollkommen, d. h. etwas Ganzes sein, wie Euer Vater im Himmel vollkommen ist. Wenn wir auch nichts Großes wären, nein etwas recht Kleines; aber nur etwas Ganzes! Wo sollen wir solchem Mangel, daß wir nie etwas Ganzes sind, Abhülfe finden? In diese Noth fällt unser heutiges Texteswort wie ein Lichtstrahl: „Es ist vollbracht“ ruft Jesus vom Kreuz. Jesus ist etwas Ganzes und Fertiges und Er allein macht uns und die ganze Menschheit zu etwas Ganzem und Vollkommenem, wenn Er in uns ist und wir in Ihm, Er ist dazu in die Welt gekommen, unsre Wunden und Brüche zu heilen und die zerstreuten Kinder Gottes zu Einem geistlichen Leibe in Sich zu verbinden. Sein geistlicher Leib, Seine Kirche, kann noch viele Krankheit an sich haben, so weit er auf dieser Welt ist, dennoch ist er ein Ganzes für die Ewigkeit und unsere Seele ist noch in der Arbeit der Geburt; aber sie wird in Ihm etwas Ganzes und Fertiges, denn Er giebt ihr wahrhaftes Genüge, daß sie ewig leben kann nach dem, was die Schrift Leben nennt.

Jesus spricht das große Wort: Es ist vollbracht! und was Er spricht, das giebt Er uns auch, daß wir es haben und es mit Ihm sind, denn was Er hat und was Er ist, das haben und sind wir alles mit Ihm, so wir recht an Ihn glauben. Er hat einst Sein Reich mit einem großen Mahle verglichen und gesprochen: Kommt, denn es ist alles bereit! An Ihm sollen wir etwas Ganzes sehen und genießen und selbst etwas Ganzes werden, Jesus, der Gekreuzigte, ist unsre Vollendung.

I.

Jesu leidenvolles Leben ist vollbracht. Sein ganzes Leben war eine Kette von lauter Leiden. In Armuth war Er geboren und in Armuth ist Er geblieben. Er ward wie der Kleinste und Geringste: Er ward verachtet, ja so verachtet, daß man das Angesicht vor Ihm verbarg. Er ward überall verfolgt: bei Tag und Nacht, im Wandeln und im Ruhen: in der Arbeit und selbst beim Essen hielten sie auf Ihn, ob sie nicht ein Wort von Ihm erhaschen könnten, Ihn zu verderben. Er mußte immerdar das Widersprechen der Uebelthäter erdulden, das macht alles die Sünde dieser Welt, in welche Er eingetreten ist. Dies Verfolgen der Welt kommt auch zu seiner Vollendung und auf’s Höchste, da die Welt Ihn an’s Kreuz schlägt und da Er nun mit dem Tode ringt. Da Er starb, war der Welt Bosheit auf’s Höchste gekommen und über diese Bosheit hinaus kann sie nichts mehr. Aber giebt denn das etwas Ganzes und Vollendetes? Es scheint doch, als ob damit der Welt Mangel erst recht zum vollen Siege durchgedrungen sei, da Jesu irdisches Leben sich zum Ende neigt. Ja es scheint wohl so nach außen; aber sehen wir Jesum an in Seinem Leiden und nicht die Welt, so sollen wir das Vollkommene in der Menschheit erkennen.

Jesus war immer in Sich etwas Ganzes und Vollkommenes gewesen, als Kind, als Jüngling und als Mann. Aber Er wollte uns auch vollenden, die wir durch die Sünde geistig zertrümmert waren, darüber mußte Er aber erst gar zerrissen, zerfleischt, getödtet und wie ganz zu nichte gemacht werden. Daniel sagt es zuvor: Christus wird einmal ausgerottet werden und nicht mehr sein. (Dan. 9, 26.) Er war in unsern traurigen Lauf eingegangen, obwohl Er ohne Sünde war. Er wollte nicht die Welt richten; sondern sie aus der Zerrissenheit und aus dem Tode erretten, und endlich vollenden. Darüber mußte Er das Kreuz leiden. Die Sünde mußte sich deßhalb an Dem, welcher der Menschheit einzig gesundes Glied war, am schmerzlichsten zeigen. Er hat den Kelch des Vaters bis auf die letzten Hefen geleert und ist selbst durch den schwersten Gehorsam im bittersten Leiden vollendet worden. Der sündigen Menschheit Vollendung ist nicht in irdischer Pracht, in scheinbarer Größe und in weltlicher Eitelkeit; sondern in bitterster Armuth und Schmerz. Nur vom Kreuze her konnte der heilige Gottmensch rufen: Es ist vollbracht! da Er einmal unsre Gestalt angenommen hatte und uns ganz gleich sein wollte. Am Kreuze ist das Leben vollendet, das lauter Gehorsam gegen den Vater und lauter Barmherzigkeit gegen die verlornen Brüder ist. Gehorsam und Liebe allein können aber die Menschheit zu dem machen, was sie vor Gott sein soll. Zu Gehorsam und Liebe waren schon Adam und Eva geschaffen und da sie den ersten verließen, da schwand ihnen auch die zweite, die Liebe, daß der Eine die Schuld auf den Andern zu wälzen suchte. An Jesu sehen wir wieder lauter Gehorsam gegen den Vater und zwar im Leiden, und lauter Liebe gegen die Brüder und zwar gegen solche, welche Ihn kreuzigen. Darum ist die wahre Menschheit an Jesu vollendet, da Er in Gehorsam und Liebe am Kreuze starb. Seine Menschheit ist also im bittersten Leiden vollendet worden.

II.

Damit ist aber alle Offenbarung Gottes in der Menschheit vollbracht: aller Rathschluß Gottes zur Seligkeit der Menschen ist durch Christi Leben und Leiden erfüllt worden. – Der vollkommene Gott hatte sich ja wohl immer in der Menschheit bezeugt. Er hatte die Menschheit nicht ruhig der alten Schlange überlassen, daß sie ihr Zerstörungswerk ungestört vollendet hätte. Er hatte ihr gegenüber Sein Evangelium an die Menschen nach deren Fall gegeben. Dies Evangelium ließ die Menschheit nicht gänzlich in den Tod versinken; aber die es im Glauben annahmen, wurden nun in den größten Kampf gegen Teufel, Welt und Fleisch verwickelt. Die ganze heilige Schrift zeugt von Anfang an von dem Kampfe gegen die Sünde und den Tod, der aus der Sünde kommt. Damit zeugt alle Schrift von dem Leiden Christi und von Seiner Herrlichkeit darnach. Abel mußte in Gemeinschaft der Leiden Christi stehen und sein Blut vergießen lassen, die Altväter mußten als Pilgrime in der Fremde umherziehen, Moses mußte der Geplagteste unter den Menschen bleiben sein Leben lang, David mußte Jahre lang in Noth umherirren, alle Propheten mußten das Sterben Jesu an ihrem Leibe umhertragen. Alles mußte im Volke Gottes durch Blut der Opferthiere geheiligt werden. Auch das Volk Gottes Israel im Ganzen mußte durch die dürre Wüste und darnach noch durch beständige Leiden ziehen. In diesem Allen spiegelt sich das Lamm Gottes, das von Anfang erwürgt ward. Nun ist der Herr vom Himmel selbst, der vollkommene als der Menschensohn im Leiden vollendet worden, damit ist alle Schrift erfüllet und alles vollbracht, was je von Gott an die Menschen geredet ist. Es ist erfüllt, was Jesus einst sagte(Luc. 22, 37): „Es muß noch das auch vollendet werden an Mir, das geschrieben steht: Er ist unter die Uebelthäter gerechnet. Denn was von Mir geschrieben steht, das hat ein Ende,“ d. h. seine Vollendung in der Erfüllung. Gott ist verkläret in der Menschheit, indem des Menschen Sohn sich in lauter Leiden verklären läßt. Alle Schrift hatte ja gezeugt von den Leiden in Christo und von der Herrlichkeit und Vollkommenheit darnach. Da die Welt dachte Ihm den Garaus gemacht zu haben, da gerade ist Er zur herrlichen Vollendung gekommen und hat alles Wort Gottes erfüllt.

III.

Indem aber Christus selbst durch Leiden in der Menschheit vollendet wurde, hat Er uns vollendet. Er spricht zum Vater: Ich habe Dich verkläret auf Erden und vollendet das Werk, das Du mir gegeben hast, daß Ich es thun sollte. (Joh. 17, 4.) In Ihm haben wir das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, und den einigen wahren Hohenpriester, der alle Sünde tilgt. Er hat mit Einem Opfer in Ewigkeit vollendet, die geheiligt werden. (Hebr. 10,14) An Ihm haben nun erst Abel, die Patriarchen, Moses, David, alle Propheten, ja alle Kinder Gottes ihre Vollendung und ihr Haupt: ohne Ihn wäre jeder unter ihnen und uns, wären wir alle hauptlos und ohne Leben. Durch Ihn sind wir was Ganzes geworden, denn Er hat die Sühne für uns vollbracht und damit die Sünde weggenommen, welche unsre Seele zerreißt und uns im Tode verhaftet hält. Also hat Er uns die Gerechtigkeit wiedergebracht, ohne welche es keine Vollendung giebt. Das Gesetz konnte nichts vollkommen machen, und zeigte nur unsre Unvollkommenheit und unsern Tod: das Evangelium von Christi Kreuze bringt aber unsre Vollendung. Soll also meine Seele Frieden haben, soll meine Seele ihre Vollkommenheit und ihr Genüge haben, so muß ich in Diesem ruhen, der uns am Kreuze vollendet hat. Seine Wunden haben uns Gott so geoffenbaret, wie wir Seiner bedürfen: nämlich als die vergebende Liebe und als väterliche Barmherzigkeit. In Ihm hat meine Seele Vergebung und ist gerecht vor Gott. Sie hat den Gott gefunden, der nichts fordert und nicht richtet; sondern alles überschwänglich in Seinem Leiden darreicht. Meine Vollendung ist nicht in großen und hohen Dingen, nicht in schweren Werken, nicht in eigner Bildung, überhaupt nicht in meinem Thun; sondern in Christi Thun und Leiden, und daß ich in Ihm durch den Glauben ruhe. Ach daß wir das begriffen und unterließen es ganz und für immer, unsre Vollendung und unsern Frieden in irdischen Dingen oder in den eignen Werken zu suchen. Wir sollen ja auf Erden wohl irdische Dinge vollbringen, wir müssen ja wirken, so lange es Tag ist, wir sollen fruchtbar sein in guten Werken; aber in diesem allen ist nicht unsre Ruhe und unsre Vollendung; sondern daß wir Den recht kennen, der am Kreuze rief: Es ist vollbracht. Er macht ein Ende alles unsers Haders, ‚unsrer Unruhe, unsres bösen Gewissens und unsers Todes, und das wissen wir, so weit wir Erfahrung im Glauben haben. „Ihr seid vollkommen in Ihm, welcher ist das Haupt aller Fürstenthümer und Obrigkeit.“ (Col. 2, 10.)

Wie aber die einzelne Seele in Christo Vollendung und Ruhe hat, so giebt Er auch der ganzen Menschheit und allen Völkern in ihr die Vollendung. In Ihm werden nun alle Völker, was sie sein sollen: in Ihm erlangen sie ihr rechtes Sein. Die an Ihn glauben, hat Er schon zu Gliedern Seines Leibes verbunden. Er hat aus Juden und Griechen Seine Kirche gebildet, alle Stände und Nationen in ihr zu Einem Leibe vereinigt. Nicht Ein Mensch, nicht Eine Nation oder Ein Stand ist der Leib; sondern jedes ist ein größeres oder kleineres Glied, und eins kann das andre nicht mehr verachten; sondern eins bedarf des andern und empfängt Handreichung durch dasselbe. Wer etwas für sich sein will, ist schon nichts und muß jämmerlich absterben; wer aber gering um des Ganzen willen sein und nur mit seinen Kräften dienen will, der ist am sichern Ziele, er wird dafür alles an dem großen Leibe Christi haben, von welchem Er Selbst das Haupt ist. Wie der HErr Jesus zum Vater spricht: „daß sie Alle Eins seien, gleichwie Du Vater in Mir und Ich in Dir, daß auch sie in Uns Eins seien, auf daß die Welt glaube, Du habest Mich gesandt. Und Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die Du Mir gegeben hast, daß sie eins seien, gleich wie Wir eins sind. Ich in ihnen und Du in Mir, auf daß sie vollkommen seien in Eins und die Welt erkenne, daß Du Mich gesandt hast und liebest sie gleichwie Du Mich liebest.“ (Joh. 17, 21 f.) In diesen geistlichen Leib hat Er uns selbst durch die heilige Taufe gepflanzt (Col, 2, 11 u. 12), in welcher Er uns mit Sich selbst bekleidet und begabt hat. In der Taufe hat Er uns Vollkommenheit gegeben und für die Ewigkeit zugesichert. Wir sehen zwar auch nach der Taufe viel unvollkommenes und dem Tode verfallenes an uns, ja alles an uns ist noch äußerlich mit solchem mottenfressigem Kleide umhüllt; aber in uns hat Er doch eine neue Creatur gewirkt, die in Ihm ihre Vollkommenheit hat. Aus der Heraus sagen wir: Es ist nichts verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind. Ja Er hat schon in Ewigkeit vollendet, die geheiligt werden. – Also sind wir jetzt Gottes, des vollkommenen Vaters Kinder: etwas Ganzes in Christo, das da Leben hat. Es wird aber alles unvollkommne an uns und an der ganzen Kirche einst abgethan werden: das Vollkommene wird auch zur Erscheinung kommen, dann wird das Stückwerk laufhören. Und nach diesem strecken sich schon hier alle, welche an Christo ihre Vollendung haben. Sie geben ihr unvollkommenes Wesen, d. h. ihr eignes Denken, Wollen und Vermögen immer in den Tod und erkennen es als lauter vergängliches und nichtiges: und darin beweisen sie, daß sie ein andres inneres Leben, das vollkommen ist, in sich haben: Sie werden an der Bosheit Kinder, und werden an dem Verständniß vollkommen, wie Paulus sagt: Sie lassen vom eignen Dünkel und befleißigen sich in Demuth der Liebe, welche das Band der Vollkommenheit ist (Col. 3, 14). Haben wir unsre Vollkommenheit in Gottes Liebe, die in Christo Jesu ist, dann streben wir auch in keinem Worte zu fehlen und nach außen einst vollkommen zu sein. All solch Streben ist nun, weil es in Christo wahren innerlichen Grund hat, eine gewisse Weissagung von dem Zustande, wo wir auch nach unsrer Erscheinung und die ganze Kirche in ihrer Erscheinung ein vollkommner Mann werden, der da sei in dem Maaße des vollkommnen Alters Christi (Eph. 4, 13): während alle diejenigen, welche nicht zuvor ihre Vollkommenheit in Christo als ihrer Seelen Grunde haben, wie in’s Blaue nach Vollkommenheit trachten und nichts erlangen, – Darum halte das, was du an dir im eignen Denken, Reden und Thun hier bist, nie für etwas vollkommnes, sonst hast du die wahre Vollkommenheit schon verloren: die Vollkommenheit wird von oben herab zuerst verborgen gegeben und besessen durch den Glauben an Christum. Hast du Ihn, so ist dir die Vollkommenheit auch in Ihm und an Ihm gegeben und Er wird sie seiner Zeit auch offenbar machen. Wie Er aber am Kreuze das Wort in die Welt rief: Es ist vollbracht! so reift die Vollkommenheit auch für uns nur heraus durch Sein Kreuz, zu dem Er uns berufen hat und dessen sollen wir auch von Herzen zufrieden sein. – So wissen wir denn, das das Streben nach Vollkommenheit recht und Gott wohlgefällig ist und Seine Erfüllung in Christo hat: hier verborgen und innerlich, d. h, durch Vergebung der Sünden und geistlich, dort aber auch offenbar und himmlisch, leiblich. Dessen werden alle froh, die durch den Glauben als Glieder an Ihm dem einigen, am Kreuze erhöhten Haupte bleiben. Das gebe uns Gott allen aus Gnaden.

Gebet. O HErr Jesu, in dem allein unsrer Seele Vollendung ist, zu Dir rufen wir, Du wollest uns in Dir erhalten, daß wir an Dir alle Gerechtigkeit, Weisheit und Leben haben und nach dieser Zeit von allem Ungenüge erlöst, Dich ewiglich in Freuden schauen und unablässig in Deinem Reiche Deine Herrlichkeit preisen. Amen.

August 31, 2019

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