Diedrich, Julius – Das vierte Wort Jesu am Kreuze: „Weib! siehe, das ist dein Sohn“ und „Siehe, das ist deine Mutter.“

Ev. St. Johannes 19, 26 u. 27.

Jesus hat am Kreuze zuerst für Seine Mörder gesorgt, indem Er für sie den Vater bat: sie hatten seine Fürbitte ja auf’s Höchste nöthig: dann hat Er für den Räuber zu Seiner Rechten gesorgt und dann hat Er es für uns gefühlt, was es heiße, von Gott verlassen zu sein Damit hat Er den größten Kampf gekämpft und obgesiegt, indem Er nimmer vom Vater ließ. Nun sehen wir Ihn in der zartesten Liebe sich gegen Seine Mutter und gegen Seinen Freund äußern, denn nannte er auch alle Jünger Seine Freunde, so war doch Johannes der Jünger, welchen Er besonders lieb hatte und welcher an Seiner Brust ruhte. Die arme Mutter! sonst die höchste und reichste Königin, Maria aus Davids Stamm, und nun die niedrigste und ärmste Magd voll Bitterkeit der Schmerzen. Und der arme Johannes! sonst voll jugendlicher Begeisterung in Christo, und himmlischen Frieden und Seligkeit an Jesu Brust genießend; jetzt aber von Christo durch das hohe Kreuzesholz getrennt – und Christi Brust muß er in den größten Schmerzen krampfhaft keuchen sehen. Hat Jesus nicht ein Vermächtnis nicht ein Wort für diese beiden? auch das Geringste, auch nur ein Blick wäre ihnen ja alles werth. Er ist ganz arm vor der Welt und für die Welt: Ihm ist ja alles genommen, selbst Seine Kleider. Hat Er denn nichts mehr? Die Welt kann nichts mehr an Ihm finden, sie hat Ihn ja nackt ausgezogen und gekreuzigt; aber dieser, der Allerärmste, ist doch nicht ganz arm, auch nicht auf Erden: Er hat noch Seinen Johannes und daß dieser noch als Sein Eigenthum unter Seinem Kreuze stehen kann, das hat Er ihm zuvor gegeben: und diesen von Ihm selbst erfüllten, Seinen Johannes, den schenkt Er Seiner Mutter. Und was kann Er dem Freunde geben? Er schenkt ihm Seine um Ihn weinende Mutter. Aber was bekommen wir? möchten wir von Ihm doch auch was haben! Nun wenn wir heute Sein Wort recht aufnehmen und verstehen, so werden wir auch mit Maria und Johannes gleich reich beschenkt sein, denn wer Gottes Wort an andern recht versteht, der hat auch für sich alles, was es besagt und enthält. Aber es verstehen’s nicht Viele. Zwischen Verstehen und Verstehen ist ein großer Unterschied. Und Marias und Johannis Gabe ist nicht ohne Marias und Johannis Schmerz zu empfangen.

I.

Sehen wir zuerst auf Maria. Sie hat zwar schon in früher Jugend gelitten, da sie eine kleine Zeit von Joseph, dem frommen Verlobten, verkannt sein mußte: sie hatte schweigend nach Lammes Art geduldet; aber Gott hatte sie durch Seinen Engel gerechtfertigt. Himmlischer Jubel erfüllte ihre Seele: sie hatte ihren Gott durch Christum gefunden und sie sang: „Siehe von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskind.“ Sie konnte getrost nach Egypten fliehen, denn sie hatte den Sohn in den Armen, der doch Herodes und alle Feinde überwinden mußte. Wie reich und selig wurde ihr Leben durch alle die Worte, welche sie über ihren Sohn in dessen frühster Jugend hörte, wie viel hatte sie da im Herzen zu behalten, zu bewegen und zu genießen. Und da Er Sein Lehramt antrat, wie gewiß war sie, daß Er lauter Segen spenden und allen Jammer stillen würde! in wie seliger Zuversicht sprach sie zu Ihm auf der Hochzeit zu Cana: „Sie haben nicht Wein!“ und wie gern ließ sie sich von Ihm zur Geduld verweisen! – Und welche Wunder in Worten und Werken hat sie seitdem in den drei Jahren von ihrem Sohne gehört und gesehen! Wie machte Er alle reich, die zu Seiner Armuth kamen, in der Er nicht hatte, dahin Er Sein Haupt legte. Und noch vor wenigen Tagen war Er unter dem Hosianna-Rufe des Volkes in der Schönheit des Friedenskönigs über Israel in Jerusalem eingezogen. Schien sich nun nicht Seine milde Herrlichkeit, welche bisher immer nur Einzelne erfahren hatten, plötzlich auf das ganze Volk ausdehnen zu wollen? Zwischen damals und heute lagen nur vier Tage, Welche Veränderung! und zwar durch ein Paar Stunden. Bisher war Maria immer jugendlich geblieben, denn in Christi Anschauen wird man ja nicht alt; nun aber ist sie plötzlich eine Greisin und in ihrem Alter geht das Schwerdt durch ihre Seele, von dem ihr Simeon in ihrer frohen Jugend geweissagt hat. Ihr Sohn, der Alle liebt und Allen das Leben bringt, muß Plötzlich als Der offenbar werden, welchen die ganze Welt haßt, verräth, verläßt und kreuzigt? Muß der Welt Heiland denn so vollendet werden? Muß die innigste Liebe den bittersten Haß zum Lohne haben? Und Er ist ihr Fleisch und Blut: sie ist Seine Mutter; als Mutter muß sie Ihn so sehen. Ja der Gekreuzigte geht Maria sehr nah an. Mancher möchte denken: Ach wäre sie doch früher gestorben, dies nicht zu erfahren! Aber ich sage: Nein, dies grade mußte sie vor allen Dingen erleben: wie Jesus nur vollkommen unser Christus ist durch Sein Kreuzesleiden, so kann Maria nur die rechte Maria sein dadurch, daß sie auch unter dem Kreuz des für die Menschheit sterbenden Sohnes stand. Aber gerade weil Christus, der Gekreuzigte, die Maria so nah und schmerzlich angeht, darum empfängt sie auch so viel. – Und wie Maria an Seinem Kreuze alle Seine Schmerzen mitempfindet, so soll’s auch die ganze Menschheit thun. Denn ist Er nicht der Menschheit Sohn, ja ihr einiger Sohn, dessen sie sich vor Gott rühmen kann, weil Er ohne Sünde empfangen und geboren ist und ohne Sünde geblieben ist? Er nennt sich ja am liebsten des Menschen Sohn. Verstehen das nun freilich die rohen Heiden nicht, so versteht es doch die Kirche Christi: sollt uns Sein Schmerz nicht auf’s Nächste angehen, den Er für uns duldet? Ja Maria unter dem Kreuze ist unser Vorbild in ihrem Schmerze, damit wir auch mit ihr zur Herrlichkeit gelangen.

Aber sie muß erst alles verlieren, was sie an Jesu für sich allein gehabt, weil Er der Sohn ist, der der ganzen Menschheit Trost sei. Er will die ganze Menschheit oder seine Kirche, welche ja für die ganze Menschheit gestiftet ist, als Maria unter dem Kreuze haben: das muß diese Maria schmerzlich fühlen. Jetzt erfährt sie es, was das heiße, daß Christus einst, seine Arnie über seine Zuhörer ausbreitend, sagte: Diese sind meine Mutter und meine Brüder. Er soll ja nicht mehr leiblich und irdisch ihr liebster Hausgenosse und Gehülfe und Diener sein; aber da sie sich in Allem Gott opfert, so hat sie Ihn als den ewigen HErrn wieder, der doch zugleich ihr Sohn ist und bleibt. Maria ist nichts ohne Jesum und das weiß sie und fühlt sie. Jesus soll ihr aber auch nicht genommen werden; sondern Er soll ihr erst ganz Jesus werden, darüber muß Er ihr aber als irdischer Gefährte genommen werden. Sie soll Ihn nicht mehr nach dem Fleische kennen, damit sie Ihn, ihren Sohn, ganz als den HErrn habe, welcher der Geist ist. Das geht an ihr eignes Fleisch und giebt dasselbe in den bittern Tod. Christi Tod wird ihres Fleisches Tod. Und sehet, so noch muß wiederum Christi Tod und Leiden uns angehen, daß unser eigen Fleisch den Tod darüber hat, sonst können wir nicht mit Maria empfangen, –

Was empfängt denn nun Maria, da sie ihr Liebstes und Höchstes gekreuzigt sieht, ja mitgekreuzigt ist? Kann man noch etwas wiedererhalten, wenn einem Christus verloren ist? Nein, wäre dir Christus verloren, dann wäre wohl alles verloren. Aber glaube, Christus geht denen nie verloren, die unter Seinem Kreuze weinend stehen und mit Ihm gekreuzigt sind. Nein, unter dem Kreuze wird Christus der Gekreuzigte allein gefunden und erkannt, obwohl man dies zuerst nicht fassen kann. Maria hat’s auch nicht in einem Augenblicke gefaßt; aber sie hat es durch ihr ganzes Leben immer mehr gelernt und genießt es in alle Ewigkeit. Sie hat in ihrer Jugend so viel Schönes mit Freuden im Herzen behalten und bewegt und dachte, schöneres könne es nicht geben: das Schönste wird aber im Leiden gelernt und vom Kreuze Christi. Wie unvergeßlich und groß werden ihr durch ihr ganzes Leben die Worte der Fürbitte Christi für seine Mörder und die Worte lebendigen Trostes an den Schächer gewesen sein! Und ist ihr jetzt wohl das Herz gebrochen über die Worte: Mein Gott, Mein Gott, warum Hast Du Mich verlassen! – Diese Worte selbst werden darnach ihr Herz für die Ewigkeit auch geheilt haben. Sie hat diese Worte wohl nicht mißverstanden: sie war ja Seine Mutter, und sollte eine Mutter die Sprache ihres Kindes nicht verstehen? Nein, am Kreuze unter allen Martern muß ihr der Sohn noch tausendmal lieber und herrlicher als zuvor werden. Sie sieht, wie Er als der ganzen Menschheit wahrer Sohn sich für dieselbe in Todesmühe giebt. Da sie Ihn zu verlieren scheint und lauter Verlieren fühlt, muh sie Ihn doch so finden und erkennen, wie sie Ihn zuvor noch nie erkannt. Jetzt sieht sie’s, wie Er die Liebe ist: und über solch Sehen sind ihr die Augen voll Thränen. Der so bis an’s Ende liebt, ist kein Mensch wie die andern, er ist auch kein Engel, denn keinen Engel könnte die verlorne Menschheit so innerlich und nah angehen; sondern Er ist der Mensch, der Gott ist. An dieser Liebe hat Er sich zu erkennen gegeben. Wohl hat Er auch vorher große Wunder gethan: Kranke geheilt und Todte auferweckt; doch solches haben die alten Propheten und die Apostel auch gethan. Dies Wunder Seiner Liebe aber hat keiner vollbracht und konnte keiner sonst vollbringen. Die andern hatten wohl auch Liebe; aber dieser ist die Liebe und daran haben wir hinterher erst die Liebe erkennen gelernt, daß Er Sein Leben für uns ließ, nun können wir auch hinterher das Leben für die Brüder lassen. Solches Wunder war wie die Schöpfung aus Nichts: denn in der Welt war nichts, welches Seiner Liebe Grund und Anlaß hätte sein können. Er ist selbst der Grund Seiner Liebe: und Er will in uns also der Grund der Liebe sein, daß wir Ihn nicht erst an andern Menschen zuvor suchen sollen. – Und also mußte uns Sündern auch Gott nahe kommen, nämlich als die lautre Liebe, denn hätte Er Sich uns in Seiner Majestät nahen wollen, so wären wir verzehrt worden. Keine Gotteserkenntniß ist recht, die nicht mit der Erkenntniß der Liebe Gottes am Kreuze beginnt. Der aber Gott ist in Seiner Liebe, der ist zugleich auch Gott im Gericht, und ist auch Gott in der Schöpfung, Erhaltung, Vernichtung und Verklärung der Welt und kein andrer.

Den wir am Kreuze kennen gelernt haben, den werden wir auch im Gerichte und in Ewigkeit wiederfinden und lieben wir Ihn am Kreuze, so werden wir Ihn auch mit Freuden auf Seinem Throne begrüßen. Das wird Maria gegeben, alles an ihrem Sohne zu haben und sind wir Maria gleich, geht uns Sein Leiden so nahe an wie sie, dann haben wir es alles mit.

Welches Wort spricht ihr aber Jesus vom Kreuze? „Weib, stehe, dein Sohn“ – auf Johannes mit den Augen deutend. Die sich als treue Mutter des Sohnes Schmerzen auf’s Nächste angehen läßt, die soll nimmer einsame Wittwe sein. Die Menschheit, welche weinend unter Christi Kreuze steht, ist nicht mehr verloren und verlassen, nein, sie hat Ihn, des Menschen Sohn, als den HErrn vom Himmel und wird Seiner Herrlichkeit immer gewisser. Aber auch in dem, was Jesus für Maria in ihrem Hause war: ihre Stütze, ihre Freude, ihr Versorget, Pfleger und Diener, soll sie nicht verlassen sein. Jesus schenkt ihr kein Geld, kein Haus oder dergleichen, denn alles dessen ließ Er sich zuvor berauben; aber Er schenkt ihr Seinen Johannes, den Er allein und den Er ganz zu dem gemacht hat, welcher er ist. Er schenkt sich der Maria auf’s Neue in Johannes Person, in einem Christen. Er nennt sie Weib, nicht darum des Mutternamens schweigend, damit sie nicht gar zerbrochen werde; wie er sie auch in Cana nicht „Weib“ nannte, um sie von sich fern zu halten; sondern deßhalb, weil sie das verheißene Weib, die rechte Eva ist, deren Same der Schlange den Kopf zertreten solle, in ihr ist die wahre Eva, welche unter Schmerzen vollendet wird, sie ißt in der Frucht vom dürren Kreuzesholze unter Thränen das Leben, während die erste Eva vom grünen Baum mit Lust den Tod genoß.

Sie soll jetzt sehen, was Jesus ihr bescheert vom Kreuze, und doch kann sie nichts sehen, weil ihr über den Anblick des gekreuzigten Sohnes alle Welt in ihren Thränen verschwimmt. Ja wer Christum am Kreuze sieht, der wird blind für die Welt und wer die Welt noch so grell und scharf und fleißig betrachtet, der kann Jesum am Kreuze nicht erkennen. Der thränenreichen Maria ist aber die Welt verschwommen und wie sich die Welt unter Christi Kreuz ansteht, so ist sie auch: sie ist nicht so fest und grell, wie sie fleischlichen Augen scheint; sondern verworren und verschwommen und flieht endlich wie ein Schatten. Sind wir aber über den Anblick des gekreuzigten Christus blind gegen die Welt geworden, so läßt Er uns neues sehen. „Weib, siehe, dein Sohn“ Johannes! Christus hat eine Gestalt gewonnen in einem erlösten Menschen, in Seinem Johannes und den hat Maria, die Mutter, zu ihrem Pfleger., Jesus will ihr noch fortdienen durch diesen. Und sie hat nicht nur diesen einen Johannes, obwohl sie den bis an’s Ende ihrer Wallfahrt auf Erden in besonderem Sinne gehabt hat; sondern sie hat alle, die Jesum lieb haben, zu ihren Kindern: die sind ihr alle von Christo am Kreuz gegeben, da sie ihr Liebstes in Ihm hergab und sich mitgab. Was sie in froher Jugend fang: „Von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskind,“ und was unter Jesu Kreuze erst verloren und vergessen schien, das muß durch Sein Kreuz erst recht erfüllt werden. Ja sie ist eine reiche Mutter geworden aller Johannesseelen, eine hohe Himmelskönigin. Was aber Jesus zu Maria redet, das redet Er zugleich zu Seiner ganzen Kirche, denn Maria ist das Vorbild der Kirche und die erste der Kirche, und hat nichts voraus vor der Kirche, obwohl sie an die Kirche auch nichts verlor, sondern in ihr lauter liebe Söhne und Töchter hat. Sind wir nun rechte Kirchenglieder, so haben wir auch mit Maria Johannem zum Pfleger und alle Apostel und das ganze Predigtamt, und es bringt uns immer wieder Christum und Seine Liebe in Seinem Wort und Sacramente und Christus dient uns durch dieselben. Ja alles, was Christus hat, hat Er uns zugleich mit Johannes gegeben, mit dem Jünger, den Er lieb hatte und der am Kreuze ausharrte. Mit ihm sind uns auch alle Engel gegeben, daß sie uns in Liebe dienen. Alles muß unser pflegen und warten, was Christum ehrt und das sind alle guten Geister und alle Heiligen: und Er ist’s in ihnen Allen.

So bekommen wir alles mit Maria, wenn wir uns Christi Leiden so nah angehen lassen, wie es Maria angieng. –

II.

Nun laßt uns von Johannes hören. Er hat eine wahrhaft schöne Jugend verlebt: ob er wohl nur ein geringer Fischer war, so bewegten ihn doch von Jugend auf die höchsten und göttlichsten Fragen, um welche sich die Weltweisen vergeblich die Köpfe zerbrechen: die Fragen vom Reiche Gottes in der Menschheit, von der ewigen Wahrheit, von der Gerechtigkeit des Menschen vor Gott und vom ewigen Leben, und das ist eigentlich alles Eine große Frage. Und da er Jesum sah, wußte er’s: Dieser ist die Antwort auf mein Fragen und verließ alles und folgte Ihm nach. Selig ist der, dessen jugendliche Begeisterung Jesus ist. In Jesu hatte er sein und Israels Leben und Auferstehung. An Jesu Herzen war sein Paradies und mit Jesu war er auf dem Berge Tabor bei der Verklärung schon wie im Himmel gewesen. Bei Jesu Einzuge in Jerusalem vor fünf Tagen hatte er wohl gedacht, daß Jesu Herz nun von ganz Israel bald erkannt werden und die Stunde der Herrlichkeit des Reiches Gottes auf Erden bald schlagen würde. Er dachte: er hätte das Christenthum so herrlich erkannt, daß es gar nicht herrlicher mehr erkannt werden könnte. Aber all sein Wissen und Erkennen und all sein Vorstellen und Hoffen mußte noch einmal in den Tod begeben werden. Er hatte doch noch nicht recht gewußt, weß Geistes Kind er eigentlich sei, da er in seinem bisherigen Christenstande noch einmal Feuer vom Himmel auf die herab begehren konnte, welche dem HErrn bei sich die Nachtherberge versagten. Das sollte er jetzt an Jesu lernen, der für ihn und für die Mörder und Räuber und für alle Menschen so milde sich zu Tode blutete. Das lernte er aber unter tausend Schmerzen und wußte zuerst gar nicht, was er lernte. Denn wir wissen erst, was wir lernen, wenn wir gelernt haben; Christus weiß es aber zuvor, wenn Er’s uns aufgiebt. Es muß wohl alles erfüllt werden, was er je von Christo und Seinem Reiche in jugendlicher Begeisterung gehofft hat; aber in viel höherer Weise und in viel größerem Maßstabe und auf ganz anderem Wege durch lauter Leiden, und diese Leiden mußten auch Seine Leiden werden. Andere Jünger dachten wohl, sie könnten Christi Leiden nicht mit ansehen; Johannes dachte es vielleicht auch, dennoch trat er mit Maria auf’s nächste an’s Kreuz und verkroch sich nicht feig vor dem Schmerze, Den Schmerz Christi ließ er sich auch auf’s nächste angehen, darum hat er auch, da ihm all sein bisheriges, freudenreiches Leben in Christo in lauter Weh zusammen zu brechen schien, zuerst ein neues Leben finden müssen in Christi Worten vom Kreuz. Unser altes in dieser Welt, auch wenn wir wie Johannes längst gläubig geworden sind, muß doch unter Christi Kreuz noch immer wieder in Schmerzen untergehen, daß es höherer und noch seligerer Erkenntniß Platz mache. Das erfährt man aber nur, wenn man sich dem Kampf und Leiden nicht entzieht; sondern bei Christo in aller Anfechtung verharrt und nicht zu früh denkt, man sei nun am Ende und könne sich allein auf’s äußere Wirken werfen. Das Christenthum eines gläubigen Kindes ist wahr; aber noch lange nicht vollendet und das Christenthum eines gläubigen Jünglings ist wahr; aber noch sehr unrein: es muß noch täglich gestorben sein mit Christo und so erlangt man die Krone. Jesus bleibt zwar immer derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit; aber wir müssen täglich andere werden und wenn’s auch scheint, als müßten wir drüber sterben. Dann lernen wir Ihn erst recht zum Himmel kennen, wie Er zur Rechten Gottes sitzt. –

Johannes hat vor allem also Christum am Kreuze so gefunden, wie wir Ihn finden müssen, wenn wir in Ihm für die Ewigkeit selig sein wollen. Da er Ihn aber so fand, da hat er von Jesu zugleich noch etwas anderes empfangen, welches doch auch nichts anderes ist. Jesus sprach zu ihm: „Siehe, deine Mutter!“ – auf Maria blickend. Was Maria zur wahren Maria macht, das ist ja allein Jesus und ohne ihn ist sie nichts. Maria ist nur durch Jesum diese Maria und Johannes ist nur durch Jesum dieser Johannes: und wir alle haben unser wahres Sein nur durch Jesum, wenn wir unter Seinem Kreuze stehen. Fern von Ihm ist all unser Sein ein verlornes.

Johannes empfängt in Maria nicht eine Last: nicht eine schwere Verpflichtung wird ihm gegen die alternde Frau aufgelegt; sondern er empfängt das schönste, was Jesus auf Erden hat, Jesu Mutter als seine Mutter, und indem er dieselbe Mutter heißen darf, welche Jesus so nannte und welcher Er diente, ist er ja Mariens Sohn und Jesu Bruder geworden. Ist ihm nun Jesus ferner gerückt durch das Kreuz? Nein, Er ist ihm noch viel näher gekommen, da Er ihn zu seinen Bruder gemacht hat. Die ist nun seine Mutter, welche Gottes Wort, vom Engel ihr gebracht, im Glauben annahm und Gottes Mutter ward, die den Weltheiland unter dem Herzen trug und gebar und des heiligen Geistes voll war. Die ist seine Mutter, welche von Gott um Christi Willen mit heiliger Demuth, Armuth, Einfalt, mit himmlischer Milde und göttlichem Frieden begabt war, ja die, welche Jesu Schmerzen am Kreuze auf’s nächste angieng, in welcher das eigentliche Leben lauter Christusliebe war, die hat er zur Mutter empfangen, weil er selbst sich auf’s nächste an Christi Kreuz voll Schmerzen gestellt hat. Wirst du dich gleich Johannes zum heiligen Kreuze thun, so wirst du auch alles mit ihm empfangen.

Die heiligen Hirten hatten sich und ihre Gaben in der Weihnachtsnacht zu Mariens und des Kindleins Füßen freudig hingelegt; aber in diese heilige Familie im Stalle zu Bethlehem aufgenommen zu werden, das war ihnen als ein zu hohes Gut nicht in den Sinn gekommen. Die Weisen aus dem Morgenlande hatten das Kind angebetet und fröhlich Myrrhen, Weihrauch nebst Gold geopfert; aber ihr höchstes Wünschen stieg nicht so hoch, in diese himmlische Familie als Kinder aufgenommen zu werden. Johannes, der sich an’s Kreuz in lauter Schmerzen stellte, der wird in diese Familie als ein Sohn aufgenommen, wird Mariens Sohn und Christi Bruder. Was Weise und Könige sich nicht zu wünschen wagten, das wird ihm umsonst zu Theil, da er treu zum Kreuze hält. – Möchten wir nicht auch Maria, das edelste Weib, zur Mutter haben? Ja Christus hat sie uns auch gegeben, wenn wir gleich Johannes als treue Jünger unter Seinem Kreuze stehen. Er hat alle, die Johannes gleichen, in Seine Familie aufgenommen. Wir sollen Maria nicht mehr mit Freuden wie die Hirten und wie die Weisen aus dem Morgenlande nur sehen, nein, wir sollen sie zur Mutter und Jesum zum Bruder haben. Das empfängt man alles unter Seinem Kreuze, wenn man sich nahe herzu stellt. Maria aber ist die Kirche, welche sich Christus geheiligt hat, die freie, von oben hochgeborne, sie ist unser aller Mutter. Sie lehrt uns Christum immer besser, der unter ihrem Herzen gelegen, und ihr dienen wir wieder durch Ihn, Er giebt’s uns, wie wir ihr recht dienen können. Nun sind wir nie mehr verwaist, wenn uns die leiblichen Väter und Mütter auch verlassen. Also hat Christus am Kreuz die paradiesische Menschenfamilie wieder hergestellt, nachdem Er der wahre Sohn in ihr geworden ist. Eva war zwar von Adam Mutter der Lebendigen geheißen; aber weil sie gefallen ist, so konnte sie uns nur zum Tode gebären: Maria ist das rechte Weib, die rechte Mutter der Lebendigen, da sie Den geboren hat durch den heiligen Geist, welcher der Welt Leben ist. Er hat auch uns zu Lebendigen gemacht. Die von Christo zuerst in Maria und Johannes hergestellte Gottesfamilie ist nun die Menschenfamilie, welche in Ewigkeit zusammen bleibt. Er hat nun die zerstreuten Kinder Gottes durch Sich, durch Sein Leiden zusammengeführt: sie haben durch Ihn, den wahren Sohn, ihre Mutter an Seiner Mutter und ihren Vater an Seinem Vater. Das hat Er uns vom Kreuze gegeben. Heißen alle Gläubigen Kinder Abrahams, des Vaters im alten Testamente, so heißen wir durch den Glauben noch vielmehr Mariens Söhne und Töchter und der Mutter zu pflegen und zu dienen ist unsre höchste Lust. Diese demüthige, kindliche, milde und schmerzenreiche sollen wir uns nimmer rauben lassen, denn Christus hat sie uns zugesprochen. Wo sie ist, da sollen wir auch sein und wo sie ist, da ist Christus, denn sie hat sein wollen, da Christus litt, Maria und die wahre Kirche läßt sich still und bescheiden und nicht in eignem Willen und mit menschlicher Kraft und Weisheit dienen, sie will nur Jesum hören und an Ihm ihr Leben haben, darum ist in ihrem Hause Christi reines Wort und Sacrament.

Johannes nahm Marien von Stund an in sein Haus und pflegte ihrer, wie die Sage meldet, achtzehn Jahre bis an’s Ende ihrer Wallfahrt, Er hat den Segen des vierten Gebots davon genossen und alle andern Apostel überlebt. So wird auch das bekenntnißtreue Predigtamt, welches der Kirche in geistlicher Keuschheit fleißig und freudig dient, dauern bis der Herr kommt. Die von Christo unter Seinem Kreuze erneuerte heilige Menschenfamilie aber setzt sich fort von Geschlecht zu Geschlecht und Maria wird selig gepriesen von allen Kindeskindern. Diese Familie bleibt, wenn alle im Fleische beruhenden Familienbande längst durch den Tod vermodert und zersprengt sind: Fleisch vergeht wie Heu – diese heilige Familie aber findet sich im Himmel an Gottes Tischen als im ewigen Paradiese wieder zusammen, wo neu gegessen und getrunken wird. Unser Erkennen, Wissen und Weissagen ist alles Stückwerk, vom Glauben geht’s so lange zu Glauben, bis es zum Schauen wird, die Hoffnung kommt zum Genusse, die Liebe aber, die uns vom Kreuze vermacht in’s Herz geflossen, die bleibt dieselbe in Ewigkeit. Hier lernt sie unter Schmerzen und dort genießt sie in lauter Seligkeit.

So können wir nun wissen, was uns Christus giebt, wenn wir uns nahe an Sein Kreuz stellen. Wer aber Sein Kreuz flieht, der versteht es nimmer in Ewigkeit, Er giebt uns Alles, was Er Maria und was Er Johannes gab. Alles aber, was Er giebt, darin ist Er selbst. Nun das lehre uns Gott immer besser, daß wir Seiner hier unter dem Kreuze immer froher werden und dort darin selig seien. Amen.

Gebet. O HErr Jesu, der Du Deine Jünger an der Liebe willst erkannt wissen und giebst Deine Liebe denen, welche unter Deinem Kreuze verharren, laß uns nimmer in dieser Welt von Deinem Kreuze kommen, daß wir rechte Glieder Deines Hauses seien und mit Freuden einst in’s Vaterhaus gelangen, der Du mit dem Vater in Einigkeit des Heiligen Geistes lebest und regierest Ein wahrer Gott immer und ewiglich. Amen.

August 31, 2019

Schlagwörter: