Döring, Karl August – Kindlein, bleibet bei Ihm!

Besuchspredigt über 1. Joh. 2,28. zu St. Andreas in Eisleben gehalten (Der Verf., ehe er nach Elberfeld berufen wurde, Pastor und Archidiaconus zu Eisleben an der St. Andreaskirche, in welcher Luther, wenige Tage vor seinem Heimgange die letzten öffentlichen Worte geredet, hielt diese Predigt einige Jahre nach seinem Abzuge, auf einer Besuchsreise daselbst, vor seiner früheren Gemeinde.)

()von K. A. Döring,

Pastor zu Elberfeld.

Mein Herr und mein Gott!
Zu dir steig‘ ich hinauf im Glauben:
Steig du in Lieb‘ herab zu mir!
Laß nichts mir diese Freude rauben!
Erfülle mich nun ganz mit Dir!
Ich will dich fürchten, lieben, ehren,
So lang in mir das Herz sich regt!
Und wenn dasselb‘ auch nicht mehr schlägt;
So soll doch noch die Liebe währen. Amen!

Ist es denn wahr? Steh‘ ich denn wirklich noch einmal an dieser heiligen Stätte? Seh‘ ich euch wirklich wieder, ihr Ewiggeliebten? – Ja, es ist so! Es ist kein Traum! Ich erblicke wirklich vor mir so manches theure, mir noch wohlbekannte Angesicht! Es hat uns noch einmal die ewige Liebe wieder zusammengeführt! O, so seid mir denn Alle in Gott gegrüßt, ihr lieben, lieben Eisleber, ihr theuren Bewohner der noch erst im Jahre 1817 so hochgefeierten Lutherstadt, und ganz besonders du, mir ewig unvergeßliche Andreas – Gemeinde! Womit soll ich doch heute beginnen, wie fortfahren, womit enden? Mein Herz ist so voll. Möchte wol gern Alles auf einmal herausströmen! Gott stärke mich, daß mich die Rührung nicht überwältige!

Wie Vieles hat, seitdem ich von euch geschieden, unter euch sich verändert! So manche theure Seele, welche sonst in diesen Reihen vor mir saß, finde ich nicht mehr unter den Lebenden! Ich fragte wol oft vergebens: wie ergeht es Diesem? Denn man antwortete mir: ach, er ist schon längst begraben! Oder wie befindet sich Jener? Doch man erwiderte mir: Wir hoffen mit Zuversicht, daß ihm wohl ist! Er ist selig im Herrn entschlafen! Und was macht Der? Auch er ist nicht mehr im Leben! – So ruhet denn in Frieden, ihr Heimgegangenen! Ihr selig im Herrn Dahingeschiedenen! Auch manches Erfreuliche hat sich unter euch ereignet; ihr habt das Jubelfest der Kirchenverbesserung fröhlich begangen. Die Lutherstadt hat sich in jenen Tagen ausgezeichnet. Möge denn nun auch Luthers Geist, Luthers Glaube und Kraft unter euch fortleben! – Ich sehe, ihr habt seitdem auch eure Kirche noch herrlicher ausgeschmückt. Bei diesem Anblick drängt sich der innige Wunsch lebendig hervor aus dem Herzen: Möchten doch eure Seelen mehr und mehr mit jenen Christentugenden geschmückt sein, die ihr verkündigen sollt und welche der heil. Geist in euch wirken will. Mancherlei Bildnisse sind seitdem an dieser Stätte aufgestellt: möchte denn auch Christus in euch eine Gestalt gewinnen, und Gottes Ebenbild immer mehr in euch wieder hergestellt werden. Fürsten und angesehene Personen haben euch besucht: möchte denn auch der Herr aller Herrn, der Aufgang aus der Höhe eure Herzen besucht, ja, Wohnung bei euch gemacht haben! So manche Seelsorger haben auch hier den Samen des göttlichen Wortes fort und fort ausgestreut und Gott hat unstreitig sein Gedeihen dazu gegeben. – Auch ich möchte so gern ein heilbringendes Wort jetzt zu euch reden, möchte die Pflanzungen Gottes bei euch begießen, möchte wol nachsehen, ob die früher auch von mir gestreute Saat schön gediehen, ob sie auch unter sich gewurzelt, über sich Früchte getragen. Sehet ihr doch selbst, meine Lieben, wenn ihr im Frühlinge eure Felder und Gärten bestellt habt, von Zeit zu Zeit nach, ob auch alles gut aufgegangen? Ihr lockert den Boden von Neuem und wo ihr etwa wiederum Unkraut gewahrt, da rauft ihr es aus.

So frage denn auch ich heute: Hab‘ ich vergebens unter euch gearbeitet? Nein! Nein! die guten Eindrücke, die damals auf euch gemacht sind, sie sind nicht völlig verwischt! Jeder frage sich selbst: Bin ich treu geblieben? Hab ich völlig gehalten, was ich damals so feierlich gelobt, was ich seitdem wol oft von Neuem mir vorgesetzt? – Doch wir sind schwach und gebrechlich, veränderlich und unbeständig! Gar viele und mächtige Feinde sind um uns her! Und ist nicht in uns der mächtigste Feind, das arge, ungetreue Herz, das immer den Irrweg will? Ist nicht der Versucher nahe, der uns rastlos reizt und anficht, dessen feurige Pfeile uns zu vergiften, und zu verderben drohen? Darum will ich, im Vertrauen auf Gottes Beistand und Segen, euch zur Treue, zur Beharrlichkeit ermuntern. Zum Grunde unserer Betrachtung liegt:

l. Joh. 2, 28.

Und nun, Kindlein, bleibt bei Ihm, auf daß, wenn er offenbaret wird, daß wir Freudigkeit haben, und nicht zu Schanden werden vor Ihm in seiner Zukunft.

Die heil. Apostel hatten bei ihren Briefen besonders einen dreifachen Zweck: sie wollten zunächst die neugestifteten Gemeinden immer genauer unterweisen und sorgfältig warnen vor Mißverstand und Mißbrauch der ihnen mündlich vorgetragenen Glaubenslehren. Sie wollten zweitens sie trösten wegen der mancherlei Verfolgungen, Anfeindungen, Leiden, welche sie um ihres Christenglaubens willen zu erdulden hatten, und endlich wollten sie zur Beständigkeit, zum treuen Festhalten an Christo, und zum Fortschreiten auf der betretenen Bahn ermahnen. Dieß Alles bezweckte denn auch Johannes in unsrer Epistel; dieß will auch ich in dieser Predigt.

Kindlein, bleibet bei Ihm! Wer ist dieser, der einfach rührend also spricht und schreibt? Es ist ein heiliger Greis, der an Jesu Brust gelegen, der Jünger, welchen der göttliche Meister vorzugsweise lieb hatte. Es ist Johannes! – Und wen meint er denn? Bei wem sollen sie bleiben? Bleibet bei Ihm! Er nennt ja Niemand! Kann es wol ein Anderer sein, als Er, der Eine, von welchem seine ganze Seele auch noch in seinem hohen Alter voll war, der Eine, in welchem wir Alles haben, ohne welchen kein Heil zu finden ist, Er, welchem Gott einen Namen gegeben hat, der über alle Namen ist.? Bereits Vers 12 – 14. hatte Johannes ihnen schriftlich wiederholt, was er ihnen unstreitig oft mündlich vorgetragen: Kindlein, ich schreibe euch, daß euch die Sünden vergeben werden in seinem Namen. An diese Haupt – und Grundlehre der christlichen Kirche erinnert er sie auch nun in diesem Brief, und zeigt ihnen dann, wie sie, fortschreitend und stärker werdend an dem inwendigen Menschen, aus Kindlein Jünglinge und Väter in Christo werden, die vergängliche Art dieser Welt fliehen sollen, weil die letzte Stunde gekommen sei, zeigt wie sie sich vor aller Versuchung und Verführung sorgfältigst hüten, und im Lichte des göttlichen Worts und des heil. Geistes alles prüfen möchten; und dann strömt er aus der Fülle seines Herzens seinen innigsten Hauptwunsch, seine Schlußermunterung hervor: Und nun, Kindlein, bleibet bei Ihm! Wohlan denn! Das sei auch uns gesagt und geschrieben. Wir werden wol kaum in diesem Leben uns wiedersehen; desto fester laßt uns beschließen, im Herrn zu leben, im Herrn zu bleiben, damit wir auch in ihm sterben und durch ihn ewig selig werden können!

Von der Treue gegen Jesum, den Heiland, sei jetzt unter uns die Rede. Wir fragen:

  1. Nach den gewissen Kennzeichen dieser Treue; wir vergegenwärtigen uns
  2. die verschiedenen Stufen derselben, beherzigen
  3. die wichtigen Beweggründe zu dieser Treue, und endlich merken wir uns
  4. die kräftigsten Hülfsmittel.

I.

Die innige Gemeinschaft, die unzertrennliche Verbindung, in welcher die wahrhaft Gläubigen mit Christo, ihrem alleinigen Haupte, stehen, wird ganz besonders an den Wirkungen erkannt, wie der Baum an seinen Früchten. So laßt uns denn zuvörderst die Treue des Christen gegen Christum aus ihren Kennzeichen wahrnehmen. Wir nehmen hiebei die übrigen Erklärungen unseres Textbriefes zu Hülfe. Da lesen wir denn: zuerst Cap. 3, 6. Wer in Ihm bleibet, der sündiget nicht. Dies ist im Grunde die allergeringste Wirkung des Bleibens in Christo, der Treue gegen ihn. Er sündiget nicht! Wie? Er sündigt nicht? Und das wäre die geringste Wirkung des Bleibens in ihm? So ist es! Ein solcher sündigt nicht wissentlich, nicht leichtsinnig, muthwillig, nicht mit Lust und Wohlgefallen, wie die Weltmenschen, die ohne Jesum und ohne seinen Geist dahin leben, dem Willen des Fleisches und ihrer eigenen unerleuchteten Vernunft oder vielmehr Unvernunft gehorchend. Wer in Jesu bleibt, der sündigt nicht, d. h. er läßt die Sünde nicht herrschen über sich, er ist nicht ihr Knecht, ihr Sclave, und läßt sich nicht so leicht von ihr fortreissen. Er mag und will nicht sündigen; sein Wollen und Begehren, seines Herzens Wunsch und Vorsatz, sein ernstliches Bestreben ist dahin gerichtet, unter Gottes Beistand frei und immer freier zu werden von der Sünde. Er ist daher innig betrübt, und schmerzlich verwundet in seinem innersten Herzensgrunde, wenn er sich irgend einer Schwachheits- oder Uebereilungssünde schuldig gemacht; es ist ihm dann so wehe, er ist so verzagt, niedergeschlagen; er wagt es kaum die Augen zum Himmel wieder aufzuschlagen und seine Zuflucht aufs Neue wieder zur Gnade zu nehmen. Warum sündigt er nicht? Er ist von Gott geboren! Er hat Vergebung der Sünden, Frieden mit Gott durch Christum, Leben und Seligkeit empfangen; er ist Rebe an Christo, dem Weinstock, geworden; seine frühern Versündigungen haben ihm ja so großes Herzeleid bereitet; er möchte nun so gern dankbar sein, möchte so gen den wieder lieben, der ihn zuerst geliebt; er braucht auch nicht zu sündigen – es ist ihm ja Beistand und Kraft von Oben verheißen; alle Dinge sind ja möglich dem, der da glaubt; ist doch dieser Glaube der Sieg, der die Welt überwunden hat. – Er thut nicht Sünde, wenn er sie auch zuweilen in seiner Schwachheit und Gebrechlichkeit wider seinen Willen leiden muß.

Ferner: Wer in Jesu bleibt, der hält seine Gebote. C. 3, 4. und umgekehrt, wer seine Gebote hält, der bleibet in ihm. Dieß will unstreitig noch mehr sagen, nämlich: ein Solcher enthält sich nicht bloß des Bösen, der Sünde, sondern er liebt und übt auch alles Gute. Es treiben die Blüthen heiliger Entschliessungen, es gedeihen die Früchte guter Werke in ihm und an ihm, wie an den Zweigen, welche mit dem Baume, wie an den Reben, welche mit dem Weinstock vereinigt bleiben. Er liebt seinen Herrn; daher fragt und forscht er fleißig, was ihm wohlgefällig sei. Was willst du, daß ich thun soll? Diese Frage liegt ihm stets nahe am Herzen. – Den guten, den wohlgefälligen, den vollkommenen Willen seines Gottes immer mehr zu erkennen, ist er stets willig und bereit; daher stellt er sich dieser Welt nicht gleich, daher strebt er sich immer mehr zu verändern durch Erneuerung des heil. Geistes, und dieser führt ihn in alle Wahrheit, zu jedem guten Werke, treibt ihn auch im Einzelnsten und Besondersten, in allen seinen Verhältnissen und Verbindungen, Gottes Willen zu thun, Gottes Gebote zu halten, und so beständig mehr ein Segen für die Welt und besonders für die Seinen zu sein.

Außer diesem lesen wir C. 4, 12. Wer in ihm bleibt, der bleibt in der Liebe, und hinwiederum: Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm. Dann erst ist die Liebe völlig in ihm. Auch diese Liebe empfing und empfängt er in immer reichlicherem Maaße von seinem Herrn und Heiland. Aus Christi Herzen heraus ergießt sich diese Liebe in sein Herz hinein; durch den heiligen Geist wird sie ausgegossen in die Herzen aller Gläubigen, d. i. aller derer, die von Herzen an Den glauben, der die Liebe selbst ist, und der auch ihnen unzählige Proben seiner Liebe gegeben hat, denn durch diesen Glauben leben sie, d.h. sie haben Christum selbst, der das Leben ist, in ihrem Herzen wohnend. Ein solches Herz, das also in Glauben, Liebe, Hoffnung mit Gott verbunden ist und bleibt, das kann nicht anders als lieben, d. i. ein inniges Wohlgefallen haben an allem, was gottgefällig, was vollkommen ist. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen. Die Liebe ist in einem solchen die innere Triebkraft, die ihn von allem Argen hinwegtreibt und zu allen Guten hintreibt; diese Liebe ist der eigentliche Lebensgeist jeder christlichen Tugend. Je mehr nun der wiedergeborne Christ in Christo bleibt, desto mehr bleibt er in der Liebe, – und je mehr er in der Liebe bleibt, desto mehr wird er wahrhaft Gutes üben; denn nur die Liebe ist das Band der Vollkommenheit, ist des Gesetzes Erfüllung. Ohne Liebe giebt es keine wahre Tugend! Wenn ich, ohne Liebe, auch mit Menschen – und Engelzungen zu reden verstände, und alle Geheimnisse wüßte, und meinen Leib kasteiete, und alle meine Habe den Armen gäbe, ja sogar den Wunderglauben hätte; so wäre ich doch nur ein tönendes Erz und eine klingende Schelle; ich wäre nichts, durchaus nichts; dieses Alles würde mir auch schlechterdings zu nichts nütze sein. 1. Cor. 13, 1 – 3. Wer diese Liebe hat, der ist gewiß, und der allein, ein ächter Jünger Christi, und bleibts, so lange er also liebt.

Sehet noch ferner C. 4, 13.: Daran erkennen wir, daß wir in Gott bleiben, und er in uns, daß er uns von seinem Geiste gegeben hat. Der heil. Geist ist der Urquell der Liebe im Herzen der Gläubigen. Welche also dieser Geist stets treibt, die bleiben Gottes Kinder, und welche folglich dieser Geist nicht mehr treibt, die sind auch Gottes Kinder nicht mehr, und können also eben so wenig Gottes Erben und Miterben Jesu Christi werden. Hier ist nun, wie jeder Erleuchtete sieht, das Höchste gesagt, hier ist das innerste Wesen des wahren, lebendigen Christenthums ausgesprochen. Wer also von Neuem, von Oben wiedergeboren ist durch den Geist, der allein hat Liebe, der allein ist guter Werke fähig, und wird, im Geiste wandelnd, jene herrlichen Früchte fortwährend bringen, von welchen wir Gal. 5,22. lesen. Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmuth, Keuschheit. Endlich: 2 Joh. 9.: Wer in ihm, in seiner Lehre bleibt, der hat beide, den Vater und den Sohn; er hat also nicht blos den Sohn, sondern auch den Vater. Denn, wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht. Niemand kommt zum Vater, als durch ihn. Wer nicht im Sohn bleibt, der bleibt auch nicht im Vater; denn nur durch den Sohn haben wir Zugang zum Vater. Ein Solcher ist also ein Tempel des dreieinigen Gottes. Die ganze Gottheit wirkt und wohnt und waltet in ihm. Der Vater zieht immer mehr zum Sohne, und sendet den heil. Geist, daß dieser des Vaters und des Sohnes Liebe in ihm verkläre. Der Sohn führt zum Vater; und von ihm wird auch der heil. Geist gemeinsam mit dem Vater ausgegossen in jedes offene Herz; der heil. Geist gibt Zeugniß unserm Geist, daß wir Kinder des Vaters in Christo sind, und lehrt uns Jesum als unsern Herrn erkennen und verklären. So theilt sich der Dreieinige wirksam und kräftig Dem mit, der in ihm bleibt, sich nicht von ihm losreißt, vielmehr ihn vor Augen und im Herzen hat, und vor ihm wandelnd fromm – d. i. vollkommen ist. Nun bewährt sich Christi Wort in seliger Erfahrung: Er selbst, der Vater, hat euch lieb, darum daß ihr mich liebt, und glaubt, daß ich von Gott ausgegangen bin. Die ganze Gottheit theilt sich gleichsam mehr und mehr einem also getreuen Herzen mit. Der Vater bleibt beim Kinde, das Kind beim Vater; der Heiland bleibt bei dem Erlöseten, der Erlösete beim Heiland; der heil. Geist bleibt in dem Geheiligten, der Geheiligte bleibt im heil. Geist. In der innigsten Gemeinschaft leben sie mit und in einander.

Um Alles kurz zu wiederholen und zusammen zu fassen: der treue Christ bleibt mit Christo vereinigt, und dadurch mit dem Vater und mit dem heil. Geist, und aus diesem festen Bunde entspringt das seligste Leben im Herzen des Gläubigen; – aus dieser Fülle nimmt der Christ Gnade um Gnade: alles Licht, alle Liebe, allen Muth, alle Kraft, alle Freudigkeit und alle Hoffnung. Selig und reich ist er im Herrn, und dieser Reichthum mehrt sich in demselben Grade, als er treu ist, und immer treuer wird. Er hat an Christi Geist und Gaben genug: was bedarf er weiter? – ‚ Darum laßt uns, mit diesen angegebenen Kennzeichen der Treue uns begnügend, im

Zweiten Theile

nach den Stufen dieser Treue fragen. Wollen wir nun fest mit ihm verbunden bleiben, so müssen wir erst mit ihm verbunden sein. Sollen wir aber mit ihm verbunden werden, so müssen wir erst nach dieser Verbindung uns sehnen. Diese festgehaltene, im Innern genährte Sehnsucht dürfte also füglich als die erste und unterste Stufe der Treue angesehen werden. Der Mensch hört die Stimme des guten Hirten, der auch ihn zu sich ruft, auch ihm Erquickung und Ruhe für seine Seele verheißt; er ahnt etwas von diesem herrlichen Zustande eines Begnadigten; wenigstens sieht er, bei einigem Nachdenken, wohl so viel ein, daß alle Weltlust, daß all sein bisheriges Treiben und Trachten im Irdischen und Weltlichen, im Sinnlichen und Sündlichen, seinen ewigen Geist, seine unsterbliche Seele nicht befriedigen könne. Er fühlt es mehr oder weniger, daß den Durst seiner Seele nur Jesus zu stillen vermöge. Darum sehnt er sich nach diesem, und nach der Gemeinschaft mit ihm; darum seufzet er in sich: Ach, wie ist doch alles in der Welt so eitel, so ganz eitel! Möchte doch auch mir in Christo Friede, Erquickung, Beruhigung werden! – Wer nun dieses Sehnen und Wünschen nicht in sich erstickt und unterdrückt, wer sich nicht wiederum zerstreut, sondern diesem von Gott selbst in ihm gewirkten Zuge und Triebe folgt – der wird nunmehr durch nichts aufgehalten, zu Christo, der lebendigen Quelle, sich hinzuwenden, hinzuwagen; er wird nicht mehr ängstlich umherschauend fragen: Was werden die Leute von mir urtheilen? Er wird niederknien in stiller Kammer, und wird zu Christo selbst flehend kommen, und nicht ablassen zu bitten, zu ringen mit dem Herrn, wie Jakob einst, bis auch er den Segen von ihm empfangen, bis auch er Erhörung seines innigsten Seelenflehens gefunden. Erfahren wird er dann bald die Wahrhaftigkeit Christi, der verheißen hat: Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinausstoßen, den will ich erquicken, der soll Ruhe bei mir finden für seine Seele. Den Aufrichtigen läßt es Gott gelingen, de n Demüthigen gibt er Gnade; er neigt sich dem Flehen der Sehnsucht und des redlichen Verlangens.

Die zweite Stufe des treuen Bleibens bei Christo möchte wohl die sein: Wenn der, welcher in schmerzlicher Sehnsucht flehend nun wirklich die ersten Erquickungen empfangen und empfunden hat, auch ferner sich erquicken, sich fort und fort begnadigen, immer tiefer sich beruhigen läßt. Ein also Erquickter ruft sich selbst mit dem 103. Psalme zu: Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat. Der dir alle deine Sünde vergibt, und heilet alle deine Gebrechen rc. Wie kindlich ist nun eine solche Seele geworden! Wie vertraulich geht sie mit dem Herrn um! Wie sorgsam achtet sie auf alle Regungen und Bewegungen ihres Innern! Wie bald bemerkt sie es, wenn sie wieder lau, kalt und träge wird! O es ist etwas gar Liebliches und Köstliches um diese erste Liebe, diese erste Freude am Herrn und im Herrn! Sobald nun diese Freudengenüsse, diese Erquickungsgefühle nachlassen, oder gar aufzuhören drohen, erschrickt das neugeborne Gotteskind, und flüchtet sofort zu seinem Lebensquell zurück, um die heil. Flamme der ersten Liebe aufs Neue anzuzünden, um sich wiederum Weide und Erquickung da zu suchen, wo es solche zuerst gefunden. Auch läßt es der treue Seelenfreund an sich nicht fehlen – er selbst mahnt, ruft, lockt und zieht unaufhörlich den einmal Erquickten zu neuen Erquickungen hin – veranstaltet selbst so manche Gelegenheiten, wo man sie finden kann; Sprüche der heil. Schrift, Liederverse, eine Predigt, eine Stelle in einem Erbauungsbuche, Umgang mit wahren Christen – das alles regiert der Heiland so, daß es den jungen Christen neu entzünde, neu erquicke, und ihm neue Weide darreiche. Ach, das ist wohl eine wunderbare Verbindung der Seele mit ihrem himmlischen Freunde! Da erfährt sie oft recht augenscheinlich, wie sanftmüthig, wie von Herzen demüthig, d. h. herablassend er sei; freilich scheint es unmöglich, daß solch ein Braut – und Verlobungsstand jemals aufhören könne!

Indessen soll die also oft erquickte Christenseele doch auch auf einer dritten Stufe Treue beweisen: nämlich trotz dem Spott und Hohn der Welt, trotz allen Lästerungen, ja, Verfolgungen der Menschen. So lange nun die erste Freude, der erste Genuß am Herrn währt, möchte diese Treue wol noch zu üben und zu beweisen sein. Da ruft man jauchzend und triumphirend: Wer will mich scheiden von der Liebe meines Gottes? Herr, wohin sollt‘ ich gehen? Du allein hast Worte, hast Gaben des ewigen Lebens! Ich habe es erkannt, geglaubt und erfahren, wie reich du bist an Gaben und Gütern, an Güte, an Milde, an Macht! Was ich bei dir genossen , das hat die arme Welt mir nie gewähren können. Die Welt ist mir gekreuzigt und ich der Welt! Eine solche dankbar frohe Gegenliebe – sie ist stark, wie der Tod, ja, stärker, wie die Pforten der Hölle. Sie ist muthig und freudig, also, daß sie auf Löwen und Scorpionen einherschreitet, und mitten zwischen Tigern und Leoparden ruhig hinwandelt. Gewöhnlich ist auch die in Gott versunkene, in dem guten Hirten erquickte Seele gleichsam für alles andere blind und taub und erstorben: sie sieht nicht die spöttischen Mienen und Schlingen der Feinde; sie hört nicht ihre Lästerreden, sie fühlt nichts von aller Feindschaft dieser argen Welt – oder sie schwebt triumphirend darüber. Die arme, unselige Welt weiß ja nicht, was sie verspottet, wen und was sie schmäht und verachtet, weiß nicht, wie reich, wie selig ein Christenherz bei seinem Heiland sei! Sie ist ja eben deßwegen so gar übel daran! Sie hat den nicht, den ich habe! Sie genießt nicht, was ich genieße! Sie haßt, sie verachtet, was sie nicht kennt. – Auch hält der reiche Erlöser und Seligmacher den Treuen überschwänglich schadlos für alles, was dieser etwa in der Welt nun entbehren müßte. Was ist die Menschengunst gegen Gottes Gnade? Was ist die Schande bei der Welt gegen die Ehre bei Gott? Mit Luther singen sie: Nehmen sie uns den Leib, Gut, Ehr‘, Kind und Weib: laß fahren dahin! Sie haben’s keinen Gewinn. Das Reich Gottes muß uns bleiben!

Gleichwol kommt es doch anders! Die Seele muß auf schwerere Proben gesetzt werden – sie muß sich auf einer vierten Stufe der Treue zu erhalten wissen. Sie muß nämlich auch dann noch fest bei dem Herrn bleiben, wenn die Erquickungen aufhören, wenn Kämpfe von Außen und Innen die Seele bestürmen. Oft bringt sich die Seele durch ihre eigene Schuld um ihren Gottesgenuß. Sie gebraucht nicht mehr so dankbar froh die Gnadenmittel, besonders Gottes Wort, Gebet, Abendmahl. Sie ist nicht mehr so hungrig nach diesem Lebensbrod, nicht mehr so dürstend nach diesen Quellen des Heils. Es liegt auch in der verderbten Natur des schwachen, beschränkten Menschen, daß er sich auf den Höhen solcher Geistesfreuden hienieden nicht zu erhalten vermag, daß ihm dieselben veralten, daß er sie weniger innig empfindet, daß die bisher so fleißig gebrauchten Gnadenmittel an ihrer Kraft und Wirksamkeit bei ihm zu verlieren scheinen. Es melden sich auch wol die alten sündlichen Gewohnheiten, es drängen sich allerlei Zweifel und Bedenklichkeiten auf; selbst an andern früher so verehrten und innig geliebten Mitchristen zeigen sich mancherlei Unvollkommenheiten, Schwachheiten und Gebrechen, und je weniger man noch sich selbst ganz und gründlich erkannt hat, desto mehr nimmt man Anstoß an denselben, und läßt dann wohl zuweilen selbst wunderlicherweise in seiner Gottseligkeit nach. Dazu kommt denn auch nicht selten, daß Gott selbst aus weisen liebevollen Erzieherabsichten die bisherigen Erquickungen entzieht, sein Angesicht verbirgt, also, daß jenes so selige Glaubensleben wie verschwunden, und die Seele der früher so Hochbegnadigten wie verödet und ausgestorben scheint. Hier nun mit Assaph zu sagen: Ps. 73, 23. ff. Dennoch – dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich auch jetzt bei deiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rath, und nimmst mich endlich doch mit Ehren an rc. – das ist allerdings eine höhere Stufe der Treue, als die bisher bezeichneten, und es wird sich der Glaube hier auf schweren Proben noch mehr bewähren. Hier lernt es der Gläubigtreue, den Geber über die Gabe zu setzen, und weniger nach Erquickungen oder Entbehrungen zu fragen, als mit dem Herrn selbst sich begnügen zu lassen, von welchem beide kommen. Mit hoher, heiliger und stiller Genügsamkeit und Ergebung ruft die Seele auf dieser Stufe: Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde! Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Theil. Wahre Treue ist also die, welche auch hier sich gleich bleibt, welche auch dann noch fest an dem Herrn hält, wenn dieser ihr alles – für eine Zeitlang – gewiß aus weisen und gütigen Absichten – versagt. Unser Glaube darf nicht ohne solche Proben sein; schon Abraham, der Vater aller Gläubigen, mußte und lernte sie bestehen. Die Liebe und Treue der Gläubigen muß sich in Anfechtungen, Versuchungen, Entbehrungen bewähren. Wir sind hier noch im Lande des Glaubens und nicht des Schauens, sind noch nicht im Himmel, wo keine Nacht, wo vielmehr Freude die Fülle ist und liebliches Wesen zur Rechten Gottes immer und ewiglich. Klüglich und weise handelt die Seele in solchem dunkeln Glaubensleben, wenn sie sich an dieses Alles erinnert, wenn sie es nie vergißt, wo sie jetzt noch wohnt und weilt, wenn sie bedenkt, was sie früher in ihrem Naturzustand war, was sie durch die göttliche Gnade bereits geworden, wenn sie in ihren Entbehrungen auf das zurückblickt, was sie früher genoß, wenn sie in der Erinnerung und von der Erinnerung lebt und zehrt, und gleichsam die übrigen Brocken eines früher genossenen reichen Mahles sorglich sammelt, auf daß nichts umkomme. – Wir wollen jetzt nur noch mit Wenigem einer fünften Stufe gedenken, der Treue bis in den Tod! Wie vieles gehört hierzu! Denn „ist ein Kampf wohl ausgericht’t – das machts noch nicht!“ Nur diese Treue wird ja gekrönt! Nur wer beharret bis ans Ende, der wird selig. Nur wer getreu ist bis in den Tod, der wird die Krone des Lebens empfangen. Auch gibt es da allerdings noch manche schwere Kämpfe, Versuchungen, Proben auszuhalten. So lange der Christ auf Erden lebt, ist er in Gefahr, muß er wachen und beten, muß er kämpfen, muß er in Streit sein.

Wahre Treu führt mit der Sünde
Bis zum Tod beständig Krieg,
Richtet sich nach keinem Winde,
Sucht in jedem Kampf – den Sieg.

Aber siegen, siegen wird denn auch der Christ, gewiß siegen, wenn er nur mit jenen Waffen kämpft, welche ihm Eph. 6. empfohlen werden. Wir Menschen sind leider gar unbeständig, wankelmüthig, veränderlich! Wen n Er uns nicht treu machte, nicht treu erhielte, nicht immer aufs Neue zu sich zurückriefe: wir würden immerdar von ihm abweichen. Wie viele Israeliten gingen von Egypten aus, aber ach! wie wenige kamen nach Canaan! Doch wohl uns, getreu ist der Herr, der uns ruft; welcher wird’s auch thun! Auf seine Treue können und sollen wir uns kühn und fest verlassen! Er läßt die Seele nicht; er hat sie viel zu lieb!

Indessen dürfen wir doch nicht träg und sicher sein! Es geziemt sich, daß wir mit dem anvertrauten Gnadenpfund treu umgehen; denn wer über wenig getreu ist, der wird über viel gesetzt, und wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe. – Darum laßt uns zuvörderst noch im

Dritten Theil

die mächtigen Beweggründe zum Bleiben beim Herrn beherzigen! Ich hebe besonders diejenigen heraus, welche in unsern Textesworten, in der apostolischen Ermahnung selbst liegen. Lasset diese uns genau ins Auge fassen!

  1. Bewegen muß uns zum Treusein, daß wir Kind lein, – daß wir Gottes Kinder, sind, und auch so heißen, d. h. als solche gelten, öffentlich und ewig für solche erklärt werden sollen. – Kindlein, heißt es, bleibt bei Ihm. Freilich bezeichnet dieses Wort zunächst blos einen Ausdruck der väterlichen Zärtlichkeit des heil. Johannes. Aber hätte er die Gläubigen wohl so genannt, wenn sie nicht zugleich Gottes Kinder gewesen wären? Hatte er sie doch gezeuget durch das Wort der Wahrheit; waren sie doch zu Jesu gebracht und gekommen und bisher bei ihm geblieben! Konnt‘ er doch auch ihnen C. 3, 1. und 2. zurufen: Sehet, welche Liebe hat uns der Vater erzeigt, daß wir Gottes Kinder sollen heißen! Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder, und es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden rc. Und wahrlich Gottes Kinder zu sein und zu heißen, als treue Kinder, auch Gottes Erben zu werden, das ist doch nichts Geringes, das ist etwas überschwänglich Großes, etwas unaussprechlich Herrliches, etwas unendlich Beseligendes! – Darum, du, der du wirklich Gottes Kind geworden, der du wahrhaft wiedergeboren bist: suche doch ja immer mehr diese Würde bei dir zu erwägen – so wirst du mit dem, welchem du solche Gnade zu danken hast, dich. immer fester vereinigen! Wie? Kinder sollten nicht beim Vater bleiben, solche Kinder nicht bei solchem Vater? Wo wäre das Kind doch wohl besser aufgehoben, als bei dem Vater und bei dem, der zu des Vaters Rechten thront, unserem einzigen Mittler und Fürsprecher beim Vater? Und sollen wir nicht auch ewig bei ihm wohnen? sein, wo er, unser Erlöser, ist? sollen wir nicht bei dem Herrn sein allezeit? Der Knecht muß einst, früher oder später, das Haus seines Herrn verlassen, das Kind aber nicht; das bleibt ewig bei dem Vater; es ist der Erbe; der Himmel, dieses Erbtheil der Heiligen im Licht dort oben, ist ihm gewiß, ist ihm mehr als einmal verheißen! Welches Königskind, welcher Thronerbe wollte seines Vaters Pallast verlassen, in Wüsten umherschweifen, in einer Bettlerherberge sich einen Aufenthalt suchen? – Darum, ihr Kindlein, ihr Kindlein bleibt bei Ihm! Ja! Ja, ihr wollt es, ihr werdet es! Bedenkt nun auch:
  2. Bei wem ihr bleiben sollt und – wollt. Es ist Jesus, der einige Arzt, der einige Helfer, Heiland und Seligmacher! Welche Liebe hat er euch bewiesen! Verlassen hat er seines Himmels Herrlichkeit; gekommen ist er aus des Vaters Schooß zu uns sündigen Menschen; in Knechtsgestalt ist er einhergegangen, verspottet, verachtet, an’s Kreuz geschlagen! Was hat er gelitten für euch! Und was hat er euch erworben, angeboten, geschenkt! Wie Vieles habt ihr schon von ihm empfangen, bei ihm genossen! Und noch immer wird Er nicht müde, euch innig wohlzuthun! Noch immer ist Er bereit, euch zu erquicken, euch seiner Gaben die Fülle zu schenken! Noch immer ist Er getreu und geduldig, also, daß ihr seine Geduld für eure Seligkeit achten dürft! Ja, Ihm, Ihm und seiner Treue dürft ihr vertrauen! Wie will Er euch ferner Ströme lebendigen Wassers in eure Seele gießen, Leben und volle Genüge euch mittheilen, euren Glauben stärken, eure Liebe stets neu entflammen, euch in allen Leiden und Kämpfen aufrecht erhalten, euch mit immer festern Hoffnungen beseligen! O was würden wir von seiner Treue empfangen, wenn wir nur treu zu ihm uns hielten, und eben so gern von ihm nähmen, als er uns geben will! –
  3. Diese Treue wird belohnt, und zwar – überschwänglich , – ewig. Es ist an sich um die Treue in jedem Sinne des Worts etwas so liebliches und köstliches! Wie sehr wünschen wir schon im gewöhnlichen Leben, daß die Unsrigen uns treu bleiben möchten, und wie sehr wissen wir sie besonders dann zu schätzen, wenn wir sie als solche erprobt haben! Im Gegentheil, wie verächtlich ist ein wankelmüthiger, unbeständiger Mensch, der bald so, bald anders gegen uns gesinnt ist und handelt! Was müßten wir doch urtheilen von Einem, der ein Werk begönne, aber es unvollendet liegen ließe? Was wäre es, wenn Jemand auch nur einen Acker, einen Garten kaum zur Hälfte bestellte, der einen Hausbau anfinge, aber ihn halbvollendet sofort wieder in Trümmer zerfallen ließe? Solche Menschen sind denn auch in sich selbst unruhig, unzufrieden, ja oft schon unselig! Wahrlich, Wankelmuth, Unbeständigkeit bestraft sich selbst. Dagegen wie lohnend ist das Gefühl, auch nur ein geringes Werk vollbracht zu haben! Und nun vollends ein so wichtiges Werk, wie unsre Heiligung, unsere ewige Beseligung! O was für ein erhebendes Bewußtsein muß es doch in dem Treuen liegen, welcher mit Paulus sagen kann: Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; hinfort wird mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, welche mir Christus der gerechte Richter an jenem Tage geben wird! – Blickt nur noch einmal genauer in unsre Textesworte hinein! Was für einen Beweggrund enthalten sie ganz ausdrücklich? Auf daß wir Freudigkeit haben und nicht zu Schanden werden vor Ihm, in seiner Zukunft. – Kommen wird Er dereinst zu richten die Lebendigen und die Todten, kommen in der Herrlichkeit seines Vaters, und dann alle um sich her versammeln, die Schafe zu seiner Rechten, die Böcke zu seiner Linken. Und dann wird er die Werke der Liebe, die aus demüthig dankbarem Glauben entsprangen, nach seiner Verheißung als der Gnädige und Wahrhaftige belohnen; aber auch die entgegengesetzten Werke nach seiner Drohung als der Gerechte gewiß bestrafen.

Ueberschwänglich ist der Lohn
Der bis in den Tod Getreuen,
Die, der Lust der Welt entflohn,
Ihrem Heiland ganz sich weihen,
Deren Hoffnung unverrückt
Nach der Siegeskrone blickt.

Welche Freudigkeit gibt uns diese Hoffnung, diese Aussicht schon jetzt, und vollends im Angesicht des Todes, beim Anblick des Grabes! Wie schauerlich dagegen ist die Annäherung der letzten Stunde für die beharrlich Ungläubigen, oder für die wankelmüthig Ungetreuen! Wie werden sie zu Schanden werden vor ihm in seiner Zukunft! Wie entsetzlich, wie unerträglich wird für sie der Anblick des vergeltenden Richters sein! Ihr Berge, fallt über uns und ihr Hügel bedeckt uns vor dem, der auf dem Stuhl sitzt und vor dem Zorne des Lammes – so werden sie jammern und ausrufen müssen! – Aber was wird es sein, wenn im Gegentheil das Wort aus Christi Munde lieblich verheißend und ewig belohnend den bis ans Ende Beharrenden entgegentönt: Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenig getreu gewesen, ich will dich über viel setzen: Gehe ein zu deines Herrn Freude! Und was dann ihm zu Theil wird in Ewigkeit – das hat noch kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, das ist noch in keines Menschen Herz gekommen. –

Noch manche andere Beweggründe könnte ich namhaft machen. – Diese aber werden ja hinreichend sein, werden euch insbesondere willig machen, nun die kräftigen Hülfsmittel anzuwenden, welche euch Christo treu erhalten können, und welche wir nun noch im

Vierten und letzten Theile

vernehmen wollen.

  1. Uebt euch fleißig, euch Christi Liebe und Treue immer lebendiger zu vergegenwärtigen! Er ists, der euch zu sich gerufen und gezogen, der euch in seiner Gemeinschaft schon jetzt so tief erquickt, so himmlisch beseligt hat, Er, der euch auch in der Zukunft immer herrlichere Beweise seiner Liebe geben will. O wenn wir den Gedanken an seine Gnade uns immer geläufiger machten, wenn wir recht geflissentlich überall, auch im Geringsten die Proben seiner Liebe aufzusuchen uns bemühten: wie würden da unsere Herzen immer inniger bewegt, immer tiefer gerührt, immer fester mit ihm vereinigt werden! Lernt ihn denn immer besser kennen, indem ihr seine Gnadenerweisungen, die Spuren seiner Huld und Liebe aufsucht und wahrnehmt, und tiefer noch sie euch in die Seele prägt. Dies muß eurem dankbaren und heilsbegierigen Herzen immer mehr zum Bedürfniß, durch Uebung und Gewöhnung euch immer mehr zur Fertigkeit werden; ja, bis zur Meisterschaft müßt ihr es hierin zu bringen suchen. –
  2. Laßt ihn selbst nur ungehindert gewähren! Widerstrebt, wehrt, vertreibt ihn nur nicht! Er selbst ist ja der Allertreueste, will so gern ewig bei euch bleiben, will Wohnung bei euch machen. Verbannt ihn doch ja nicht durch irgend eine Unlauterkeit und Schalkheit, durch Eigenliebe und Selbstgefälligkeit, durch heimlich gehegte unreine Lüste, Wünsche, Begierden – oder wodurch sonst er von uns genöthigt wird, sich uns zu entziehen. O dann wird er gewiß bei euch bleiben, sich euch immer heller offenbaren, immer vollkommner mittheilen, wie er verheißen hat. Es sollen Berge weichen, spricht er, und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht hinfallen. Vertraue kühn auf seine Treue! Als wahrhaftige Schaafe seiner Weide sollt ihr ja nimmermehr umkommen; Niemand soll euch aus seiner Hand reißen. Getreu ist er, der euch gerufen hat, der wird es auch thun. Bleibet denn nur in seiner Liebe I Bittet ihn, daß er bei euch bleibe, damit ihr bei ihm bleiben könnt, daß er also immer reichlicher sein Wort und sein Licht, seine Gnade und seinen Frieden, seine Gerechtigkeit, sein Leben und seine Liebe euch mittheile; o dann werdet ihr von einem so reichen und gütigen Herrn unmöglich hinweg können. Ja, wenn ihr auch jezuweilen von ihm euch verirrtet, er würde euch selbst in eurer Wüste noch wieder aufsuchen, er würde nicht müde werden, euch zuzurufen: Kehret wieder, ihr abtrünnigen Kinder, so will ich euch heilen von eurem Ungehorsam. – Wahrlich, er wird es an sich, an seiner Sorgfalt, Geduld und Treue niemals, nein, niemals fehlen lassen! –
  3. Erinnert euch oft an das, was euch früher zu Ihm getrieben! Was war dies? Es war eure Sünde, euer Verderben, euer Schuldbewußtsein, euer ganz unseliger Seelenzustand. Und daraus hat er euch zu erlösen angefangen. Das also muß euch denn auch bei ihm erhalten, damit er das in euch angefangene gute Werk nun auch fortführe und vollende. Leider vergißt der Mensch, nach seiner ersten Begnadigung, nur allzu schnell und allzuoft, wer er früher war, aus wie tiefem Elend ihn der Heiland herausgerissen, und wie er ihn von einem noch tieferen Abgrunde hinweggeführt hat. Er denkt auch wohl, es sei für ihn nun keine Gefahr mehr vorhanden; er wähnt wol sogar, daß er sich selbst nun helfen könne, daß er ja treu bleiben werde. Ach, da muß er denn oft auf eine recht schmerzliche Weise das Gegentheil erfahren; inne werden muß er, wie schwach in Versuchungen und Anfechtungen er noch immer sei und wie das alte Verderben von Neuem in ihm sich rege, um in neue Gefahren und Versündigungen ihn fortzuziehen. Nun, ihr Lieben, so oft ihr dies gewahrt, so laßt euch wenigstens dann durch dieselbe Sündennoth, die euch anfangs zu ihm getrieben, auch bewegen, bei Ihm zu bleiben oder doch zu ihm wiederzukehren.
  4. Gebraucht immer fleißiger die Gnadenmittel, die Gott euch zu eurem Heile verordnet hat. Die nämlichen Hülfsmittel, welche die christlichen Tugenden überhaupt zu fördern geeignet sind, machen euch auch fähig, die wichtigste, die nöthigste Tugend, die Treue, zu beweisen. So wie ihr aus dem Worte Gottes, als einem lebendigen Samen widergeboren seid, so müßt ihr, wie Petrus ermahnt, als jetztgeborne Kindlein, nach eben demselbigen Wort, als einer vernünftigen lautern Milch, begierig sein und immer begieriger werden, auf daß ihr durch dieselbige zunehmt und immer stärker werdet an dem inwendigen Menschen. Ja wahrlich, ihr thut wohl daran, wie derselbe Apostel erinnert, daß ihr auf dieses feste, prophetische Wort auch ferner achtet, bis der Tag euch noch völliger anbreche und leuchte, bis der Morgenstern klar aufgehe, und immer heller strahle in euren Herzen. Möge man im Anfange des neuen geistlichen Lebens auch andere erbauliche Bücher gebrauchen, besonders solche, die in die heiligen Schriften hineinführen, so muß doch im Fortgange des Gnadenlebens das Buch der Bücher immer mehr die eine große Hauptsache und Hauptbeschäftigung werden, bis es zuletzt vielleicht die einzige wird. – Dabei unterlaßt das Gebet nicht. Wenn ihr zu dem Worte Gottes euch wendet, so wendet euch zuvor, wo möglich, zu Gott selbst; betet etwa: Herr, du hast Worte des ewigen Lebens! Rede, Herr, denn dein Knecht, dein Kind höret! – Wenn du in Gottes Wort liesest, so redet Gott mit dir; betest du, so redest du mit Gott. Welch ein segensreicher, auch in der Treue und Beständigkeit dich fördernder Umgang mit Gott ist das! Und auf eine wie leichte, ich möchte sagen, natürliche Weise wird dieser Umgang also herbeigeführt! Bedenkt ferner: So wenig ein Kind der Muttermilch, ein Mensch der Nahrung entbehren kann, eben so wenig kann ein lebendiges Geschöpf auch des Athemholens entbehren. Was aber das Athemholen für den Körper, das ist das Beten für die Seele: unreine Lüste und Begierden werden fortwährend dadurch herausgestoßen, Lebensluft gleichsam eingeathmet. – Vor allem aber wendet die heil. Sacramente als Förderungsmittel der Treue gewissenhaft an. Gedenkt an euren Taufbund oft und mit Dankgefühl, erinnert euch, wie ihr diesen Taufbund bei eurer Confirmation erneuertet, was ihr damals empfandet, damals gelobtet! Gott hat noch immer seine Verheißungen treulich gehalten: o darum seid doch auch der eurigen immer vollkommener eingedenk! – Was aber soll ich sagen vom heil. Abendmahl, bei dessen Genuß wir empfangen die rechte Speise und den rechten Trank – seinen Leib und sein Blut, auch für uns dahingegeben, auch für uns vergossen zur Vergebung der Sünden! Esset! – Trinket Alle daraus! Thut es zu meinem Gedächtnis, zu meinem Andenken! – Dieses hohe Mahl recht genießend, werdet ihr mit immer festeren, mit unauflöslichen Banden euch an ihn geknüpft, mit ihm vereinigt fühlen. Der sich selbst uns giebt, der fesselt uns an sich, von dem können wir uns nicht wieder trennen. Er hat ein vollgültiges Recht an unsre Treue, und er giebt uns dazu auch völlig genügende Kraft. Wie rührend ist auch in dieser Beziehung das Zeugniß der Offenbarung Joh.: (12, 10. 11.) Sie haben ihn, den Feind, den argen Verkläger der Frommen vor Gott, überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses, und haben ihr Leben nicht geliebet bis an den Tod. Und K. 21,7.: Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein. –

Nun, g. Fr., so seid denn euerm guten Herrn getreu! Heute treuer, als Gestern, Morgen treuer, wie heute, bis zum letzten Athemzuge eures Lebens, bis ihr, als Gottes getreue Kinder zu dem Erbtheile der Heiligen im Licht, als Christi getreue Streiter zur Krone des ewigen Lebens gelangt! Das Wort Treue ist ein so schönes Wort, ist eine noch schönere Sache, und wird den schönsten Lohn genießen in Ewigkeit. Amen!

August 31, 2019