Döring, Karl August – Wo Christus ist, da brennen die Herzen.

Predigt am zweiten Ostertage,
über das Festevangelium,
von
August Döring.
evang.-luther. Pfarrer in Elberfeld.

Halleluja! Auferstanden
Bist Du, mein Heil; Du brachst die Banden,
Zerbrachst des Todtenreichs Gewalt!
Ich auch werd‘ einst auferstehen.
Verklärt aus dunklem Grabe gehen.
Dich schau’n in himmlischer Gestalt!
In Hoffnung selig schon.
Geh‘ ich dem Gnadenlohn
Froh entgegen;
Ich seh‘ in’s Grab
Mit Ruh‘ hinab,
Weil Gott durch Dich mir Leben gab!

„Ich bin gekommen,“ so sprach einst Christus, Luc. 12, 49., „ein Feuer anzuzünden, und was wollte ich lieber, denn es brennete schon!“ – O, daß es auch in uns Allen schon brennete, dieses heilige Feuer des Herrn! Aber das Herz der Meisten ist so kalt; die Welt ist so gleichgültig gegen das Heil der göttlichen Liebe! Das sehen wir an den Heiden der alten und neuern Zeit, in der Ferne und Nahe; wie hatten und haben sie, ach, nicht einmal ein dumpfes Gefühl für das Höhere, kaum eine Ahnung des Göttlichen, kaum einen Funken des Verlangens nach Gott, nach himmlischer Erleuchtung und Heiligkeit! – Kalt war die damalige Welt, ohne Liebe, in herzlosen Gebrauchen untergegangen. – Auch jetzt noch: wie viele Herzen sind kalt in der Christenheit, gleichgültig gegen das Heil in Christo, entfremdet von dem Leben aus Gott! – Aber Christus ist gekommen und kommt noch immer, ein Feuer anzuzünden! Schon durch seine Geistes-Lehre, durch sein Evangelium, that er das, und thut es noch immer! Ist sein Wort nicht wie ein Feuer, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? Hat er nicht gewaltig gepredigt, und nicht wie die Pharisäer und Schriftgelehrten? – Noch mehr hat er dieses Feuer entzündet durch sein Leiden und durch seinen Tod, durch seine Auferstehung und Himmelfahrt, so wie auch durch die Ausgießung des heiligen Geistes! Und da hat er zunächst in den Herzen der Jünger und der ersten Christen das heilige Feuer entflammt, und dieses Feuer hat, wie ein Strom, sich immer weiter und weiter verbreitet, hat Millionen ergriffen, erleuchtet, gereinigt, beseligt! Schon brennt es seit achtzehn Jahrhunderten in den Herzen der Gläubigen, und auch unter uns hat es seinen Heerd gefunden! Denn, siehe! Er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende. Er stehet vor der Thür, und klopfet an; so Jemand seine Stimme hören wird, und die Thür aufthun, zu Dem wird er eingehen und seine Liebe in ihm entzünden. Wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen. Wo Glaube an den Auferstandenen ist, da ist er selbst nahe, der Lebendige; und wo er ist, da brennen die Herzen! Er kann es nicht leiden, daß Jemand kalt oder lau sey! Er mache auch uns jetzt brünstig im Geist! Wie die Frühlingssonne schon heißere Strahlen zur Erde herniedersendet: so erleuchte und durchglühe der Auferstandene, als unsere Seelensonne, in diesen Ostertagen auch unsere Herzen mit den Strahlen seiner Gnade und seiner Wahrheit, mit den Flammen seiner Liebe und Erbarmung! Der letzte Tag müsse der herrlichste seyn! Bete mit mir, o christliche Osterversammlung, um diese Gnade.

Text: Luc. 24, 13 – 35.
(Christus bei zweien von seinen Jüngern auf dem Wege nach Emmahus.)

Da habt ihr sie wieder vernommen, die herrliche Geschichte voll tiefer, unendlicher Bedeutsamkeit, die man zu hören und immer wieder zu hören nicht müde wird! Was aber soll ich au ihr Besonderes und Hauptsächliches herausheben? Denn das Ganze in allen einzelnen Beziehungen nur einigermaßen gründlich in Einer Stunde zu behandeln, wäre unmöglich! Laßt mich daher nur von dem Herzensbrande, welchen der Auferstandene in diesen beiden Jüngern entzündete, zu euch reden! Dieß ist ja gleichsam die Seele der ganzen Erzählung! Es brannte ihr Herz auf dem ganzen Wege, da er mit ihnen redete, von da an, als er zu ihnen trat, bis zum Verschwinden vor ihren Augen. Durch Alles, was er zu ihnen sagte, zündete er ihre Herzen immer stärker und stärker an.

Möge der Herr auch uns bei dieser Betrachtung nahe seyn! Möge er auch in uns sein heiliges Feuer entflammen! Wir erkennen und erwägen:

Wo Christus ist, da brennen die Herzen! Dieß ist der Ostergedanke, der jetzt unsere Andacht beschäftigen soll.

Wo Christus ist, da brennen die Herzen:

I. Im tiefen Schmerzgefühl über die Sünde!

Siehe den Herrn auf dem Wege nach Emmahus, wie er die Jünger ihres sündlichen Unglaubens wegen schalt: „O ihr Thoren und trägen Herzens, zu glauben allem Dem, das die Propheten geredet haben!“ Mußten sie bei diesen Worten sich nicht schämen vor und in sich selbst? Mußten sie nicht bei dieser tiefen Klarheit und Erkenntniß, bei dieser Bestimmtheit und Entschiedenheit des Fremdlings, ihre eigene, selbstverschuldete Unwissenheit und Dunkelheit, ihre Ungewißheit und ihren Herzens-Unglauben tiefer und schmerzlicher empfinden? Tritt er in seiner Gotteswahrheit und in seinem Liebesernst dem sündlich zweifelnden Herzen nahe, dann fühlt sich dieses bestraft, beschämt, an’s Licht gestellt und durch den starken Gegensatz um so stärker beleuchtet.

So geschieht es noch immer! Kannst du ihn, deinen Erlöser, im Glauben anschauen, dir ihn einigermaßen lebhaft vorstellen in seiner Herrlichkeit und Vollkommenheit, ohne, ihm gegenüber, deine Unähnlichkeit mit ihm tief gebeugt zu erkennen und zu fühlen? O siehe ihn doch an! betrachte sein heiliges Leben, wie er umhergezogen und wohlgethan, wie es seine tägliche Speise gewesen, den Willen seines Vaters im Himmel zu thun und zu vollenden das Werk, das ihm der Vater aufgetragen hatte! Wie er sich immer gleich geblieben, immer liebevoll und ruhig, auch bei den heftigsten Stürmen seiner Leiden bis zum letzten Hauch seines Lebens! Kannst du dieß Alles, kannst du sein ganzes vollkommenes Vorbild dir vergegenwärtigen, ohne Kiesen Heiligen in Israel anzustaunen, und zugleich deinen weiten Abstand von ihm mit tiefer Demüthigung einzusehen und schmerzlich zu empfinden? Mußt du nicht mit heiligem Unwillen gegen dich selbst, mit brennendem Reuegefühl ausrufen: ach, mein Herr und mein Gott, wie bin ich dir noch immer so ganz unähnlich! Wie trag‘ ich von deiner göttlichen Liebe so wenig in meinem Herzen! Wie bin ich noch oft so kalt gegen dich! Wie betracht‘ ich dich noch immer so wenig, du heiliges Urbild aller Vollkommenheit! Wie blick‘ ich so selten in dein göttlich liebendes Herz, und erkenne darum so gar wenig von dir, von deiner Huld und Geduld und von deiner erbarmenden Gnade! Wie ist mein Herz noch oft so träge, so ungläubig, als hättest du nie mir deine Gnade und Wahrheit verkündet, oder als wär‘ es dir mit deinen Verheißungen kein Ernst! Du rufst vom Kreuz auch mir zu: „Das that ich für dich: was thust du für mich?“ Und dennoch habe ich dich so wenig wieder geliebt! Bin dir so langsam und verdrossen nachgefolgt! Habe dein Werk noch immer so lau getrieben, habe selbst so wenig mit Ernst mich bestrebt, wenigstens nun besser in deine Fußstapfen zu treten und rascher, treuer, standhafter auf deinem Wege fortzuwandeln! – Ja, es brenne denn der Schmerz über mich selbst! Es glühe der Unwille gegen mein ganzes inneres und äußeres Verderben! Immer heißer flamme die Gluth der Reue! Christus ist hier; darum muß auflodern mein Herz im Schmerzgefühl über meine Sünden! O möchte der Herr nur immer recht nahe bei mir seyn, daß immer mehr dieser Schmerz mich durchglühe und läutere, daß ich immer tiefer mich beuge vor ihm, ob nicht diese Finsterniß, dieser Unglaube, diese Trägheit, diese Kälte und Gleichgültigkeit immer mehr abnehme und endlich ganz aufhöre?

Doch bei diesem Schmerz dürfen wir nicht bleiben! Wie wär‘ es möglich, einen solchen Zustand auf die Dauer auszuhalten? Wir bedürfen der Erquickung und des Trostes; wir verlangen nach etwas Höherem! Denn siehe, Christus naht! Und wo Christus ist, da brennen die Herzen auch

II. In heißer Sehnsucht.

Blicke wieder auf die Wanderer nach Emmahus! Merkst du es ihnen nicht an, wie sehr sie das Bedürfniß tröstender Belehrung empfinden, wie innig sie schmachten nach Auflösung so vieler Räthsel, nach Aufschluß und Gewißheit über so viele Zweifel und Dunkelheiten? – Der Fremdling scheint dieses Bedürfniß befriedigen zu können; er ist ihnen also willkommen; gern lassen sie sich schelten von ihm, wenn sie durch ihn nur von den Ovalen der Ungewißheit und der Zweifel erlöst werden! Wie mögen sie mit heißer Sehnsucht auf seine Worte gehorcht und an seinem Munde gehangen haben, wie durstig getrunken den erquickenden Abendthau seiner Belehrungen und Eröffnungen!

Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit! Noch jetzt kommt er, ein höheres Bedürfniß, eine edlere Sehnsucht in uns zu erwecken; noch immer werden wir belehrt durch sein Wort; noch immer wird uns die Schrift geöffnet; noch immer uns zugerufen: „Ich bin das Licht der Welt; wer an mich glaubt, der wird nicht im Finstern wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ „Ich bin gekommen, daß sie das Leben und volle Genüge haben.“ „Kommt nun auch ihr herbei zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seyd, so will ich euch erquicken.“ – O, wenn du diese und ähnliche Stimmen deines nahenden Herrn in dem Innersten deines Herzens vernimmst, wenn du seine Nähe ahnest, wenn er seine Fülle dir aufthut, und sie dich sehen läßt sowol in seinen Verheißungen, als auch in dem still seligen Wesen und Wandel eines wahrhaft frommen und freudigen Christen: wird sich da nicht in dieser Nähe deines Herrn ein tiefer, heiliger Herzensbrand, eine himmlische Gluth in dir entzünden? Wird sie nicht immer höher lodern, die heiße Sehnsucht nach jenen Gütern, die Christus verheißt? Wirst du nicht von ganzem Herzen wünschend und begehrend ausrufen: Ach, könnt‘ ich doch glauben an ihn! Schwänden doch alle Zweifel hinweg! Könnt‘ ich doch sein Licht aufnehmen in mich! Könnt‘ ich mir zueignen seinen Frieden! Möchte sein Leben, seine Liebe, sein Freudenüberfluß in mich herüberströmen! Möcht‘ ich wachsen in der Gnade und Erkenntnis; meines Heilandes! Möcht‘ ich reich und immer reicher werden in allen Stücken an Dem, der das Haupt ist, Christus! Möchte bald die ganze Welt im seligen Genusse seiner himmlischen Güter leben! – Ja, brenne nur, du heilige Sehnsucht, du schmachtendes Verlangen nach dem Herrn und seinen himmlischen Gütern, in mir und in Allen; du trägst die Bürgschaft seliger Befriedigung in dir selbst! Denn er, der Nahe, der dich entzündet hat, wird dich auch kühlen und stillen! Er preist ja selig, die da hungern und dursten nach Gerechtigkeit, nach ihm, der selbst unsere Gerechtigkeit ist, und uns satt machen will, nachdem er selbst das Verlangen in uns durch sich und seine lockende Gnade erweckt hat. – O, m. Z., der Herr ist nahe! Der Herr ist in seinem heiligen Tempel! Es sey stille vor ihm alle Welt! Jeder von euch lasse diese Sehnsucht in sich entflammen! Ja, komm, Herr Jesu, zu uns Allen, damit das heilige Feuer der Sehnsucht nach deines Himmels Gütern in uns entflammt werde! – Wo Christus ist, da brennen die Herzen auch bald

III. In seliger Befriedigung und himmlischer Freude!

Traurig und verlegen waren die beiden Jünger ihre Straße nach Emmahus bisher dahingewandert. „Wer wird diese dunkele Nacht aufhellen? Wer diese verworrenen Knoten lösen?“ Da gesellete sich Jesus zu ihnen; sehnsuchtsvoll lauschten sie auf seine herzentflammenden Belehrungen; es begann in ihnen zu dämmern und immer heller zu werden, als er ihnen die Schrift öffnete und ihnen die Weissagungen von dem Messias in Moses und den Propheten deutete, vorzüglich, daß Christus solches Alles leiden und durch Leiden zu seiner Herrlichkeit eingehen müsse. Da fiel es unstreitig wie Schuppen von ihren Augen; da erschien ihnen der Leidende und Gekreuzigte im reineren, richtigeren Lichte; da ahneten sie froh den heißersehnten Aufschluß über die Räthsel des Kreuzes; da wagten sie, einen beglückenden Ausgang dieser dunklen Geschichte zu hoffen! Immer Heller und einleuchtender ward ihnen dieß; immer gewisser wurden sie in ihrer Erkenntniß und Erwartung!

Welche Freude mag da in ihren Herzen von Neuem aufgegangen seyn! Und vollends – o denkt es euch lebhaft! – als er ihnen nun das Brod brach, als sie daran ihn wieder erkannten, als in ihrem Herzen die selige Gewißheit aufzustrahlen begann: ja, er ist’s! Es ist der Herr, der Meister! Es kann kein Anderer seyn! O, welche unaussprechliche Freude, welch‘ ein Brand der himmlischen Wonnen mußte sich da in ihrem Innersten entflammen!

Noch immer ist es so, liebe Zuhörer! Habt ihr Das nicht schon so erfahren? Habt ihr euch in der Nähe des Herrn nicht schon innig froh gefühlt, tief erquickt und befriedigt? Erinnert euch jetzt, was ihr in seiner Nähe empfandet! Schon der Schmerz über euch selbst, den er in euch erregte, ist ein heiliger, ein wohlthuender Schmerz; es zeigt sich darin schon ein Seufzen der neuen Kreatur; es lebt darin ein Gefühl, eine Ahnung der unsterblichen Seele, daß sie jetzt am Fortschreiten sey auf der Bahn zur Vollendung; es dämmert darin leise eine Hoffnung der Erquickung von dem Angesichte des Herrn und der bald zu erfüllenden Verheißung: „selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ Und, o, wenn nun wirklich nach langem Sehnen und Suchen und Schmachten dieser Trost sich in unsere Seele ergießt, wenn der Herr uns in unserem Blute liegen sahe mit seinem Erbarmerblick und uns zurief: „du sollst leben!“ Ja, noch einmal, zu festerer Versicherung, gleichsam noch lauter und eindringlicher sprach: „du sollst leben!“ dann erfahren wir, dann schmecken und sehen wir, wie freundlich der Herr ist, dann schwinden alle Zweifel, dann kehrt selige Gewißheit in unser Herz ein, und wir erfahren es in uns, wer für uns gestorben sey, wer den Tod für uns geschmeckt, als den Sold unsrer Sünden, wie für uns und in uns lebe! – In der Folge genießen wir diese Freude in der Nähe des Herrn nicht minder! Man darf rühmen: „der Herr ist wahrhaftig um mich und in mir.“ Man fühlt sich wie von einem starken Magnet zu ihm hingezogen und hingetrieben; unwillkührlich und wie von selbst öffnet sich der Mund zum Gebet, zum Loben und Preisen und Danken. Man kann so recht kindlich, so recht vertraulich und ohne alle Furcht in der Nähe des himmlischen Freundes sein ganzes Herz ausschütten, ihm Alles sagen. Alles klagen. Wie sollte man da nicht die verheißene Erhörung und volle Befriedigung erlangen und dann die reinste Freude genießen.

So lodere nur hoch und immer höher zum Himmel empor – du heiliges Feuer der Freude in der Nähe des Herrn, der ewig lebt und ewig liebt! Oder sie glühe auch still und innig in der Seele des Glaubenden, der Christi Gegenwart erfährt und in Christi Gemeinschaft sich aufgenommen weiß! Unvergeßlich und immer beglückender schwebe die selige Stunde der Begnadigung uns vor Augen! Immer von Neuem treibe sie uns zu dem Herrn, der innig nahe ist denen, die ihn anrufen, die ihn mit Ernst anrufen, der Allen, die ihn suchen, ein reicher Vergelter ist! –

Wo Christus ist, da brennen die Herzen dann auch

IV. In der innigsten Liebe!

Wie sehr die Emmahuntischen Jünger den Herrn, noch ehe sie ihn ganz erkannten, lieb gewonnen hatten, ersehen wir aus ihrer dringenden Einladung: „bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget!“ Und als er sich erbitten ließ, als er sich ihnen immer mehr mittheilte, als die Sehnsucht immer höher stieg und immer herrlicher befriedigt wurde: wie hätten sie da ihn nicht immer inniger lieben, sich immer mehr an ihm erfreuen, immer fester ihm anhangen sollen! – Zwar er entschwand vor ihren Augen, er entzog sich ihren haltenden Händen, ihrer anbetenden Verehrung; aber die Liebe brannte fort in ihrem Herzen, und ließ ihnen nicht Rube in Emmahus. Sie achteten nicht der schon noch dunkler gewordenen Nacht; sie mußten zurück nach Jerusalem, um dort den übrigen Jüngern die Freudenbotschaft zu verkündigen: „der Herr ist auferstanden, der Herr ist wahrhaftig auferstanden!“ Auch die Liebe mochte sie wohl dahin zurücktreiben, um den Herrn wiederzusuchen, der ihnen so überraschend nahe gewesen und eben so überraschend wieder verschwunden war! –

Begnadigter, den Christi Liebe getröstet, erquickt, neu belebt, geheiligt und beseligt: wie? solltest du Den nicht wieder lieben, der so dich zuerst geliebt? solltest du nicht immer reineres, innigeres Wohlgefallen haben an ihm selbst, an seinen heiligen Liebeserweisungen, Tugenden und Vollkommenheiten, und nicht etwa bloß an vorübergehenden Tröstungen und Erquickungen, wie köstlich sie seyn mögen? Sollte es deinem Herzen nicht immer mehr Bedürfniß werden, an ihn zu denken, mit ihm zu reden und vertraulichen Umgang mit ihm zu pflegen? Solltest du nicht immer genauer erforschen, was ihm wohlgefällt? Solltest du nicht mit immer zarterer Scheu vermeiden, was ihm mißfällt? Solltest du nicht immer mehr von seinem Angesicht, von den leisesten Winken seiner Augen dich leiten lassen? Solltest du nicht immer eifriger, bereitwilliger, treuer und standhafter seinen Willen thun, in seine Fußstapfen treten und fein Werk betreiben in dem Beruf, in welchen er dich gesetzt hat? Solltest du nicht auch, wie jene beiden Jünger, mit zarter, herzlicher Bruderliebe zu seinen Erlöseten dich gesellen und mit ihnen theilen die Gaben, die er dir geschenkt, und von ihnen hinnehmen, was sie von ihm empfingen auch für dich? –

Wohlan, es entbrenne die heilige Gluth der Liebe! Wo Jesus einkehrt, wo Jesus wohnt und sich mittheilt, da ist auch sie, da entflammt auch sie die Herzen und treibt zu jedem guten Werke! Sie ströme nieder! Sie durchglühe auch uns! O Jesu, komm Du selbst, und belebe uns auch heute! Entzünde, durchdringe mit Deiner Liebe so ganz unsre Seele, daß sie immer mehr geläutert und gereinigt werde von aller ihrer Sündhaftigkeit!

Du süße Liebe, schenk‘ uns Deine Gunst,
Laß uns empfinden der Liebe Brunst,
Daß wir uns von Herzen einander lieben.
Und in Fried‘ auf Einem Sinne bleiben;
Erbarme Dich!

Ja, Herr, an Deiner Liebe, an Deiner Liebeverströmenden Gegenwart wollen auch wir unsere kalten Herzen entzünden! Darum sey Allen, Allen recht innig nahe. Du ewig treuer Freund! –

Es kann nicht fehlen, m. Z., wo Christus ist, da brennen die Herzen in heiliger Liebe, und dann auch endlich

V. In seliger Hoffnung!

Den beiden Jüngern hatte Christus zwar eine falsche Hoffnung (daß er, ohne zu sterben, Israel im irdischen Sinne erlösen werde) genommen; aber welche herrlichere Hoffnung hatte er ihnen dafür wiedergegeben! In seinem Kreuzestode, den er als den Sold für die Sünden der Welt schmeckte und der sie so tief betrübte, hatten sie bisher für sich und für die Welt das Heil noch nicht erblickt, und selbst die erste Verkündigung seiner Auferstehung hatte sie mehr erschreckt, als beruhigt und erfreut. Jetzt zeigte ihnen Christus, vielleicht nach Jes. C. 53. wie er durch sein Leiden und Sterben die Sünden der Welt hinweggenommen habe, und zu welcher Herrlichkeit er eben um seines Leidens und Sterbens willen eingegangen und wie ihm gegeben sey alle Gewalt auch im Himmel, nicht bloß auf Erden. Da schwand in seiner Nähe alle Furcht und alle Sorge, zumal um Irdisches! Ein Reich Gottes sollte aufgerichtet werden; dem sahen sie entgegen mit voller, freudiger Zuversicht. „Gehet hin in alle Welt,“ nicht mit dem Schlachtschwerdte in der Hand, sondern mit dem Schwerste des Geistes im Munde, mit dem ewigen Worte! Prediget das Evangelium aller Creatur! Es soll euch gegeben werden die Kraft aus der Höhe, der heilige Geist über euch ausgegossen werden nicht lange nach diesen Tagen. Auch die Erfüllung dieser Verheißung erwarteten sie mit festem Vertrauen. Alles vom Herrn Verheißene war ja bisher pünktlich eingetroffen; darum wird auch dieß geschehen! Erfahrung brachte auch ihnen Hoffnung, und diese Hoffnung ließ sie nimmermehr zu Schanden werden. – Wie sollte nicht auch uns die süßeste Hoffnung beleben, – wenn Christus bei uns ist? Ja, spricht der Gläubige, der Christi Nahe erfährt: ich fühle mich frei von jeglicher Furcht! Durch alle finstere Thäler ist er mein guter und getreuer Hirt, in seiner Gerechtigkeit mein Friede, in allen Gefahren mein allmächtiger Schutz! in aller Sündennoth und Bußangst mein Fürsprecher, in allen Leiden mein erquickendster Trost! in allen Kämpfen mein Beistand, mein Siegesfürst! im Todeskampf mein Leben, mein ewiger Friede! im Gericht mein Fürsprecher, ja, mein Führer zu ewiger Herrlichkeit! – Er hat sein Werk in mir begonnen; er wird es auch fortsetzen und vollführen bis auf den Tag der Vollendung! Er hat sein Werk schon in Millionen angefangen; er wird es über den ganzen Erdkreis verbreiten! Alle seine Feinde wird er noch legen zum Schemel seiner Füße. Das hat er verheißen, der Allgewaltige und der Wahrhaftige, der todt war, und ist wieder lebendig geworden! – Wie brennt das Herz, von den Strahlen dieser Hoffnung entzündet! Wie erglüht es in der hoffnungsreichen Nähe Christi! Gelobet sey Gott und der Vater unsers Herrn Jesu Christi, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Todten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das behalten wird im Himmel! –

Wie ist es nun mit euch, meine Zuhörer? Brennen auch euch die Herzen, oder gehört ihr zu denen, die kalt sind und kalt bleiben? Werden sich vielleicht Manche schon an diesem Abende in die Strudel weltlicher Vergnügungen stürzen? O, laßt euch doch warnen! Laßt euch doch ernstlich bestrafen! Empfindet, erfahrt doch mehr die Kraft der Auferstehung Christi! Laßt doch nicht in Weltlust oder gar in den unreinen Flammen der fleischlichen Sinnlichkeit euch entzünden! Gehet doch lieber in die Stille oder zu frommen Freunden! Beschäftigt euch mit dem Worte des Herrn; am liebsten nahet zu Christo selbst, und bleibet bei ihm! Er ist, er bleibt ja auch euch nahe; darum müsse euch heute den ganzen Tag hindurch das Herz brennen in seiner Gemeinschaft. – War‘ euch Weltlust lieber? Könntet ihr auf eine unchristliche, fleischliche Weise diese heilige Festzeit beschließen? O wisset, dann wird Christus als strenger Richter dereinst euch nahen in seinem Zorn. Wer weiß, wie bald dieser Zorn entbrennen wird! Dann werden auch eure Herzen brennen in ewigem Schmerz, in unauslöschlicher Reue, in vergeblicher Sehnsucht, in unaufhörlicher Trostlosigkeit und Unseligkeit, in entsetzlicher Hoffnungslosigkeit, in ewiger Verzweiflung! O, wachet auf, die ihr schlaft, und steht nun endlich, endlich von den Todten auf; so wird euch Christus erleuchten! Laßt euch den ganzen Schatz der Liebe Christi jetzt vorhalten! Lasset uns Ostern feiern nicht im Sauerteig der Bosheit und Schalkheit, – sondern im Süßteig der Lauterkeit und der Wahrheit, Amen!

August 31, 2019

Schlagwörter: