Dräseke, Johann Heinrich Bernhard – Am ersten Jahrstage 1803

Ueber die Kirchenregister des verflossenen Jahres.

So stehen wir denn abermals am Eingange eines neuen Jahres, ewiger Gott! So ist schon wieder eine bedeutende Strecke unsrer Laufbahn zurückgelegt; und von der Eile des Lebens ergriffen sind wir näher, – ach, wie viel! näher gerückt dem Grabe und der Ewigkeit.

Mögten wir denn nicht nur älter, sondern auch weiser geworden seyn! Wie getrost mitten in diesem Wechsel der äussern Welt würden wir dann jetzt zu dir aufblicken, und bei dem Gedanken, daß du auch über das verflossene Jahr uns zur Rechenschaft ziehen werdest, wie friedevoll, wie heiter bleiben können! Du liessest es an nichts fehlen, was zu unsrer Erziehung nöthig war. Blieb deine Gnade vergebens, so trifft uns, und nur uns aller Vorwurf. Wir verkannten des Lebens hohe Zwecke; wir verschmäheten Deine leitende Vaterhand; wir benutzten nicht, was Du wohlmeinend zu unserm Heile geschehen liessest; wir betäubten im unruhigen Drange sinnlicher Zerstreuungen gegen Deinen Ruf das vereitelte Herz. Richter im Himmel, wie demüthigt uns dieses Geständniß, in welches wir alle ohne Unterschied, der Eine nur mit noch grösserem Rechte und mit noch tieferer Beschämung, als der Andre, einstimmen müssen!

O es soll besser werden, ruft es laut in unserm Innern. Wir wollen uns aufmachen, um das grosse, das hochheilige Geschäft unsrer Veredlung mit bedeutenderem Erfolge zu betreiben; klar und lebendig steht dieser Entschluß vor unserer Seele da. Er ist das einzige Mittel unsere Menschenwürde zu retten; darum fassen wir ihn alle. Er ist der einzige Weg, auf dem wir, weil wir noch hier sind, dem Verderben entrinnen können, darum erneuern wir ihn ungesäumt, heute noch, in diesem feierlichen Augenblicke der gemeinschaftlichen Erhebung zu Dir. Er ist aber schwer zu vollführen: darum erbeten wir uns Deinen Beistand, o Du, der Du auch in dem Schwachen Dich mächtig beweisest, wenn er folgsam Deiner Führung vertraut. Segne jede Seele, die Dich liebt! Heilige diese ganze Versammlung durch die Feier dieser Augenblicke! Senke Vorgefühl des Himmels in unsre Brust, wenn wir uns jetzt, einmüthig, vor Dir niederwerfen in stiller Rührung! –

Text: Pred. Sal. 1,9.

„Was ist es, das geschehen ist? Eben das, was wieder geschehen wird. Was ist es, das man gethan hat? Eben das, was man wieder thun wird. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne“.

Im Munde eines erfahrenen Mannes kann nichts natürlicher seyn, meine Freunde, als diese Aeusserung. Mit dem Jünglinge ist es anders. Unbekannt in den Kreisen, in welche er schüchtern eintritt, findet er Neues, wohin er kommt. Unablässig begegnen ihm ueberraschende Anblicke, merkwürdige Gegenstände, auffallende Erscheinungen. Er bewundert alles, weil er alles zum ersten Male sieht. Wer aber, wie Salomo, schon eine so lange Reihe von Jahren hindurch, auf des Lebens buntem Markte sich herumtrieb, mit Menschen aller Art und Klassen verkehrte, und nicht nur Zeuge der um ihn her vorgehenden Veränderungen und Begebenheiten, sondern thätiger Theilnehmer daran war: der hat das Ueberallstillestehn und Staunen und Hochaufmerken verlernt; dem geht es mit tausend Dingen, die der jüngern Welt unerhört scheinen, wie mit alten Bekannten bei jedem Vorfalle erinnert er sich an ähnliche Auftritte aus seiner frühern Zeit; und man kann ihm nichts erzählen, was er nicht auch schon, in andern Gestalten und unter andern Umständen, gesehen und erlebt hätte. Daher spricht er denn, indeß du vielleicht die Dinge, die da kommen sollen, ungeduldig erwartest oder ängstlich fürchtest, mit der gleichmüthigsten Ruhe, wie jener berühmte König! „Was ist es, das geschehen wird! Eben das, was unendlich oft schon geschehen ist; es geschieht nichts Neues unter der Sonne“,-

Wer sollte auch die Wahrheit hievon nicht fühlen! Die Natur hat ihre Gesetze, nach welchen jede Veränderung in derselben regelmassig erfolgt, und hatte sie immer. Von jeher wechselten Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nachts Sonnenschein und Regen, Sturm und Windstille, Ebbe und Fluth, Saat und Erndte, theure und wohlfeile Zeit, Jahresschluß und Jahresanfang. Und so ist es bis auf diesen Augenblick. Die Menschenwelt freilich liefert des Ungleichförmigen, des Mannigfaltigen und Abstechenden weit mehr, weil hier neben sinnlicher Nothwendigkeit zugleich der freie Geist seine Wirksamkeit äussert; im Ganzen aber kommen doch auch hier dieselben Veränderungen, die man schon ehemals bemerkte, wieder. Es werden Reiche gegründet und zerstört, Thronen errichtet und daniedergerissen, Gesetze gegeben und verworfen, Verfassungen eingeführt und abgeschafft, Kriege begonnen und geendigt, Gegenden verschönert und verwüstet, Völker gehoben und in den Staub gedrückt. Es entstehen Meinungen und verlieren sich; es erscheint eine Mode und schwindet; es blühen Anstalten und welken ungepflegt dahin; es steigen Familien, und sinken in dunkle Vergessenheit; es treten Geschlechter auf und ab. Hier Zuschauer, siehst du Geburtstags-, dort Begräbnißfeier; hier Verbindungen, welche die Liebe knüpft, dort Trennungen durch den Tod oder das Schicksal, hier Verdienst und Tugend, dort Nichtswürdigkeit und Tücke; hier Arbeiter und Erwerber, dort Geniesser und Verzehrer; hier Freude, Ueberfluß, Wohlleben, glänzende Pracht, dort Mangel und Noth und Thränen und Händeringen und kummerblasse Wangen und Gestalten des Elends. So war es, so lange die Welt sieht; so ist es noch, „Es geschieht nichts Neues unter der Sonne“.

Soll uns dies aber den Aufenthalt auf der Erde verleiden? Sähen wir es lieber, wenn wir immer nur Bemerkungen machten, dergleichen noch keiner gemacht, oder Begebenheiten wahrnähmen, wie sie noch nie dagewesen? Mögten wir wünschen, daß täglich die Welt um uns her sich verwandelte, daß, wie in einem Schattenspiele, schnell, eine neue Gestalt nach der andern uns vorübergienge, und folglich nirgend wir einen Punkt fanden, wo wir mit unserer Aufmerksamkeit verweilen und gleichsam ausruhen könnten? Und würden wir glücklicher seyn, wenn es so wäre?

O, nur wohlmeinend beachten dürfen wir, was uns umgiebt, theure Brüder, und es zum Gegenstande frommen Nachdenkens machen; so wird auch das Alltäglichste uns lehrreich. Nur sorgfältig zu benutzen brauchen wir, was uns Freude und Frieden geben kann; so gewinnt selbst das einförmigste Leben unter unsern Händen einen eigenthümlichen Reitz.

Ich denke dies jetzt, und zwar mit besonderer Beziehung auf die Geschichte unsers Ortes im verflossenen Jahre, darzuthun. Wie wir wissen, ist nicht viel, und wenn wir einen einzigen Todesfall (Es verunglückte im Wasser ein 88jähriger Greis, da er sich ein Vergnügen machen wollte; nachdem die Vorsehung ihn aus vielen und großen, mit seinem Berufe verbundenen Lebensgefahren glücklich errettet hatte.), der unser aller wehmüthige Theilnahme rege machte, ausnehmen, von ungewöhnlicher Erheblichkeit schlechthin nichts unter uns vorgegangen. Und wo könnten demnach die Worte unsers Textes eine stärkere Bestätigung finden, als in unsern Erfahrungen? Gleichwohl lasset uns einmal nur auf einen Theil dieser Erfahrungen, ich meine, auf diejenigen Ereignisse, die, weil sie uns als christliche Religionsgesellschaft angehen, in unserm Kirchenbuche verzeichnet sind – nur auf diese, im allgemeinen, und mit Ausschluß alles Uebrigen, lasset uns heute zurücksehen; und es wird sich uns manche wichtige Erinnerung, mancher ernste Gedanke, manche heilsame Lehre, mancher redliche Vorsatz aufdrängen. Dahin eben geht meine Absicht, wenn ich die hiesigen Kirchenregister vom verflossenen Jahre nunmehr zum Hauptgegenstande unserer weiteren Unterhaltung mache.

Manchem wird das vielleicht unwichtig und zu einer diesem festlichen Tage entsprechenden Andacht wenig passend dünken. Den bitte ich indessen sein Urtheil nicht zu übereilen. Unwichtig kann nichts seyn, was Veredlung bezweckt, und mit Religion in Verbindung steht. Ob es aber für die Feier eines neuen Jahres unpassend sey über die kirchlichen Verzeichnisse des abgewichenen zu reden, das möget Ihr dann selbst entscheiden, wenn Ihr gesehen haben werdet, daß eben diese Verzeichnisse in Beziehung auf unsern religiösen, häuslichen und bürgerlichen Zustand zu den heilsamsten Betrachtungen veranlassen.

Höret mir gern zu, Ihr Lieben! Ich wünsche nichts, Gott weiß es! ich wünsche nichts, als Euch nützlich zu werden.

Unsern Registern zufolge zählte die hiesige Gemeine im abgewichenen Jahre an Communicanten 1174; davon 732 das Abendmahl Jesu öffentlich, 442 dasselbe im Stillen, theils Hier, theils in ihren Wohnungen und auf dem Krankenbette feierten.

Es ist ein frohes, glückliches Geschäft, und dieses grossen Tages so ganz würdig, sich den Segen zu vergegenwärtigen, der durch jene Feier unter uns gestiftet ward. Wie Mancher fühlte sich beim Tische des Herrn emporgehoben zu heiligen Gedanken, erwärmt für edlere Gesinnungen, fester vereinigt mit seinem Gott, und durchdrungen von höherm Eifer für Pflicht und Tugend! Wie Mancher verließ mit neuer Ruhe des Gewissens und mit neuem Muthe für jede künftige Lebenslage die stille Statte! Wie manche feindselige Leidenschaft erstarb beim Gedächtnißfeste des Göttlichen, der liebend sich für Alle dahingab! Wie Manche, durch Haß und Bitterkeit getrennt, verknüpfte der Altar der ewigen Huld zum Wohlwollen und Verzeihn! Wie Manche, die Gott abrief, entschlummerten sanfter mit dem Bilde ihres Heilandes im Herzen! Ueber wie manches Haus verbreitete eine einzige durch die Nachtmahlsfeier verherrlichte Stunde unabsehbar selige Wirkungen!

O lasse ein Jeder diese heitern Gestalten seinem nachdenkenden Geiste vorübergehn! Empfindet Euer ganzes, hohes Glück, die Ihr ohne Reue und Vorwurf bei ihnen verweilen könnet! Berechnet, wenn es möglich ist, was Ihr entbehrt, die Ihr aus Gleichgültigkeit und Stumpfsinn, oder aus Irreligion und Lasterliebe, oder aus Vorurtheil und um doch hinter dem herrschenden Modetone nicht zurückzubleiben, jenes Segens Euch beraubet! Saget nicht, daß der Religiöse und sittliche Werth eines Zeitalters, mit Sicherheit, aus der Zahl der Communicanten nicht ersehen, und kein Mensch blos darnach, richtig beurtheilt werden könne, wie oft oder wie selten er das Abendmahl geniesse; – wer weiß es besser, als der Freund Jesu, daß Uebung, die zur Tugend erst hinführen, und ein heiliges Streben nach ihr wecken sollen, noch nicht Tugend selbst sind? Davon ist hier überall die Rede nicht. Nur die deutliche, die zum Theil recht geflissentliche und überlegte, die je länger, je mehr überhandnehmende Vernachlässigung jener so Sinn- und heilvollen Feierlichkeit, nimmt der Menschenfreund trauernd in Anspruch. Nur das behauptet er, daß eine vorsätzliche Zurückhaltung vom Gedächtnißfeste Jesu mit der seiner Person und Lehre gebührenden Ehrfurcht durchaus im Widerspruche stehe.

Oder dachtet Ihr auch dies zu läugnen? Hättet Ihr Gründe für jene Zurückhaltung, die mehr als leere Ausflüchte wären? Würdet Ihr wirklich auf eine befriedigende Art zu antworten wissen, wenn die religiöseren Vorfahren Euch wegen „Geringschätzung des Abendmahles“ vor ihr Gericht zögen? Und wie nun, – eine Frage, die heutiges Tages so wenig ungereimt zu nennen oder abzuweisen ist, daß sie sich vielmehr gewaltsam hervordrängt, – wie? wenn Eure Sitte die Sitte Aller!! werden sollte, – wie lange brauchte es in dem bereits eingetretenen Verhältnisse fortzugehen um jede Feier des theuren Gedächtnisses Jesu aus seiner Gemeine zu verbannen???

Welch ein Blick, meine Brüder! Welch eine Aussicht in die Zukunft! Kann sie am ersten Tage eines Jahres sich uns darbieten, ohne unser Innerstes zu erschüttern? Können wir sie wahrnehmen, Ihr Redlichen, ohne uns inniger zur Behauptung unserer bessern Grundsätze zu verbinden, und dem Geiste der Irreligion, wie und wo er sich äussern möge, mit verdoppeltem Ernste zu widerstehen? Können wir erwägen, wie viel daran liege, daß das Heilige heilig bleibe, ohne zu sorgfältigerer Aufmerksamkeit auf unsern religiösen Zustand und zu der gewissenhaftesten Selbstprüfung besonders in Absicht unsers Verhaltens gegen das Abendmahl uns feierlich ermuntert zu fühlen?

Scheue denn keiner diese Prüfung! „War ich mit unter denen, – so frage dich still und wohlmeinend, – die im verflossenen Jahre an des Herrn Tische sich versammelten? Wenn ich es war, mit welchen Gesinnungen begieng ich sein Gedächtniß? Wie bereitete ich mein Gemüth darauf vor? Welche Wirkungen davon verspürte ich in meiner Denkart, für meine Sitten, an meinem Betragen? – Oder war ich es nicht? – und wie lange denn nicht? – Und warum nicht? – Aus welcher Ursach entzog ich meinem Gewissen die kräftigste Beruhigung, meiner Tugend die wirksamsten Antriebe, meinem Glauben das heiligste Unterpfand, meinem Herzen den reinsten, seligsten Genuß? Was hielt mich ab, was durfte mich abhalten das höchste Labsal zu schmecken, das ich mir auf dieser Erde Leben kann? – Bin auch ich vielleicht schon auf dem Wege gegen diese Nahrung des unsterblichen Geistes gleichgültig zu werden? Ist mir der Heiland der Welt, ist mir der Gott, der ihn auch für mich vom Himmel herniedersandte, ist mir der erhabene Beruf, zu dem ich hier erzogen, und dem meine ganze übrige Thätigkeit nur untergeordnet werden und bleiben soll, das nicht mehr, was er zu seyn verdient?

O so soll er es wieder werden; so will ich sie wieder anfachen in meinem kalten Herzen, die alte Liebe für Religion und Tugend, der ich einst so unaussprechlich viel Kraft und Freude verdankte; und habe ich, Unglücklicher dieselbe noch nie gefühlt, so will ich sie fühlen lernen, damit sie mich heilige und über alles erhebe, was mich erniedrigt und elend macht. Segne, Himmlischer Vater, diesen Entschluß; dann geht mit dem neuen Jahre eine neue Sonne für meine innere Welt auf“;

Hinzugethan unserer Gemeine, und zum Bekenntnisse des Christenthums feierlich eingeweihet wurden im abgewichenen Jahre 82 Seelen; 30 als Erwachsene durch die öffentliche Confirmation, 52 als Sauglinge durch die Taufe. Mit Ausnahme zweier Kinder leben sie alle noch; so wollen wir uns ihrer heute vor Gott freuen; wollen sie ihm, dem sie angehören, und der sie so theuer erkauft hat, Jesu Christo, aufs neue befehlen; wollen sie als Verwandte des Himmels werth achten, und ihren Wachsthum in religiöser Weisheit mit heiligem Eifer uns angelegen seyn lassen.

Die blosse äussere Erweiterung der Kirche Jesu hat keinen Werth; und es ist noch immer kein reiner Ertrag für die Religion und kein wahrer Gewinn für die Menschheit, wenn die Zahl derer, die vom Heilande der Welt den Namen führen und mit seiner Gemeine in sichtbarer Verbindung stehen, sich vergrößert. Nur wo man den Geist des Christenthums aufgefaßt hat und in Sinn und Wandel diesem Geiste zu folgen strebt; nur wo man die Wahrheit erkennt und durch die Wahrheit sich frei macht; nur wo man, erwärmt für seines Daseyns höchsten Endzweck, auf diesen seine ganze Sorgfalt wendet, wo ächter Tugendsinn die Gemüther heiligt und die Liebe sie verschwistert, wo das Gute ernstlich gewollt und mit treuvereinten Kräften gefördert wird; da, – da wirst du gekannt , und verherrlicht, da wohnst du, Himmelstochter, Religion! da offenbart sich in den glücklichsten Wirkungen dein beseligender Einfluß!

Daß sie diesen Einfluß denn empfinden und erfahren, dahin lasset uns arbeiten an denen, die das abgeschiedene Jahr unserer Kirche zugesellet hat; dahin komme es mit den Säuglingen einst, und mit den bereits confirmirten jungen Christen jetzt schon; dahin bringe es bei ihnen, unser Eifer in ihrer Erziehung, unsre Achtsamkeit auf ihr Betragen, unsre Sorgfalt für den Zustand ihres Geistes und Herzens, und wodurch alles dies erst Gewicht und Leben erhalten muß, unser eignes gutes Beispiel.

Wir alle ohne Ausnahme sind dies den neuen Mitgliedern unserer Gemeine schuldig, auch wenn sie in keinem näheren Verhältnisse zu uns stehen. Wir besonders sind es, die wir zur Taufe sie darbrachten, und in der festen Ueberzeugung,- „daß sie bei dem nachherigen eigenen Gebrauche ihrer Vernunft eben dies würden wollen müssen“, das feierliche Gelübde des Glaubens und der Tugend an ihrer Stelle verrichteten. Wir sind es noch mehr, liebe Lehrer, denen die grosse Aufgabe zu Theil ward, ihnen die Wahrheiten der Religion zu enthüllen, und die hohe Bedeutung ihres Daseyns, als eines sittlichen Lebens, ihren jungen Seelen recht fühlbar zu machen. Wir endlich, ihre Väter und Mütter, wir sind es im allerhöchsten Sinne, und mehr als die ganze übrige Gesellschaft. Nicht die Religion allein, auch die Stimme der Natur in unserm Herzen ruft uns laut dazu auf, sie zu ächten Freunden Jesu zu bilden; und die Liebe soll uns dieses erhabene Geschäft erleichtern.

Wenn wir uns denn glücklich fühlten, als sie uns gebohren wurden; wenn wir die Menschenwürde zu schätzen verstehen, die der allliebende Vater auch auf unsere Kleinen vererbt hat; wenn wir Taufe und Konfirmation für mehr als blosses Herkommen und eitle Ceremonie halten; wenn wir den tiefen Sinn dieser ehrwürdigen Handlungen begreifen und die grossen Verbindlichkeiten kennen, die wir gegen unsre geliebte Jugend übernommen haben; – heute, heute lasset uns des Augenblickes eingedenk seyn, wo wir für sie das heilige Ja sprachen, oder sie selbst am Altare es sprechen hörten; heute lasset uns unser bisheriges Betragen in ihrem Kreise prüfen, und auf die Frage: wie wir sie künftig leiten und behandeln wollen? uns redlich antworten; heute erfülle uns mit besonderem Ernste die Betrachtung: was wir zu thun haben, um sie der menschlichen Gesellschaft einst mit dem Bewußtseyn, daß sie ihr nützen werden, zu überliefern; heute glühe auch in Euch, die das entflohene Jahr in den Kreis erwachsener Christen geführt hat, auch in Euch, wenn Ihr mich hört, flamme, begleitet von den Gebeten Eurer Eltern, der Wunsch auf: möge der himmlische Vater uns erhalten, uns für die Tugend erhalten, und uns helfen brauchbare Mitglieder der Gesellschaft und eifrige Beförderer des Reiches Jesu zu werden!

Indem wir auf unsre Verzeichnisse zurückblicken, erbietet sich uns ein neuer Gegenstand des stillen Nachdenkens. Es sind diejenigen, die im vorigen Jahre der eheliche Bund vereinte, siebenzehn Paare.

Bedarf es noch eines Beweises, meine Theuren, daß unter allen Verbindungen des gesellschaftlichen Lebens diese die ehrwürdigste, und in ihren Folgen für den Staat zugleich die bedeutendste ist? Indem sich Verlobte die Hand reichen und den Schwur einer treuen Liebe wechseln, wird ein grosser, entscheidender Augenblick gefeiert. Es ist nichts geringeres, was sie gegenseitig versprechen, als einander Alles zu seyn. Mit immer gleicher Liebe Einer den Andern zu umfassen; diese Liebe in allen Lagen und unter allen Umständen, hier durch herzliche Teilnahme, dort durch freundliche Hülfleistungen, jetzt durch ein aufmunterndes, und bald durch ein geduldreiches Betragen, immer aber durch Friedsamkeit und Sanftmuth, in den Geschäften des Berufes durch unermüdeten Fleiß, und bei allen das gemeinsame Wohl des Hauses betreffenden Angelegenheiten durch eine eben so zärtliche als verständige Sorgfalt zu äussern; in dieser Liebe nie zu wanken und nie abzulassen; diese Liebe endlich überzutragen auf hie Kinder, die durch sie das Daseyn erhalten werden, und denen sie erst Pfleger, Ernährer, Beschützer, dann Erzieher, Rathgeber, Versorger, Freunde seyn sollen und wollen: – den Umfang und die Wichtigkeit hat das Gelübde, welches sie Beide gegen einander tauschen und wodurch sie sich für ihr häusliches Beisammenleben weihen. Ob und wie sie demselben Genüge leisten, davon hangt alles für sie selber, alles für ihre Kinder, ihr Haus und ihre Familie, für ihre Arbeiten und deren Erfolge, für ihre Zufriedenheit und ihren sittlichen Charakter sogar, davon alles für den bürgerlichen Verein ab, dessen Mitglieder sie sind. Aus ihren Händen geht Wohl oder Wehe über sie selbst und über den Staat hervor.

Einen solchen Bund habt auch ihr geschlossen, die das dahin geschwundene Jahr in den Ehestand führte, junge Gatten! Einen Bund, welchen Ihr das Glück und den Frieden Eures ganzen Lebens dem auserkornen Gefährten, der lieben Gefährtin übergeben habt. So ist es nicht möglich, daß Ihr ein neues Jahr beginnen könnet, ohne bei dem wichtigsten Augenblicke des vergangenen mit Rührung still zu stehen. Vergegenwärtigt ihn Euch, diesen ehrwürdigen, vielbegreifenden Augenblick. Lasset sein Bild wenigstens Euch heute umschweben, da Ihr ihn selbst zum zweiten Male feiern nicht könnet. Lasset mich im Geiste Eure Hände jetzt noch einmal zusammenfügen, und Segen auf Euer Haus und Eure Liebe vom Himmel herabflehen. Lasset mich glauben, daß Ihr Euch noch ganz glücklich durch einander fühlet! – Und so gebe der Gott, vor dem Ihr Euch einst unverbrüchliche Treue gelobtet, daß es bis an den letzten Eurer Tage nie, – nie; möge anders werden.

Wir, die wir länger schon im Ehebunde leben, meine Teuersten, wollen denn an frommen Vorsätzen und aufrichtigem Wohlmeynen hinter unsern jüngern Freunden heute nicht zurückbleiben. Nicht abnehmen; – wachsen soll unsre Zuneigung, und inniger werden unsre gegenseitige Anhänglichkeit, und fest sich gründen unser Glück, je weiter wir in der Gesellschaft des trauten Gefährten auf diesem Pilgerpfade wandern. Auch wir wechselten Gelübde, heilige Gelübde; sie zu halten soll von neuem unser ernster Entschluß, soll uns Gewissenssache, soll das Augenmerk unsers ganzen häuslichen Betragens seyn. Und so oft künftig der festliche Tag, der uns einst vereinigte, im Laufe der Jahre zurückehrt, wollen wir Männer unsern Gattinnen, und wir Weiber unsern Gatten sagen: „Ich versprach, dich glücklich zu machen; vergieb, wo ich es nicht that; ich will es immer besser und treuer thun lernen! Gott helfe mir!“ –

Doch wir gewannen nicht immer, und nicht Alle;- wir verloren auch, und Mancher wol viel! Es wurden Verbindungen geschlossen, aber auch getrennt, – getrennt! wie wehe die Trennung that, und wie vielfach heilig das zerrissene Band durch Bedürfniß, Natur und Liebe war. –

Unser Kirchenbuch meldet uns ausser 4 Kindern, die schon starben, ehe sie geboren wurden, 53 Todesfälle; und wenn es sie auch nicht meldete, in trauernden Herzen stehen sie verzeichnet mit einer Schrift, die keine Zeit auslöscht. Es schieden Greise und Jünglinge, Männer und Knaben, Weiber und Kinder; manche plötzlich, manche nach langem Jammer; manche, deren Ende, wie ein betäubender Donnerschlag die Angehörigen traf, und manche, deren letzte Stunde die Umstehenden wünschen, herbeiseufzen, ach! unter zahllosen Thränen von Gott erbeten mußten. Hier wand ein Vater von der lautklagenden Familie, dort eine Mutter von ihren unmündigen Waisen sich los; hier beweinte den Gatten die verlassene Witwe, dort standen tiefgebeugte Eltern am Sarge eines holden, zu früh verwelkten Kindes. Auch ich habe, nach zwei harten, sehr harten Verlusten des vorletzten Jahres im abgewichenen abermals einen geliebten Säugling begraben.

Wir feiern öffentlich euer Gedächtniß heute, Ihr Vorangegangenen. Wir schämen uns der Wehmuth nicht, in welche der Gedanke an Euren Abschied unsre Seelen versenkt, und wir vermögen auch nicht sie zu verbergen. Wir liebten Euch, da Ihr hier bei uns noch waret; wir lieben Euch inniger, seit Ihr an diesem irdischen Herzen nicht mehr ruhet; wir werden Euch lieben, so lange Wir leben, weil wir nie aufhören werden mit heissem Danke zu empfinden und zu rühmen, was Ihr uns waret. Doch wollen wir nicht murren. Der Hügel, an welchen wir nassen Auges vorübergehen, deckt Eure Asche nur. Drüben, wo kein Schmerz und keine Trennung mehr ist, drüben weilet Ihr, wenn Ihr hier gut waret, und erwartet unsre Ankunft. Ach! Ach! wann werden wir sie feiern? wann werden wir dahin kommen, wo wir Euch und unsern Gott mit Euch schauen auf ewig?

Und die Erinnerung unsers Verlustes, geliebte Brüder, ist nicht das einzige Mittel, Gedanken an den Tod, an unsern Tod, in uns zu wecken. Ein Jeder, der aus der Gesellschaft weggeht, ruft uns unsern Abschied in die Seele. Jeder Leichenzug, dem wir mit Ernst und Gefühl nachblicken, mahnt uns an unser Grab. Auch die Todten des abgeschiedenen Jahres weisen uns alle auf die Zeit hin, wo man unsre Ueberreste, wie die ihrigen, in die letzte irdische Ruhekammer senken wird.

Wann? – wer weiß das? Ob nach Jahren erst, nach wie vielen – vielleicht in diesem schon, das wir gegenwärtig beginnen, -, und wen in diesem – wen von uns?? – Daß ich sie kennete, die hier Versammelten, die am Schlusse des heute anbrechenden Zeitraums nicht mehr hier seyn werden! Einsegnen wollte ich sie, von dieser Stätte herab einsegnen für den nahen Tag des Scheidens! Aber wer durchdringt den dichten Schleier, den die Hand des Unerforschlichen geheimnißvoll über die letzte der Stunden zog? „Von der Stunde, sagt Jesus, weiß Niemand, auch die Engel nicht im Himmel, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater“.

So wollen wir denn alle wachen, weil wir „nicht wissen, wann es Zeit ist“, und recht oft mit stillem Ernste denken, daß im neuen Jahre schon die Reihe uns treffen kann. Dieser Gedanke soll uns im Schoosse unsrer Familie geläufig werden, damit wir uns niemals auch nur an Einem aus diesem lieben Kreise versündigen. Dieser Gedanke soll bei unsern Berufsgeschäften uns begleiten, damit wir sie gewissenhaft abwarten, und Gutes wirken, weil es Tag ist, ehe die Nacht kommt. Dieser Gedanke soll bei allen unsern Verhältnissen uns zur Seite stehen, damit wir bei Zeiten einrichten und anordnen, was vor unserm Ableben noch geschehen muß. Dieser Gedanke endlich soll uns auffordern unser Inneres fleissig zu prüfen, und auf unsern sittlichen Zustand überhaupt mit unablässiger Sorgfalt zu achten; damit mir, was den Abschied erschwert, immer völliger von uns hinwegthun; damit wir jene glückliche Ordnung, bei der wir jeden Augenblick bereit sind, in unserm Gemüthe erhalten, oder wenn sie gestört ward, herstellen; damit wir eilen und unsre Seele retten.

Wir kennen, Herr, die Stunde nicht,
die uns, wenn unser Auge bricht,
zu deinen Todten sammelt;
vielleicht umhüllt uns ihre Nacht,
noch eh‘ wir dies Gebet vollbracht,
dies Flehn Dir ausgestammelt!
Segne, segne
unser Streben
Dir zu leben, Dir zu sterben,
daß wir Deinen Himmel erben.

Welch eine Welt, o Ihr Lieben, wenn dies allgemeine Gesinnung und Sprache würde! Welch eine edle, schätzbare, glückliche Menschengesellschaft, wo jeder durch den Gedanken an seinen Tod zu treuerer Erfüllung seiner Pflichten begeistert, zu mässigerem Genusse sinnlicher Freuden ermuntert, zu muthigerem Kampfe gegen jedes Schicksal gerüstet, und unter allen Bedrängnissen des Lebens den Blick nach oben zu richten gelehrt würde!

Lasset uns arbeiten, Alle arbeiten, daß es dahin mit uns komme; etwas Besseres können wir beim Antritte eines neuen Jahres nicht beschliessen.

Lasset uns wünschen, daß sich die ganze Menschheit hierin mit uns vereinige; einen höhern Segen können wir ihr heute und ewig nicht erbeten.

Lasset uns jedem Freunde, der heute unsern Glückwunsch erwartet, und besonders unsere Hausgenossen, denen wir traulich etwas Gutes sagen sollen, mit Kraft und Herzlichkeit zu rufen: „Wachet, wachet! denn wir wissen weder Zeit noch Stunde, in welcher der Herr kommen wird“

September 1, 2019

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