Dräseke, Johann Heinrich Bernhard – Die rechte Stellung zum Missionswerk.

Predigt am Missionsfeste über Matth. 9, 35 – 38

Gesang der Gemeinde.

Macht weit die Pforten in der Welt!
Der Himmelskönig Einzug hält;
Ihm folgen Gnad und Wahrheit.
Wer von der Sünde sich gewandt.
Wer auf aus Todesschlafe stand,
Der sieht des Königs Klarheit.
Seht Ihn!
Seht Ihn
Sieg erstreiten,
Licht verbreiten,
Nacht zerstreuen,
Leben, Lieb und Lust verleihen.

Es jauchzt um Ihn die große Schaar,
Die lang und schwer gefesselt war
Er hat sie frei gegeben.
Blind waren sie und sehen nun,
Lahm waren sie und gehen nun, ,
Todt waren sie und leben.
Köstlich,
Tröstlich
Allen Kranken,
ohne Schranken,
ohne Schwanken
Walten Seine Heilsgedanken.

Die Ihr vom Hause Christi seid,
Schließt heut den Bund mit Freudigkeit!
In Seinem großen Namen,
An Seinem Reiche stets zu baun,
Auf Seine Hülfe stets zu traun,
Voll lauter Ja und Amen.
Flehet,
Gehet,
Himmelserben
anzuwerben;
eifert, ringet!
Jesus ist es, der Euch dinget.

Ja, Herr! Du bist’s und wir sind Dein!
Wir wollen treu am Werke sein,
Bis Alles ist vollendet.
Die Wüste wird zum Paradies,
Und bitt‘re Quellen strömen süß,
Wohin Dein Heil sich wendet.
Selig!
Selig,
Wer da bauet,
wer da trauet,
bis er stehet,
Wie Dein Reich die Welt umziehet.

Der Du solche Aussicht uns öffnest und unsern Lobgesang hörst, ja, mitten unter uns bist nach Deiner Verheißung, Herr der Herrlichkeit! gib uns Deinen Geist und segne unsre Missionsfeier. Amen.

Das Fest, welches uns heute versammelt, andächtige Mitchristen, weiset als Missionsfest auf das Missionsfeld hin. Da ist sein Gebiet. – Was können wir denn Besseres thun, als eine Gegend dieses Gebietes aussuchen, welche der Stifter des Gottesreichs Selbst durch Seine persönliche Thätigkeit geheiligt. hat!

Folget mir stillen Geistes und lasset uns sehen, was die evangelische Geschichte zeigt. Wir finden die Stelle bei

Matth. 9, 35-38.

“Und Jesus ging umher in alle Städte und Märkte, und lehnte in ihren Schulen, und predigte das Evangelium vom Reich, und heilete allerlei Seuche, und allerlei Krankheit im Volk. Und da er das Volk sahe, jammerte ihn desselbigen: denn sie waren verschmachtet und zerstreuet, wie Schaafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenig sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende.“

Die Textworte, meine Zuhörer, öffnen uns nicht nur einen heiligen Missionsplatz; sie bezeichnen zugleich aufs bestimmteste die Stellung der Christenheit zum Missionswerk.

Wenn sich um diese Worte sammeln wollte die Schaar, von welcher die Einen das Missionswerk geringschätzig, auch wohl mißtrauisch ansehen, die Anderen zum Missionswerk untüchtig, oder gar unberufen zu sein vorgeben: wie gewiß, wie bald würde auf beiden Seiten das vielgestaltige Vorurtheil schwinden, welches bisher der heiligsten aller menschlichen Angelegenheiten in den Weg trat!

Doch, lassen wir die draußen sind und denken an uns! Unsre Anwesenheit bei diesem Feste gibt den thatsächlichen Beweis, daß wir auf das Missionswerk Acht haben und dasselbe zu fördern uns verpflichtet halten. Da ist also nur nöthig, daß wir der Richtigkeit dieser unserer Stellung uns bewußt werden und zur Flamme das Feuer der Theilnahme anschüren. Zu dem Ende wollen wir den Textabschnitt heilsbegierig durchgehen.

Es lehrt derselbe, im Blick auf das Missionswerk, zweierlei: I. daß wir dafür thätig werden sollen, II. wie wir dafür thätig werden können.

I.

Daß wir für das Missionswerk thätig werden sollen, ist die erste Lehre, die der Text gibt.

Er gründet die Verpflichtung auf vier Stücke: auf die Würde des Geschäfts, das Elend der Menschheit, die Größe der Ernte, den Mangel der Arbeiter. Weihet diesen Punkten ein frommes Nachdenken.

1) „Und Jesus ging umher in alle Städte und Märkte und lehrete in ihren Schulen und predigte das Evangelium vom Reich und heilete allerlei Seuche und allerlei Krankheit im Volk.“ Da haben wir das ganze Missionswerk, da haben wir zunächst die Würde des Geschäftes vor uns.

Sehet die hier geschilderte Thätigkeit an! Christen. Ihr Mittelpunkt ist die Predigt des Evangeliums vom Reich. Ihr Kreis sind die Seelen, welche Gott zu Seinem Reiche geschaffen. Ihr Zweck strebt, diese für das Reich zu bereiten und durch das Reich zu beseligen. Die Gebrechen der Menschen daher bekämpft sie. Vor allen die inneren. Damit zugleich die äußeren. Sie heilt allerlei Seuchen und allerhand Krankheit. Und nicht erst bei den Alten beginnt sie, sie nahet den Kindlein schon in den Schulen. Auch nicht auf Bethlehem, Nazareth, Capernaum, Sichar, Jerusalem schränkt sie sich ein; nah und fern, weit und breit, diesseit und jenseit des Jordans, durchzieht sie die Städte und die Märkte. Die Thätigkeit geht so hoch als der Himmel; in den Himmel will sie erheben. Sie geht so weit als die Welt, die Welt will sie umfassen. – Darf nun jemand denken, solche Thätigkeit, eben weil sie so hoch und so weit gehe, gehe ihn nicht an? Wir sind Menschen, meine Zuhörer. Als Menschen sind wir zum Reich berufen. Das Reich aber kann nicht zu uns kommen, wenn wir nicht für die Zwecke des Reichs thätig sind, und wir können nicht in das Reich dringen, wenn nicht der Geist des Reichs in alle Zweige unseres Thuns dringt. Wie der kein rechter Mensch ist, der nicht ein Bürger des Reichs ist: so ist der kein Bürger des Reichs, der nicht ein Helfer am Reich, das heißt: ein Missionsfreund ist. Hier gilt kein gleichgültig sein; wer nicht mit mir ist, der ist wider mich. Mit unserer Menschenbestimmung hängt die Missionsthätigkeit unzertrennlich zusammen. Das gibt ihr die Würde, die sie hat.

Sehet überdieß Den an, den unser Text in solcher Thätigkeit darstellt. Es ist Jesus. Es ist der den Völkern gegebene Heiland. Es ist der Sohn des lebendigen Gottes. Vor dem die Engel des Himmels anbeten und auf den die Geister in Zeit und Ewigkeit hoffen, Der ist’s. – Und wie arbeitet Dieser in der Ernte Seines Vaters? Liebe ist das Triebrad, Weisheit ist die Richtschnur Seiner Thätigkeit. Er tritt nicht eher auf, als bis Er der Arbeit mächtig ist. Er läßt nicht eher ab, als bis an Seinem Theil die Arbeit vollbracht ist. Kann ein Vorbild aufgestellt werden, das unsre Nachahmung mehr forderte?

Nicht also blos durch seine Natur hat das Missionsgeschäft Würde. Es gewinnt sie zugleich durch Den, der uns als erster Arbeiter voranging, daß wir sollten nachfolgen Seinen Fußtapfen. Von beiden Seiten verpflichtet uns die Würde des Geschäfts zur Theilnahme daran.

2) Betrachtet zweitens das Elend der Menschheit. „Und da Er das Volk sahe, jammerte Ihn desselbigen. Denn sie waren verschmachtet und zerstreuet wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Damit wird die Noth ausgesprochen.

Hirten gabs in Israel genug; Schriftgelehrte und Pharisäer. Aber der Geist des Hirten über alle Hirten fehlte. Darum wurde der Erzhirt, als Er kam, die Heerde zu sammeln, nicht erkannt. Sie gingen alle in der Irre. Ein jeglicher sah auf seinen Weg.

– Ist das nicht noch jetzt das Bild derer, die ihren Moses lesen, aber wegen der Decke vor ihren Augen nicht verstehen? Ist das nicht noch jetzt das Bild derer, die vor Götzen ihr Knie beugen und an die Welt und was in der Welt ist ihr Herz verkaufen? O nicht durch Schilderungen von Baalsdiensten, welche die Gottheit lästern und die Menschheit schänden, wollen wir unser Gefühl empören: das Bild von Schafen, die den Hirten nicht haben, sagt genug. Arme, die den Hirten nicht haben! Ach, wie arm sind sie! Sie tragen den Menschennamen. Sie haben die Menschengestalt. Es nährt sie die Erde. Es bescheint sie die Sonne. Das Meer liefert ihnen seine Schätze. Das Jahr bringt ihnen seine Früchte. Sogar einen wärmeren Himmel, eine schönere Flur, eine reichere Fülle der Herrlichkeit Dessen, der die Welt und alles was darinnen ist gemacht hat, haben Viele um sich her. Aber das allerdringendste Lebensbedürfniß, den Hirten, haben sie nicht; und weil sie den Hirten nicht haben, gehen sie in der Irre, schmachtend und verschmachtet, und können die Heimathauen nicht finden. – Meinet Ihr, sie hätten kein Gefühl dieses Irregehns? sie wüßten von keinem Hunger noch Durst nach der himmlischen Weide und den ewigen Wassern? O sie fühlen ihr Elend und sie ahnen die Rettung. Eben dies Gefühl, eben diese Ahnung treibt sie an ihre Küsten. Da stehen sie und rufen sich heiser: Kommt herüber und helft uns! – Wie? dies Hülferufen dränge nicht in unser Herz? Wie? der Vorwurf, der darin liegt, wäre nicht bitter? Wie? den Irrenden könnten wir zusehen ohne Erbarmen? Wie? gefühllos könnten wir sein und uns Christen nennen? – Sehet, Der gekommen war zu suchen und selig zu machen, das verloren ist, Ihn jammerte des Volks. Seine Tage und Nächte gehörten der Rettungsarbeit; dessenungeachtet kein Unmuth über die Fortdauer der Noth, aber tieferes Mitleid und gegen gewaltigen Widerstand allgewaltiger Kampf. So that der Meister; die Jünger sollen eben so thun. Die Noth ist groß; wir sollen das erkennen. Wo der Hirte fehlt, fehlt alles; wir sollen das fühlen. Die in der Irre Verschmachtenden sind unsere Brüder; wir sollen das bedenken. Gott will nicht nur, daß Allen geholfen, Er will zugleich, daß Einem durch den Andern geholfen, und von Hand zu Hand, von Ort zu Ort, von Volk zu Volk, von Geschlecht zu Geschlecht die Rettung gefördert werde; wir sollen diese Himmelsordnung in Ehren halten. – Das Elend der Menschheit verpflichtet uns eben so sehr als die Würde des Geschäfts zur Theilnahme am Missionswerk.

3) Denket drittens an die Größe der Ernte. Als Jesus das Volk angesehen mit Jammern über den Zustand desselben: da sprach Er zu Seinen Jüngern: die Ernte ist groß. So spricht Er heute noch, Christen.

Wisset Ihr, wie groß das Erntefeld ist? Es ist so groß als die Erde. – Nun hat der himmlische Hirt, oder wollet Ihr das Bild von der Ernte festhalten, der himmlische Ackermann, Er hat allerdings einen guten Anfang gemacht, das Feld zu bestellen; auch die Knechte, die Er ausgesandt, sind fleißig gewesen, fast zwei Jahrtausende hindurch, und haben zum Theil bis aufs Blut widerstanden im Kampf mit dem verwilderten Boden. Eben jetzt zumal werden große Anstalten getroffen, die Wüsteneien urbar zu machen, die noch auf Anbauung warten. Und wenn Ihr von der Insel Malta, welche gleichsam der Mittelpunkt aller Missions-Wallfahrten zu Wasser und zu Lande ist, wenn Ihr von ihr ausgehet und, über Griechenland weg, die Länder Asiens und die Inseln des stillen Meeres und die Meppen von Afrika bis zum Vorgebirge der guten Hoffnung und die beiden nach Nord und Süd ausgestreckten Weltarme Amerikas in Gedanken bereiset; oder, zieht Euch das Einzelne stärker an, wenn Ihr das unermeßliche und bisher unzugängliche, jetzt indessen sich aufthuende China, oder wenn Ihr die, nicht menschenleere, sondern von Völkerstämmen wimmelnde, afrikanische Westküste, namentlich die Sierra Leone betrachtet: o, viel Hände werdet ihr entdecken an den Pflug gelegt, o, viel Augen werdet ihr wahrnehmen, die nie mehr zurück, sondern immer nur vorwärts schauen. Man kann sagen und wer denkts ohne Erhebung? die Sonne geht über dem Erntefeld des Missionswerkes nicht mehr unter. – Sind jedoch schon in alle Wildnisse der Erde und zu allen Eilanden des Meers die Missionare gedrungen? Leben nicht in Morgen, Mittag, Abend, Mitternacht noch Hunderte von Millionen zerstreut, die den Namen über alle Namen nie gehört haben? Bleiben nicht auch da, wo die Anfänge gemacht sind, für die weitere Entwickelung der kleinen Anfänge und für die völlige Besiegung der ungeheuren Hindernisse fortgesetzte Bestrebungen nöthig? – Ach, die Ernte ist groß, Christen. Groß über alle menschliche Berechnung mag sie genannt werden. Weil sie aber groß ist, darf sich, wer arbeiten kann, der Mitarbeit nicht entziehen. Wo es das Heil Aller gilt, darf Keiner sich ausschließen. Wenn nur Gesammthülfe zum Gesammtheil führt, darf seine Hülfe Niemand verweigern. Wer‘s dennoch thut, thut Unrecht. Wer aber Unrecht thut, wird empfahen, was er Unrecht gethan hat und gilt kein Ansehen der Person. – Sehet, Geliebte! nicht minder, als die Würde des Geschäfts und das Elend der Menschheit, verpflichtet die Größe der Ernte zur Theilnahme am Missionswerk.

4) Erwäget endlich den Mangel der Arbeiter. Jesus klagt über diesen Mangel, während Er selbst nicht ruhet. Er geht in alle Städte und Märkte und lehrt in ihren Schulen und predigt das Evangelium vom Reich und heilt allerlei Seuche und allerlei Krankheit im Volk. Aber mitten unter diesen persönlichen Anstrengungen, die Noth der Menschheit bejammernd und in die Größe der Ernte hinausschauend, spricht Er zu seinen Jüngern: Wenig sind der Arbeiter! Es umgaben ihn zwölf, wie wir wissen, die ihm zunächst helfen sollten. Doch selbst unter den Zwölfen war ein Kind des Verderbens.

Mitchristen! Noch jetzt mögen wir klagen: Wenig sind der Arbeiter. Wenig, wenn bei der Aufgabe verweilt wird, eine im Argen liegende Welt aus den Angeln zu heben! Wenig, wenn an den Ernst gedacht wird, den die Sorge um verlorene Seelen fordert, den aber kein Arbeiter kennt, der mehr das Brod als das Amt meint. Wenig, wenn auf das Feld gesehen wird, über welches das Reich Gottes verbreitet werden soll. Die Gesellschaften lassen sich zählen, die das Missionswerk vereinigt. Die Schulen lassen sich zählen, wo Arbeiter zu diesem Werke gebildet werden. Die Stationen lassen sich zählen, zu welchen die Reifgewordenen ausgehen. Die Ausgehenden lassen sich zählen, die von Haus und Hof, Eltern und Geschwister, Freund und Vaterland scheiden, um in der weiten Welt das Licht gegen die Finsternis! zu vertreten. Aber die Völkerschaften, unter denen sie nöthig wären, sind nicht zu zählen. Vielweniger zu zählen sind die Einzelnen, die noch keine Regung kennen des Lebens, das aus Gott ist. Wenig daher, wenig! sind der Arbeiter. – Und Ihr wolltet die kleine Zahl nicht vergrößern? Und Ihr wolltet nicht gern ein Werk, das alle Menschen angehet, mit angreifen? Und Ihr wolltet nicht muthig in Reih und Glied treten zum Kampf für das Evangelium? Und Ihr wolltet nicht einräumen: wie es die höchste Ehrensache und die dringendste Nothsache und die ausgedehnteste Menschheitssache ist, so sei es die persönlichste Herzenssache und die heiligste Gewissenssache für jeden Christen, Mitarbeiter seines Herrn zu sein?

Von neuem sehet Ihr, Andächtige, denn es ist augenfällig, die Würde des Geschäfts, das Elend der Menschheit, die Größe der Ernte, der Mangel der Arbeiter: alles, alles, mahnt, treibt, dringt, verpflichtet zur Theilnahme am Missionswerk.

Wir haben durch das Bisherige aus der Textstelle gelernt: daß wir beim Missionswerk thätig sein sollen.

II.

Lasset uns nunmehr m das heilige Wort schauen, um zu erfahren: wie wir beim Missionswerk thätig sein können. Dies ist das zweite Hauptstück der Betrachtung.

Bestände Theilnahme am Missionswerk in nichts weiter, als in dem Wunsche: daß doch erst zu allen Völkern des Erdbodens das Christenthum möchte durchgedrungen sein; das wäre wenig, meine Zuhörer.

Oder sollte Thätigkeit für das Missionswerk nur fordern: daß man einem Missionsvereine zugehöre, daß man in dessen Verzeichnissen mit Namen stehe, daß man einzelne an die Mitgliedschaft geknüpfte Verrichtungen übernehme, daß man jährlich seinen Beitrag an Gelde zahle: das dürfte Euch mit Recht nicht viel mehr zu sein dünken.

Der allein weiß, was dazu gehört, – wie heißt Seine Forderung im Text? Bittet den Herrn der Ernte, daß Er Arbeiter in seine Ernte sende.

Meinte Jemand, das sei auch nur ein Geringes, der verstände den Herrn nicht. Kommet, und lasset uns den Herrn verstehen.

Das alte Sprüchwort: Bete und arbeite! ehret Ihr, Geliebte! Die es zuerst brauchten, kannten die große Doppelaufgabe des Lebens. Der Mensch ist ein Mensch, also mehr denn ein Thier. Als Gotteskind kann der Mensch ohne Gebet, das heißt, ohne bestimmte Richtung seines Wesens auf Gott, nichts thun, das seiner würdig wäre. Was er ohne diese Richtung thut, das ehrt ihn nicht, noch segnet es ihn. Was er wider sie thut, das schändet ihn und schadet ihm, selbst wenn er es seinen Beruf, sein Amt, sein Handwerk, sein Geschäft, seinen Wagen und Pflug nennen wollte. Missionsthätigkeit vollends ist gar nicht denkbar außer in der Richtung des Gemüthes auf das göttliche Reich, oder im Betgeist; ja sie ist nichts anders als eben das thatkräftige Auftreten und Verharren in dieser Richtung, oder das Beten ohne Unterlaß. Wer daher mit seinen Lebenseinrichtungen in diese Weise nicht eingehen will, der ist, wie zum Christen überhaupt, so zum Mitarbeiter am Missionswerk nicht geschickt.

Bittet den Herrn der Ernte, daß Er Arbeiter in seine Ernte sende. Nach dem Bisherigen liegt hierin viererlei.

1) Der nächste Sinn der heiligen Mahnung ist: Bittet den Herrn der Ernte, daß Er Arbeiter für seine Ernte ausrüste.

Soll das Missionswerk von statten gehen, so ist viel nöthig. Köpfe sind nöthig zum Ueberlegen, Hände sind nöthig zum Ineinandergreifen, Summen sind nöthig, um alles Bedürfniß zu bestreiten, Schiffe sind nöthig, um bis in die fernsten Erdtheile die Kirche Europas zu verpflanzen. Doch das Allernöthigste ist der Geist, der die Köpfe erleuchtet und die Hände regt und die Summen segnet und die Segel schwellt. O Geliebte, da ist viel zu bitten. – Nicht daran allein liegt, daß Gesellschaften für das Missionswerk zusammentreten; sondern viel mehr, daß diese Gesellschaften das Werk, dem es gilt, in seiner eigenthümlichen Bedeutung erkennen. Nicht daran allein liegt, daß Institute zur Bildung von Missionsschülern bestehen; sondern viel mehr, daß diese Institute ächt evangelisch wirken. Nicht daran allein liegt, daß Missionare ausgesandt werden unter Juden und Heiden; sondern viel mehr, daß diese Zeugen vom Herrn den Geist des Herrn haben. O Geliebte, wie viel ist da zu bitten! – Wohlan, unterlasset das Bitten nicht. Bittet für das Missionswerk um Theilnehmer; bittet aber auch, daß über alle, die ans Werk greifen, der Geist des Werks komme. Arbeiter für die Ernte Gottes auf Erden können nur die sein, in welchen Gott durch Christum eine Gestalt gewinnt; bittet den Herrn der Ernte, daß Er solche Arbeiter für seine Ernte ausrüste. Schaffen diese Ausrüstung kann Niemand, als eben der Herr der Ernte allein. Der die Winde zu seinen Dienern und die Flammen zu seinen Boten macht: Der auch und nur Der kann seine Diener machen zu Winden, welche die Luft der moralischen Welt reinigen, und seine Boten zu Flammen, an denen die Kalten erwärmen und die Todten aufleben. Bittet, o bittet den Herrn der Ernte, daß Er solche Diener und Boten ausrüste für die hirtenlose Welt.

2) Ein zweiter Sinn der heiligen Mahnung geht dahin: Bittet den Herrn der Ernte, daß Er Euch selbst Arbeiter für seine Ernte werden lasse.

An Aussendung zwar in ferne Weltgegenden ist bei Euch nicht zu denken, deren äußerliches Leben sich einmal zu einer gewissen Gestalt ausgeprägt hat. Ihr habet euch angesiedelt. Ihr seid an eure Familien geknüpft. Ihr stehet in einem Berufe, dem Euer Dasein gehört. Allein, wenn, auch nicht von Aussendung für das Missionswerk die Rede sein kann, so ist Einweihung zum Missionswerk desto gewisser möglich und, wiefern Ihr Christen seid, nöthig. Man braucht nicht vom Platz zu gehen und arbeitet dennoch als ein Missionar, als ein vom Herrn geweiheter Diener, an Ausbreitung Seines Reichs. Ist nehmlich das Gottesreich und daß du Theil daran habest deine Hauptsache, Mitchrist, dein Ziel in allen Sachen; setzest du mit dem Gottesreich deine Dinge und Geschicke, deine Pflichten und Verhältnisse in Verbindung; willst du nur für das Gottesreich Haus und Herz bestellen, Leib und Leben benutzen; also nur für das Gottesreich, wenn du Staatsmann bist, deinem König dienen, nur für das Gottesreich, wenn du Soldat bist, deine Waffen tragen, nur für das Gottesreich, wenn du Landwirth bist, dein Feld bauen, nur für das Gottesreich, wenn du Bürger bist, dein Geschäft sichern, Handel oder Handwerk, klein oder groß: siehe, so bist du eben darin, Missionar; du bist Arbeiter für die Ernte des Himmels; es ist deiner Werke keines so unscheinbar, so geringfügig, daß deine fromme Seele es nicht demüthig und zuversichtlich einzufügen wüßte in die höchste aller Beziehungen. – O Geliebte, da bittet denn, wenn Ihr solche Arbeiter für die Himmelsernte werden wollet. Da vergehe kein Tag, daß nicht Arm und Reich, Hoch und Niedrig, Alt und Jung, Mann und Weib, das Gebet wiederholte: Herr, Dein Werk ist so schön und der Noth ist so viel und die Ernte ist so groß und der Arbeiter sind so wenig: stelle mich, wo ich eben stehe, als einen treuen Helfer an.

3. Ein dritter Sinn der heiligen Mahnung entwickelt sich weiter also: Bittet den Herrn der Ernte, daß Er durch Euch auch Eure Lebensgefährten in die Arbeit Seiner Ernte rufe.

Es giebt viel Aemter und Stände unter den Menschen, Geliebte. Und gleichwie eine andere Klarheit die Sonne hat, eine andere der Mond, eine andere die Sterne: so geht ein Rang über den andern. Größeres jedoch kann kein Mensch sein und Geringeres soll kein Mensch sein, als wozu ihn eben sein Gott gemacht hat, ein Mensch. Eine höhere Ausbildung aber widerführt dem Menschen nicht, als wenn er Christ wird, das heißt ein von Gott Gesalbter, der sein höchstes Lebenswerk und Lebensglück darin findet, Mitarbeiter für die Zwecke, Mitgenosse an den Freuden seines Herrn zu sein. – Dies Höchste, könnte jemand es den Seinigen vorenthalten? Wenn Ihr recht stark bezeichnen wollet, wie lieb Ihr sie habt, sprechet Ihr: Ihr möget ihnen den Himmel zuneigen. Sehet, hier ist der Himmel. Neiget ihn den Eurigen zu. Neiget Ihn Euren Bürgern zu, Obrigkeiten. Neiget ihn Euren Schülern zu, Lehrer. Neiget ihn Euern Kindern zu, Eltern. Soll ich‘s gerade heraus sagen? Jede Stadt muß ein Missionsverein, jede Schule muß ein Missionsinstitut, jedes Haus muß ein Missionsfeld werden. Geschieht dies nicht, so hilft alles Verordnen, Unterweisen, Ermahnen wenig, und immer muß die Mühe von vorn anheben. Daß denn geschehe, was die Hauptsache ist, die Erziehung also den rechten Fleck treffe: darum bittet den Herrn der Ernte. Es ist Bittens werth. Geschieht es, so habet Ihr Köstliches erbeten. Wohin sie kommen werden in der Welt, die Eurigen, Eure Bürger, Eure Schüler, Eure Kinder – das Gottesreich wird mit ihnen kommen, denn es wird in ihnen leben. Als Christen, als Reichsfreunde, als Mitarbeiter an der Erndte des Himmels werden sie sich in jeglichem Thun erweisen und Euer wird der Ruhm sein.

4. Der vierte und letzte Sinn der heiligen Mahnung nimmt die allerweiteste Ausdehnung: Bittet den Herrn der Ernte, daß Er die gesammte Zeitgenossenschaft erwecken wolle, durch Mitarbeit in Seiner Ernte ihre Schuld gegen Vorzeit abzutragen.

Das Missionswerk ist so alt als die Welt. Von jeher sandte Gott Boten an die Menschen, um sich unter ihnen zu bezeugen. Der Brennpunkt des ganzen durch die Jahrtausende gehenden Missionswerkes heißt: Christus. Nichts anders als Missionare Christi waren die Apostel. Und wären sie diesen nicht nachgezogen auf dem Erntefelde, die Bonifacius und Anscharius: so säßen wir noch heute in Todesschatten. – Christen, unsere Zeit ist denen, in deren Ernte wir getreten sind, viel schuldig geworden. Welche Mühe ist an uns gewandt! Welche Schmerzen sind um uns gelitten! Welche Opfer sind für uns gebracht? Welche Heldenherzen sind gebrochen, damit wir Frieden hätten und heil würden durch den Gekreuzigten, und sind freudig gebrochen! So fragt sich: darf unsre Zeit, dem Missionswerke gegenüber, die Hände in den Schooß legen? – Geliebte, Alles liegt daran, daß die Wahrheit sich ausbreite und mit der Wahrheit die Gerechtigkeit festen Fuß fasse auf Erden; nicht weniger liegt daran als Alles! So fragt sich: darf die Christenheit gleichgültig bleiben gegen die Ausbreitung des Reichs der Wahrheit und Gerechtigkeit? Muß sie nicht für das Missionswerk Liebe, Eifer, Thätigkeit, Gaben verdoppeln, ja verzehnfachen? – Zeitgenossen, wenn die Geschichte sonst nichts lehrte, so lehrt sie wenigstens das, daß der Ausgangspunkt aller segenreichen Entwicklungen des Menschengeschlechts in Christo gefunden ist. Lehrt sie das aber unwidersprechlich: so fragt sich: darf das Missionswerk Privatsache der Einzelnen bleiben? Muß es nicht Sache der Gemeinden werden, aller Gemeinden? Scheint nicht unser frommer König eben dazu die Kirchen für die Missionsfeste geöffnet zu haben? O saget es, Versammelte, saget es öffentlich, daß die Sache so stehe. Rufet es in die Welt, daß es die Welt höre. Laut erkläret es; die Noth schreit auch laut. Und wollen verschlossene Herzen dennoch nicht aufgehn, so bittet Den, der auch zu solchen den Schlüssel hat, daß Er komme und sich erbarme. Wie viel werdet Ihr zu bitten, wie dringend werdet Ihr anzurufen, wie werdet Ihr das Flehen um Arbeiter für die Ernte des Himmels lebenslang und bis in den letzten Hauch fortzusetzen haben!

Hier schließt die Betrachtung.

Sie schließt mit Dank gegen Den, dessen Heilswort uns belehrt hat. Der Dank aber besteht darin, daß wir alle, so viel unser sind, geloben: mit zu arbeiten in der Ernte Gottes. Und das Gelübde erweise seine Gotteskraft und Gottgefälligkeit darin, daß uns die Ausführung, ohne zu wanken, durchs Leben begleitet.

Ohne zu wanken, sage ich. Höret, was ich meine. Es gibt manches, was die Theilnahme am Missionswerk wankend machen will. Lasset von keiner Seite diese Wirkung zu.

Nicht der Zweifel störe Euch: was doch zu Zwecken, welche die Welt umfassen, Euer kleines Bemühen dienen möge? – Wisset, der mit fünf Gerstenbroden und zween Fische Tausende satt machte, versteht auch noch heute ein Wittwenscherflein zu großen Dingen zu benutzen und mit einem Stück Sauerteig ganze Scheffel Mehl zu durchsäuern.

Nicht die Einwendung irre Euch: man dürfe die Nähe nicht leiden lassen über die Ferne, noch den Kindern das Brod nehmen um es den Hunden vorzuwerfen. – Wisset, wer Gott und Menschen lieb hat, dem ist nichts fern noch fremde, und sowohl in dem, was er zu Gottes Ehre weggibt, als in dem, was er zum Besten der Seinen spart, segnet er sein Haus.

Nicht der Wahn lähme Euch: das Arbeiten am Reich sei vergebens; das Reich komme nur und werde doch nirgend sichtbar. Wisset, was fürs Reich Gottes geschieht, kann nicht vergebens sein. Auch ists nicht vergebens gewesen. Schon in vielen Ländern sind die Götzenaltäre umgestürzt und die Wahrheit siegt, wohin sie den Fuß setzt. Ihr sehet die Morgenröthe mit Augen; könntet Ihr fürchten der Tag werde ausbleiben?

Nicht endlich das Vorgeben beunruhige Euch: jede Missionsgesellschaft breite nur ihr besonderes Christenthum aus, folglich keine das rechte. – Wisset, das rechte Christenthum, ob Ihrs in der morgenländischen oder in der abendländischen Kirche, ob Ihrs bei Katholiken oder Protestanten, ob Ihrs unter den Methodisten oder in der Brüdergemeine findet, – das rechte Christenthum ist das biblische. Und auf dem Grunde der Bibel stehen am Ende doch alle Partheien und alle Missionare, müssen sie stehen, wenn sie überhaupt Christen sein wollen. Hieran lasset uns genug haben! Bei der Verschiedenheit der Menschen ist mehr nicht möglich. Gott aber lasset uns zutrauen, Er werde auch das Saamenkorn, dem sich fremdartige Theile angesetzt, von ihrer Beimischung abzulösen wissen, und eine Frucht daraus bereiten, die da bleibt ins ewige Leben.

Mit dieser Hoffnung übergeben wir Dir Dein Erntefeld, Herr der Ernte, auch den Missionsverein und das Missionswerk unserer Stadt. Laß die Saat fallen und die Sonne scheinen und den Regen fließen und die Zeiten wechseln nach Deiner Weisheit und Gnade. Uns aber, die Pflanzen, die Du gepflanzt hast, laß wohlgerathen, damit wir einst würdig erscheinen, verpflanzt zu werden in den Garten des Himmels. Amen.

August 31, 2019

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