Ebrard, Johann Heinrich August – Philadelphia, die Bruderliebe der Wiedergeborenen

Der Verfasser wurde, von einer Reise zur evangelischen Allianz in London und dem Kirchentage in Elberfeld zurückgekehrt, aufgefordert, in einer Predigt etwas von den segensreichen Eindrücken, die er erfahren, der Gemeinde in der Heimath mitzutheilen. Da diese Predigt zugleich ein allgemeines Zeugniß von der Einheit der evangelischen Kirche, und einen Bericht über den evangelischen Bund (evangelical alliance) enthält, so erscheint sie hier (unverändert, nur mit erläuternden Anmerkungen begleitet) in der Form einer Broschüre.

Unter den sieben Sternen in der Hand des Menschensohnes, welche dem Seher der Offenbarung erscheinen und sieben Gemeinden bedeuten, strahlt als einer der hellsten die Gemeinde von Philadelphia (Offenbarung 3, 7-13.). Es werden nur wenige Merkmale von ihr angegeben: sie hat eine kleine äußere Kraft, und hat viel Anfechtung zu erdulden von denen, die da sagen sie seien Juden und sind es nicht, und ihr den Namen Israels, des Volkes Gottes, absprechen. Aber Gott steht auf ihrer Seite; Er, der da aufthut und Niemand schließet zu, er giebt ihr eine offene Thür; er will machen, daß ihre Gegner kommen sollen und anbeten zu ihren Füßen und erkennen, daß er sie geliebet habe; ja er will sie bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den Erdkreis kommen soll. Und welches sind die Vorzüge, um deren willen der Gemeinde von Philadelphia solch hohe Verheißungen gegeben werden? Auch darüber wird nicht viel gesagt; von Seiten Gottes wird anerkannt, daß sie sein Wort bewahrt und seinen Namen nicht verleugnet habe, wie ihr die Menschen Schuld geben; die Hauptsache ist aber der Name „Philadelphia,“ d. i. Bruderliebe. Natürlich darf hierbei nicht an die irdische Bruderliebe derer gedacht werden, welche durch leibliche Abstammung und Verwandtschaft oder durch irdische Interessen an einander gebunden sind, sondern nur an eine geistliche; und hier wiederum nicht an eine menschlich gemachte Bruderliebe solcher, welche durch Gleichheit der Ansichten, der Ueberzeugungen, der Lehre und des Bekenntnisses sich unter einander verbunden und gegen die Andern abgeschlossen wissen; sondern nur an jene himmlische Bruderliebe, durch welche Alle diejenigen mit einander eins sind, welche sich als Brüder wissen, weil sie von oben geboren sind aus unvergänglichem Samen, weil Christus in ihnen geboren ist und sie in ihm neu-geboren und seine Glieder geworden sind in der Wiedergeburt. Von dieser Bruderliebe auf Grund der Gotteskindschaft in Christo laßt mich zu euch reden. Ich bin dazu veranlaßt, gerade diesen Gegenstand zu wählen, weil ich so eben von einer großartigen Versammlung (Der evangelische Bund, 1846 in London gestiftet, ist eine freie Vereinigung evangelischer Christen in Großbritannien, Frankreich, der Schweiz, Italien, Holland, Belgien und Amerika, welche auf Grund der allen evangelischen Confessionen gemeinsamen Grundlehren des Evangeliums, 1) einander, sowie alle diejenigen, welche im Glauben an das Evangelium stehen, als Brüder in Christo anerkennen, völlig unbeschadet der besonderen Lehren und Einrichtungen, welche jede Confession für sich hat; 2) Vereine bilden, welche es sich zur Aufgabe machen, allenthalben lautes und kräftiges Zeugniß davon abzulegen, daß es ein solches ewigklares, einheitliches, seligmachendes Evangelium giebt, welches über den die einzelnen Confessionen trennenden Unterschieden steht; 3) gemeinsam und mit vereinter Kraft den Kampf der evangelischen Kirche führen wollen gegen den Unglauben wie gegen den Aberglauben.) zurückgekehrt bin, welche keinen andren Zweck hat, als eben jene Bruderliebe zu predigen und zu bethätigen, einer Versammlung, in welcher erweckte Christen aus allen Ländern, nicht Europa’s allein, sondern bis von Amerika und den Enden Afrikas, ja von dem fernen China her, und von den verschiedensten, ja wohl allen evangelischen Bekenntnissen, auf Grund ihres gemeinsamen Glaubens an das ewigklare, seligmachende Evangelium sich die Hände gereicht und mit einander die Hände im Gebete erhoben und Abendmahl mit einander gehalten haben. Weil ich und viele Andere mit mir, dort und auch anderwärts, die herrlichen Früchte jener Bruderliebe gekostet, und weil mir das Herz davon voll ist, so habe ich die Bitte, auch euch etwas von dem Segen dieser Reise mitzubringen, nicht abschlagen wollen, und so will ich denn

von dem himmlischen Philadelphia, der Bruderliebe aller Wiedergebornen

zu euch reden.

Wann und wie die prophetische Gemeinde von Philadelphia im Verlaufe der Geschichte gleichsam wiederholt in sichtbare Erscheinung getreten sei oder noch treten werde, das geht uns für jetzt nichts an; wir wollen nicht untersuchen, ob die letzte Erfüllung jenes Gesichtes der Offenbarung bereits in der Vergangenheit liege oder noch zu erwarten stehe; gewiß ist, daß in dem formlosen Bruderbunde der wahrhaft Wiedergeborenen aus den verschiedenen Confessionen, dem zuerst der Graf Zinzendorf in der Brüdergemeinde eine Gestalt zu geben suchte, welcher aber bald über die Grenzen derselben hinausgriff und in den Bibel- und Missionsgesellschaften sich eine Erscheinung gab, und als dessen nicht unbedeutendste Bluthe auch jene evangelische Allianz dasteht, von welcher ich herkomme – daß, sage ich, in diesem Bruderbunde eine, wenn auch nur vorläufige Erfüllung jenes Gesichtes gefunden werden darf.

In diesem Sinne darf ich sagen: Ich habe Philadelphia geschaut in ihrer Lieblichkeit. Und was ich geschaut, davon will ich reden; doch nein, nicht ich will davon reden, sondern ich will die heilige Schrift selbst reden lassen von dem Wesen, dem Grund und den Aeußerungen jener Bruderliebe, und alsdann will ich einige Worte über die Wirkungen hinzufügen, welche der Anblick und die Erfahrung solcher Bruderliebe hervorruft. Eine der Hauptstellen aber, wo die heilige Schrift von Wesen, Grund und Aeußerungen jener Bruderliebe redet, und welche wir deshalb unserer weiteren Betrachtung zu Grunde legen wollen, findet sich

Kol, 3, 10-15.

Und ziehet den neuen Menschen an, der da verneuert wird zu der Erkenntniß, nach dem Ebenbilde deß, der ihn geschaffen hat.
Da nicht ist Grieche, Jude, Beschneidung, Vorhaut, Ungrieche, Scythe, Knecht, Freyer; sondern Alles und in Allen Christus.
So ziehet nun an, als die Auserwählten Gottes, Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demuth, Sanftmuth, Geduld.
Und vertrage einer den andern, und vergebet euch unter einander, so Jemand Klage hat wider den andern; gleichwie Christus euch vergeben hat, also auch ihr.
Ueber alles aber ziehet an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Gottes regiere in euern Herzen, zu welchem ihr auch berufen seid in Einem Leibe, und seid dankbar.

I.

„Ziehet den neuen Menschen an, der verneuert wird zu der Erkenntniß nach dem Bilde deß, der ihn geschaffen hat; da nicht ist Grieche, Jude, Beschneidung, Vorhaut, Ungrieche, Scythe, Knecht, Freier, sondern Alles und in Allen Christus.“ Das Geschlecht der natürlichen Menschen, wie es von Adam, dem Sünder, herstammt, ist getheilt durch Gegensätze der Nationen (wie zwischen Juden und Scythen) und des Bildungsstandes (wie Griechen und Ungriechen) und der Lebensverhältnisse (wie Knechte und Freie) und der Religion (wie Vorhaut und Beschneidung). Durch die Wiedergeburt sind diese Gegensätze aufgehoben, und die Unterschiede in eine höhere Harmonie verklart. Da ist nicht Grieche, Jude, Beschneidung, Vorhaut, Ungrieche, Scythe, Knecht, Freier, sondern Alles und in Allen Christus. Jedoch nicht völlig ist diese Harmonie hergestellt. Lesen wir doch im Neuen Testamente selber, wie die Juden, welche in Jesu den Messias erkannt hatten, zu den zum Christenthum bekehrten Heiden, und zwar gar nicht bloß, was Sitte und Gewohnheit betraf, sondern auch in der Auffassung wesentlicher Punkte des Heiles selbst in einem Gegensatze standen. Aber freilich nur soweit ist jene höhere Harmonie noch nicht hergestellt, als auch innerhalb der Christenheit selbst noch alter Mensch und Schwäche des Fleisches vorhanden ist; der neue Mensch „wird verneuert zu der Erkenntniß nach dem Bilde deß, der ihn geschaffen hat.“ Während der alte Mensch sich müht, mit seinem Kopf, seinem Verstände in die Geheimnisse des Christenthums einzudringen, und stolz ist auf die Sätze die er gefunden hat, so wird dagegen der neue Mensch von innen heraus erneuert zur Erkenntniß, und bleibt dabei demüthig.

Was der Apostel den Kolossern schreibt, gilt auch heute noch. Noch heute bestehen innerhalb der Christenheit nicht bloß Unterschiede der Nationalität und der Bildung und des Standes, sondern auch noch feindliche Gegensätze der Nationen und Stände fort. Noch heute besteht ferner die Christenheit nicht als Eine ungetheilte christliche Kirche, sondern in der Form verschiedener Bekenntnisse oder Confessionen. Es ist daran nicht bloß die Schwachheit der Menschen Schuld. Es ist daran, ich möchte sagen: das Christenthum selbst Schuld. Ein alter Kirchenlehrer hat gesagt, das Wort Gottes sei ein Meer, tief genug, daß Elephanten darin schwimmen können, und doch zugleich so seicht, daß ein Kind darin Grund finde. Und das ist wahr. Im Worte Gottes tritt uns auf den ersten Blick das Evangelium von der Erlösung der bußfertigen Sünder durch den Glauben entgegen; dies Evangelium ist ewigklar, es ist jedem Kinde verständlich, d. h, jedem, der mit einfältig kindlichem Auge, mit Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, mit der Frage „Was muß ich thun, daß ich selig werde?“ an die heilige Schrift herantritt. Aber von diesem seligmachenden Kinderevangelium aus öffnen sich nun Aussichten in große Geheimnisse und die tiefsten Tiefen des göttlichen Rathschlusses, und obwohl die gelehrtesten und erleuchtetsten Männer aller Zeiten sich gemühet haben, in diese Tiefen einzudringen, und im Kampfe gegen Irrlehrer die Wahrheit in Lehrsätzen oder sogenannten Dogmen festzustellen, so ist doch jenes Meer bis heute noch nicht ausgeschöpft, und wir haben Ursache, mit dem Apostel Paulus zu bekennen: „Unser Wissen ist Stückwerk“ und „wir schauen hier in einem Spiegel, in einem dunklen Wort, einem Räthsel.“ Daß wir nun aber in der Auffassung jener Heilsgeheimnisse noch auseinandergehen in verschiedene Bekenntnisse, daß nach reiflicher und gewissenhafter Prüfung der eine dies, der andre das Gegentheil mit großer Sicherheit in der heiligen Schrift gefunden zu haben glaubt: daran ist allerdings unsre Schwachheit Schuld, Wenn wir uns aber nicht bloß nach unserem Verständniß und Bekenntniß unterscheiden, sondern uns feindlich scheiden und fleischlich streiten – wenn wir in Hochmuth des Herzens die Lehrsätze, die wir glauben, für ebenso fest und unumstößlich halten, als den Fels, an den wir glauben – wenn wir vergessen, daß wir jene Lehrsätze weder mit zur Welt gebracht noch durch übernatürliche Offenbarung erhalten haben, sondern theils durch unsere menschliche Erziehung, theils durch unsere eigene Prüfung und Forschung auf dieselben geführt und bei ihnen gehalten worden sind, und daß wir also nicht ohne Selbstvergötterung das Ergebniß unserer eigenen Prüfung für ein untrügliches halten dürfen – wenn wir sprechen: „Was wir setzen, das gilt gemein; wer ist, der uns sollt‘ meistern?“ – so ist das nicht bloß Schwachheit, sondern Sünde; es ist jene Sünde, welche im 3. Brief Joh. gestraft wird V. 9-10.: „Ich habe der Gemeinde geschrieben; aber Diotrephes, der unter ihnen will hoch gehalten sein, nimmt uns nicht an; darum, wenn ich komme, will ich ihn erinnern seiner Werke, die er thut, und plaudert mit bösen Worten wider uns, und läßt ihm an dem nicht begnügen. Er selbst nimmt die Brüder nicht an, und wehret denen, die es thun wollen, und stößt sie aus der Gemeinde;“ – es ist eine Sünde gegen die christliche Bruderliebe; denn das Wesen der Bruderliebe besteht darin, daß, wie bedeutsam auch die Unterschiede in Nation, Bildung und Lebensverhältnissen für dieses Leben sein mögen, wir doch erkennen, daß uns mit allen wahrhaft Wiedergeborenen eine höhere Einheit zu Brüdern verbindet, die ewig ist; und ferner: daß, wie wichtig und bedeutsam die Unterschiede in Bekenntniß und Lehre, Gottesdienst und Verfassung auch sein mögen für die Entwicklung der Kirche auf Erden, sie doch nicht ewig sind und die Seligkeit nicht berühren. Hoch über den verschiedenen Dogmen, in welchen wir noch auseinandergehen, steht das Eine, ewigklare Evangelium, in welchem alle Wiedergeborenen eins sind; jene Unterschiede werden nicht immerdar bleiben, sondern aufhören, wann der Herr selber kommen wird mit der letzten Blut- und Feuertaufe, und das Werk der Union in Seine Hand nehmen wird; das Evangelium aber, darin wir eins sind, und der Herr, in dem wir eins sind, wird bleiben in Ewigkeit, und es ist daher eine Unwahrheit, dies Ewige, das uns einigt, zu ignoriren oder in den Hintergrund zu schieben gegen das Zeitliche, das uns trennt.

Dies führt mich von selbst auf den Grund der christlichen Bruderliebe, auf die Wurzel, aus welcher sie hervorwächst. „Ziehet den neuen Menschen an, der erneuert ist nach dem Bilde deß, der ihn geschaffen hat,“ der aus Gott geboren ist. „Wer da glaubet“ (schreibt Johannes im ersten Brief, Kap. 5, 1.) „wer da glaubet, daß Jesus ist der Christ, der ist aus Gott geboren; und wer da liebet den (Vater), der ihn geboren hat, der liebet auch den (Bruder), der von ihm geboren ist.“ Die christliche Bruderliebe ist nicht ein Werk des Beliebens; sie ist ein Werk der Pflicht; doch was sage ich: der Pflicht? nein jener inneren Nothwendigkeit, welche nicht anders handelt, weil sie nicht anders kann. Laßt mich die Art, wie diese Liebe entsteht, euch schildern mit den Worten, die ich aus dem Munde eines gesegneten Dieners Christi (Prediger Winslow) in England gehört. „Wenn ich“ (so sprach er) „irgend welchen in dieser Versammlung fragen würde: Wer ist dein bester Freund? so weiß ich, es würde mir ein jeder antworten: Da ist ein großer Freund im Himmel, der mich aus einem grenzenlosen Elend gerettet hat. Jeder würde erzählen, wie er durch diesen Freund Frieden gefunden mit Gott, wie sein Blut ihn erlöst habe von der Verzweiflung, wie sein Geist ihn erneuert habe zu einem neuen Menschen. Und wenn wir einst von dem Gestade dieses Lebens Abschied nehmen müssen und ankommen auf dem jenseitigen Gestade, so wird Er der erste sein, der uns entgegenkommt, Er, der uns geliebet hat vor Grundlegung der Welt. Und wenn wir jetzt schon eben so friedevoll vor Gottes heiligem Richterthrone dastehen, als wir friedevoll einer vor dem anderen stehen, wem anders danken wir es, als jenem Freunde, der uns den Rock seiner Gerechtigkeit geschenkt hat, uns, die wir unsere Kleider gewaschen und unsere Kleider helle gemacht haben im Blute des Lammes? Wir haben Aussicht auf ewige Vereinigung mit diesem besten Freunde. Unsere Wohnorte liegen wohl 1000 Meilen von einander; wir reden verschiedene Sprachen; aber in allen diesen verschiedenen Sprachen reden wir doch alle die Eine Sprache: Der Herr ist mein bester Freund, und ich habe ihn lieb. Und auf diese Sprache giebt er selbst die Antwort; hast du Ihn lieb, so hat Er dich lieb; ist er dein Freund, so bist du sein Freund. Wenn ich nun hier um mich blicke, so muß ich bei Jedem, den ich ansehe, denken: Das ist auch Einer, den der Herr Jesus als seinen Freund betrachtet, den er auf dem Herzen trägt, den er in seine Hand gezeichnet hat. Und wenn ich mir nun sagen muß, Jesus ist der Freund dieses Menschen: sollte ich da nicht fühlen, daß dieser Mensch eine Anwartschaft auch auf meine Liebe hat?“ – „Der Grund unseres Bundes“ (so sprach ein anderer Zeuge der Wahrheit) ist gelegt; unsre Gemeinschaft mit Christo ist der Grund der Gemeinschaft, die wir miteinander haben. Unsre Gemeinschaft mit Christo; denn obgleich er erhöhet ist zur Rechten der Majestät, so habe ich armer Mensch doch keine Sorge, die er nicht mitempfindet, keine Schwachheit, die er nicht trägt, keine Bürde, die er mir nicht abnimmt. Es herrscht unter uns große Verschiedenheit der Gaben, der Sprachen, der Ansichten, Ueberzeugungen und Bekenntnisse; aber alle diese Verschiedenheiten reichen nicht von weitem an die ewige Einheit, in der wir mit dem Haupte stehen.„

Soll ich nun auch noch von den Aeußerungen der christlichen Bruderliebe reden? Soll ich reden mit den Worten unseres Textes (V. 12-13.) von dem „herzlichen Erbarmen, der Freundlichkeit, Demuth, Sanftmuth, Geduld,“ von der Art wie „einer den andern verträgt, und einer dem andern vergiebt, so einer Klage hat wider den Andern?“ – Aber das alles ist ja zusammengefaßt in dem einen Worte der Liebe, der „Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit,“ (V. 14.) Laßt die Liebe sich beschreiben? Nein, sie läßt sich nur fühlen und erfahren. Und ich habe sie erfahren, und viele hundert Andre mit mir. Ich bin Zeuge gewesen, wie Männer, die zuvor sich nie gesehen, einander in’s Auge schauten und das Siegel des Gesalbten an ihren Stirnen erkannten und nun mit einander waren wie alte Freunde, wie Gespielen der Jugend; ich bin Zeuge gewesen, wie Menschen, die eine Stunde zuvor noch nicht einmal ihre Namen gegenseitig gehört hatten, einander eine Herzlichkeit und Gastfreundschaft, ja eine aufopfernde Liebe bewiesen, die selbst den unbetheiligten Zuschauer hätte rühren müssen; ich bin Zeuge gewesen, wie Männer, die in verschiedenen Sprachen redeten und kein Wort zu einander sagen konnten, nicht abließen, einander die Hände zu drücken und einander in das Auge und durch das Auge in’s tiefste Herz zu schauen. Zeuge war ich jener Liebe, die nicht möglich ist ohne die kindliche Schlichtheit und Lauterkeit des Herzens, die nicht das Ihre sucht; ohne jene Lauterkeit vor Gott, da das Herz offen daliegt vor Gott, nicht getheilt zwischen der Liebe zum Herrn und der Liebe zur Eitelkeit dieser Welt. O es ist süß und selig, solche Liebe zu erfahren; gebe Gott mir und uns allen, daß wir sie auch üben!

II.

Ich habe von den Aeußerungen jener Bruderliebe auf Grund der Gotteskindschaft in Christo geredet; sollte ich nicht auch von den Wirkungen reden, welche die Erfahrung und der Anblick solcher Bruderliebe mit sich bringt? Der Anblick solcher philadelphischen Bruderliebe gewährt uns aber vor allem Trost in trüber Zeit. Und unsere jetzige Zeit ist eine trübe Zeit. Schon vor Alters hat sich ein Hauptfeind des Reiches Christi, der Aberglaube, innerhalb der christlichen Kirche selbst zu einer Macht gestaltet, zu einer Jesabelsherrschaft, welche die Zeugen der Wahrheit marterte und tödtete. In der neueren Zeit ist ein anderer Feind aufgetreten, der Unglaube, die freche Empörung gegen alle göttliche und menschliche Autorität. Es ist aber der Macht des Unglaubens nicht gelungen, wie sie vorgab und vorhatte, der Macht des Aberglaubens ein Ende zu machen; im Gegentheil, so oft die Völker müde gejagt sind durch die convulsivischen Zuckungen des Unglaubens und der Empörung, weiß der Aberglaube diese Augenblicke der Ermattung für seine Zwecke zu benützen; und gerade in dem jetzigen Zeitpunkte breitet er auf diesem Wege seine finsteren Schwingen weiter und mächtiger aus, denn je. So arbeiten beide, fürerst noch ohne es zu wissen und zu wollen, einander in die Hände; sie sind einander aber auf das innerste verwandt in ihrem gemeinsamen Hasse gegen die Bibel; und wer weiß wie bald der Augenblick kommt, da sie ihrer Verwandtschaft sich bewußt werden und mit vereinten Kräften über die Bekenner des Evangeliums herstürzen! In solcher gefahrvollen Zeit sollte man nun doch erwarten, daß alle wahren Christen sich vereinigen würden zum Kampfe gegen die gemeinsamen Feinde. Aber ach, dem ist nicht so. Die Einheit in jenem ewigklaren Evangelium wird verkannt und in den Hintergrund gestellt, das Trennende wird hervorgehoben und zur Hauptsache gemacht; nicht einmal zum Werke des Kampfes gegen die Finsterniß und der rettenden Liebe will man sich verbünden; jeder Vereinigungsversuch scheint nur zu neuer, größerer Zersplitterung zu führen, und manchmal will es scheinen, als wäre die evangelische Kirche in einem unaufhaltsamen Processe der Pulverisirung begriffen. Mit so trüben Gedanken ging ich hin – da ward mir der Anblick der Gemeinde von Philadelphia; da sah ich, wie dort, wo die Zersplitterung am schlimmsten schien, ein neues Morgenroth der Einigung aufgegangen ist, und von dort aus über viele Länder Europas schon seinen Glanz ergossen hat; da sah ich, wie aus den gespaltenen Trümmern gespaltener Gemeinden ein Philadelphia sich, wie ein Phönix aus der Asche erhebt, ein Vorbote einer besseren Zeit; da vernahm ich, wie seit der Stiftung der Allianz Friedensgesänge ertönen in Gegenden, die zuvor nichts gehört hatten als Getümmel des Streites. Und soll ich den ganzen Eindruck, den ich davon trug, in Ein Wort zusammenfassen? ich sah’s mit Augen: die evangelische Kirche ist noch eine Macht in der Welt und eine einheitliche Macht.

Wie der Anblick von Philadelphia Trost gewährt in schwerer Zeit, so gewährt er auch Stärkung des Glaubens an die Wahrheit des Christenthums selber. Zwar die Wahrheit des Christenthums läßt sich dem Verstände nicht beweisen; wir bedürfen auch keiner solchen äußerlichen Beweise; der einzige Beweis, der hier möglich ist, ist das Zeugniß des heiligen Geistes, ist die Erfahrung, daß das Christenthum neue Menschen aus uns gemacht hat. Aber auch wenn wir diese Erfahrung gemacht haben, haben wir doch noch manichfache Anfechtungen zu bestehen, wo uns Stärkung noth thut. Nicht die kleinste unter diesen Anfechtungen ist es, wenn wir die Geschichte der christlichen Kirche betrachten, und hierbei finden, daß in der Christenheit ein Maaß und ein Grad von Sünde und Bosheit entbunden wurde, wovon selbst das Heidenthum keine Ahnung hatte. Menschliche Rohheit finden wir im Heidenthum, aber eine solche satanische Bosheit, wie bei der Verfolgung des Evangeliums innerhalb der Kirche, hat das Heidenthum nirgend, selbst in den Zeiten seiner Christenverfolgungen nicht aufzuweisen. Finstere Unwissenheit finden wir wohl; aber eine solche giftige Vermischung von Wahrheit und Lüge, wie sie innerhalb der Kirche vorkommt, hat das Heidenthum nicht aufzuweisen; und manchmal möchte es scheinen, als wäre die Welt im ganzen durch das Christenthum nicht besser, sondern schlechter geworden, und man fühlt sich zu der Frage veranlaßt: Ist denn das Christenthum Wahrheit? – Du, der du also fragest und also zweifelst, bitte Gott, daß er dein Auge aufthue und dich Philadelphia schauen lasse! Siehe, auf dem Acker, auf welchen der Feind Unkraut gesät hat, und mitten unter dem Unkraut sproßt eine Saat edlen Waizens; mitten in der sichtbaren Kirche, die verderbt ist, blüht eine unsichtbare Gemeinde – ihr Leben ist verborgen in Gott; aber an ihr erreicht Gott den Zweck, für welchen die Kirche das Mittel ist. Jetzt sind Wahrheit und Lüge noch bunt durch einander gemischt; aber es kommt, es kommt eine Zeit der Scheidung, und schon hat der Herr die Wurfschaufel in der Hand, der Herr, der seine Engel senden wird, den einen, daß er die zur Seligkeit reifen Garben sammle in die himmlischen Scheunen, den anderen, daß er die zum Gerichte reifen Trauben trete in die Kelter des göttlichen Zornes.

Wie uns der Anblick und die Erfahrung christlicher Bruderliebe und Brudergemeinschaft stärkt in dem Glauben an die Wahrheit des Christenthums, so werden wir dadurch auch beruhigt über unsren eigenen Gnadenstand. Wir wissen, daß uns unsere Sünden vergeben sind, wenn wir Glauben, ich meine lebendigen Glauben haben an das Sühnopfer Christi. Aber haben wir diesen Glauben? Muß sich nicht der Wiedergeborene, wenn er ernstlich mit seinem Gewissen zu Rathe geht und sich selbst prüft, und all der Sünden gedenkt, die er noch hegt und duldet in seinem Herzen – muß er sich da nicht fragen: Bin ich nicht ein Acker, der Dornen trägt? Ist nicht all mein Christenthum unfruchtbares eitles Lippenwerk? Die höchste Beruhigung in solcher schweren Anfechtung liegt nun freilich in der unergründlichen Barmherzigkeit des Vaters, welcher das angefangene Werk vollenden, und des Sohnes und treuen Hirten, welcher seine Schafe sich nicht will aus seiner Hand reißen lassen. Aber eine große Beruhigung liegt auch in der lebendigen Erfahrung christlicher Bruderliebe und Brudergemeinschaft. Wir haben gezweifelt, ob wir mit dem innersten Herzen Christo angehören, ob wir nicht am Ende doch noch mit Banden festerer Liebe an die Sünde gekettet seien, als an ihn; ob wir im Himmel daheim seien; und in der That, ein jeder von uns, wenn ihm gesagt würde: Jetzt in dem Augenblicke sollst du von Hab‘ und Gut, von Weib und Kind scheiden und zu deinem Heiland gehen, würde ohne Zweifel sich nicht freuen, sondern zittern und zagen! Wenn wir nun aber die Erfahrung machen, daß es uns bei Denen recht innig wohl ist, welche Christum lieb haben, und daß wir ihre Gemeinschaft um keinen Preiß vertauschen würden mit der Gemeinschaft Solcher, mit denen wir kein Wort von unserm Herrn reden können; erfahren wir da nicht zugleich auch, daß unser innerster Herzensgrund doch noch an Christo hängt? Wenn wir in der Glaubens- und Liebesgemeinschaft wahrer geläuterter Christen, in deren Gesellschaft die Sündenlust durch nichts genährt wird, wo vielmehr die Stimme des Bösen in uns schweigt und die Last der Sünde Stunden oder Tage lang wie von uns hinweggenommen scheint – wenn wir in solcher Gemeinschaft uns gar nicht etwa peinlich, sondern im höchsten Grade selig fühlen: ersehen wir nicht daraus, daß die Liebe zur Erlösung in uns doch stärker ist, als die Liebe zur Sünde? Wenn wir uns daheim fühlen bei den Gliedern, werden wir uns nicht auch daheim fühlen bei dem Haupte? Und wenn Johannes schreibt: „Daran erkennen wir, daß wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben,“ so dürfen wir diesen Satz getrost such umkehren und sprechen: Daran erkennen wir, daß wir Gott lieben, wenn wir die Kinder Gottes lieben.

Solche Erfahrungen dürfen uns aber nicht stolz machen, sondern sie sollen und sie werden uns in der Demuth fördern, welche ja auch in unsrem Texte unter den Merkmalen des neuen Menschen genannt wird. – Müssen wir denn nicht erzittern bei dem Gedanken: der ewige Sohn Gottes, durch welchen der Vater Himmel und Erde gemacht hat, und welcher nach vollbrachtem Werke der Erlösung erhöhet ist zum Haupt über alles, daß in seinem Namen sich alle Kniee im Himmel und auf Erden und unter der Erden beugen sollen, der will in dir leben, ja der lebt in dir, der speist dich als das rechte Brod vom Himmel; er in dir und du in ihm. Aber nicht bloß die Liebe des Herrn und Hauptes, auch die der Brüder ist geeignet uns erzittern zu machen. Sie nehmen uns auf in ihren Kreis, sie behandeln uns mit Achtung, wir stimmen ein in ihre Lobgesänge – ach und eine innere Stimme sagt uns, daß in unserm Innern ein dunkles Etwas wohnt, das nicht mit diesem Wesen übereinstimmt; eine Nachtseite, die wir nur unwillkührlich verbergen, während wir die gute Seite herauskehren; und daß wir in der Regel, vielleicht ohne es gerade zu wollen, besser erscheinen als wir sind. „O wenn mancher hinabblicken könnte in dieses Herz, und die Kämpfe sehen, die da gerungen, die Siege, die da verloren werden, was würde er von mir denken?“ Sollte uns diese Erfahrung nicht aufs tiefste beschämen und demüthig machen? Einer ist, der blickt wirklich hinein in dies Herz, und vor Ihm können wir nichts verbergen!

Und noch in andrer Hinsicht ist die Erfahrung christlicher Brudergemeinschaft geeignet – uns demüthig zu machen. So lange wir in einem Kreise christlicher Brüder uns befinden, Stunden, Tage, Wochen lang fühlen wir uns gehoben und getragen von der Springfluth christlicher Begeisterung. Aber diese Stimmung wird einer anderen Platz machen; auf die Fluth wird eine Ebbe, auf den Gnadenregen des Geistes eine Zeit der Dürre folgen. Und wenn uns nun schon der Gedanke an die Sünden beschämt, die wir begangen haben, o wie tief beschämen muß uns der Gedanke an diejenigen, welche wir in solchen Zeiten der Ebbe und Dürre noch begehen werden!

Der Apostel schließt unsern Text mit der Mahnung: „und seid dankbar“; und die letzte Wirkung der Erfahrung christlicher Bruderliebe, von der ich zu euch reden will, ist die Dankbarkeit. Dankbar ist man für Gaben und Geschenke, die man erhalten. Man redet und liest jetzt viel von jenem Riesenpalaste, in welchem alle Herrlichkeit dieser Welt vereinigt ist. Als ich den überwältigenden Eindruck dieses zauberartigen Gebäudes genoß, kam mir unwillkührlich der Gedanke: Und wenn nun Jemand zu mir träte und sagte: „Das alles soll dein sein:“ dieser unermeßliche Reichthum würde mich doch nicht glücklicher machen; er würde mich nicht glücklich machen können, wenn ich meinen Heiland nicht hätte. Der Herr hat aber mir und allen, die nur die Hände öffnen wollen, eine Herrlichkeit geschenkt, die unendlich höher ist als all jene Pracht dieser Welt: die Herzen aller, die Christum lieb haben! Jene Erdenherrlichkeit geht den Weg des Glases, in das sie gehüllt ist; und in hundert Jahren wird von all den schönen Dingen wenig mehr vorhanden und nichts mehr neu sein; die Herzen derer aber, die in Christo unsre Brüder sind, bleiben in Ewigkeit unser Eigenthum, wenn wir nur Christi Eigenthum bleiben. Sollten wir denn für ein so köstliches Geschenk nicht dankbar sein, indem wir es in Ehren halten? Wir halten es aber in Ehren, wenn wir uns hüten zu sündigen gegen den Geist der christlichen Bruderliebe durch Zwietracht, Eigensinn und Hochmuth; zu sündigen gegen diesen Geist durch Schmeicheln und gegenseitiges Lohen und Erheben, welches eine Lüge und ein Todtschlag ist; wir halten das Band der Bruderliebe in Ehren, wenn wir es fester knüpfen durch Gebet, Ihr unterbrecht mich vielleicht mit der Frage: „Wo sind denn aber die Brüder, mit denen wir in Liebe und Gebet eins sein sollen? Wo ist die Gemeinschaft, deren Anblick und Erfahrung so viel Segen wirken könnte? Wir haben ja Niemanden, wenn wir auch gerne wollten!“ O meine Geliebten, wie die christliche Bruderliebe durch Gebet bewahrt wird, so wird sie auch durch Gebet erworben, und es liegt nur an euch, aus jedem Hause ein Philadelphia zu machen. Ich habe mit Augen gesehen (und das erlaubt mir noch zum Schlusse euch zu erzählen) ich habe in dem Landhause oder Schloß eines sehr vornehmen und reichen Mannes mit meinen Augen gesehen, wie des Abends vor Schlafengehen in dem Saal, wo die Familie mit den Gästen versammelt war, die Thür sich öffnete und ein zahlreicher Zug von Menschen hereinkam (es waren die Dienstboten des Hauses) und neben den Gliedern der Familie und den Gästen Platz nahmen, und wie nun ein Kapitel aus der heiligen Schrift vorgelesen ward, und darnach alle sich zum Gebete (und zwar nach dortiger Landessitte zum knieenden Gebete) vereinigten; und da kniete der unterste Dienstbote neben dem vornehmen Lord, und waren beide vor Gott in Christo einander gleich. Und diese Sitte herrscht nicht etwa nur in jenem Hause und nicht etwa nur in vornehmen Häusern, sondern diese Sitte herrscht in ganz England, Schottland und Holland in jedem Bürgershause, das Anspruch darauf machen will, nicht geradezu ein heidnisches Haus zu sein. Warum herrscht diese Sitte nicht auch bei uns? Fehlt es an Muth? Bei uns schämt man sich leider vielfach, zu beten; dort würde man sich schämen, nicht zu beten. Werfen wir die falsche Scham hinweg! Ich habe auch auf deutschem Boden, in Elberfeld, eine Zahl von 5-600 Jünglingen aus dem Handwerkerstande aus ganz Rheinpreußen in einem Saale beisammen gesehen, die sich nicht schämen, sich einen christlichen Jünglingsbund zu nennen, und auch in ihrem Wandel Christum als ihren Herrn zu bekennen. Wollen auch wir uns nicht schämen, daß der Herr sich unser nicht schäme! Er hält das Füllhorn seiner Gnade offen über uns, wollen wir die Hände und Herzen ihm aufthun, daß sein Segen Eingang finde. Die Zeit ist ernst, und wird täglich ernster; aber der Gemeinde von Philadelphia ist die Verheißung gegeben: Ich will auf dich schreiben den Namen meines Gottes, und den Namen des neuen Jerusalems, der Stadt meines Gottes, die vom Himmel herniederkommt, von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen, – Wer Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt, Amen.

Philadelphia, die Bruderliebe der Wiedergeborenen.
Professor Dr. Ebrard in Erlangen
Nürnberg, 1851
In Commission der J. Ph. Raw’schen Buchhandlung.

August 31, 2019

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